Corona – ein Panoptikum unserer Zeit

Corona – Dystopie wird wahr
Corona – diffuse Ängste nicht rar
Corona – nichts mehr, wie es war
Corona – unsere Schwächen offenbar

Virus setzt dem Staat die Krone auf
Virus gibt Experten Zepter in die Hand
Virus bedeutet des Neoliberalismus′ Untergang
Virus und Normalität wäre plötzlich Luxus

Güterabwägungen allenthalben
Ethische Fragen und Triagen
Krise bis hin zu den Frisuren
An der Börse nur noch Misèren

Tempo und Dichtestress weit weg
Mehr Ruhe und Achtsamkeit
sowie Übungen in Gelassenheit
En vogue plötzlich die Bescheidenheit?

Homeoffice, Homeschooling
Streaming und Internet-Konferenz
Bildschirmzeit schwillt an
Der Datensammler Kassen klingeln

Zu Hause sitzt man zuhauf
Papi nun auch mal daheim
und neu nun er plötzlich weiss,
was Mamisein tatsächlich heisst!

Pflege, Verkauf oder Transport
Wenige wirklich systemrelevant
All denen im Medizinsystem
Hochachtung und grösster Dank!

Grenzen der Globalisierung nun erkannt?
Sollen sie weiter so migrieren –
die Waren, Menschen und Tiere?
Nicht doch besser zurück zum Lokalen?

Und weiter so die Welt konsumieren?
Nein ertönt zu Statusgebluff à la Vielflieger
Zwang und Chance zur Neuorientierung:
Zerbrochen pseudo Wertsysteme

Virus und der Wachstumswahn entzwei?
Virus und Solidarität wird zu mehr als Modewort
Virus vernebelt den Klimaschutz
Virus und temporär, ne Luftreinheit wie am Meer

Corona – sind wir echt für Veränderungen bereit?
Corona – oh je: Nationalismus offenbar nicht passé?
Corona – endet es mal wieder nur im grossen Streit?
Corona – ob das Gute bleibt? Geschichte lehrt: Bloss vielleicht!

 

 

 

 

Corona-Schweiz: Ein Fotobeitrag

Während die Mehrheit zu Hause bleibt, fahren wir Eisenbahnerinnen und Eisenbahner weiter – auch wenn gar die sonst vollen ICs zu Geisterzügen werden.

Manchmal sagen Bilder mehr als 1000 Worte…

 

Geisterbahnhöfe überall, hier das Beispiel Zürich am frühen Samstagabend:

Gar in den sonst arg ausgelasteten ICs fast ein Wagen pro Passagier. Die Züge fahren entlang von leeren Perrons ein:

In den Personalrestaurants wird Social Distancing gross geschrieben:

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Die Kantinen der SBB haben zwar noch offen. Alle sitzen jedoch an ihrem eigenen Tischchen, umgeben von leeren, abgesperrten Tischen – jedem seine Tischinsel und die damit überzähligen Stühle scheinen auf bessere Zeiten zu warten.

Die Flughäfen präsentieren sich auch zu den Hauptverkehrszeiten wie in dystopischen Filmen – hier das Beispiel des Flughafens Genf am sonst sehr gut frequentierten frühen Sonntagabend:

 

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Hier wäre zur Zeit im Normalfall den Autos der rote Teppich ausgelegt – es wäre gerade Autosalon und auf diesem Teppich vielen Menschen schöne Wagen präsentiert.

Scheint, als ob nur noch die Eisenbahn die Stellung halten würde:

 

 

 

 

 

 

In eigener Sache: 10 Wochen Facebook

In der zweiten Hälfte Februar 2020 habe ich mich entschlossen, dass 10 Wochen Facebook genug sind.

Dies habe ich in einem letzten Post auf Facebook öffentlich gemacht und kurz begründet.

Den letzten Post habe ich wohl zu wenig lange online gelassen, denn offenbar suchen mich immer wieder ehemalige Facebookfreunde vergeblich auf der Plattform.

Aus diesem Grund findet sich hier der letzte Post nun nochmals:

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Weiterführende Gedanken zu meinen Erfahrungen mit Facebook werden später vertieft als eigener Blogtext im Rahmen der Serie „sustine et abstine“ erörtert.

Als Appetitmacher darauf empfiehlt sich schon mal ein kleiner aber feiner Film von ARTE auf youtube:

 

Nächtliche Fata Morgana: Das Glühen der Städte

Vorne in der Lok fährt man ohne Innenbeleuchtung. Man muss sich ja auf die Signale und die Fahrbahn konzentrieren. Auch hat es – abgesehen von den Bahnhöfen – keine Beleuchtung der Gleise. Die Scheinwerfer der Loks sind vergleichsweise schwach. Bildschirme und Anzeigen im Führerstand dimmen wir. Dadurch passen sich die Augen an die Dunkelheit an und man sieht erstaunlich viel auf den langen nächtlichen Fahrten über Land.

Fährt man im Dunkeln länger durch die ländliche Landschaft, fällt einem auf, dass alle grösseren Orte eine rötliche Lichtglocke über sich erzeugen. Bei meinen ersten solchen Fahrten staunte ich oft über dieses Glühen der Städte. Es ist vor allem bei tief hängenden Wolken bereits von weit sichtbar.

Anziehend wirkt dieses Glühen über den grösseren Ortschaften. Gerade an einem kalten, windigen Wintermorgen scheint es einladend, richtiggehend warm.

Fuhr ich jedoch nicht gerade vor zwei Stunden auf dem Weg zum Bahnhof durch meine Stadt an einigen beleuchteten Fenstern vorbei, wo Menschen noch um 3 Uhr alleine vor dem Fernseher sassen? Manchmal in zwei benachbarten Wohnungen, dennoch isoliert? Stiess ich nicht gerade heute früh wieder auf zwei Betrunkene, die mich grundlos arg beschimpften und wer weiss, falls ich näher gekommen wäre, was die mit mir gemacht hätten? Und dann da, bei den Liften für in den Bahnhof runter, waren da nicht – wie fast immer am Wochenende- zwei Gruppen von Jugendlichen am sich aggressiv anbrüllen? Kippte da die Stimmung mal wieder und bald wird aus Anpöbeln und etwas Schupsen brutale physische Gewalt? Oder dann die Verwirrte unten in der Bahnhofsunterführung, die immer mit sich selber redet und von allen ignoriert wird: Ob sie auch heute Nacht von den Ordnungshütern aus dem Bahnhof auf den kalten Vorplatz verjagt wird?

Nicht alles was glüht, bietet auch (menschliche) Wärme!

Déjà-vu?

Weltende – ein Gedicht von Jakob van Hoddis, das in den Roaring Twenties Kultstatus erlangte:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Und wie werden wohl unsere Zwanziger?

 

Kleines ABC der Eisenbahnsprache (Teil 2)

Wir Eisenbahner und Eisenbahnerinnen pflegen eine eigene Sprache. Hier Teil 2 von typischen Ausdrücken (Teil 1 siehe hier):

  • „Abe-loo“ (Runterlassen)
    = Befehl, den Bügel zu senken
  • Bobo
    = Re 420 oder Re 4/4 – seit Mitte 60er unterwegs
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  • Chäsli II (für I siehe Teil 1)
    = Anzahl Windungen, die bei der Schraubenkupplung sichtbar sind

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    Wie viele Chäsli sieht man hier?

     

  • Coca-Cola-Büchse
    = unser Arbeitspferd Nr. 1, die Re 460

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    Eine Re460 in Brig abfahrbereit als motorisiertes Modul, hinten noch ein ganzer Doppelstöcker mit zweiter Re460.
  • Cremeschnitte

    = eine spezielle „Bobo“, siehe dazu oben, die Orange mit weissem Streifen längs über die Lokomotive bemalt ist
    –> Bild bald wieder verfügbar

  • Eventgruppe
    = Gruppe von Lokführern und Lokführerinnen, die den Cisalpino zwischen Basel und Domodossola fährt. Dies da man bei dieser Arbeit nicht immer pünktlich ist und das eine oder andere Abenteuer erlebt (siehe dazu auch Über eine Diva)
  • Faden
    = die Fahrleitung

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    Wehe der Faden kommt runter!
  • „Hobbel abe-loo“
    = die Magnetschienenbremsen auf die Schienen runterlassen

  • Jumbo
    = der grösste Intercity mit zwei Re 460, ingesamt 400m langer Zug (mehr dazu hier) – unterwegs zwischen Romanshorn und Brig oder auf der Ost-West-Achse

  • Kaffeemühle
    = Lok der BLS (Re 425 (Re 4-4), oft auf der Lötschbergbergstrecke unterwegs
    –> Bild bald wieder verfügbar

  • Kundig
    = man kennt eine Strecke (Lokführer und Lokführerinnen dürfen nur Strecken und Bahnhöfe befahren, die sie kennen)
  • Perronsuche
    = wenn es Nebel hat und man die kurzen Perrons beim Fahren eines Regionalzuges schlecht sieht und sehr vorsichtig fahren muss
  • „Plampitram“
    = einer der vielen Übernamen des Astoros – besser bekannt als Cisalpino – Weiteres zu diesem speziellen Zug findet sich hier
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  • Sanden
    = Quarzsand auf die Räder sprühen, damit bei schlechten Adhäsionsverhältnissen die Räder weniger schnell ins Gleiten geraten (beim Anfahren, Beschleunigen und Abbremsen angewendet)
  • Schiebelok
    = zweite oder dritte Lok, die am Berg hinten stossen hilft
  • Starke Gefälle
    = Strecken mit grosser Neigung, für die besondere Bremsvorschriften gelten (z.B. Gotthard, Simplon oder Taubenlochschlucht)

  • Tram
    = der kleinste und leichteste Zug der SBB, auch GTW genannt (RABe 526, mehr Details dazu hier)

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    Ein GTW im Gleisfeld in La Chaux-de-Fonds.
  • Über den Berg oder durchs Loch?
    = Frage, wenn man Bern-Brig fährt: Geht es über die Bergstrecke oder durch den Lötschbergbasistunnel?

 

Antwort auf die Frage der Woche: Ruppige Bahnhofsausfahrten?

Letzte Woche stellte sich die Frage, warum Züge in den Ausgangsbahnhöfen in der Regel so ruppig losfahren:

Anfahren, Zugkraft weg und es rollt erstmals gemächlich, wieder beschleunigen, Schütteln, wieder bremsen und dann geht es endlich gleichmässiger weiter – wieso dieses mühsame Losfahren?

Antwort
Fährt ein Zug in einem Ausgangsbahnhof los, hat der Lokführer oder die Lokführerin einiges zu prüfen.

Zuerst, wenn man mal langsam los gerollt ist, gilt es, die Zugkraft wieder zu kappen und den Zug einfach rollen zu lassen. Dies, damit geprüft werden kann, ob die so genannte Feststellbremse überall gelöst ist. Bei der Feststellbremse handelt es sich um die Bremse, die den Zug sichert, wenn er abgestellt ist. Es gibt Federspeicherbremsen, Handbremsen (ja, das sind diese Handräder, auch auf den Wagen, die man als Kind so gerne mal drehen würde) oder Magnete, die auf die Schienen heruntergelassen werden. Hat sich eine solche Bremse nicht ganz gelöst oder wurde eine Handbremse vergessen, ergeben sich an den Rädern so genannte Flachstellen. Das heisst, die Räder werden abgeschliffen und laufen nicht mehr rund. Dies auszubessern, ist sehr teuer – daher prüfen wir mit der so genannten Rollprobe, ob die Feststellbremsen wirklich alle lose sind.

Dann kann man wieder etwas beschleunigen. Meist aber nur auf 40 oder 60 km/h, da bei einer Bahnhofsausfahrt viele Weichen passiert werden. Je nach Stellung muss man schneller oder langsamer darüber fahren – das bekannte Rütteln und Schütteln ist meist auf so genannte 40er Weichen zurückzuführen: Das sind die ganz kurzen Weichen, bei denen es stark nach rechts oder links geht und vor allem in Doppelstöckern es arg schüttelt, auch wenn man aus Komfortgründen langsamer als die erlaubten 40 km/h unterwegs ist.

Dann sind wir endlich auf der Strecke, der letzte Wagen hat die letzte Weiche hinter sich gelassen: Nun können wir wieder beschleunigen. Aber halt, neben der Prüfung des Zuges in den Spiegeln, müssen wir nun eben schon bald wieder bremsen – es gilt, die Bremsen auch noch dynamisch zu prüfen! Daher bremst der Lokführer nochmals ab, schaut, ob die Wirkung der Bremsen auch fahrend so ist, wie sie sein sollte (vor dem Abfahren prüften wir sie schon im Stillstand).

Ist die Bremswirkung nicht wie zu erwarten, muss die Lokführerin sofort anhalten!

Diese so genannte Wirkungsbremsprobe hilft einem auch, zu beurteilen, wie der Zug in etwa bremst. Jeder Zug bremst etwas anders und das prüft man besser, bevor es dann ernst gilt mit Bremsen wegen einem Signalhalt oder Halt am ersten Perron!

So, es ist alles in Ordnung und es kann gleichmässiger gefahren werden.

Und vergesslich darf ein Lokführer nicht sein: Vergisst eine Aspirantin z.B. die Wirkungsbremsprobe an der Abschlussprüfung, ist umgehend Schluss und die Kandidatin muss nochmals antraben, auch wenn sie sonst alles im Griff hat!

 

Lebenskunst, Philosophie, Sport und Eisenbahn – ein skurriler Mix?