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Antwort auf die Frage der Woche: Ruppige Bahnhofsausfahrten?

Letzte Woche stellte sich die Frage, warum Züge in den Ausgangsbahnhöfen in der Regel so ruppig losfahren:

Anfahren, Zugkraft weg und es rollt erstmals gemächlich, wieder beschleunigen, Schütteln, wieder bremsen und dann geht es endlich gleichmässiger weiter – wieso dieses mühsame Losfahren?

Antwort
Fährt ein Zug in einem Ausgangsbahnhof los, hat der Lokführer oder die Lokführerin einiges zu prüfen.

Zuerst, wenn man mal langsam los gerollt ist, gilt es, die Zugkraft wieder zu kappen und den Zug einfach rollen zu lassen. Dies, damit geprüft werden kann, ob die so genannte Feststellbremse überall gelöst ist. Bei der Feststellbremse handelt es sich um die Bremse, die den Zug sichert, wenn er abgestellt ist. Es gibt Federspeicherbremsen, Handbremsen (ja, das sind diese Handräder, auch auf den Wagen, die man als Kind so gerne mal drehen würde) oder Magnete, die auf die Schienen heruntergelassen werden. Hat sich eine solche Bremse nicht ganz gelöst oder wurde eine Handbremse vergessen, ergeben sich an den Rädern so genannte Flachstellen. Das heisst, die Räder werden abgeschliffen und laufen nicht mehr rund. Dies auszubessern, ist sehr teuer – daher prüfen wir mit der so genannten Rollprobe, ob die Feststellbremsen wirklich alle lose sind.

Dann kann man wieder etwas beschleunigen. Meist aber nur auf 40 oder 60 km/h, da bei einer Bahnhofsausfahrt viele Weichen passiert werden. Je nach Stellung muss man schneller oder langsamer darüber fahren – das bekannte Rütteln und Schütteln ist meist auf so genannte 40er Weichen zurückzuführen: Das sind die ganz kurzen Weichen, bei denen es stark nach rechts oder links geht und vor allem in Doppelstöckern es arg schüttelt, auch wenn man aus Komfortgründen langsamer als die erlaubten 40 km/h unterwegs ist.

Dann sind wir endlich auf der Strecke, der letzte Wagen hat die letzte Weiche hinter sich gelassen: Nun können wir wieder beschleunigen. Aber halt, neben der Prüfung des Zuges in den Spiegeln, müssen wir nun eben schon bald wieder bremsen – es gilt, die Bremsen auch noch dynamisch zu prüfen! Daher bremst der Lokführer nochmals ab, schaut, ob die Wirkung der Bremsen auch fahrend so ist, wie sie sein sollte (vor dem Abfahren prüften wir sie schon im Stillstand).

Ist die Bremswirkung nicht wie zu erwarten, muss die Lokführerin sofort anhalten!

Diese so genannte Wirkungsbremsprobe hilft einem auch, zu beurteilen, wie der Zug in etwa bremst. Jeder Zug bremst etwas anders und das prüft man besser, bevor es dann ernst gilt mit Bremsen wegen einem Signalhalt oder Halt am ersten Perron!

So, es ist alles in Ordnung und es kann gleichmässiger gefahren werden.

Und vergesslich darf ein Lokführer nicht sein: Vergisst eine Aspirantin z.B. die Wirkungsbremsprobe an der Abschlussprüfung, ist umgehend Schluss und die Kandidatin muss nochmals antraben, auch wenn sie sonst alles im Griff hat!

 

Frage der Woche

Warum fahren Züge in den Ausgangsbahnhöfen immer so ruppig los:

Anfahren, Zugkraft weg und es rollt erstmals gemächlich, wieder beschleunigen, Schütteln, wieder bremsen und dann geht es endlich gleichmässiger weiter – wieso dieses mühsame Losfahren?

Hinweis: Es liegt nicht nur an den Weichen.

Die Antwort findet sich hier.

 

Geheimnisse der Pünktlichkeit

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Alles läuft nach Plan – der Dispozug zu Bern steht im Gleisfeld (hintere rote Re460).

Warum sind die Bahnen in der Schweiz so viel pünktlicher und zuverlässiger als in den meisten anderen Ländern?

Nein, unsere Züge und Infrastruktur sind nicht entscheidend besser oder störungsfreier. Nein, wir fahren nicht besser, die Passagiere steigen nicht schneller um.
Es sind viele Mosaiksteine, die als Gesamtbild ein Uhrwerk ergeben, das nahezu perfekt läuft.

Zwei Mosaiksteine in dieser Maschinerie heissen Dispozug und Reserve. Was hinter diesen zwei Fachausdrücken steckt, wird in unten stehendem Text erläutert.

Sie stehen in den Gleisfeldern aller grosser Bahnhöfe. Getestet, Bremsen geprüft und mit einem Lokführer oder einer Lokführerin besetzt. Wenn ich diesen Dienst habe, mache ich es mir meist im ersten Wagen hinter der Lok gemütlich. Doch, Murphys Law gemäss, kommt gefühlt genau immer dann ein Telefon, wenn ich ein Schläfchen machen will oder viele Dokumente zum Ordnen ausgebreitet habe. Und dann muss es schnell gehen. „Bist du auf dem Dispozug? Ich brauche ihn um 6:32 Uhr für nach Zürich, der Regelzug hat 12 Minuten Verspätung“. Dann wird es hektisch – abklären, wie ich vom Gleisfeld in den Bahnhof komme, alleine oder mit Rangierpersonal? Je nach Abfahrtsgleis geht dies direkt oder man muss noch gegen Westen abkreuzen gehen. Fahrordnung und Ähnliches muss im Intranet gesucht werden. Absprachen mit Rangierpersonal, Fahrdienstleiter und Zugpersonal sind nötig. Reicht es auf die geplante Abfahrtszeit oder müssen wir eine Verspätung bekannt geben?
Dann geht es los, der Zug rollt ans Perron und übernimmt für den verspäteten regulären Zug – die Passagiere, die in Bern zusteigen wollen, merken nichts, ausser, dass eine Durchsage erfolgt, dass der Zug in geänderter Form einfährt. So fährt der IC pünktlich um 6:32 Uhr in Bern ab – der eigentliche IC, der so genannte Stammzug, ist dann aber erst in Schmitten!

Dispozüge gibt es in der Schweiz insgesamt elf. Sie stehen in allen grossen Bahnhöfen. In Bern und Zürich hat es gar deren zwei – einen für den Fernverkehr und einen für den Regionalverkehr. Und es kommt oft vor, dass ein Dispozug leer an einen anderen Ort fährt und dann da für einen verspäteten Zug einspringt. Ein top eingerichtetes Rückfallsystem.

Der Dienst als Lokführer oder Lokführerin des Dispozuges ist somit eine Wundertüte. Der eine Lokführer bereitet den Zug im Falle von Bern kurz vor fünf Uhr im Gleisfeld vor und bleibt dann bis gegen 13 Uhr da. Dann wird er von einer nächsten Lokführerin abgelöst, die bis kurz nach 20 Uhr auf dem Zug ist. Der Zug muss zwischen sechs und 20 Uhr abrufbereit sein. Ob man ausrücken muss, hängt auch von der Witterung ab. Ist es sehr kalt oder heiss, muss man eher ausfahren. Insgesamt stehen die Chancen, dass man einen ruhigen Dienst hat wohl so bei 50%.

Dasselbe gilt für die Reservedienste. Hier ist aber die Wahrscheinlichkeit auf wenig Arbeit sehr klein, irgendwas muss man fast immer tun. Reserve gibt es gar rund um die Uhr und in den grösseren Bahnhöfen sind ausser zu Randzeiten immer mehrere Reservisten oder Reservistinnen parallel eingeteilt. Um was geht es da? Ähnlich wie beim Dispozug handelt es sich um sofort einsatzbereiten Ersatz. Jedoch wird damit nicht ein Zug, sondern ein Kollege oder eine Kollegin ersetzt. Dies einerseits, wenn jemand kurzfristig krank ist oder wegen einer Störung oder Verspätung nicht mehr am richtigen Ort erscheinen kann oder die maximale Lenkzeit erreicht hat. Auch hier ist es ein Dienst, der einer Wundertüte entspricht: Mal ist es gemütlich und man kann stundenlang im Reservezimmer rumsitzen, andere Male muss man sofort nach Ankunft zum Dienst im Bahnhof um 3:20 Uhr aufs Taxi und in einem anderen Bahnhof jemanden ersetzten. Auch in der Reserve wird es ab und zu hektisch, da man teils umgehend einspringen muss oder nicht alle nötigen Unterlagen hat und so im Intranet für eine Fahrt noch kurz vor Abfahrt suchen muss.

Wann immer ich in Bern die Schanzenstrasse mit Blick auf das Gleisfeld runtergehe, schaue ich automatisch zum Gleis, in dem der Dispozug seinen Stammplatz hat, und weiss sofort, ob heute alles rund läuft oder es irgendwo geklemmt hat und der Dispozug in den Einsatz gehen musste. Wirklich immer, egal ob ich in den Dienst gehe oder auf dem Weg zu was ganz Anderem bin, muss ich einfach nachschauen, ob der Dispozug da ist oder nicht – eine klassische Déformation professionelle und, falls ich Begleitung habe, kennt diese dann sicherlich ein Geheimnis der Pünktlichkeit unseres Bahnsystems mehr!