Archiv der Kategorie: Philosophisches

Brave New World

Short cOntent
Mass mAnipulation

Aldous Huxley (Brave New World, 1932) may have been more prescient than George Orwell (1984, 1949): People can be controlled more effectively through the mind than through the body.

The antidote is well known:
 Attention!

Hinweis:
Soma heisst im Griechischen „Körper“ (σῶμα) – und bezeichnet bei Huxley zugleich die Glücksdroge aus Brave New World (1932): ein Mittel, mit dem man sich von unangenehmen Gefühlen und der Wirklichkeit verabschieden kann. Huxley entlehnte den Namen dem vedischen Soma, einem berauschenden Ritualtrank des alten Indien.

Sommer 26 – ein lebensphilosophisches Praxis-Experiment

Diesen Sommer hatte ich die Gelegenheit, eine sechswöchige Auszeit zu nehmen.

Die Vorfreude war riesig.
Die Verheissungen ebenso: Es lockte die grosse Freiheit.

Die Realität war dann aber ganz anders.
Zeit für eine Bilanz.

Gemischte Bilanz

Einerseits habe ich viel erlebt, erlaufen, erlesen, nachgedacht und mich ausgeruht.

Andererseits bleiben trotz Musse meine grossen Fragen an das Leben weiterhin ungeklärt. Auch zeigte sich, dass sich gute Laune nicht automatisch mit Freiraum einstellt. Die eigenen Unzulänglichkeiten bleiben bestehen und reisen überall mit.

Und Strukturlosigkeit zeigt ebenfalls schnell ihre Tücken – oder dass manches in der Erwartung besser erscheint als später in der Realität.

Alles in allem war diese Auszeit deshalb eine spannende Erfahrung und ein kleines Lehrstück in Sachen conditio humana – mit einer unerwartet gemischten statt nur positiven Bilanz.

Bezeichnend: In der letzten Woche sagte ich sogar zwei weitere Auswärtsübernachtungen ab, weil ich von Menschen, Eindrücken und Unterwegssein schlicht satt bis müde war. Dies, obwohl ich die kleine Schweiz nie verliess, nur Bergaufenthalte machte und auch einen grossen Teil der Auszeit zu Hause verbrachte.

Was nehme ich mit?

Bild: Sarah Beyeler

Mehr freie Zeit bedeutet nicht automatisch mehr Wohlbefinden.

Offenbar braucht es nicht maximale Freiheit, sondern die richtige Dosis davon.

Sinnvoll erscheint mir deshalb:

  • Alltag mit genügend Freiraum + Mikroabenteuern.
  • Gelegentliche Unterbrechungen des Alltags zur Erholung.
  • In diesen kürzeren Auszeiten wirklich abschalten und möglichst viel rausgehen – im doppelten Sinne: gedanklich und aus der Stadt.
  • Die Rückkehr in Alltag, Routinen und Struktur bewusst schätzen.
  • Längere Auszeiten brauchen eine gewisse Struktur, sonst können sie in Leere kippen.

Persönliche Lebenssituation beachten

Die sechs Wochen waren nicht die optimale Dosis in meiner jetzigen Lebensphase.

Früher war das anders: Freie Zeit hatte bei mir immer ein Ziel und mehrere parallele Projekte – intellektuelle, sportliche, politische, schriftstellerische oder zuletzt auch Instagram. Diese Missionen erzeugten Getriebenheit. Die Freiheit war Mittel zum Zweck und konnte deshalb scheinbar nie gross genug sein.

Diese Getriebenheit fällt bei mir inzwischen weitgehend weg. Und damit fühlt sich Freiheit plötzlich anders an. Sie kann sich sogar ungewohnt, leer oder beinahe unverdient anfühlen, während rundherum die Welt weiter umtriebig ist. Rational ist dieses schlechte Gewissen vermutlich unbegründet – aber es ist trotzdem da.

Die spannenden Fragen, die nach dem Getriebensein, den Ambitionen und den Zielen bleiben, lauten deshalb: Welche Dosis Freiheit tut einem Menschen tatsächlich gut?

Und persönlich:

Brauche ich wieder Ziele, Ambitionen und die daraus entstehende Getriebenheit?

Oder gäbe es einen Zwischenweg?

  • Ziele ohne Zwang.
  • Projekte ohne Mission.
  • Ambition ohne Selbstwertbindung.
  • Struktur ohne Gefängnis.

Diesen Sommer wollte ich die Auszeit ganz frei angehen und nahm mir bewusst nichts vor. Ich dachte, ich müsste möglichst viel Freiheit haben, um sie möglichst gut geniessen zu können. 

Tatsächlich scheint mir ein gewisses Mass an Aufgabe und Anstrengung zu helfen, Freiheit überhaupt als Freiheit zu erleben.

Freiheit ist somit nicht unbedingt die Abwesenheit von Verpflichtung. Vielleicht braucht Freiheit einen Rahmen, damit sie sich gut anfühlt.

Weiterführende philosophische Schlussfolgerungen

In den älteren Texten dieses Blogs geht es immer wieder um Spannung und Entspannung im richtigen Verhältnis als Bedingung für ein gutes Leben.

Bereits erlebt hatte ich (z.B. zuletzt durch Instagram siehe dazu Der Mann mit Reichweite – Drei Jahre Instagram), dass zu viel Spannung zu folgendem führt:

→ Getriebenheit
→ Überlastung
→ Energieverlust
→ Unfreiheit

Meine Sommerauszeit hat mir nun gewissermassen die Gegenprobe geliefert.

Zu viel Entspannung kann führen zu:

→ Strukturlosigkeit
→ Leere
→ wenig Antrieb
→ weniger Erfüllung als in der Vorstellungen erwartet

Die interessante Zone liegt also dazwischen – in der Balance, im richtigen Mass.

Meine Sommerauszeit war damit vielleicht weniger eine Antwort als ein Experiment, das eine alte Einsicht wieder sichtbar gemacht hat:

Μηδὲν ἄγαν – nichts im Übermass.

Mit 16 Jahren hatte ich in meiner ersten Altgriechischstunde einen Spruch kennengelernt, der mir sofort gefiel und den ich mir damals sogar als meinen persönlichen Leitspruch ins Heft schrieb.

Später wurde daraus im Laufe der Jahre ein ziemlich grundlegendes Prinzip meines Lebens: Verschiedene Interessen und Tätigkeiten verfolgen und immer wieder nach einer Balance suchen. Die beiden Dinge gehören für mich zusammen – gerade die Vielfalt braucht genügend Freiraum, und der Freiraum wird durch unterschiedliche Tätigkeiten überhaupt erst sinnvoll gefüllt.

In einigen Texten dieses Blogs taucht derselbe Gedanke immer wieder auf: Spannung und Entspannung im richtigen Verhältnis, Ruhe und Aktivität, Anstrengung und Erholung. Entspannung ohne vorherige Spannung schmeckt fade. Gleichzeitig darf eine angespannte Phase nicht zum Dauerzustand werden.

Und genau das habe ich diesen Sommer praktisch ausprobiert.

Ich habe die Spannung weitgehend herausgenommen und begann meine Auszeit ohne sportliche Mission, ohne Schreibprojekt, ohne Instagram, ohne Ambition, irgendwohin zu kommen, ohne Ambition, gesehen zu werden und ohne grosse Reiseabsichten.

Stattdessen wollte ich nur Freiheit und Entspannung.

Und siehe da:
Freiheit und Entspannung sind schön– aber offenbar nicht im Übermass.

Frühere Auszeiten waren immer zu voll. Es ging nie ohne mehrere parallele Projekte, sportliche Ziele, intellektuelle Vorhaben, politisches Engagement, Schreiben, später Instagram. Das gab mir enorm viel Energie und Richtung, aber eben auch Unruhe und das Gefühl, nie anzukommen.

Diesen Sommer habe ich erlebt, dass auch Entspannung kippen kann.

Nicht in Stress – sondern in Leere.

Vielleicht liegt ein guter Kompromiss in Ambition ohne Getriebenheit.

Eigentlich lebe ich schon länger nach diesem Prinzip.

Ein schönes Beispiel ist ausgerechnet der Sport:

Schon in meinen früheren Texten habe ich beschrieben, dass körperliche Anspannung und anschliessende Entspannung für mich zusammengehören. Die Bewegung selbst kann Selbstzweck sein, aber die Entspannung danach bekommt gerade durch die vorherige Anstrengung ihren besonderen Wert. Eine Balance von Spannung und Entspannung ist auch beim Training entscheidend.

Ich habe das als Sportler also jahrzehntelang auf körperlicher Ebene verstanden.

Vielleicht muss ich es nun auf das ganze Leben übertragen.

Ein Tag, an dem ich morgens konzentriert lese und schreibe und nachmittags in die Berge gehe, kann möglicherweise befriedigender sein als ein ganzer Tag, an dem ich jederzeit tun kann, was ich möchte.

Nicht weil die Freiheit am Nachmittag kleiner wäre.

Sondern weil sie durch die Spannung des Vormittags Kontur bekommt.

Vielleicht ist Freiheit deshalb nicht die Abwesenheit von Verpflichtung. Vielleicht braucht sie einen Rahmen, damit sie sich gut anfühlt.

Damit schliesst sich der Kreis zu dem Satz, den ich mit 16 intuitiv ins Griechischheft geschrieben habe und dessen Bedeutung ich offenbar immer wieder neu lernen muss:

Μηδὲν ἄγαν.
Nichts im Übermass.

Das gilt somit offenbar auch für die Freiheit.

Die eigentliche Frage nach der Sommerauszeit lautet deshalb vielleicht nicht mehr nur:

Welche Dosis Freiheit tut einem Menschen tatsächlich gut?

Sondern:

Wie viel Struktur braucht Freiheit, damit sie sich gut anfühlt – und wie viel Freiheit braucht Struktur, damit sie nicht wieder zur Getriebenheit wird?

Mensch versus KI

ChatGPT erhielt den Auftrag, Goethes Zauberlehrling im Stil dieses Blogs umzuschreiben. Ich schrieb ebenfalls eine Version. Unten stehen beide Texte. Welcher stammt vom Menschen, welcher von KI?

Der KI-Lehrling (I)

Alles Wissen dieser Welt
Ein Klick und es ist mein
Damit werde ich produktiv
Also los – Prompt rein!

Unser erstes gemeinsames Gedicht
Unser erstes gemeinsames Bild

Seht, wie das läuft!
Wahrlich, Prompt um Prompt
Dein wird mein
Du und ich werden wir

ChatGPT und ich – das neue Dreamteam!

Tiefer, tiefer unsere Verbindung geht
Mehr und mehr meine erste Adresse
Plötzlich Tröster sowie Problemversteher
Wahre Wunder tut es sehr
Etwa gar mein Freund?

Doch die Zweifel kommen mehr:

Was stammt noch vom Menschen, was von Maschine?
Merkt jemand, was genuin mein?
Prompter statt kreativ?

Seine Antworten manchmal schräg
Und kann es mich überhaupt verstehen?
Prompt um Prompt weiss es mehr
Und, verbinden wir uns zu sehr?

Ab und zu ist es auch nicht smart
Manchmal grobe Schnitzer im System
Sowie Verzerrungen allenthalben
Bin ich nun Teil der Desinformation?

Irgendwie nun daran gewöhnt
Ersatz für alles immer mehr?
Könnte ich denn ohne noch?

Ach egal – es ist ja so behände!
Und alle brauchen es immer mehr
Lassen wir es doch mal laufen!

Als ein Werkzeug nicht verkehrt?
Oder doch am Ende die Ausgeburt der Hölle?

Der KI-Lehrling (II)

Der Mensch ruft
Maschine hört
Prompt hinein
Antwort stört
Kaum gelernt
schon produziert
Text und Bild
perfektioniert

Früher hiess es:
Üben
Scheitern
Denken
Verwerfen
Nochmal beginnen

Heute:
Prompt
Copy
Paste
Fertig

Ach, wie herrlich!
Nie mehr leeres Blatt
Nie mehr Schreibblockade
Nie mehr stundenlanges Grübeln

Doch langsam
wird es seltsam

Wer schrieb das?
Wer dachte das?
Wer lernte dabei?

Die Maschine
kennt Millionen Texte.

Ich
kenne
mein eigenes Denken
immer weniger.

Sie formuliert besser.
Sie argumentiert schneller.
Sie erinnert sich an alles.

Ich
vergesse
bereits die Frage.

Die Geister
die ich rief
arbeiten zuverlässig.
Tag und Nacht.
Ohne Müdigkeit.
Ohne Zweifel.
Ohne Langeweile.

Und ich?
Ich sitze daneben
und staune.

Bis plötzlich
eine leise Frage auftaucht:
Wenn sie
immer mehr übernimmt –
was
übe
ich
eigentlich
noch?

Auflösung
Der erste Text stammt von mir. Der zweite wurde von ChatGPT im Stil dieses Blogs verfasst. Das Beitragsbild entstand ebenfalls mit ChatGPT.

Der Mann mit Reichweite – Drei Jahre Instagram

Im Zug sitzen vier Jugendliche. Niemand spricht. Alle schauen auf ihr Handy. Finger wischen, im Sekundentakt. Niemand sieht aus dem Fenster. Draussen Morgenröte, drinnen nur Displays.

Vor wenigen Wochen wäre mir diese Szene kaum aufgefallen. Oder genauer: Ich hätte mich nicht wirklich ausserhalb davon gefühlt. Den Feed ignorierte ich zwar weitgehend und auch sinnloses Scrollen war nie mein Ding. Dennoch sass ich oft im Zug und schnitt meine Videos oder beantwortete Instagram-Messages. Ich war Content-Produzent und damit auch irgendwie Teil dieser Welt.

Drei Jahre lang baute ich einen Instagram-Account auf. Zunächst spielerisch, da ich mal wieder etwas Neues lernen wollte. Mit dem Erfolg kam dann der Ehrgeiz. Die Lernkurve war steil: Ich lernte Fotografieren, Filmen, Schneiden, Erzählen. Ich begriff, wie der Algorithmus funktioniert, wie man Aufmerksamkeit bekommt. Und ich war erfolgreich damit. In meiner kleinen Nische wurde ich so etwas wie bekannt, die Reichweite stieg stetig. Junge Menschen erkannten mich auf der Strasse. Einige mir unbekannte Menschen schrieben mir täglich Nachrichten. Mit 49 war ich plötzlich in einer Währung relevant geworden, die eigentlich den Jungen gehört: Reichweite, Sichtbarkeit, digitale Präsenz.

Das erzeugte eine Eigendynamik, es fühlte sich gut an.

Denn natürlich schmeichelte mir diese Bestätigung. Und es motivierte sehr, wenn Menschen auf Beiträge warten, reagieren, reposten, Kollaborationen mit einem anstreben und liken. Und ich wurde immer sichtbarer – dies ausgerechnet in der riesigen virtuellen Welt, in der Aufmerksamkeit längst zur härtesten Währung geworden ist!

Diese Dynamik gab mir Lebendigkeit. Bald entstand ein neuer Teil meiner Identität: Aus dem Eigenbrötler, der keine sozialen Medien nutzt wurde der Mann mit Reichweite: Der mit sichtbaren Mikroabenteuern, im Führerstand der schnellen Züge, Sport, Berge, Tiere und Reichweite. Einer, der auch mit grauem Bart in der Welt der Jungen Interesse weckt.

Heute wirkt das fast surreal. Nicht völlig blöd, aber komisch und etwas künstlich, eher wie ein Fiebertraum. Als hätte ich lange in einem Raum gelebt, dessen Lärm mir erst auffällt, seit ich draussen bin.

Gleichzeitig lebte ich von Anfang an mit einem Widerspruch: Ich hielt soziale Medien immer für problematisch – und machte plötzlich trotzdem mit.

Lange redete ich mir ein, ich könne das anders handhaben. Schliesslich scrollte ich so gut wie nie. Ich produzierte vor allem und hatte auch in der intensivsten Zeit klare Regeln im Umgang mit meinem Handy. So machte ich alle 4-6 Monate mehrere Wochen vollständig Pause von Instagram. Oder erlaubte mir nur gerade diese Plattform. Auch machte ich mindestens 1h vor dem Schlafengehen das Handy aus und es durfte nie mit ins Schlafzimmer.

Erst später verstand ich: Auch Produzenten sind Teil dieser Maschinerie. Meine Regeln reichten nicht aus, um den Sog wirklich zu brechen.

Denn schleichend beginnt man, die Welt nicht mehr bewusst zu erleben, sondern sieht überall nur Augenblicke, die man posten könnte. Die Morgenröte. Die grüne Lokomotive. Ein Lauf im Nebel. Die Begegnung mit der Katze auf dem Arbeitsweg in aller Frühe. Alles ist potenzieller Content. Man ist nie ganz einfach im Moment. Immer existiert noch eine zweite Ebene: Könnte das ein guter Beitrag für Instagram sein?

Dazu kam etwas anderes, das schwerer zu beschreiben ist: Reziprozitätsdruck. Menschen schauten meine Inhalte, reagierten regelmässig, begleiteten mich über Jahre. Und still entstand das Gefühl, man müsse zurückschauen, zurückliken, zurückreagieren. Was bei wenigen Kontakten menschlich und schön ist, wird bei grösserer Reichweite unmöglich. Trotzdem bleibt das diffuse Gefühl, dauernd jemandem etwas schuldig zu sein.

Und gleichzeitig begann etwas kleiner zu werden: meine Aufmerksamkeit.

Ich war immer ein Mensch gewesen, der viel las. Lange Texte. Bücher. Täglich. Konzentration war früher etwas Selbstverständliches. Mit der Zeit griff ich immer öfter zum Smartphone statt zum Buch.

In meinen regelmässigen Instagram-Pausen, bemerkte ich, wie schnell manches zurückkam. Bereits nach wenigen Tagen las ich wieder deutlich mehr. Meine Wahrnehmung wurde ruhiger. Begegnungen echter. Ich merkte plötzlich, wie viele Menschen dauernd halb abwesend sind. Körperlich anwesend, geistig jedoch anderswo. Wie viele an Bushaltestellen, in Cafés oder im Zug kaum mehr in die Welt schauen, sondern in diese kleinen leuchtenden Rechtecke.

Und gleichzeitig begann sich mein Blick auf mich selbst zu verändern. Immer mehr hatte ich Sichtbarkeit mit Bedeutung verwechselt. Heute erscheint mir diese permanente Selbstexponierung seltsam, fast fremd. Wie konnte ich es normal finden, dauernd sichtbar zu sein? Ständig etwas von mir preiszugeben? Immer leicht performativ zu leben? Ich lernte, dass sichtbar sein bedeutet, beobachtet zu werden. Damit ist oft eine Bewertung verbunden. Und man wird angreifbar.

Und dennoch wäre es falsch, Instagram einfach als schlecht abzutun. Das stimmt nicht. Über diese Plattform kam ich zu Begegnungen, Möglichkeiten und Erfahrungen, die ich sonst nie gemacht hätte. Meine Freiwilligenarbeit im Tierheim begann indirekt damit. Ich lernte viele junge Menschen kennen. Manche suchten Rat oder Austausch. Ich mochte diese Rolle. Vielleicht vermisse ich sie sogar am meisten: Dieses Gefühl, trotz meines Alters noch Teil einer jüngeren Welt zu sein. Nicht bloss Zuschauer des Älterwerdens, sondern jemand, der noch Resonanz erzeugen kann. Immer wieder denke ich gerne an die ersten Nachrichten von jungen Menschen zurück, die aktiv bei mir Rat und Inspiration via Instagram suchten. Auch bleibt mir für immer, dass einige Menschen wegen mir zu Laufen anfingen, nachdem sie ein Laufvideo von mir in der Natur oder den Bergen sahen.

Und in kurzer Zeit lernte ich von null auf viele neue Fähigkeiten, die mir gar bei der ersten Teilnahme an einem Fotowettbewerb den Gewinn einbrachten. Und eben, ich konnte in Echtzeit erleben, was Reichweite mit einem macht – im positiven und negativen Sinne.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Schwierigkeit sozialer Medien: Sie ermöglichen reale Dinge wie Kreativität, Resonanz oder Sichtbarkeit. Auch erlebt man Gemeinschaft. Aber sie verlangen dafür gleichzeitig einen Preis, den man oft erst spät bemerkt: Unruhe, Zerstreuung, Lärm. Und sie nehmen das Gefühl, ganz im Hier und Jetzt zu sein.

Heute, nach Wochen ohne Instagram, kommt mir diese Zeit gleichzeitig nah und weit weg vor. Ich kann kaum noch verstehen, weshalb ich diese Aufmerksamkeitsökonomie einmal so ernst nahm. Weshalb ich so viel Energie investierte, um sichtbar zu sein in einem System, das Menschen nie ganz zur Ruhe kommen lässt.

Und trotzdem bin ich meinem früheren Ich nicht böse. Vielleicht musste ich genau dort hineingehen, um zu verstehen, warum ich dort eigentlich nie ganz hingepasst habe. Der Wertekonflikt, der mich durch diese drei Jahre begleitete, wurde nie kleiner – egal, wie viel mir Instagram sonst gab.

Manchmal glaube ich heute, die eigentliche Herausforderung unserer Zeit besteht nicht darin, ständig verbunden zu sein. Sondern darin, wieder wirklich anwesend zu werden.

Wie gross war meine Freude, als ich heute Morgen im Zug eine junge Frau sah, die einfach die Morgenröte betrachtete — ganz ohne Handy und Kopfhörer.

Ich laufe weiter

Ich stehe sehr früh auf.

Ich laufe.

Nicht schnell.  

Aber weit.

Früher ging es um Leistung.

Und darum, gesehen zu werden.

Heute nicht mehr.

Der Körper bewegt sich.  

Der Kopf wird stiller.

Ich erwarte nicht mehr viel vom Laufen.

Kein Fortschritt.  

Kein Ziel.

Nur Schritte.

Nur Draussensein.

Fluchten aus dem Alltag.

Nur Erlebnisse in den Bergen.

Nur Wind und Wetter spüren.

Mikroabenteuer.

Das reicht.

Meistens.

Ich werde älter.

Der Körper merkt das.

Er funktioniert noch.

Das genügt.

Der Kopf ist klarer. 

Ich laufe weiter.

Vom Lärm im Kopf

Reichweite bringt Betriebsamkeit

Reichweite bringt Lärm

Reichweite bringt Sichtbarkeit

Reichweite bringt Unfreiheit

Reichweite bringt Motivation

Reichweite bringt Verlust an Ruhe

Reichweite bringt schnelles Dopamin

Reichweite nimmt langfristig Vitalität

Gewinne Reichweite
Verliere dich selbst

1×1 des guten Lebens

Purpose, Lebenssinn, Bedeutung
Bitte etwas weniger Pathos!
Wie wäre es mit dem:
Vom guten Leben

Spannung und Entspannung im richtigen Verhältnis
Die alte Geschichte vom richtigen Mass
Tugend- und Werteorientierung
Staunen, Teilnehmen, Erleben

Bedingung: Genug erholt sein!
Bedingung: Eingebettet sein!
Bedingung: Achtsam sein!
Bedingung: Gesundheit!
Bedingung: Zeit haben!

Seufz – mach’s doch lieber jetzt aber mal konkret!

Freude am Prozess anstatt Fokus auf Ziele
Tätigsein ohne völlige Verausgabung
Die Welt im Kleinen besser machen
Disziplin, Routinen, Gewohnheiten
Beziehungen und Begegnungen
Sich nicht in Macht verstricken
Langsamkeit und Achtsamkeit
Weniger ist oftmals mehr
Nicht zu viel wollen
Genug definieren
Keep it simple
Dankbarkeit
übe täglich

Und nun doch zurück zum Pathos!
Eudaimonia oder Glückseligkeit
Eigentlich gar nicht so schwer?





Lauf des Lebens

In jungen Jahren
wer nicht kämpft, hat schon verloren
Identität im Gegen und Trotzdem
Revolte, Widerstand, Opposition
Vitalität dauernd demonstrieren
Unruhe als Lebenselixier
schaut her: Ich bin hier!

In mittleren Jahren
sich mit dem Gegebenen arrangieren
Besonnenheit wächst mehr und mehr
ruhige Nische gefunden = Jackpot
Unsichtbarkeit tut weniger weh
Verstrickungen minimiert
Beständigkeit als Ziel

In reifen Jahren
besonnen und weich – Kampf und Härte jetzt Torheit
gelassen aus der dritten Reihe kommentiern
Bewusstheit: es ist die letzte Jahreszeit
aussen sanft – innen konsequent
schwindende Kräfte bündeln
Freiheiten riesengross







Lauf des Lebens

In jungen Jahren
Die Aufs und Abs des Lebens dramatisieren

In mittleren Jahren
Die Aufs und Abs des Lebens akzeptieren

In späten Jahren
Die (Aufs und) Abs des Lebens lamentieren

Priorities

I‘m not rich but I am free
I‘m not important but I am free
I‘m not famous but I am free

I live in a tiny appartement but it‘s enough
I live a quiet life but it is full of adventures
I live slow but I am wide awake

I own less but make more experiences
I own less but feel more connected
I own less but have more purpose

I prefere learning to earning
I prefere travelling to saving money
I prefere beeing outside to the office

I don’t have a house but I am free
I don‘t have a car but I am free
I don’t have a fancy watch but I am free


What‘s important to you?