Rezension: „Die Schere im Kopf – ein Lebensabriss“

Bild SchereDominik Riedo

Die Schere im Kopf – ein Lebensabriss (2014)

Offizin Verlag, 240 Seiten

24 Franken

ISBN 978-3-907496-96

 

 

Rezension von Andrea Gian Mordasini

Im Herbst 2014 legte Dominik Riedo seinen ersten Roman vor. In diesem hat sich der 40jährige Autor einem Leitthema des menschlichen Daseins angenommen, das aufgrund der häufigen Diskussionen in Medien (Stichworte Sterbehilfe, Krebs und palliative Pflege) als äusserst aktuell bezeichnet werden kann: So handelt dieses Buch vom Sterben, vom Wahrnehmen der eigenen Sterblichkeit und der damit verbundenen (Rück)Schau auf das Leben.

Dies geschieht im ersten Roman von Riedo unvermittelt, unzensuriert sowie ungefiltert. So hat der Roman nur einen Protagonisten und eine Perspektive: Wir Lesenden „sitzen“ im Kopf eines Mannes, welcher mit einem aggressiven Krebs im Spital liegt und weiss, dass er bald stirbt, und erleben hautnah, was in diesem Menschen in den letzten fünf Tagen seines Daseins vor sich geht.

Damit ist der Rahmen des Romanes auch schon umrissen. Dieser beschränkende Handlungsrahmen erlaubt eine Konzentration auf das Wesentliche und dient gleichsam als Prisma. Wir tauchen in ein Universum von Gedanken(strömen) zum Dasein als selbstbewusstes, komplexes sowie sterbliches Wesen Namens Homo Sapiens Sapiens in der Neuzeit ein. Wir erleben Zerrissenheiten, Gefühlsausbrüche und –übermannungen, grübeln in offenen Wunden, stellen uns offenen Fragen, nehmen Teil an hochtrabenden, philosophischen und intellektuellen Gedanken wie auch mühsamen Phasen des betäubten und fragmenthaften Denkens im Delirium. Wir werden ausserdem wiederholt Zeugen, dass das scheinbar Primitive, das Tier- und Triebhafte – sprich: der Sex! – immer wieder all das Schöngeistige und Hochtrabende bedrängt und überhand gewinnt, ersteres richtiggehend verdrängt. So war es im ganzen Leben des Protagonisten wie gar noch in seiner aktuellen Daseinsform als Schwerkranker.

Daneben erleben wir, wie sich das Ego aufbläst, der Mensch – passend zum Selfie-Zeitalter – sich narzistisch umkreist, überhöht, um sich dann wieder zu relativieren und die Grenzen der eigenen Existenz und des eigenen Versagens angesichts hehrer Ideale sich klar zeigen. Was bleibt ist der Eindruck, dass es Zerrissenheiten, unauflösbare Widersprüche sind, welche das Leben, dessen Wahrnehmung in der Rückblende sowie auch die aktuellen Gedanken des Sterbenden dominier(t)en.

Durch die Wahl des konsequenten Durchhaltens der Innenperspektive des Sterbenden zeichnet sich mit jeder Seite ein konkreteres Bild des durchlebten Lebens und der dazugehörenden Reflexionen und Gedanken eines Intellektuellen unserer Zeit ab. Auch ohne Publikum, das dem verhinderten Schriftsteller doch so wichtig gewesen wäre, jedoch zeitlebens ausblieb, hat der Protagonist – und damit der Autor Riedo, der nicht an wenigen Stellen durchschimmert – sich dies durch das Verfassen des Romanes nun doch geschaffen: Eine Bühne für den Protagonisten, einen Resonanzraum für seine (die des Sterbenden sowie die des Autors!) Gedankenströme: Wir, seine LeserInnen, die das Buch kaum mehr weglegen können und immer Weiteres erfahren wollen und somit dranbleiben, geben dem Sterbenden damit das, was er am meisten gewollt hätte und was ihm zeitlebens vorenthalten wurde: Eine Leserschaft!

Sprachlich zeigt Riedo, der in seinen anderen Publikationen nicht selten durch eine komplexe, oft gar bis hin zur Verschnörkelung tendierenden Sprache neigt, ein ganz neues Gesicht: Die Sätze sind kurz, prägnant und ganz dem (End)Stadium seiner Hauptfigur angepasst, die aufgrund von starker Medikation (Morphium und auf der zweiten, verborgeneren Ebene Alkohol) zwischen klaren Phasen und Delirium mäandert resp. auf der zweiten Ebene linear sich vom Klaren ins Rauschhafte verschiebt.

Ganz im Stile einer Sybille Berg bietet Riedo keinerlei Altersmilde, keine Flucht in Religion oder Esoterik sowie keine Versöhnung mit sich selbst oder der Welt an. Und es bleibt auch unmöglich, sich mit anderen Menschen wirklich zu verbinden (zum Trost gibt es zum Glück noch die Felinen). Auch dahingehend zeichnet Riedo Pessimismus im Schopenhauerschen Stile aus, am Ende sterben wir alle ganz alleine. Und dies hält er über 200 Seiten durch.

Beim Lesen des Buches ertappte ich mich mehrmals beim Gedanken, dass doch nun endlich Schluss sein möge, dass sich dieser (selbst)reflexive Prozess doch nun arg zu schleppen beginnt, dass ich nun verstanden habe, was mir der Protagonist resp. Riedo mitteilen will und nicht nochmals eine Schleife brauche. Doch, auch hier: Keinerlei Erbarmen, nicht für den Autor, nicht für den Protagonisten, nicht für die Leserschaft – och ne, es geht nochmals auf ne Runde!

Auch wenn es am Anfang des Buches scheint, als ob der bemitleidenswerte Protagonist doch so dringend mehr Zeit bräuchte, fünf Tage doch eine all zu eingeschränkte Perspektive sind, um Bilanz zu ziehen, Abschied vom Dasein als selbstwahrnehmendes lebendes Wesen zu nehmen, am Ende dehnen sich die fünf Tage fast in die Ewigkeit und sterbender Protagonist sowie Leserschaft müssen leiden, durchhalten bis ans Ende.

Dadurch, dass Riedo damit den Prozess des Sterbens unbeschönigt darstellt, zeigt er eine spezifische Perspektive auf, die in der Diskussion der in der Einleitung dieser Rezension aufgezeigten Themenkreise oftmals zu kurz kommt. Damit leistet das Buch einen Beitrag zu diesen Diskussionen, so dass es sich – neben an philosophischen Fragen zu unserem Dasein als selbstreflexives und zerrissenes Wesen Interessierten – auch für eine breite Leserschaft, die sich mit den genannten Themenkreisen befasst, eignet. Uns anzuregen, uns unbeschönigend mit den eigenen Endlichkeit und Beschränktheit auseinanderzusetzen, schafft Riedo meisterhaft und so lohnt es sich, sich wirklich durchzuschleppen, durchzuhalten bis zum Ende des Buches, denn auch da ist Riedo unerbittlich und konsequent – dies mit dem Protagonisten, sich selber als Autor und der Leserschaft. Mehr sei dazu jedoch hier nicht verraten.

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