Im falschen Leben – eine Parabel

Bei den anderen sieht es so locker aus. Während sie vom Brückengeländer abspringen, breiten sie einfach die Flügel aus, flattern ein, zwei Mal und schon werden sie von der Luft getragen. Es sieht aus, als wäre es das Einfachste der Welt, als ob sie nichts dabei überlegen müssten.

Bei mir ist es anders. Ich habe jedes Mal das Gefühl, als spränge ich ins Leere, in einen Abgrund. Im Moment, wo meine Füsse den Kontakt zum steinernen Brückengeländer verlieren, kriege ich Panik. Es ist, als spränge ich ins Nichts. Die ersten zwei Flügelschläge führe ich jeweils hektisch aus. Danach geht es besser, die Luft trägt auch mich leicht. Doch zuerst ist immer diese Angst, dass sie mich nicht halten kann und ich zur Erde falle.

Ich wünschte mir sehr, dass unsere Kolonie an einen anderen Ort ziehen würde, dass ich nicht immer von so weit oben starten müsste, wenn wir ausfliegen. Die Brücke ist hoch, ich versuche jeweils beim Starten nicht nach unten zu schauen. Die anderen schauen mich schon komisch an. So bin ich doch eine erfahrene Fliegerin und weit oben in den Lüften eigentlich eine der Agileren. Wären da nur nicht die Starts und die Flüge nahe am Boden oder knapp über dem Meer.

Meine Kolonie ist umgezogen. Wir leben nun am Boden, haben einen schönen Teich, werden regelmässig gefüttert. Es ist zwar kühler hier, doch mir macht dies nichts aus. Auch nicht, dass uns ab und zu die längsten Schwungfedern gerupft werden. Viele sind unzufrieden und äussern sich ungehalten über unser neues Habitat. Viele beklagen sich auch, dass wir nicht mehr fliegen. Mir gefällt es, ich bin glücklich hier.

Und wir werden auch nicht mehr von Fischern verjagt. Ganz im Gegenteil, wir sind nun gar etwas prominent. Gerade gestern las ein Kind das Schild am Zaun laut vor: „Flamingos (Phoenicopteriformes), Vorkommen Süd-, Mittel- und Nordamerika sowie Europa, Afrika und Südwestasien. Bevorzugte Nahrung: Plankton, Fische, Krebse, Muscheln und anderes Kleintier des Meeres, Samen, Wasserpflanzen.“

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