Frage der Woche

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Alles läuft rund – der Dispo-Zug Fernverkehr zu Bern steht im Gleis K2 (linke rote Re460).

Heute wird es kurz und knapp:

Was ist ein Dispo-Zug?

Kleine Hilfestellung:
Es gibt ihn nur in den grösseren Bahnhöfen. In Bern steht er an guten Tagen im Gleisfeld K, an schlechten Tagen sieht man ihn nicht.

Auflösung

Der Auflösung der Frage ist der Text Geheimnisse der Pünktlichkeit gewidmet.

Frage der Woche

 

Mit dem 1895 erschienen Roman Die Zeitmaschine begründete H. G. Wells den modernen Science-Fiction-Roman.

Darin reist ein Wissenschaftler in das ferne Jahr 802701 n. Chr.
Dort trifft er auf eine zweigeteilte Gesellschaft: Oberirdisch leben idyllisch die Eloi, unter der Erdoberfläche fristen die Morlocks ein tristes Dasein. Letztere sind es, welche die ganze Arbeit verrichten müssen.

Wells kritisierte mit dieser Beschreibung die extreme Zweiklassengesellschaft seiner Zeit (Viktorianisches Zeitalter in England).

Gibt es auch heute Eloi und Morlocks?

 

Gar in die bekannte US-Fernsehserie The Big Bang Theory haben es die Morlocks geschafft (Verlinkung auf Youtube):

 

Auflösung:

Tja, hier stellte sich eine Frage, die nicht einfach so beantwortet werden kann. Es hängt von der Gewichtung, Bewertung und vom Blickwinkel ab, wie fest wir unsere heutige Zeit resp. Gesellschaftsordnung als egalitär bewerten oder eben nicht.

Am besten beantwortet dies jeder und jede für sich.
Als Anregung möchte ich nur ein paar Stichworte mitgeben: Nord-Süd-Gefälle, Digital Gap / Access, Altersdiskrimierung, neue globale Eliten, Geschlecht, Lohnschere, Migration, Sweatshops und ähnliches.

Was meinst Du, vieles nur Hysterie oder hat es da schon auch die eine oder andere Zweiteilung, die ins Gewicht fällt? Ich bin gespannt auf Deine Einschätzung!

„Nickel“ – 5 Minuten für die Sprachverständigung

 

Etwas vom Schönen bei der SBB ist, dass wir die Sprachgrenzen überwinden. Dies einerseits im wörtlichen Sinne mit den Zügen und andererseits durch den Kontakt der Mitarbeitenden untereinander.
So war auch ich anfangs meiner Zeit als Lokführer längere Zeit in der Romandie stationiert. Und auch heute noch fahre ich mehrmals in der Woche in die französsichsprachige Schweiz.
Ausserdem gibt es keinen Tag, an dem ich nicht mit Mitarbeitenden aus einer anderen Sprachregion auf dem Zug eingeteilt bin oder in den Pausenlokalen auf Andersprachige treffe.

Wer so lebt, dem fällt auf, dass frankophone Kollegen und Kolleginnen ein paar Ausdrücke in nahezu jede Konversation einflechten. Kennt man diese Ausdrücke, fällt die Sprachverständigung viel leichter:

  • tu m’étonnes !
    = das wundert / erstaunt mich gar nicht
  • impeccable
    = einwandfrei, tipptopp
  • c’est nickel ! oder einfach „nickel !
    = das ist super
  • ne t’inquiètes pas
    = beunruhige dich nicht, mach dir keine Sorgen
  • bosser
    = arbeiten, meist im Sinne von „schuften“ oder „malochen“ verwendet

Reminder: Der Überlebende – die Geschichte einer Passion

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Mit diesem Text begann der Blog. Und, da es nach wie vor mein Lieblingstext des Blogs ist, erlaube ich mir, ihn hier nochmals in Erinnerung zu rufen.

Hast Du dich auch schon gefragt, warum manche Menschen einer Sache sehr intensiv nachgehen, richtiggehend getrieben zu sein scheinen? Kennst Du das oder ist dir das eher fremd? Wie kommt mensch zu einer solchen Passion? Und was geschieht, wenn sie nicht mehr da ist?

In der hier vorgestellten Kurzgeschichte habe ich ausgehend von eigenen Erfahrungen eine vertiefte Verarbeitung des Themas versucht. Ich wünsche viel Lesevergnügen!

Der Überlebende

Schaut her !

Ein um ein Jahrzehnt älterer Nachbarssohn brachte ein hochtechnisches Bergvelo aus Amerika mit. Dies sorgte in unserem Dorf für Aufsehen. Nicht nur wir Jüngeren bestaunten es in der elterlichen Garage ausgiebig. Wie auf einem Altar wurde es hoch oben auf einer Werkbank präsentiert. Ungläubig fragten wir immer wieder nach, ob es wirklich 15 Gänge habe. Damals hatten die Velos in der Schweiz maximal zehn Gänge. Unvorstellbar, was man mit 15 davon machen könnte.

Irgendwann konnte ich mir aus einer Kombination von angesammeltem Taschen- und Geburtstagsgeld sowie von bezahlter Samstags- und Ferienarbeit auch so ein Bergvelo, inzwischen auch Mountainbike oder schlicht MTB genannt, kaufen. Dieses hatte sogar 18 Gänge.

Weiterlesen?

–> bitte PDF öffnen

Der_UEBERLEBENDE_pdf

 

 

 

 

Frage der Woche

 

Heute geht es in die Physik – die Frage ist aber nicht physikalischer Natur, sondern wissenschaftsgeschichtlich.

Die oben stehende Formel beschreibt den Schwarzschild-Radius.

Kurz gesagt wird mit dem Schwarzschild-Radius der Radius, auf den man eine kugelförmige Masse „komprimieren“ muss, damit sie zum Schwarzen Loch wird, beschrieben..
Unsere Sonne müssten wir z.B. auf einen Radius von ca. 3km „zusammendrücken“, dann wird ihre Gravitation so gross, dass ihr nichts mehr entfliehen kann. Nicht einmal mehr Licht kann weg (die nötige Fluchtgeschwindigkeit wird grösser als die Lichtgeschwindigkeit). Die Sonnenmasse auf einem Radius von 3 km wäre dann eben ein Schwarzes Loch.
Verwirrt? Gut so, denn die Frage dreht sich nur um den Namen des besagten, in Englisch auch „gravitational radius“ genannten, Phänomens und es darf gerne auch einfach geraten werden.

Warum heisst der“gravitational radius“ausgerechnet Schwarzschild-Radius?

 

  1. Es geht um Schwarze Löcher, daher heisst er so.
  2. Ein Schwarzes Loch stellte sich Einstein wegen der starken Raum-Zeitkrümmung, die es verursacht, als „Schwarzes Schild“ vor.
  3. Schwarzschild hiess der Physiker, der dies als erster berechnete.
  4. Das Universum könnte als Ganzes ein Schwarzes Loch sein, daher ist es eine Formel, die uns schwarz sehen lässt.

Bonusfrage:
Wir lasen oben, dass die Sonnenmasse in einer Kugel von 3 km Radius zum Schwarzen Loch wird – was schätzt Du, auf welchen Radius müssen wir die Erdmasse „komprimieren“? Tipp – es ist unglaublich klein.

Auflösung

3. ist richtig:
Karl Schwarzschild (1873 geboren) errechnete 1916 als erster den gravitationalen Radius eines Sterns – eben, den Radius, der ihn zum schwarzen Loch machen würde. Ja, den Stern, nicht Karl.

4. Hat auch was – es gibt Theorien und Berechnungen, dass das Universum ein Schwarzes Loch sein könnte. Aber eben, die haben nichts direkt mit Karl Schwarzschild zu tun , da sie viel neuer sind. Und wir müssen auch nicht schwarz sehen deswegen, weil es auf unsere Daseinsebene und unseren Zeithorizont keinen Einfluss hat – wir haben genug andere Probleme (siehe dazu auch Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem).

Bonusfrage:
Die Erde wäre ab 8.8 mm ein Schwarzes Loch!

 

Mit 200 km/h auf der NBS unterwegs

Kurz nach Bern wird es lärmig im Führerstand. Du bist im Grauholztunnel. Du kannst den Zug, nachdem der letzte Wagen die Kurve im Tunnel mit 140 km/h fertig gefahren hat, auf 160 km/h beschleunigen. Die Blocksignale sind alle grün, also freie Fahrt. Es rumpelt, der Fahrhebel ist ganz vorne: „Hebel heiss“. Im Tunnel ist es immer trocken, so dass die Re 460 ihre fast 8000 PS ausnützen kann und den IC nach Zürich bald schnaubend auf die 160 km/h beschleunigt hat. Im Tunnel merkst du nicht recht, wie schnell das ist. Du konzentrierst dich auf die kleinen Signälchen, die in regelmässigen Abständen an der Tunnelwand montiert sind: Grün heisst weiter mit 160 km/h. Orange und eine Zahl darunter heisst bremsen. Nur orange heisst sehr stark bremsen, nächstes Signal rot, also zu und du müsstest anhalten. Du kennst den Standort der Signale genau, weisst genau, wann du wieder ein aus Platzgründen kleines Lichtsignal im dunklen und kurvigen Grauholztunnel erwarten musst. Du zählst durch, auch das fünfte, das Mattstetten ankündigt, ist grün. Die Startrampe für die NBS steht. Ginge es über Burgdorf wäre das letzte Signal im Tunnel orange mit einer 12 darunter. Dann müsstest du bremsen, um 120 km/h beim nächsten Signal erreicht zu haben, da es über eine Weiche links weg ginge, auf die alte Strecke.

„Biep“ und weiss auf schwarz, in dieser typischen 1990er Computerschrift, die noch stark an die Schreibmaschine erinnert, erscheinen die Worte „Ankündigung Level 2“ auf dem Bildschirm in der Mitte des Führerstandes. So unspektakulär wird die Einfahrt auf die erste Hochgeschwindigkeitsstrecke, eben, besagte Neubaustrecke Mattstetten – Rothrist (NBS), im Führerstand angekündigt. Dabei handelt es sich jedoch um eine Revolution, denn schon bald erfolgt die Einfahrt in den ETCS Level 2 was für dich als Lokführer bedeutet, dass du nun die Signale auf dem Bildschirm zu befolgen haben wirst und nicht, wie du es gewohnt bist, draussen Signale stehen. „Biep“ und „Einfahrt in Vollüberwachung“. Schon siehst du die nächste Ankündigung auf dem Bildschirm: Die Fahrstrasse steht, du kannst in die NBS einfahren.

Du beobachtest wie der Computer den Levelübergang macht: Die Anzeigen auf dem Bildschirm wechseln, du kriegst eine blaue Streckenvoraussicht, einen grauen Bogen auf dem Tacho und eine 2 wird angezeigt. Alles in Ordnung, die Streckenvoraussicht zeigt dir an, dass der Zug vor dir genug weit weg ist und die Fahrerlaubnis für mehrere Kilometer reicht. Der graue Bogen zeigt dir die erlaubte Höchstgeschwindigkeit an und die 2 unten bestätigt, dass die Bordelektronik auf Level 2 umgeschaltet hat. Und das Wichtigste, der „Fiesling“, der den Punkt anzeigt, wo du spätestens bremsen musst, falls eine Geschwinigkeitsreduktion angeordnet ist, steht weit oben. Dieses kleine gelbe Dreieck wirst du bis zur Ausfahrt aus der NBS scharf wie ein Adler im Blickfeld behalten. Denn, kommt es gegen 500m vor dem aktuellen Standort, musst du umgehend bremsen. Im Moment steht es jedoch bei fast 6 Kilometern. Du wartest bis auch der Zugschluss auf der Neubaustrecke ist. Alles stimmt, die Innensignalisation erlaubt 200 km/h. Spiegel raus und Zugskontrolle. Nun kannst du beschleunigen. Die Lok strengt sich wieder voll an, von 160 km/h auf 200 km/h zu kommen, ist ein riesiger Effort.

 

200 km/h erreicht. Das Brechen und die Verwirbelungungen der Luft machen ohrenbetäubend Lärm. Ohne druckdichte Kabine wäre es nicht auszuhalten. Anfangs fandest du das Tempo krass. Insbesondere die Begegnung mit dem Gegenzug ist beeindruckend. Doch es ist verblüffend, wie schnell man sich daran gewöhnt. Heutzutage, nach mehreren Hundert Fahrten auf der NBS, ist es reine Routine. Es gibt Tage, da fährst du gleich zweimal in jeder Richtung über die NBS. Eher monoton, weil nicht viel zu tun. Abgesehen vom Lötschberg (und Gotthard, den du aber nicht fährst), gibt es keinen Streckenabschnitt, bei dem du so lange gleich schnell fahren kannst.

Nun bist du bei Lyssach und der Zug darf längere Zeit 200 km/h fahren. Bei den vielen Streckenabschnitten entlang der A1 scheinen die Autos mit ihren 120 km/h still zu stehen – du überholst sie scheinbar fliegend. Nun geht es krass runter, bremsen ist nötig, damit der Zug nicht zu schnell wird. Die Kräfte sind gross, so bald es runter geht, drücken die 600 Tonnen hinten heftig: Emmenquerung – ein Tunnel, bei dem es steil runter und dann so gleich wieder steil rauf geht. Eben, unter der Emme und auch gleich noch unter der Autobahn A1 durch. Eine richtige Berg- und Talfahrt. Konkret geht es hier 17 Promille runter – also richtig steil für einen Zug, fast so steil wie auf einer Bergstrecke. Und kurvig ist es auch, doch die Gleise haben einen Radius, der immer 200 km/h erlaubt.
Verzweigung Wanzwil: Schnellfahrweiche, in jeder Lage mit 200 km/h fahrbar. Das ist beeindruckend, nicht mal die Weiche im Lötschberg kann das. Du fährst durch viele Tunnels, doch sie sind recht kurz, meist um einen Kilometer lang, was bei 200 km/h schnell durch ist. Nur zwei dauern etwas länger. Mal fährst du etwas vertieft im Boden, oft aber mit freiem Blick auf Feld, Wald und Wiesen. Ortschaften siehst du kaum, diese werden untertunnelt.

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Ein Zug fährt von Ost nach West über die NBS bei Mumenthal.

Schon bist du in der Gegend, in der du aufgewachsen bist: Tunnel Thunstetten, Grundwasserwanne Langenthal West, eine Betonwanne zum Schutz des Grundwassers, sollte mal ein Güterzug Leck schlagen, und dann der Langenthaltunnel. Et voilà, für einen Bruchteil einer Sekunde sind die Keltengräber sichtbar. Einen ganz kurzen Moment kannst du nun gar die Häusergruppe Mumenthals sehen, wo deine Eltern nach wie vor wohnen. Und schwupps ist auch schon der Motzet vorbei und du bereitest dich auf die Ausfahrt aus dem Level 2 vor. Auf dem Bildschirm steht wiederum in weiss auf schwarz eine Zeile, diesmal „Ankündigung Level 0“. Level 0 heisst, dass wir nach Aussensignalen fahren. Das Ausfahrtsprozedere beginnt natürlich schon weit weg vom eigentlichen Wechsel zu den Aussensignalen. Du hast genaue Punkte, wo du je nach Zuglänge, Zugtyp und Wetter die elektrische Bremse voll anlegen musst, damit es aufgeht und du die Klotz- oder Scheibenbremsen der Wagen nicht brauchst, wenn die Ausfahrt normal verläuft. So kannst du enorm viel Energie ins Netz zurückspeisen, denn die elektrische Bremse ist eine Rekuperationsbremse. Und lange kannst du sie aus 200 voll anlegen, denn es sind enorme Kräfte, die auf den Zug wirken, wenn er 200 km/h fährt. Trägheit der bewegten Masse nennen dies die Physikerinnen und Physiker und die nimmt nicht linear zur Geschwindigkeit zu. Das heisst, dass es immer mehr Energie braucht, um noch ein bisschen schneller zu fahren. Konkret kennst du das gut: So braucht es sehr wenig Bremskraft, um von 40 km/h auf null zu kommen, doch denselben Geschwindigkeitsunterschied bei 200 km/h zu machen, also auf 160 km/h zu bremsen, braucht enorm viel Energie und Zeit. Es macht dir grossen Spass, mit diesen Kräften geschickt umzugehen: Auch heute geht es wieder super auf, du bestätigst dem Computer, dass du nun wieder nach Aussensignalen fahren wirst und in Rothrist bist du auf den vorgeschriebenen 140 km/h.

Tja, die NBS, einerseits magst du sie, andererseits gehört sie nicht zu deinen Lieblingsstrecken. Anfangs warst du stolz, auf einer teuren und technisch hoch gerüstete Hochgeschwindigkeitsstrecke fahren zu dürfen, ein Privileg. Denn es braucht eine Zusatzausbildung und lange nicht alle Lokführer und Lokführerinnen fahren darauf. Und sie führt ja ausgerechnet dort durch, wo du aufgewachsen bist. Du erinnerst dich noch gut an die Proteste gegen die Linienführung mitten durch das Kulturland Mumenthals. Und oft bist du während dem Bau beim Joggen staunend stehen geblieben, um zu sehen, wie da eine ganze Landschaft umgekrempelt wird. Und nun fährst du auf dem Resultat dieser Riesenbaustellen – das ist besonders.
Dann sind da eben die Kräfte. Ein Gefühl dafür zu entwickeln gibt dir eine ganz neue Perspektive auf die im Gymer gelernten Formeln zu Beschleunigung, Trägheit oder Elekrodynamik. Und das Spiel damit gefällt dir, auch die Verantwortung, die du hast, wenn du an den Hebeln zur Kontrolle einer so stark beschleunigten grossen Masse sitzt, ist motivierend. Auch magst du die mentale Erholung, die sie auf langen Fahrten, zum Beispiel von Genf nach Luzern, bietet, die NBS. Denn die Führerstandssignalisation ist nicht nur Abwechslung, sondern bedeutet auch mehr Voraussicht, so dass wir im Regelfall weniger abrupt reagieren können müssen, da schon weit voraus sichtbar ist, wenn man z.B. auf einen anderen Zug aufschliesst. Und bei Regen, Schnee, blendender Sonne zum Sonnenauf oder -untergang oder Dunkelheit siehst du die Signale immer gleich gut, da eben auf dem Bildschirm. Und das Tempo ist meist gleich. Sonst haben wir immer wieder Geschwindigkeitswechsel zu machen, teils bei einer einzigen Bahnhofsdurchfahrt gleich drei oder vier Geschwindigkeiten zu beachten. Die NBS hat aber keinerlei Bahnhöfe und eben nur die eine Weiche. Und lange Zeit kannst du einfach beschleunigen und bremsen. Aber eben, so richtig magst du sie nicht, die NBS. Denn sie kann auch monoton sein. Die ganze Zeit einen Bildschirm im Blick zu haben, auf dem im Normalfall nichts Überraschendes passiert, kann anstrengend sein. Und du bist viel in Tunnels oder Betonwannen unterwegs, was nicht sehr inspirierend ist. Und dann ist noch das Damoklesschwert einer grossen Störung. Wenn es dann mal anders läuft als geplant, musst Du blitzschnell reagieren. Eigentlich läuft die NBS jedoch sehr gut, wir haben sehr wenige Störungen. Mal kann ein Zug nicht 200 fahren, weil technisch etwas nicht stimmt, mal kommst du wegen Schneefall oder Regen kaum vom Fleck, da die Räder zu wenig Halt haben, und erreichst die 200 gar nie. Das ist aber alles harmlos im Vergleich dazu, wenn es dann mal richtig Probleme gibt. Dies kann es einerseits geben, weil streckenseitig die Technik spukt aber auch, wenn die nötige Bordtechnik auf dem Zug spinnt. Die Prüfung, die du machen und regelmässig wieder ablegen musst, um die NBS befahren zu müssen, dreht sich ebenfalls zum Grossteil um die Störungen. Denn, dann wird es halt schnell sehr technisch und du musst gut mit dem Fahrdienstleiter zusammenarbeiten.
Aber eben, sie läuft generell gut: In sechs Jahren hast du es nur gerade zweimal erlebt, dass das System total ausfällt. Einmal war die Infrastrukturseite der Strecke Schuld und dein ICN musste aus Sicherheitsgründen aus 200 km/ auf null abbremsen, da der Funk, der die Signale dir auf den Bildschirm sendet, nicht mehr funktionierte. Das war schon eindrücklich und es stank von den Bremsen her noch nach 20 Minuten nach Verbranntem. Und einmal verstand dein Zug eine Information, die ihm von einer Balise (das ist ein Telegrammsender, der in den Gleisen montiert ist) gesendet wurde, nicht. Auch da gab es eine Vollbremsung aus 200 auf null. Du hast die Bremsung des Systems mit dem Bremshebel übernommen und nur noch gestaunt, wie lange das geht, bis der IC still stand. Solche seltenen Ereignise geben dann immer schöne Geschichten für den Stammtisch im Lokführerzimmer.

Fakten zur Neubaustrecke Mattstetten / Solothurn – Rothrist (NBS):

  • Entstanden im Rahmen des Bahn 2000 Projektes
  • Doppelspurig, ca. 45 km lang (Ast nach Solothurn ca. 10 km)
  • 14.4 km in Tunnels, eine längere Brücke bei Murgenthal
  • Offen für erste Personenzüge ab 12. Dezember 2004 (ECTS Level 0, Aussensignale)
  • Seit Juli 2006 erste Personenzüge mit Signalisation im Führerstand (ETCS Level 2) und Vmax 160 km/h
  • Seit Dezember 2007 Vollbetrieb mit 200 km/h
  • Fahrzeitverkürzung Zürich-Bern um 15 Minuten
  • Heute um die 250 Züg pro Tag
  • Zugfolgezeit 120 Sekunden
  • Zwischen Mattstetten und Rothrist über 100m Höhenunterschied

Dieser Text entstand im Rahmen einer Texttrilogie. Mehr über die Idee dahinter erfährst Du unter Subjektive Wahrnehmung oder vom Blickwinkel – Versuch einer literarischen Annäherung.

Willst Du wissen, wie andere Perspektiven auf die NBS aussehen können? Oder konkret: Wie nahm ich die NBS wahr, als ich daneben aufwuchs? Dann, als Passagier, der keinerlei bahnspezifisches Wissen hat? Dann solltest Du auf Drei Blickwinkel auf die Neubaustrecke (NBS) klicken.

Frage der Woche

Welche drei grossen Kränkungen erlebte der Mensch durch die Wissenschaft gemäss Freud?

 

Auflösung

Freud beobachtete das Brökeln der „Sonderstellung des Menschen“ in drei Hauptschritten:

  • Kopernikus: Heliozentrisches Weltbild, Erde ist nicht mehr im Zentrum.
  • Darwin: Der Mensch ist nicht mehr die Krönung der Schöpfung, sondern ein Tier unter anderen ebensolchen.
  • Bescheiden war er nicht, unser Freud, denn die Dritte Kränkung fügte er uns selber zu: Nicht mal mehr im Kopf sind wir Herr oder Frau unserer selbst. Es, Ich und Über-Ich  – das „Unbewusste“ ist viel wichtiger als das „Bewusste“.

Subjektive Wahrnehmung oder vom Blickwinkel – Versuch einer literarischen Annäherung

Es ist eine Binsenwahrheit, dass Menschen die Welt gefiltert wahrnehmen, dass es stark von eben dieser, in der Alltagssprache oft „Brille“ gennannten, subjektiven Wahrnehmung, die wir nie ganz ausschalten können, abhängt, was wir wie sehen sowie schliesslich wie bewerten.

Der Blickwinkel, aus dem wir eine Tatsache, Dinge oder andere Menschen betrachten variiert stark. Ausser den radikalen Konstruktivisten (jede/r erschafft sich seine eigene Welt) gehen die meisten Positionen davon aus, dass die Welt gewisse Stimuli vorgibt (niemand kann durch eine Wand gehen), doch wie diese dann schlussendlich wahrgenommen und bewertet werden, hängt in vielerlei Hinsicht vom wahrnehmenden Subjekt ab.
Es ist wohl eine ganze Bibliothek erstellt worden, um zu umschreiben, von was allem die Wahrnehmung abhängt. Stichworte dazu sind: Sprache, Begriffe, Vorerfahrungen, Vorurteile, Wissenstand, persönliche Erfahrungen, Kenntniss der eigenen Unwissenheit, psychologische Faktoren, Zeitgeist, soziale Faktoren und vieles mehr.

Das hier kurz angerissene Thema versuchte ich für einmal literarisch anzugehen – falls Du wissen willst, wie ich das getan habe, dann kannst Du gerne den Text Drei Blickwinkel auf die NBS lesen.

Gelingt es mir, für einmal ohne zu theoretisieren, aufzuzeigen, wie stark die Wahrnehmung vom „Filter“, den die wahrnehmende Person hat, abhängt? Wird klar, dass der Blickwinkel stark variieren kann? Und, wird ersichtlich, dass wir mit abschliessenden Urteilen und Bewertungen vorsichtig sein sollten, dass viel mehr im Fluss ist, als wir oft meinen? Kannst Du durch das lesen der Texte nachvollziehen, wie fluid Identität ist? Wie sich auch die Sprache und Wortwahl ändert, je nach Lebensituation, sollte auch ersichtich sein.

Gente della notte – Menschen der Nacht

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Verwaister Bahnhof Olten um fünf Uhr morgens auf dem Weg von Bern nach Zürich

Die Eisenbahn ist ein 24-Stunden-Betrieb. Auch wir Lokführer und Lokführerinnen sind rund um die Uhr unterwegs. Manchmal ist es hart, so früh raus zu müssen. Oder sich lange nach Mitternacht wach zu halten. Doch es gibt dieses spezielle Feeling, das Jovanotti in seinem Lied „Gente della notte“ so schön beschreibt: Die Zugehörigkeit zu den Menschen der Nacht.

Die Lyrics des besagten Songs könnten auf das Dasein des Lokführers übertragen so lauten:

Menschen der Nacht

Die Nacht ist schöner, es lebt sich gemächlich
Dank langem Mittagschlaf bin ich bis zwei Uhr fit
Der Bahnhof atmet tiefer, doch schläft er nie ganz
und der Nebel umhüllt die Fahrleitungsmasten
und alles ist etwas ruhiger
Auf dem Weg zum Bahnhof bin ich alleine
So auch auf den Rolltreppen
Niemand der drängelt, niemand der stresst
Die Menschen der Nacht sind immer die Gleichen
Wir kennen uns alle, der Bahnhof wird zum Dorf

Tag für Tag dieselben Gesichter

Am Tag wird politisiert, taktiert und traktiert
Die Zeit vergeht – schon wieder ist es Winter
Wir Menschen der Nacht sind dieselben
Da ist der Zeitungsverteiler mit dem Schubkarren
Der Bettler bei der vordersten Bank im Park
Der alte Taxifahrer mit dem weissen Hut
Die Verkehrsreglerin bei der grossen Baustelle
Da sind die Reiniger, immer in der Gruppe
Immer derselbe Take-Away-Verkäufer
Er bäckt schon Brötchen – oh wie das duftet
und fragt wie immer: Wohin fährst Du heute?
Da sind die Polizisten, immer zum Schwatz bereit
Da sind die Nachschwärmer, selten nüchtern
Da sind die ersten oder letzten mit Koffern

Da sind die Rangierer, wie immer in orange

Man nickt sich zu, kennt einander
Alle sind per Du, die Leute der Nacht
Vieles geht wortlos, nur mit Gesten

Wir sind verbündet, irgendwie im selben Boot

Ich mag die Nacht gerne
Die warmen Gipfeli um drei Uhr dreissig
Den ritualisierten Schwatz mit dem Kollegen

natürlich beim Kaffeeautomaten

Und das Abliefern der Pendler
pünktlich um sechs Uhr dreissig
sie sind alle noch müde und

ich krieg nun mein Mittagessen

Inspiriert von „Gente della notte“ von Jovanotti (–> inkl. Text auf Youtube).

Frage der Woche

Warum sind wir gemäss Platon erst glücklich, wenn wir kugelrund sind?

  1. Platon war ein Hedonist.
    Daher betonte er Lust und Freude. Ein Zeichen eines gelungenen Lebens ist es folglich, wenn man an dessen Ende satt und kugelrund ist.
  2. Platon ist bekannt für seine Ideenlehre (s. Höhlengleichnis).
    Er ging davon aus, dass es zu jedem realen Ding eine ideale Vorstellung gibt. Die Kugel ist dabei die höchste dieser reinen Ideen, da sie vollkommen harmonisch ist. Daher sollen wir Menschen uns diesem Ideal annähern und möglichst kugelrund werden.
  3. Ein Kugelwesen zu sein, ist die höchste Form der Liebe.
    Wir sind erst dann komplett, wenn wir uns mit einem Partner oder einer Partnerin vereinen und so zur Kugel werden.

 

Auflösung:

Richtig ist 3.

Wir alle waren in der Vorzeit nach Platon Kugelwesen, die halbiert wurden (im Symposion (380 v. Chr.) vorgebrachte, mythische Vorstellung, welche er dem Komödiendichter Aristophanes in den Mund legt).

Seither sucht ein jedes seine andere Kugelhälfte, sein Gegenstück. Das ist gemäss Platon die höchste Form der Liebe: Erst, wenn wir die andere Hälfte wiedergefunden haben, sind wir ganz.

Viel Glück beim Suchen bei 6 Milliarden Menschen und nur gerade einer passenden anderen Hälfte!

 

Bravo Sarah und Michu.

Lebenskunst, Philosophie, Sport und Eisenbahn – ein skurriler Mix?