Diesen Sommer hatte ich die Gelegenheit, eine sechswöchige Auszeit zu nehmen.
Die Vorfreude war riesig.
Die Verheissungen ebenso: Es lockte die grosse Freiheit.
Die Realität war dann aber ganz anders.
Zeit für eine Bilanz.
Gemischte Bilanz
Einerseits habe ich viel erlebt, erlaufen, erlesen, nachgedacht und mich ausgeruht.
Andererseits bleiben trotz Musse meine grossen Fragen an das Leben weiterhin ungeklärt. Auch zeigte sich, dass sich gute Laune nicht automatisch mit Freiraum einstellt. Die eigenen Unzulänglichkeiten bleiben bestehen und reisen überall mit.
Und Strukturlosigkeit zeigt ebenfalls schnell ihre Tücken – oder dass manches in der Erwartung besser erscheint als später in der Realität.
Alles in allem war diese Auszeit deshalb eine spannende Erfahrung und ein kleines Lehrstück in Sachen conditio humana – mit einer unerwartet gemischten statt nur positiven Bilanz.
Bezeichnend: In der letzten Woche sagte ich sogar zwei weitere Auswärtsübernachtungen ab, weil ich von Menschen, Eindrücken und Unterwegssein schlicht satt bis müde war. Dies, obwohl ich die kleine Schweiz nie verliess, nur Bergaufenthalte machte und auch einen grossen Teil der Auszeit zu Hause verbrachte.
Was nehme ich mit?
Mehr freie Zeit bedeutet nicht automatisch mehr Wohlbefinden.
Offenbar braucht es nicht maximale Freiheit, sondern die richtige Dosis davon.
Sinnvoll erscheint mir deshalb:
- Alltag mit genügend Freiraum + Mikroabenteuern.
- Gelegentliche Unterbrechungen des Alltags zur Erholung.
- In diesen kürzeren Auszeiten wirklich abschalten und möglichst viel rausgehen – im doppelten Sinne: gedanklich und aus der Stadt.
- Die Rückkehr in Alltag, Routinen und Struktur bewusst schätzen.
- Längere Auszeiten brauchen eine gewisse Struktur, sonst können sie in Leere kippen.
Persönliche Lebenssituation beachten
Die sechs Wochen waren nicht die optimale Dosis in meiner jetzigen Lebensphase.
Früher war das anders: Freie Zeit hatte bei mir immer ein Ziel und mehrere parallele Projekte – intellektuelle, sportliche, politische, schriftstellerische oder zuletzt auch Instagram. Diese Missionen erzeugten Getriebenheit. Die Freiheit war Mittel zum Zweck und konnte deshalb scheinbar nie gross genug sein.
Diese Getriebenheit fällt bei mir inzwischen weitgehend weg. Und damit fühlt sich Freiheit plötzlich anders an. Sie kann sich sogar ungewohnt, leer oder beinahe unverdient anfühlen, während rundherum die Welt weiter umtriebig ist. Rational ist dieses schlechte Gewissen vermutlich unbegründet – aber es ist trotzdem da.
Die spannenden Fragen, die nach dem Getriebensein, den Ambitionen und den Zielen bleiben, lauten deshalb: Welche Dosis Freiheit tut einem Menschen tatsächlich gut?
Und persönlich:
Brauche ich wieder Ziele, Ambitionen und die daraus entstehende Getriebenheit?
Oder gäbe es einen Zwischenweg?
- Ziele ohne Zwang.
- Projekte ohne Mission.
- Ambition ohne Selbstwertbindung.
- Struktur ohne Gefängnis.
Diesen Sommer wollte ich die Auszeit ganz frei angehen und nahm mir bewusst nichts vor. Ich dachte, ich müsste möglichst viel Freiheit haben, um sie möglichst gut geniessen zu können.
Tatsächlich scheint mir ein gewisses Mass an Aufgabe und Anstrengung zu helfen, Freiheit überhaupt als Freiheit zu erleben.
Freiheit ist somit nicht unbedingt die Abwesenheit von Verpflichtung. Vielleicht braucht Freiheit einen Rahmen, damit sie sich gut anfühlt.
Weiterführende philosophische Schlussfolgerungen
In den älteren Texten dieses Blogs geht es immer wieder um Spannung und Entspannung im richtigen Verhältnis als Bedingung für ein gutes Leben.
Bereits erlebt hatte ich (z.B. zuletzt durch Instagram siehe dazu Der Mann mit Reichweite – Drei Jahre Instagram), dass zu viel Spannung zu folgendem führt:
→ Getriebenheit
→ Überlastung
→ Energieverlust
→ Unfreiheit
Meine Sommerauszeit hat mir nun gewissermassen die Gegenprobe geliefert.
Zu viel Entspannung kann führen zu:
→ Strukturlosigkeit
→ Leere
→ wenig Antrieb
→ weniger Erfüllung als in der Vorstellungen erwartet
Die interessante Zone liegt also dazwischen – in der Balance, im richtigen Mass.
Meine Sommerauszeit war damit vielleicht weniger eine Antwort als ein Experiment, das eine alte Einsicht wieder sichtbar gemacht hat:
Μηδὲν ἄγαν – nichts im Übermass.
Mit 16 Jahren hatte ich in meiner ersten Altgriechischstunde einen Spruch kennengelernt, der mir sofort gefiel und den ich mir damals sogar als meinen persönlichen Leitspruch ins Heft schrieb.
Später wurde daraus im Laufe der Jahre ein ziemlich grundlegendes Prinzip meines Lebens: Verschiedene Interessen und Tätigkeiten verfolgen und immer wieder nach einer Balance suchen. Die beiden Dinge gehören für mich zusammen – gerade die Vielfalt braucht genügend Freiraum, und der Freiraum wird durch unterschiedliche Tätigkeiten überhaupt erst sinnvoll gefüllt.
In einigen Texten dieses Blogs taucht derselbe Gedanke immer wieder auf: Spannung und Entspannung im richtigen Verhältnis, Ruhe und Aktivität, Anstrengung und Erholung. Entspannung ohne vorherige Spannung schmeckt fade. Gleichzeitig darf eine angespannte Phase nicht zum Dauerzustand werden.
Und genau das habe ich diesen Sommer praktisch ausprobiert.
Ich habe die Spannung weitgehend herausgenommen und begann meine Auszeit ohne sportliche Mission, ohne Schreibprojekt, ohne Instagram, ohne Ambition, irgendwohin zu kommen, ohne Ambition, gesehen zu werden und ohne grosse Reiseabsichten.
Stattdessen wollte ich nur Freiheit und Entspannung.
Und siehe da:
Freiheit und Entspannung sind schön– aber offenbar nicht im Übermass.
Frühere Auszeiten waren immer zu voll. Es ging nie ohne mehrere parallele Projekte, sportliche Ziele, intellektuelle Vorhaben, politisches Engagement, Schreiben, später Instagram. Das gab mir enorm viel Energie und Richtung, aber eben auch Unruhe und das Gefühl, nie anzukommen.
Diesen Sommer habe ich erlebt, dass auch Entspannung kippen kann.
Nicht in Stress – sondern in Leere.
Vielleicht liegt ein guter Kompromiss in Ambition ohne Getriebenheit.
Eigentlich lebe ich schon länger nach diesem Prinzip.
Ein schönes Beispiel ist ausgerechnet der Sport:
Schon in meinen früheren Texten habe ich beschrieben, dass körperliche Anspannung und anschliessende Entspannung für mich zusammengehören. Die Bewegung selbst kann Selbstzweck sein, aber die Entspannung danach bekommt gerade durch die vorherige Anstrengung ihren besonderen Wert. Eine Balance von Spannung und Entspannung ist auch beim Training entscheidend.
Ich habe das als Sportler also jahrzehntelang auf körperlicher Ebene verstanden.
Vielleicht muss ich es nun auf das ganze Leben übertragen.
Ein Tag, an dem ich morgens konzentriert lese und schreibe und nachmittags in die Berge gehe, kann möglicherweise befriedigender sein als ein ganzer Tag, an dem ich jederzeit tun kann, was ich möchte.
Nicht weil die Freiheit am Nachmittag kleiner wäre.
Sondern weil sie durch die Spannung des Vormittags Kontur bekommt.
Vielleicht ist Freiheit deshalb nicht die Abwesenheit von Verpflichtung. Vielleicht braucht sie einen Rahmen, damit sie sich gut anfühlt.
Damit schliesst sich der Kreis zu dem Satz, den ich mit 16 intuitiv ins Griechischheft geschrieben habe und dessen Bedeutung ich offenbar immer wieder neu lernen muss:
Μηδὲν ἄγαν.
Nichts im Übermass.
Das gilt somit offenbar auch für die Freiheit.
Die eigentliche Frage nach der Sommerauszeit lautet deshalb vielleicht nicht mehr nur:
Welche Dosis Freiheit tut einem Menschen tatsächlich gut?
Sondern:
Wie viel Struktur braucht Freiheit, damit sie sich gut anfühlt – und wie viel Freiheit braucht Struktur, damit sie nicht wieder zur Getriebenheit wird?

