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Corona-Schweiz: Ein Fotobeitrag

Während die Mehrheit zu Hause bleibt, fahren wir Eisenbahnerinnen und Eisenbahner weiter – auch wenn gar die sonst vollen ICs zu Geisterzügen werden.

Manchmal sagen Bilder mehr als 1000 Worte…

 

Geisterbahnhöfe überall, hier das Beispiel Zürich am frühen Samstagabend:

Gar in den sonst arg ausgelasteten ICs fast ein Wagen pro Passagier. Die Züge fahren entlang von leeren Perrons ein:

In den Personalrestaurants wird Social Distancing gross geschrieben:

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Die Kantinen der SBB haben zwar noch offen. Alle sitzen jedoch an ihrem eigenen Tischchen, umgeben von leeren, abgesperrten Tischen – jedem seine Tischinsel und die damit überzähligen Stühle scheinen auf bessere Zeiten zu warten.

Die Flughäfen präsentieren sich auch zu den Hauptverkehrszeiten wie in dystopischen Filmen – hier das Beispiel des Flughafens Genf am sonst sehr gut frequentierten frühen Sonntagabend:

 

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Hier wäre zur Zeit im Normalfall den Autos der rote Teppich ausgelegt – es wäre gerade Autosalon und auf diesem Teppich vielen Menschen schöne Wagen präsentiert.

Scheint, als ob nur noch die Eisenbahn die Stellung halten würde:

 

 

 

 

 

 

Nächtliche Fata Morgana: Das Glühen der Städte

Vorne in der Lok fährt man ohne Innenbeleuchtung. Man muss sich ja auf die Signale und die Fahrbahn konzentrieren. Auch hat es – abgesehen von den Bahnhöfen – keine Beleuchtung der Gleise. Die Scheinwerfer der Loks sind vergleichsweise schwach. Bildschirme und Anzeigen im Führerstand dimmen wir. Dadurch passen sich die Augen an die Dunkelheit an und man sieht erstaunlich viel auf den langen nächtlichen Fahrten über Land.

Fährt man im Dunkeln länger durch die ländliche Landschaft, fällt einem auf, dass alle grösseren Orte eine rötliche Lichtglocke über sich erzeugen. Bei meinen ersten solchen Fahrten staunte ich oft über dieses Glühen der Städte. Es ist vor allem bei tief hängenden Wolken bereits von weit sichtbar.

Anziehend wirkt dieses Glühen über den grösseren Ortschaften. Gerade an einem kalten, windigen Wintermorgen scheint es einladend, richtiggehend warm.

Fuhr ich jedoch nicht gerade vor zwei Stunden auf dem Weg zum Bahnhof durch meine Stadt an einigen beleuchteten Fenstern vorbei, wo Menschen noch um 3 Uhr alleine vor dem Fernseher sassen? Manchmal in zwei benachbarten Wohnungen, dennoch isoliert? Stiess ich nicht gerade heute früh wieder auf zwei Betrunkene, die mich grundlos arg beschimpften und wer weiss, falls ich näher gekommen wäre, was die mit mir gemacht hätten? Und dann da, bei den Liften für in den Bahnhof runter, waren da nicht – wie fast immer am Wochenende- zwei Gruppen von Jugendlichen am sich aggressiv anbrüllen? Kippte da die Stimmung mal wieder und bald wird aus Anpöbeln und etwas Schupsen brutale physische Gewalt? Oder dann die Verwirrte unten in der Bahnhofsunterführung, die immer mit sich selber redet und von allen ignoriert wird: Ob sie auch heute Nacht von den Ordnungshütern aus dem Bahnhof auf den kalten Vorplatz verjagt wird?

Nicht alles was glüht, bietet auch (menschliche) Wärme!

Gente della notte – Menschen der Nacht

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Verwaister Bahnhof Olten um fünf Uhr morgens auf dem Weg von Bern nach Zürich

Die Eisenbahn ist ein 24-Stunden-Betrieb. Auch wir Lokführer und Lokführerinnen sind rund um die Uhr unterwegs. Manchmal ist es hart, so früh raus zu müssen. Oder sich lange nach Mitternacht wach zu halten. Doch es gibt dieses spezielle Feeling, das Jovanotti in seinem Lied „Gente della notte“ so schön beschreibt: Die Zugehörigkeit zu den Menschen der Nacht.

Die Lyrics des besagten Songs könnten auf das Dasein des Lokführers übertragen so lauten:

Menschen der Nacht

Die Nacht ist schöner, es lebt sich gemächlich
Dank langem Mittagschlaf bin ich bis zwei Uhr fit
Der Bahnhof atmet tiefer, doch schläft er nie ganz
und der Nebel umhüllt die Fahrleitungsmasten
und alles ist etwas ruhiger
Auf dem Weg zum Bahnhof bin ich alleine
So auch auf den Rolltreppen
Niemand der drängelt, niemand der stresst
Die Menschen der Nacht sind immer die Gleichen
Wir kennen uns alle, der Bahnhof wird zum Dorf

Tag für Tag dieselben Gesichter

Am Tag wird politisiert, taktiert und traktiert
Die Zeit vergeht – schon wieder ist es Winter
Wir Menschen der Nacht sind dieselben
Da ist der Zeitungsverteiler mit dem Schubkarren
Der Bettler bei der vordersten Bank im Park
Der alte Taxifahrer mit dem weissen Hut
Die Verkehrsreglerin bei der grossen Baustelle
Da sind die Reiniger, immer in der Gruppe
Immer derselbe Take-Away-Verkäufer
Er bäckt schon Brötchen – oh wie das duftet
und fragt wie immer: Wohin fährst Du heute?
Da sind die Polizisten, immer zum Schwatz bereit
Da sind die Nachschwärmer, selten nüchtern
Da sind die ersten oder letzten mit Koffern

Da sind die Rangierer, wie immer in orange

Man nickt sich zu, kennt einander
Alle sind per Du, die Leute der Nacht
Vieles geht wortlos, nur mit Gesten

Wir sind verbündet, irgendwie im selben Boot

Ich mag die Nacht gerne
Die warmen Gipfeli um drei Uhr dreissig
Den ritualisierten Schwatz mit dem Kollegen

natürlich beim Kaffeeautomaten

Und das Abliefern der Pendler
pünktlich um sechs Uhr dreissig
sie sind alle noch müde und

ich krieg nun mein Mittagessen

Inspiriert von „Gente della notte“ von Jovanotti (–> inkl. Text auf Youtube).