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Die Kunst des Gebrauchs der Zeit (Teil 2)

Dieser Text ist die Fortsetzung des Beitrages Die Kunst des Gebrauchs der Zeit. Es empfiehlt sich, vorgängig Teil 1 gelesen zu haben.

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Elemente des klugen Gebrauchs der Zeit (Teil 2):

  • Umgang mit Erwartungen
    Da unsere Lebenszeit beschränkt ist und wir klug wählen müssen, für was wir wie viel Zeit aufwenden wollen, ist es wichtig, ein realistisches Erwartungsmanagement zu entwickeln. Geschieht dies nicht, verpufft schnell viel Zeit, die wir eigentlich für echte Bedürfnisbefriedung, Erholung oder unser Umfeld aufwenden könnten. Dies kann einerseits geschehen, wenn wir zu grosse, unrealistische Erwartungen aufbauen.Beispielsweise arbeiten viele Menschen über Jahre sehr hart, um sich dann ein sehr teures Auto leisten zu können. Ist das Auto dann endlich da, macht es anfangs zwar Freude, doch meist weniger, als man sich erhoffte und man gewöhnt sich sehr schnell daran, die Freude ist nur von kurzer Dauer. Ausserdem hat man nicht erwartet, dass die Besorgung von Zubehör und die Wartung eines neuen Fahrzeuges so viel Aufwand bedeutet  – im Vergleich zur Realität waren die Erwartungen überhöht, man hat sich über Jahre einer Fata Morgana verschrieben. Die verbrauchte Zeit, die nötig war, um das viele Geld anzusparen, ist jedoch für immer weg, ein Zurück gibt es nicht. Dito passiert oft bei luxeriösen Reisen, die dann meist nicht so schön sind, wie im Prospekt und oft gehetzt oder erschöpft angetreten werden, da man vorher noch so viele Entbehrungen auf sich nehmen muss, um sich das zu leisten.Leicht fänden sich auch Beispiele aus dem Bereich der sozialen Beziehungen und gar der Liebe, wo viele Menschen falsche Erwartungen gegenüber anderen Menschen haben und so später merken, dass sie viel Zeit am falschen Ort investierten. Hier ist ein offenes Ansprechen und eine Klärung oft besser als langes Abwarten.Zu einem realistischen Erwartungsmanagement gehört auch der vernünftige Umgang mit Erwartungen von aussen: Lebe ich nach meinen Bedürfnissen oder mache ich (zu) viel, weil es andere von mir erwarten? Kann ich genug gut Nein-Sagen? Was sind eigentlich meine Bedürfnisse und was nur von anderen übernommene?Selbstredend gilt es auch, die Erwartungen, die man an sich selber stellt, periodisch zu überprüfen, denn auch die Erfüllung von überhöhten oder unpassenden eigenen Erwartungen kann schnell zu Zeitverbrauch führen, den man später bereut.Zum Erwartungsmanagement gehört es ebenso, dass man lernt, dass man nicht überall dabei sein muss. Dies führt zu Entspannung und zu enormem Zeitersparnis. Mehr ist nicht immer mehr (siehe dazu auch Stimuli und Superstimuli: Ich will mehr!).
    Dies ist gerade in jungen Jahren nicht leicht und es gehört zum Reifeprozess dazu, dahingehend dazuzulernen und langsam aber sicher zu merken, dass man sich auch mal von etwas bewusst fern halten, mal etwas verpassen kann.
    Aber auch im fortgeschrittenen Alter, da ja älter werden auch Abschied nehmen bedeutet (siehe dazu Gelassen älter werden), bleibt dies ein wichtiges Thema. Abnehmende Kräfte und schwindende Lebenszeit fordern einen bewussten Umgang mit der eigenen Zeit.
  • Vorfreude und Nachhall besonderer Ereignisse bewusst wahrnehmen
    Auch wenn oben vor überhöhten Erwartungen gewarnt wurde, muss auch vor dem Gegenteil gewarnt werden: Lässt man keine Vorfreude zu oder erinnert sich nicht dankbar und bewusst an schöne, vergangene Dinge, vergibt man eine Chance, seine Lebenszeit qualitativ besser zu erleben oder sich zu motivieren.
    Gerade in schwierigen Zeiten können Erinnerungen an schöne Zeiten und Vorfreude auf Kommendes zum Durchhalten motivieren.
  • Entschleunigung und Achtsamkeit
    Diese Themenbereiche sind gerade sehr en vogue und werden später in einem eigenen Beitrag noch vertiefter behandelt. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass Achtsamkeitstechniken das bewusste Erleben der Zeit ermöglichen und durch ihre entschleunigende Wirkung das subjektive Zeitwahrnehmen positiv verändern können. Dazu gehört auch, dass durch die routinierte Anwendung solcher Techniken kleinen und kleinsten Zeitfenstern auch in hektischen Lebensphasen eine andere Qualität – und damit anderes Erleben oder Erholungspotenzial – gegeben werden können.
    Zudem helfen solche Techniken, die eigenen Bedürfnisse besser wahrzunehmen und sich dadurch besser von Zeitverbrauchern, für die eigentlich gar kein Bedarf besteht, fern zu bleiben (siehe dazu oben in diesem Text).
    Weitere Vorteile sowie ein theoretischer Hintergrund zu dieser Art der Selbsttechniken werden an anderer Stelle im Blog noch vertieft behandelt.
  • Gestaltung des Tagesablaufes und andere Gewohnheiten
    Wie im Zusammenhang mit den inneren und äusseren Rhythmen im Blog erörtert, empfiehlt es sich, nach gewissen Rhythmen zu leben. Dies lässt sich am einfachsten umsetzen, wenn man seinen Tagesablauf einer gewohnheitsmässigen Routine unterwirft. Dies nicht stur, denn ein gewisser spielerischer Umgang mit der Lebenszeit und Offenheit für Unvorhergesehenes sollen erhalten bleiben. So soll in der Regel der Tag gewohnt ablaufen, ein ausnahmeweises Abweichen bringt dann Salz in die Suppe und kann besonders genossen werden, ohne den Rhythmus und die Routinen zu verlernen, kehrt man schnell wieder zu diesen zurück.Auch ist es ratsam, wiederkehrende Verrichtungen (z.B. Haushalt) möglichst gewohnheitsmässig zu absolvieren. Dadurch verbraucht man dafür weder viel Zeit noch Energie. In einem Mehrpersonenhaushalt kann man sich durch solche Routinen unnötige Konflikte ersparen: Erledigt jedes Mitglied routinemässig seine Aufgaben, bleibt nichts liegen und niemand muss andere kritisieren oder kämpft mit dem frustrierenden Gefühl, immer mehr zu machen, als abgemacht.Dass die Übung – und die dadurch entstehende Gewohnheit – wichtige Techniken der selbstermächtigten Lebensführung sind und wie dies mit der Formbarkeit unseres Gehirns (Neuroplastizität) zusammengeht, wurde bereits mehrfach im Blog dargelegt.

Ging es in den letzten Beiträgen der Serie um den Menschen als Individuum, wird im nächsten Beitrag der Kreis erweitert und das Individuum in einem nächsten Schritt in seinen engeren, sozialen Bezugskreis gestellt, ehe der Kreis dann immer weiter gefasst wird, so dass wir von einer Individualethik über eine Gesellschaftsethik schliesslich hin zu einer ganzheitlichen Weltsicht gelangen werden.

Sustine et abstine (14) – der Mensch (9)

Dilettant, Laie oder Experte?

„Ne, ich werde kein Fachidiot!
Kein Spezialist oder so genannter Experte!“

„Dann viel Glück mit deiner Karriere.“

„Oh nein, ich lasse mich nicht disziplinieren,
kein enges Korsett anlegen. Ich behalte den Überblick.
Es wird schon einen Platz für einen Universalgelehrten geben.“

„Aber sicher nicht im heutigen Wissenschaftsbetrieb.“

„Dann gehe ich in die praxisorientierte Forschung!“

„Auch dazu: Viel Glück!
Da sind die beackerten Probleme komplex,
das benötigte Wissen fachspezifisch.
Was für Experten.“

„Böh, das geht schon, irgendwie…“

„… und du kannst nirgends in die Tiefe, bleibst Dilettant.“

„Was nützt Tiefe, wenn du keine Übersicht hast.
Du mit deinen ausgeklügelten Fachmethoden
bist ganz vorne in einem Finger und hast keine
Ahnung vom Körper, nicht mal vom Nachbarsfinger
weisst du was…  von wegen Dilettant.“

„Aber du hast dafür von nichts richtig eine Ahnung!“

„Blödsinn, gegenüber Laien weiss ich doch zu fast allem viel…“

„… aber an Fachtagungen ist dir doch dennoch unwohl.
Du sagtest doch selber, dass du unter Fachleuten
immer irgendwie Mimikry betreibst –
so tust als gehörest du dazu.“

„Ja, schon, da fühlt es sich immer so an,
als müsste ich mogeln. Gefahr enttarnt
zu werden, ist immer da. Ihr Fachfixierten
geht ja immer so ins Detail und eure Fachausdrücke…“

„… unter uns Fachexperten bist dann halt du der Laie,
Herr Universalgelehrter!“

Hinweis: Dieser Text ist bewusst nur in der männlichen Form verfasst. Dies, da der Wissenschaftsbetrieb ab einer gewissen Hierarchiestufe vor allem von Männern geprägt ist – schön, wenn das jemandem aufgefallen ist!

Währungen der Anerkennung in verschiedenen Disziplinen

 

Anhand von was wird Anerkennung in den einzelnen Disziplinen vergeben?

Wirtschaftswissenschaften: Papers

Ethnologie: Feldforschungsmonate

Psychologie: Angewendete Arten der statistischen Auswertung

Jurisprudenz/Rechstwissenschaften: Renomee der Kanzlei des Praktikums zum Fürsprecher/Anwalt (auch geht: Preis des Anzuges)

Germanistik: Anzahl gelesener Bücher

Philosophie: Sexiness des Argumentes

Mathematik: Kürze des Beweises

Umweltsissenschaften: Grad der Problemlöseorientierung

Fachhochschule: Anwendungsmöglichkeiten der Resultate in der Praxis

Achäologie: Gefundene Fragmente

Geschichtswissenschaften: Anzahl gesichteter Quellen

Biologie: Nach dem Entdecker benannte Arten

Medizin: Längste Arbeitsschicht ohne zu Schlafen

Ägyptologie: Einen Geldgeber für eine Expedition gefunden zu haben

Amerikanistik: Einen einschlägigen Slang nach Aufenthalt in den USA mitzubringen

Kunstgeschichte: Irgendwas für Geld tun zu können (gilt für einige weitere Geisteswissenschaften ebenfalls)

Medienwissenschaften: Kreatives Layout der Powerpointfolien

Theologie: Eine neue Verbindung zwischen originaler Bibelstelle und heute geschaffen zu haben

Romanistik: Länge und Anzahl der Sprachaufenthalte

Sinologie: Anzahl gelernter chinesischer Zeichen

Interdisziplinärer Fachbereich: Anzahl beteiligter Disziplinen

Transdisziplinarität: Anzahl Praxisparter

Generell Geisteswissenschaften: Anzahl selber erfasster Endnoteeinträge zu Gelesenem (=euphemistisch für „Gesichtetes“)

Generelle Währungen sämtlicher Disziplinen: Namen von grossen Bekanntheiten eines Feldes – auch ohne echten Wissensgewinn – einbringen, Englische Fachausdrücke einstreuen (vor allem Amerikanismen), Vernetzung (heute mehr virtuell als realweltlich), Zitiertwerden und zugehörige abenteuerliche bis dubiose Einflussquantifizierungsversuche auf irgendwelchen Homepages