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Der Mann mit Reichweite – Drei Jahre Instagram

Im Zug sitzen vier Jugendliche. Niemand spricht. Alle schauen auf ihr Handy. Finger wischen, im Sekundentakt. Niemand sieht aus dem Fenster. Draussen Morgenröte, drinnen nur Displays.

Vor wenigen Wochen wäre mir diese Szene kaum aufgefallen. Oder genauer: Ich hätte mich nicht wirklich ausserhalb davon gefühlt. Den Feed ignorierte ich zwar weitgehend und auch sinnloses Scrollen war nie mein Ding. Dennoch sass ich oft im Zug und schnitt meine Videos oder beantwortete Instagram-Messages. Ich war Content-Produzent und damit auch irgendwie Teil dieser Welt.

Drei Jahre lang baute ich einen Instagram-Account auf. Zunächst spielerisch, da ich mal wieder etwas Neues lernen wollte. Mit dem Erfolg kam dann der Ehrgeiz. Die Lernkurve war steil: Ich lernte Fotografieren, Filmen, Schneiden, Erzählen. Ich begriff, wie der Algorithmus funktioniert, wie man Aufmerksamkeit bekommt. Und ich war erfolgreich damit. In meiner kleinen Nische wurde ich so etwas wie bekannt, die Reichweite stieg stetig. Junge Menschen erkannten mich auf der Strasse. Einige mir unbekannte Menschen schrieben mir täglich Nachrichten. Mit 49 war ich plötzlich in einer Währung relevant geworden, die eigentlich den Jungen gehört: Reichweite, Sichtbarkeit, digitale Präsenz.

Das erzeugte eine Eigendynamik, es fühlte sich gut an.

Denn natürlich schmeichelte mir diese Bestätigung. Und es motivierte sehr, wenn Menschen auf Beiträge warten, reagieren, reposten, Kollaborationen mit einem anstreben und liken. Und ich wurde immer sichtbarer – dies ausgerechnet in der riesigen virtuellen Welt, in der Aufmerksamkeit längst zur härtesten Währung geworden ist!

Diese Dynamik gab mir Lebendigkeit. Bald entstand ein neuer Teil meiner Identität: Aus dem Eigenbrötler, der keine sozialen Medien nutzt wurde der Mann mit Reichweite: Der mit sichtbaren Mikroabenteuern, im Führerstand der schnellen Züge, Sport, Berge, Tiere und Reichweite. Einer, der auch mit grauem Bart in der Welt der Jungen Interesse weckt.

Heute wirkt das fast surreal. Nicht völlig blöd, aber komisch und etwas künstlich, eher wie ein Fiebertraum. Als hätte ich lange in einem Raum gelebt, dessen Lärm mir erst auffällt, seit ich draussen bin.

Gleichzeitig lebte ich von Anfang an mit einem Widerspruch: Ich hielt soziale Medien immer für problematisch – und machte plötzlich trotzdem mit.

Lange redete ich mir ein, ich könne das anders handhaben. Schliesslich scrollte ich so gut wie nie. Ich produzierte vor allem und hatte auch in der intensivsten Zeit klare Regeln im Umgang mit meinem Handy. So machte ich alle 4-6 Monate mehrere Wochen vollständig Pause von Instagram. Oder erlaubte mir nur gerade diese Plattform. Auch machte ich mindestens 1h vor dem Schlafengehen das Handy aus und es durfte nie mit ins Schlafzimmer.

Erst später verstand ich: Auch Produzenten sind Teil dieser Maschinerie. Meine Regeln reichten nicht aus, um den Sog wirklich zu brechen.

Denn schleichend beginnt man, die Welt nicht mehr bewusst zu erleben, sondern sieht überall nur Augenblicke, die man posten könnte. Die Morgenröte. Die grüne Lokomotive. Ein Lauf im Nebel. Die Begegnung mit der Katze auf dem Arbeitsweg in aller Frühe. Alles ist potenzieller Content. Man ist nie ganz einfach im Moment. Immer existiert noch eine zweite Ebene: Könnte das ein guter Beitrag für Instagram sein?

Dazu kam etwas anderes, das schwerer zu beschreiben ist: Reziprozitätsdruck. Menschen schauten meine Inhalte, reagierten regelmässig, begleiteten mich über Jahre. Und still entstand das Gefühl, man müsse zurückschauen, zurückliken, zurückreagieren. Was bei wenigen Kontakten menschlich und schön ist, wird bei grösserer Reichweite unmöglich. Trotzdem bleibt das diffuse Gefühl, dauernd jemandem etwas schuldig zu sein.

Und gleichzeitig begann etwas kleiner zu werden: meine Aufmerksamkeit.

Ich war immer ein Mensch gewesen, der viel las. Lange Texte. Bücher. Täglich. Konzentration war früher etwas Selbstverständliches. Mit der Zeit griff ich immer öfter zum Smartphone statt zum Buch.

In meinen regelmässigen Instagram-Pausen, bemerkte ich, wie schnell manches zurückkam. Bereits nach wenigen Tagen las ich wieder deutlich mehr. Meine Wahrnehmung wurde ruhiger. Begegnungen echter. Ich merkte plötzlich, wie viele Menschen dauernd halb abwesend sind. Körperlich anwesend, geistig jedoch anderswo. Wie viele an Bushaltestellen, in Cafés oder im Zug kaum mehr in die Welt schauen, sondern in diese kleinen leuchtenden Rechtecke.

Und gleichzeitig begann sich mein Blick auf mich selbst zu verändern. Immer mehr hatte ich Sichtbarkeit mit Bedeutung verwechselt. Heute erscheint mir diese permanente Selbstexponierung seltsam, fast fremd. Wie konnte ich es normal finden, dauernd sichtbar zu sein? Ständig etwas von mir preiszugeben? Immer leicht performativ zu leben? Ich lernte, dass sichtbar sein bedeutet, beobachtet zu werden. Damit ist oft eine Bewertung verbunden. Und man wird angreifbar.

Und dennoch wäre es falsch, Instagram einfach als schlecht abzutun. Das stimmt nicht. Über diese Plattform kam ich zu Begegnungen, Möglichkeiten und Erfahrungen, die ich sonst nie gemacht hätte. Meine Freiwilligenarbeit im Tierheim begann indirekt damit. Ich lernte viele junge Menschen kennen. Manche suchten Rat oder Austausch. Ich mochte diese Rolle. Vielleicht vermisse ich sie sogar am meisten: Dieses Gefühl, trotz meines Alters noch Teil einer jüngeren Welt zu sein. Nicht bloss Zuschauer des Älterwerdens, sondern jemand, der noch Resonanz erzeugen kann. Immer wieder denke ich gerne an die ersten Nachrichten von jungen Menschen zurück, die aktiv bei mir Rat und Inspiration via Instagram suchten. Auch bleibt mir für immer, dass einige Menschen wegen mir zu Laufen anfingen, nachdem sie ein Laufvideo von mir in der Natur oder den Bergen sahen.

Und in kurzer Zeit lernte ich von null auf viele neue Fähigkeiten, die mir gar bei der ersten Teilnahme an einem Fotowettbewerb den Gewinn einbrachten. Und eben, ich konnte in Echtzeit erleben, was Reichweite mit einem macht – im positiven und negativen Sinne.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Schwierigkeit sozialer Medien: Sie ermöglichen reale Dinge wie Kreativität, Resonanz oder Sichtbarkeit. Auch erlebt man Gemeinschaft. Aber sie verlangen dafür gleichzeitig einen Preis, den man oft erst spät bemerkt: Unruhe, Zerstreuung, Lärm. Und sie nehmen das Gefühl, ganz im Hier und Jetzt zu sein.

Heute, nach Wochen ohne Instagram, kommt mir diese Zeit gleichzeitig nah und weit weg vor. Ich kann kaum noch verstehen, weshalb ich diese Aufmerksamkeitsökonomie einmal so ernst nahm. Weshalb ich so viel Energie investierte, um sichtbar zu sein in einem System, das Menschen nie ganz zur Ruhe kommen lässt.

Und trotzdem bin ich meinem früheren Ich nicht böse. Vielleicht musste ich genau dort hineingehen, um zu verstehen, warum ich dort eigentlich nie ganz hingepasst habe. Der Wertekonflikt, der mich durch diese drei Jahre begleitete, wurde nie kleiner – egal, wie viel mir Instagram sonst gab.

Manchmal glaube ich heute, die eigentliche Herausforderung unserer Zeit besteht nicht darin, ständig verbunden zu sein. Sondern darin, wieder wirklich anwesend zu werden.

Wie gross war meine Freude, als ich heute Morgen im Zug eine junge Frau sah, die einfach die Morgenröte betrachtete — ganz ohne Handy und Kopfhörer.

Vom Lärm im Kopf

Reichweite bringt Betriebsamkeit

Reichweite bringt Lärm

Reichweite bringt Sichtbarkeit

Reichweite bringt Unfreiheit

Reichweite bringt Motivation

Reichweite bringt Verlust an Ruhe

Reichweite bringt schnelles Dopamin

Reichweite nimmt langfristig Vitalität

Gewinne Reichweite
Verliere dich selbst