Glückselig also ist ein Leben,
welches mit seiner Natur im Einklang steht.
Seneca
Menschen sind nach wie vor biologische Wesen. Mögen sie sich noch so weit in geistige Höhen versteigen oder hinter Technik verbergen. Dies zeigt sich auch darin, dass Menschen gewissen Rhythmen und Zyklen unterworfen sind (z.B. Schlaf- und Verdauungsrhythmus, Hormonspiegelrhythmen, Menstruationszyklus).
Die so genannten Biorhythmen – im Volksmund innere Uhren genannt – sind Millionen Jahre alt und lassen sich nicht austricksen. Sie sind bereits in den Genen festgelegt und unser Körper verfügt über eine Vielzahl solcher innerer Taktgeber. Diese haben Auswirkungen auf unsere Wachheit, Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, Gesundheit sowie Stimmung.

Die inneren Uhren werden hauptsächlich durch das Sonnenlicht gesteuert. Sich von dieser äusseren Gegebenheit so weit zu entfremden, dass man keine Synchronisation mit dem sich jahreszeitlich sich verändernden Tagessonnengang mehr hat, führt zu vielen gesundheitlichen Problemen.
Aber auch in Bezug auf weitere Bedürfnisse des Menschen ist es nicht ideal, sich vor allem in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Zum Beispiel das Wettergeschehen nur noch als ein Ärgernis auf dem Weg von A nach B wahrzunehmen, anstatt ein aktiv zu erlebendes, faszinierendes Geschehen, das beim Draussensein vielfältige Sinneseindrücke generiert, ist nicht förderlich für ein befriedigendes menschliches Dasein: Die Welt, in die wir geworfen und in der wir evolutionär entstanden sind (und an die wir damit angepasst sind), ist nur erfahrbar durch direkte Sinneswahrnehmungen – dafür muss man sich diesen auch aussetzen. Ein Foto oder ein Bild auf einem Bildschirm kann dies niemals ersetzen.
Ausserdem braucht unser Körper diese Reizexponierung, um die eingangs erwähnten Rhythmen stabil zu halten. Die Liste der gesundheitlichen Risiken von Schichtarbeit oder ständiges Arbeiten in Räumen ohne Tageslicht ist eindrücklich. In der Fachliteratur wird gar davon gesprochen, dass solche Daseinsformen das Leben verkürzen können.
Wie im Beitrag zum Thema Bewegung aufgezeigt, ist tägliches Draussensein, sowohl für den Körper wie den Geist nötig. Dies nicht nur aus gesundheitlicher Sicht, denn den Wechsel der Jahreszeiten und seine Auswirkungen auf Flora und Fauna zu erleben, trainiert die Beobachtungsgabe, die Verbundenheit mit der Lebensumgebung sowie die Achtsamkeit für kleine Dinge. Das bewusste Miterleben des dynamischen – manchmal gar dramatischen – Wettergeschehen oder die Beobachtung des kosmischen Balletts am Nachthimmel bieten ausserdem basale existenzielle Erfahrungen und ermöglichen Momente, in denen man sich mit etwas Grösserem verbunden fühlt. Dies fördert die Zufriedenheit, Demut und Dankbarkeit oder einfach nur das Staunen (siehe dazu auch Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem). Wie viele kleine Problemchen, mit denen man sich gerade rumschlägt, wirken vor dem Hintergrund eines aufziehenden Gewitters oder dem Sternenhimmel plötzlich viel kleiner? Uff, ich bin ja gar nicht das Zentrum des Universums. Dies und Ähnliches sich regelmässig bewusst zu machen, hilft, einen gesunden Abstand von den Kämpfen um Macht, Ansehen und Anerkennung zu gewinnen und diese richtig im grösseren Kontext einzuordnen – mensch muss ab und zu raus aus dem Labyrinth aus Wänden, Mails, Bildschirmen und Status.
The movers move, the shakers shake,
the winners write their history
But from high on the high hills
it all looks like nothing
New Model Army
Und mensch kehrt ausserdem gar gestärkt zurück in diese teils unvermeidbaren Kämpfe des Alltags. Temporäres Abstandnehmen hilft jedoch, sich nicht zu versteift in den Kampf zu begeben und den Kampf als Kampf zu schätzen, und nicht nur wegen des Sieges wegen zu kämpfen, da dieser oft relativ oder vergänglich ist. Das Siegen und die Suche nach Anerkennung werden des Weiteren schnell zur Sucht, so dass nur noch immer grössere Siege, mehr Anerkennung und Status nötig sind und leider das Errungene immer weniger lange befriedigt und dadurch eine verheerende Spirale in Gang kommt – aber dies sind dann Themen für einen weiteren Blogeintrag. Kehren wir an dieser Stelle wieder zum Ausgangsthema das Beitrages zurück, zum Körper und seinen Rhythmen.
Einer der fundamentalsten dieser Rhythmen ist der wach-schlaf-Zustand. Mit diesem sollte man besonders bewusst umgehen: Um die im letzten Abschnitt beschriebenen Dinge wahrnehmen, das heisst, wirklich erleben zu können, braucht es Wachheit und Präsenz im Moment: Nur genug erholt, ist genug Achtsamkeit da, um die Sinne genügend offen zu haben und sich auf diese elementaren und existentiellen Erfahrungen einzulassen. Von daher sollte man nicht nur nach Anspannung die Ruhe in der Natur suchen (Erholung), sondern das auch bewusst mal machen, wenn man nicht müde ist. Dies heisst für Berufstätige mit Bürozeiten auch bewusst tagsüber und nicht nur abends, abgeschlagen von der Arbeit, rauszugehen. Dies hilft, wie eingangs erwähnt, auch, um die innere Uhr mit dem Tagesgang der Sonne synchron zu halten, was sich dann auch auf einen gesunden Schlaf auswirkt. Es braucht aber manchmal Überwindung, gerade bei schlechtem Wetter. Gemäss den inneren und äusseren Rhythmen zu leben, ist damit auch eine Frage von Selbstdisziplin und Aufbau von Gewohnheiten.
Neben den hier beschriebenen zyklischen Rhythmen, ist das menschliche Leben als Ganzes gesehen auch von einer linearen Zeitachse geprägt: Wir alle haben einen Weg von jung zu alt zu gehen. Schlussendlich sind wir alle endlich und unser Dasein ist zeitlich befristet. Was dies für die Lebensführung bedeutet und wie damit einigermassen gelassen umgegangen werden kann, davon handeln die nächsten Blogbeiträge.
Sustine et abstine (9) – der Mensch (4)
Wie im