Archiv der Kategorie: Rezensionen

Rezension: „Wirbellos“

 

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Musio Giuliano

Wirbellos (2019)

Luftschacht Verlag, 457 Seiten

ISBN 978-3-903081-3

 

 

 

 

Schuld und Sühne reloaded

Schon beim Betrachten des Buchdeckels läuft wohl manchem bereits ein kleiner Schauer über den Rücken: So finden sich auf dem Titelblatt des im Herbst im Luftschacht Verlag erschienen zweiten Romans des Berner Schriftstellers Giuliano Musio allerlei wirbellose Tiere und Tierchen gruslig ineinander verkeilt wieder. Genau wie da Insekten, Schnecken und wirbellose Meeresbewohner miteinander in einem Haufen verwoben sind, sind es im Buch die Protagonisten. Und analog zur Bildmontage auf dem Buchdeckel – man sieht auf den ersten Blick nicht, wo das eine Tier beginnt und das andere endet – ist im Roman vieles bei der ersten Begegnung anfangs der Lektüre rätsel- oder gar schleierhaft.

Hier liegt eine der grossen Stärken des Romans von Musio: Er schafft es grosse Spannung aufzubauen, indem er erst nach und nach Details aus den Leben der Menschen seines Romanuniversums aufdeckt. Und dies macht er so meisterhaft, dass das Buch bei der Lektüre sofort einen immensen Sog ausübt – dies so stark, dass Netflix einige Tage brach liegen wird, sollte man sich auf die Lektüre des Buches einlassen!

Damit diese umgehend einsetzende Lust auf das Weiterlesen erhalten bleibt, soll hier nur ganz wenig zum Inhalt des Buches verraten werden. Gesagt soll nur werden, dass Lesende mit auf eine Reise in das Leben einiger Protagonisten und Protagonistinnen in ein ans Meer verlegtes Bern mitgenommen werden. Diese Reise verläuft alles andere als ruhig: Dies einerseits, da der Haupterzählstrang ereignisreich ist. So nimmt dieser, wie schon im ersten Roman „Scheinwerfen“ von Musio, schnell mal rasendes Tempo auf.

Abenteuerlich – und nicht selten gar ein wenig beunruhigend – ist die Lesereise andererseits, da Musio in seinem Roman Fragen nach dem richtigen Leben im Falschen, dem Lügen und des Umganges mit Schuld und Sühne resp. Verbrechen und Strafe aufwirft, mit denen wir Menschen alle ab und zu konfrontiert sind – somit gleicht das Buch mit seinen über 400 Seiten nicht nur vom Umfang her einem der grossen Romane (Schuld und Sühne, 1866) von F. Dostojewski,  sondern auch inhaltlich gibt es Parallelen zu besagtem Werk des russischen Altmeisters, da sich der Protagonist von Musio, Martin, stark mit Schuld und Wiedergutmachung befassen muss.

Analog wie Dostojewski blüht Musio auf, wenn es um die Beschreibung der inneren Monologe seiner Figuren geht. Diese Passagen im Roman sind stets glaubwürdig und zeigen auf, wie sämtliche Menschen in der eigenen Wahrnehmung und Bewertung von Geschehnissen und sozialen Situationen einer radikalen Subjektivität unterworfen sind. So erlebt der oder die Lesende während der Lektüre von „Wirbellos“ mehrmals bezogen auf ein und dieselbe Situation einen Perspektivenwechsel. Diese, um es mit dem für Bob Dylan typischen Slogan „Points of View“ zu sagen, lassen einen mehrmals verblüfft sowie selbstkritisch zurück: Denn kennen nicht wir alle nur all zu gut den Mechanismus, dass wir z.B. nach einem Gespräch panisch Vermutungen anstellen, wer nun was über einen denken könnte? Und dies in der Regel ja ohne, dass wir je verifizieren können, ob wir richtig liegen. Und meist machen wir uns ja dann grosse Sorgen, da wir doch alle meist denken, dass die anderen nur Schlechtes über uns denken. Dass dem oft gar nicht so ist und andere Innenwahrnehmungen derselben Situation ganz anders sein können, als wir es vermuten, dahingehend belehrt uns Musio mehrmals im Roman wunderbar eines Besseren, indem er uns an mehreren eben dieser Points of View teilhaben lässt.

Solche feinen Beobachtungen macht man im Buch manchmal sofort, manchmal kommt das Aha-Erlebnis erst viel später. Dies zeigt die geschickte Montagetechnik der Szenen und die Kapitelabfolge auf: Teils ist man sofort mitten im Geschehen, teils taucht man tief in die Vergangenheit, die die Gegenwart (im Leben wie auch im Roman) stark prägt, ein. Neben dem Hin und Her zwischen früher und jetzt, Action und ruhigen inneren Monologen, lässt man sich als Lesende des Romans auch auf ein Ausloten der Grenze zwischen Realität, Traum und Wahnvorstellungen ein. Nicht selten ist dies (zuerst) verwirrend – Musio schafft es jedoch immer wieder, die Fäden, Zeit- und Erlebnisebenen zusammenzuführen, was faszinierend ist.

Der Lesespass wird insbesondere auch durch die dem Tempo der Handlung sowie dem Milieu der einzelnen Figuren angepassten Sprache gefördert. Genau so geschickt wie Musio die gewählte Sprache je nach Situation und Figur anpasst, schafft er es, sprachlich verknappt viele Andeutungen zu verpacken: So schafft er mit einem „Minisätzchen“ oder gar nur einzelnen Worten, am Ende eines Kapitels die ganze Färbung des letzten Abschnittes zu verändern oder führt mittels Andeutung etwas scheinbar salopp ein, das sich später als sehr wichtig erweisen wird. Hier spürt man als Lesende die grosse Sorgfalt, die der Autor beim Schreiben walten liess. Diese Liebe zum Detail zeigt sich auch in den schönen und zum Weiterlesen animierenden Kapitelüberschriften.

Die Sorgfalt, die der Autor beim Verfassen aufwendete, zeigt sich nicht nur, wie oben erwähnt, in der äusserst komplexen Montage der Romanszenen und -kapitel sowie der Sprache, sondern auch in kleinen Beobachtungen über das Dasein als Mensch, die ohne grosses Aufsehen in den Roman eingestreut sind: So erfahren wir nebenbei zum Beispiel bei einem Auftritt von zwei Polizisten, dass dem jungen, gross gewachsenen Polizisten das Hemd an der Brust spannt, während es dem älteren, kleineren am Bauch spannt. Oder eine andere Szene dürfte alle Lesenden rühren. Genaueres soll hierzu noch nicht verraten werden, sondern nur so viel gesagt sein, dass es die Szene ist, in der eine weibliche Hauptfigur dem Marzilibähnlein entlang einen Hügel erklimmt und von Weitem vom Hauptprotagonisten Martin gesehen wird – was da dann Zartes passiert, lässt einen Hauch von Hoffnung und Schönem erscheinen – dies ausgerechnet in einer Situation, die gesamthaft düster ist. Dies passt doch so schön in die heutige Zeit, wo wir auf Schritt und Tritt schlechten Nachrichten, schrillen Äusserungen und drohenden Katastrophen begegnen. Gerade in einer solchen, lauten Zeit ist es befreiend, und das zeigt Musio mit besagter Szene so schön auf, das Sensorium für das Wahrnehmen des Feinen, Zarten oder Schönen aufrecht zu erhalten.

 

 

Rezension: „Die Schere im Kopf – ein Lebensabriss“

Bild SchereDominik Riedo

Die Schere im Kopf – ein Lebensabriss (2014)

Offizin Verlag, 240 Seiten

24 Franken

ISBN 978-3-907496-96

 

 

Rezension von Andrea Gian Mordasini

Im Herbst 2014 legte Dominik Riedo seinen ersten Roman vor. In diesem hat sich der 40jährige Autor einem Leitthema des menschlichen Daseins angenommen, das aufgrund der häufigen Diskussionen in Medien (Stichworte Sterbehilfe, Krebs und palliative Pflege) als äusserst aktuell bezeichnet werden kann: So handelt dieses Buch vom Sterben, vom Wahrnehmen der eigenen Sterblichkeit und der damit verbundenen (Rück)Schau auf das Leben.

Dies geschieht im ersten Roman von Riedo unvermittelt, unzensuriert sowie ungefiltert. So hat der Roman nur einen Protagonisten und eine Perspektive: Wir Lesenden „sitzen“ im Kopf eines Mannes, welcher mit einem aggressiven Krebs im Spital liegt und weiss, dass er bald stirbt, und erleben hautnah, was in diesem Menschen in den letzten fünf Tagen seines Daseins vor sich geht.

Damit ist der Rahmen des Romanes auch schon umrissen. Dieser beschränkende Handlungsrahmen erlaubt eine Konzentration auf das Wesentliche und dient gleichsam als Prisma. Wir tauchen in ein Universum von Gedanken(strömen) zum Dasein als selbstbewusstes, komplexes sowie sterbliches Wesen Namens Homo Sapiens Sapiens in der Neuzeit ein. Wir erleben Zerrissenheiten, Gefühlsausbrüche und –übermannungen, grübeln in offenen Wunden, stellen uns offenen Fragen, nehmen Teil an hochtrabenden, philosophischen und intellektuellen Gedanken wie auch mühsamen Phasen des betäubten und fragmenthaften Denkens im Delirium. Wir werden ausserdem wiederholt Zeugen, dass das scheinbar Primitive, das Tier- und Triebhafte – sprich: der Sex! – immer wieder all das Schöngeistige und Hochtrabende bedrängt und überhand gewinnt, ersteres richtiggehend verdrängt. So war es im ganzen Leben des Protagonisten wie gar noch in seiner aktuellen Daseinsform als Schwerkranker.

Daneben erleben wir, wie sich das Ego aufbläst, der Mensch – passend zum Selfie-Zeitalter – sich narzistisch umkreist, überhöht, um sich dann wieder zu relativieren und die Grenzen der eigenen Existenz und des eigenen Versagens angesichts hehrer Ideale sich klar zeigen. Was bleibt ist der Eindruck, dass es Zerrissenheiten, unauflösbare Widersprüche sind, welche das Leben, dessen Wahrnehmung in der Rückblende sowie auch die aktuellen Gedanken des Sterbenden dominier(t)en.

Durch die Wahl des konsequenten Durchhaltens der Innenperspektive des Sterbenden zeichnet sich mit jeder Seite ein konkreteres Bild des durchlebten Lebens und der dazugehörenden Reflexionen und Gedanken eines Intellektuellen unserer Zeit ab. Auch ohne Publikum, das dem verhinderten Schriftsteller doch so wichtig gewesen wäre, jedoch zeitlebens ausblieb, hat der Protagonist – und damit der Autor Riedo, der nicht an wenigen Stellen durchschimmert – sich dies durch das Verfassen des Romanes nun doch geschaffen: Eine Bühne für den Protagonisten, einen Resonanzraum für seine (die des Sterbenden sowie die des Autors!) Gedankenströme: Wir, seine LeserInnen, die das Buch kaum mehr weglegen können und immer Weiteres erfahren wollen und somit dranbleiben, geben dem Sterbenden damit das, was er am meisten gewollt hätte und was ihm zeitlebens vorenthalten wurde: Eine Leserschaft!

Sprachlich zeigt Riedo, der in seinen anderen Publikationen nicht selten durch eine komplexe, oft gar bis hin zur Verschnörkelung tendierenden Sprache neigt, ein ganz neues Gesicht: Die Sätze sind kurz, prägnant und ganz dem (End)Stadium seiner Hauptfigur angepasst, die aufgrund von starker Medikation (Morphium und auf der zweiten, verborgeneren Ebene Alkohol) zwischen klaren Phasen und Delirium mäandert resp. auf der zweiten Ebene linear sich vom Klaren ins Rauschhafte verschiebt.

Ganz im Stile einer Sybille Berg bietet Riedo keinerlei Altersmilde, keine Flucht in Religion oder Esoterik sowie keine Versöhnung mit sich selbst oder der Welt an. Und es bleibt auch unmöglich, sich mit anderen Menschen wirklich zu verbinden (zum Trost gibt es zum Glück noch die Felinen). Auch dahingehend zeichnet Riedo Pessimismus im Schopenhauerschen Stile aus, am Ende sterben wir alle ganz alleine. Und dies hält er über 200 Seiten durch.

Beim Lesen des Buches ertappte ich mich mehrmals beim Gedanken, dass doch nun endlich Schluss sein möge, dass sich dieser (selbst)reflexive Prozess doch nun arg zu schleppen beginnt, dass ich nun verstanden habe, was mir der Protagonist resp. Riedo mitteilen will und nicht nochmals eine Schleife brauche. Doch, auch hier: Keinerlei Erbarmen, nicht für den Autor, nicht für den Protagonisten, nicht für die Leserschaft – och ne, es geht nochmals auf ne Runde!

Auch wenn es am Anfang des Buches scheint, als ob der bemitleidenswerte Protagonist doch so dringend mehr Zeit bräuchte, fünf Tage doch eine all zu eingeschränkte Perspektive sind, um Bilanz zu ziehen, Abschied vom Dasein als selbstwahrnehmendes lebendes Wesen zu nehmen, am Ende dehnen sich die fünf Tage fast in die Ewigkeit und sterbender Protagonist sowie Leserschaft müssen leiden, durchhalten bis ans Ende.

Dadurch, dass Riedo damit den Prozess des Sterbens unbeschönigt darstellt, zeigt er eine spezifische Perspektive auf, die in der Diskussion der in der Einleitung dieser Rezension aufgezeigten Themenkreise oftmals zu kurz kommt. Damit leistet das Buch einen Beitrag zu diesen Diskussionen, so dass es sich – neben an philosophischen Fragen zu unserem Dasein als selbstreflexives und zerrissenes Wesen Interessierten – auch für eine breite Leserschaft, die sich mit den genannten Themenkreisen befasst, eignet. Uns anzuregen, uns unbeschönigend mit den eigenen Endlichkeit und Beschränktheit auseinanderzusetzen, schafft Riedo meisterhaft und so lohnt es sich, sich wirklich durchzuschleppen, durchzuhalten bis zum Ende des Buches, denn auch da ist Riedo unerbittlich und konsequent – dies mit dem Protagonisten, sich selber als Autor und der Leserschaft. Mehr sei dazu jedoch hier nicht verraten.