
Vor zwei Monaten bin ich zu den Wurzeln zurückgekehrt und dies gerade in vierfachem Sinne:
Erstens – nach genau sechs Jahren der Abstinenz in Bezug auf das sportliche Zweiradfahren (siehe Der Überlebende – die Geschichte einer Passion) – sitze ich nun wieder regelmässig in engen Hosen mit Polster im Sattel. Zweitens bin ich wie in den 1990er Jahren nun mit einem Quervelo (nun auch „Gravelbike“ genannt) unterwegs. Drittens geht es nun zurück auf die Wurzelwege und viertens – ganz nach dem Motto „only Steel is real“ – fahre ich nun erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit wieder einen Stahlrahmen, ein Rondo Ruut ST.
Da die ersten 1000 km mit meinem grün-gelben Hippstergöppi gefahren sind, ziehe ich hier Bilanz, was die Stärken und Schwächen eines Quervelos im Vergleich zu den früher gefahrenen Mountainbikes und Rennrädern sind.
Vorteile Quervelo / Gravelbike:
- Fahren abseits des Verkehrs
- Flexibilität was die Routenwahl betrifft (Kieswege, Teerstrassen und auch Singeltrails fahrbar und beliebig spontan kombinierbar)
- Auf Teer und Kieswegen gegenüber MTB klar überlegen (Position, Rollwiderstand, Gänge) und nur wenig langsamer als Rennvelo auf Teerstrassen
- Wartungsarm (keine Federgabel, Dämpfer, Gelenke, nur ein Kettenblatt, kaum Platten)
- Mittelschwere Abfahrten machen mehr Spass als mit MTB, da mehr Fahrkönnen nötig ist und man länger fährt, da man nicht einfach runterbrettern kann
- Gegenüber früher sind Bremsen top, was im Gelände ähnliches Fahrgefühl wie beim Hardtail, das ich schon lange mit Scheibenbremsen fuhr, bringt (gegenüber früheren Quervelos mit Cantilever-Bremsen ein andere Welt)
- Aufgeräumter Keller: Hatte ich früher eine Armada von Fahrrädern, steht nun nur noch eines im Keller rum – das heisst auch, viel weniger Putzen und Warten sowie die Befreiung von Entscheiden, was heute gefahren wird
Nachteile Quervelo / Gravelbike:
- Gegenüber Rennvelo schwer (merkt man auch beim Verlad in den Zug)
- Bei steileren Abfahrten auf Teer doch arg langsamer als Rennvelo
- Klar träger als Rennvelo beim Beschleunigen
- Ruppige Abfahrten sind sehr hart für Gelenke – da wünsche ich mir doch oft das MTB zurück
- Spektrum der Gänge macht steile Anstiege schnell hart bis unfahrbar gegenüber MTB
Vorteile Mountainbike (MTB):
- Wenn es steil wird (oder Mensch müde wird in langen Aufstiegen) genug kleine Gänge dabei
- Die Federung und Dämpfung (Federgabel + breitere Pneus) sind in ruppigen Abfahrten gold wert
- Im Gelände viel Halt und länger Traktion durch breite Pneus und Federung
Nachteile Mountainbike (MTB):
- Auf Teer und guten Kieswegen lahme Ente im Vergleich zum Quervelo
- Wartung aufwendig und teuer (immer ging irgendwas kaputt…)
- Putzen aufwendiger als bei Quervelo
Vorteile Rennvelo:
- Auf Teer unschlagbar schnell und agil beim Beschleunigen
- Einmaliges Gefühl beim Fahren, da maximaler Vortrieb in Bezug auf eingesetzte Kraft
- Am Berg einfach unschlagbar (aber eben: nur auf Teer oder sehr gutem Kiesweg)
- Gewicht (alles geht leicht, nicht nur das Fahren: Es aus dem Keller nehmen, im Zug an den Haken hängen etc.)
- Abfahrten auf Teer machen damit schlicht und einfach am meisten Spass
Nachteile Rennvelo:
- An Teerstrassen gebunden, kein dem Verkehr-Ausweichen-Können, keine spontanen Abstecher über Kieswege möglich
- anstrengendere Sitzposition als Quervelo und Bike
Fazit:
Das Quervelo / Gravelbike scheint kein fauler Kompromiss zu sein:
Im Gelände ist es dank Scheibenbremsen und relativ breiten Pneus doch recht nahe an einem Hardtail-MTB dran, auf dem Teer durch die sportliche Position und die vielen Möglichkeiten der Stellung der Hände dank Rennvelolenker und die mittelbreiten Pneus, die immerhin 4 Bar Druck erlauben, recht nahe an einem Rennvelo.
Zwar nirgends top, doch die Freiheit, die es bietet, gleicht dies mehr als aus – ich bleibe sicherlich dabei und freue mich schon auf die nächste Ausfahrt über kleine Teersträsschen, viel Kieswege und ab und zu auch einen Wurzelweg – dies alles innerhalb einer Ausfahrt, das bringt so schön Abwechslung und ein Gefühl von Freiheit!