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Vertrauen und Autorität: Ich habe es im Collins nachgeschlagen!

Den Collins verabschieden

Er ist eine physische Macht
Er markiert eine Epoche
Auch eine Epoche meines Lebens
Nichts steht ihm in seiner Aura nah

Gerne streiche ich das Deckblatt
Gerne schlage ich zufällig nach
Nochmal, nochmal, nochmal
Ein Universum von Wissen

Diese Erinnerungen
An die Studententage
An die Prüfungsvorbereitung
An die Seminararbeiten
An die Tage mit noch so vielen Erwartungen
so viel Hoffnung und
vorweggenommenem Glanz

Es sind über 2000 Seiten
Es sind mehrere Kilogramme
Und noch mehr Symbolik

Mensch, habe ich gelitten
Schlafdrang, Unsicherheiten, Unauffindbarkeiten
Mensch, habe ich geschwitzt
darin zu finden, genau die Bedeutung die es ist

Heute ist alles anders
Klick – Doubleclick – Copy-Paste
Community – Pears – Userforum
Alles ist immer da
und sofort verwertbar
Vorgekaut, vorweggenommen, vorgegaukelt
Das Tempo steigt – doch was bleibt?

Ach, ich streiche nochmals drüber
Eine physische Urgewalt
Dennoch zügle ich Dich nicht mehr,
ersetze ich Deine Kilogramme durch
Maus, Screen, IP, www
Schöne neue Welt

Schwer wird dabei mir die Seele –
Mensch stellvertretend für Menschheit
am Umbruch – Goodbye mein Collins
Goodbye Zeit des Nachschlagens und
physischen Suchens – hello Klickerei

 

collins.png
Vom Collins (rechts) zu leo.org und Co. (links) – ob dies ein guter Tausch ist?

In Erinnungen an meinen, für damals sehr viel Geld gekauften, riesigen Deutsch-Englisch Dictionary Collins mit dem verheissenden Untertitel „Für Experten und Universität“.

 

 

 

Martin der Absolvent

Martin hat sich an der Uni eingeschrieben. Er ist seit einem Jahr Student. Mit viel Elan widmet er sich der Psychologie, Philosophie und Literaturwissenschaft.

Man sieht ihn oft mit Büchern im schmucken Café in der Nähe der Universität, welches nach einer altgriechischen Gottheit benannt ist. Mehrmals in der Woche sitzt Martin da, meist vor einem  dieser kleinen aber starken arabischen Kaffees im Gläschen.

Trotz seiner regelmässigen Besuche im Café kommt Martin voran. Nach sechs Jahren hat er es geschafft: Abschluss – Martin ist nun Absolvent, Psychologe mit Diplom.

Abgesehen vom Stolz in seiner Brust ändert sich wenig. Man sieht Martin weiterhin oft im Café mit dem klingenden Namen aus der griechischen Götterwelt, nun etwas mehr hinter einer Zeitung als in ein Buch vertieft. Des Öfteren ist er nun sogar zweimal am Tag da, er ist ja schliesslich nun Absolvent – also auf Arbeitssuche und die vielen Zeitungen des Cafés ermöglichen die Sichtung vieler Stelleninserate.

Bewerbung fünf kommt wieder zurück. So auch Nummer elf und zwölf. Doch für einen Absolventen auf Arbeitssuche wird in diesem Land anfangs der 2000er Jahre gesorgt. Auf den Sozialstaat ist Verlass – Martin kann in aller Ruhe weiterhin arabischen Kaffee aus kleinen Gläschen trinken.

Bewerbung 16 schlägt ein. Martin freut sich – ging ja schneller als bei manchen anderen mit demselben Abschluss.

Das bringt ihn an genau denselben Tisch, an dem er zum Absolventen wurde: Martin hat ein Vorstellungsgespräch an dem Institut, an dem er studierte. Perfekt: Bleiben an der Alma Mater erscheint in Griffnähe.

Das Gespräch läuft gut. Martin wählt die Worte gezielt, die vor dem Spiegel eingeübte Mimik wirkt überzeugend und der extra für das Gespräch gekaufte Anzug unterstreicht seine Seriösität. Martin wird Doktorand.

„Wow, Martin, du bist dabei!“, meint eine Exkommilitonin – pardon, mittlerweilen auch eine Absolventin mit Diplom (auf Arbeitssuche) – als sie Martin zufällig auf seinem gewohnten Gang von der Uni zum Café mit dem Namen einer Bewohnerin des Olymps trifft.
„Ja, es gefällt mir sehr“ – „sehr“ ist auch das passende Adjektiv für seinen Einsatzwillen am Institut. Martin macht kurze Mittagspausen und löscht spät das Licht im Büro. Auch in der Lehre engagiert er sich intensiv.

Und trotzdem sieht man ihn noch mehr als zu Studentenzeiten oder als Absolvent in seinem Stammcafé. Nun ist er gar an den Wochenenden regelmässig da. Und dann sieht man ihn oft durch das grosse Fenster gar noch gegen das Ende der Öffnungszeiten.
„Du bist noch viel in dem Café da an der Ecke, du weisst schon, das mit dem arabischen Kaffee“, spricht ihn besagte Kommilitonin ein paar Wochen später auf der Strasse mal wieder an.

„Ja“, meint Martin und ergänzt etwas errötet: „ Ich arbeite jetzt da, sonst kann ich mir als Doktorand den Kaffee da ja nicht mehr leisten…“