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Der rote Faden – Widersprüche, Ambivalenzen, Zerrissenheit und Vorläufigkeiten

Die Welt ist unübersichtlich, das Leben kompliziert geworden!  Der Wandel galoppiert! Was ist wahr, was fake? Solches und Ähnliches ist gerade in aller Munde.
Es mag sein, dass vieles früher einfacher erschien. Ob es dies tatsächlich auch war, bleibe dahingestellt.

Sicher ist hingegen, dass auf jeden Menschen in noch nie da gewesenem Masse Informationen prasseln sowie der Wandel hyperschnell geworden ist. Gerade durch die voranschreitende Vernetzung der ganzen Welt im Zuge der Digitalisierung existieren Wissen und Informationen aller Art nebeneinander und zugänglich für ungeahnt viele . Eine zentrale, universellen Geltungsanspruch erhebende Ordnungs- und Deutungsmacht gibt es nicht mehr. Der Bedeutungsverlust solcher universaler Welterklärungs- und Ordnungsansätze, wie sie etwa Kirchen oder Ideologien boten, hinterlässt eine Lücke. Generell scheinen des Weiteren Kollektive und Gemeinschaften je länger je weniger zur Verortung des einzelnen in der Welt beizutragen. Damit muss (soll und darf!) jeder und jede sich selber um die grossen Fragen kümmern. Freiheit kommt jedoch zu einem Preis: Dass dies mit Unsicherheiten, Ambivalenzen und Vorläufigkeiten verbunden ist, versteht sich vor dem Hintergrund der Vielschichtig- und Uneinheitlichkeit des Wissens sowie des Tempos der Zunahme von Kenntnissen und Innovationen von selber.
Auf Schwierigkeiten trifft man dann auch beim konkreten Handeln, hier dann meist in Form des Widerspruchs resp. der Inkohärenz: Dies erstens aufgrund der Beschaffenheit der Welt, die eben oft nicht in ein einfaches Schwarz-Weiss-Schema passt. Zweitens, da wir soziale Wesen sind, die sich all zu schnell mit Macht und Herrschaft verstricken, was nicht selten quer zu den hehren Idealen und Vorgaben, denen wir in der Theorie nachleben wollen, zu stehen kommt. Drittens entstehen Widersprüche und Inkohärenzen aufgrund unseres Daseins als Wesen mit einer biologischen und kulturellen Entwicklungsgeschichte. So werden wir sehen, dass Menschen weit weg von einem rein rational handelnden Wesen sind und angeborene affektive Programme, Emotionen oder Triebe unseren Vorsätzen all zu leicht in die Quere kommen. Auch unsere kulturgeschichtlichen Wurzeln widersprechen oft Gedanken zu Offenheit und Fairness.

Damit tritt der rote Faden der Serie hervor: Beim Abschreiten eines möglichen Weltbildes und einer sinnvollen Ausgestaltung des Lebens darin, wird der sinnvolle Umgang mit Ambivalenzen, inneren und äusseren Widersprüchen, Zerrissenheit sowie Vorläufigkeiten den Weg vorgeben, anhand dessen wir uns auf dem rutschigen Terrain der conditio humana bewegen werden.

Der erste konkrete Schritt dazu ist es, den Menschen näher unter die Lupe zu nehmen.

Sustine et abstine (5)

Grundlagen und Verortungen (Teil 3)

Nachdem in den Teilen 2 und 3 der Grundlagen einige geisteswisschaftlichen und naturwissenschaftlichen Konzepte kurz umrissen wurden, soll an dieser Stelle betont werden, dass wissenschaftliches Wissen zwar viele wichtige Hinweise und Anregungen zu einem Weltbild und dem guten Leben beitragen kann. Des Weiteren zeigte der erste Teil der Grundlagen mit dem Aufführen von Literaturbeiträgen, dass auch Kunst eine wichtige Rolle spielt. Warum ist dies so? Weil gerade sie uns Erfahrungswissen in reflektierter Form zugänglich macht und zur Reflexion anregt. Erfahrungswissen – sei es individuelles, durch eigene Lebenserfahrungen erworbenes oder durch Kultur und Kollektive verwobenes und weitergegebenes Wissen – ist neben strukturiertem sowie formalisiertem Wissen aus den Wissenschaften entscheidend, um sich in der Welt zurechtzufinden und ein sinnhaftes Leben zu führen. Und eben genau dieses Erfahrungswissen zeigt uns, dass vieles im Dasein als Mensch nicht erklärt werden kann. Ausserdem zeigt das Erfahrungswissen, dass wir grundsätztlich mit Ambivalenzen und Widersprüchen leben müssen. Das Dasein als Mensch, die conditio humama, beinhaltet zwingend auch das Wissen darum – darin war der Mensch schon immer stark, denken wir an all die Mythen und religiösen Texte, die uns in einer schwierig zu verstehenden Welt halt und Erklärung boten. Auch, dass wir vieles nicht wissen können und wir vielem ohnmächtig unterworfen sind, stellt ein prinzipielles Element unseres Daseins dar. Plakativ gesprochen besteht das Leben aus Sonne und Schatten, es geht auf- und abwärts, Krisen sind zu meistern und Schönes dankbar wahrzunehmen. Dabei helfen einem Erfahrungswissen, Beziehungen und das Training der heiteren Gelassenheit oft mehr als wissenschaftliches Wissen.

Abschluss der Grundlagen und Verortungen
Dies sind also grob umrissen die Grundlagen, auf denen sich nun die konkreten Handlungsanleitungen zum Menschsein in der heutigen Zeit ableiten werden. Zusammenfassend handelt es sich um einen wissen- und faktenorientierten – aber dennoch lebensweltnahen Ansatz, der einem modernen, postdogmatischen sowie posttheistischen Weltbild verpflichtet ist. Ein solcher Zugang zur Welt ist sich seiner eigenen Grenzen bewusst und basiert nicht auf einem idealisierten, überhöhten Menschenbild. Damit stellt er einen Kontrast zu postfaktischen Tendenzen und dem allgemeinen Dekonsturktionstrend der so genannten Postmoderne dar. Letzteres dennoch im Wissen um die Beschränktheit und der Grenzen eines jeden Wissens und Zeitgeistes.

Die Grundlagen und Verortungen sind damit abgeschlossen, das Fundament ist gelegt. Nun gilt es einen ersten Schritt hin zur Umsetzung zu machen – welchen Weg wir da konkret einschlagen werden ist unter der rote Faden nachzulesen.

Sustine et abstine (4)