Die Kunst des Gebrauchs der Zeit (Teil 1)

„Oh I wish I could… and I will!
But now I just don’t have the time…“
(…)

So dizzy Mr. Busy – Too much rush to talk to Billy
All the silly frilly things have to first get done
In a minute – sometime soon – maybe next time – make it June
Until later… doesn’t always come
The Cure

IMG_5602.jpegEs ist eine Binsenwahrheit, dass das Leben immer hektischer wird. Darüber beklagten sich jedoch schon viele Generationen vor der unseren. Auch wenn dies eine menschliche Konstante zu sein scheint, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass sich viele Menschen heutzutage gehetzt, ja gar gestresst, fühlen. Sei dies nun aufgrund einer real schneller gewordenen Welt oder nur aufgrund der eigenen Wahrnehmung, Fakt ist, dass die heutige Zeit oft ein Gefühl der Gehetztheit vermittelt und es Not tut, sich darüber Gedanken zu machen, ob wir sinnvoll mit unserer Lebenszeit umgehen oder ob ein anderes Lebenstempo nicht zufriedener machen würde.

Denn, will Mensch ein gutes Leben führen, sollte er oder sie nicht ständig in einer Rushhour durch das Leben hetzen sowie jeweils im Hier bereits gedanklich schon im Dort resp. im Jetzt schon im Danach sich befinden.

Bewusst mit der Zeit umzugehen, gehört zum Kern der autonomen Lebensführung: Nur wer darüber reflektiert, wie sie oder er seine Zeit verwendet, kann dort generös mit seiner oder ihrer Zeit sein, wo es ihr oder ihm wichtig ist, während er oder sie unnötige, einer guten Lebensführung gar entgegenstehende, Zeitfresser eliminiert – oder dort, wo dies nicht möglich ist, diese auf ein Minimum reduziert.

So gilt es beispielsweise zwingende Alltagshandlungen gewohnheitsmässig und routiniert zu vollziehen. Hier bringt es nichts, Dinge aufzuschieben (Prokrastination) und innere Widerstände aufzubauen, die schlussendlich viel Energie – und damit Zeit – kosten.

Hingegen ist es in anderen Lebensbereichen geradezu eine Kunst, die Zeit nicht optimal zu nutzen, wie es heutzutage überall gepredigt wird, sondern auch mal dem Müssiggang zu frönen, sich treiben zu lassen und damit zur Ruhe und zu sich selbst zurückzufinden.

Dies ist teils gar nicht so einfach, denn wir heute lebenden Menschen sind von klein an darauf getrimmt, keine Zeit zu „vergeuden“, immer effizient zu sein und Langeweile als etwas Negatives zu sehen.

Jedoch muss Zeit ohne Zweck und Ziel zu verbringen, gelernt und geübt sein. Wer kennt es nicht, dass sich diese ausdehnt, wenn sie mal „leer“ ist und wir nichts vor haben? Auch wenn dies unangenehm werden kann, ist es wichtig, dies regelmässig zu tun, denn nur ohne Ziel und Zweck kommt eine gewisse Langeweile auf, die zu einer ganz anderen Optik auf sich und die Mitwelt führt. Gerade weiterführende Gedanken, Kreativität und eine Optik von aussen auf das eigene Leben entfalten sich oft erst, wenn man den gewohnten Modus des Tuns und Abarbeitens verlässt – im Hamsterrad fehlt schlicht und einfach der distanzierte Blick auf unser Tun und Lassen.

Zum gelungenen Leben gehört ein bewusstes Spielen mit diesen verschiedenen, teils widersprüchlichen Gebrauchsarten der Zeit. 

Was könnten Handlungsfelder sein, in denen es bewusst immer wieder eine kluge Wahl in Hinblick auf den Einsatz von Zeit zu treffen gilt?

  • Mobilität
    Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Pendelwege, aber auch Wege in der Freizeit, werden immer länger. Mensch verbringt immer mehr Zeit in überfüllten Verkehrsmitteln oder auf verstopften Strassen und es gilt zum guten Ton, möglichst weit in die Ferien zu fliegen. Hier macht es Sinn, periodisch zu überprüfen, ob die persönliche Lebenslage noch stimmig ist, ob die eigenen Bedürfnisse nicht mit einem anderen Modell, manchmal zwar mit einer kurzfristig grösseren Anstrengung (z.B. Umzug) verbunden, nicht langfristig befriedigender wären. Oder es gilt zu prüfen, ob man nur, weil man es kann und die anderen es tun, in die Ferien fliegen muss, anstatt gemütlicher und für die Umwelt weniger schädlich, in der Nähe die Ferien verbringen könnte? Wie befreiend ein Leben der kurzen Wege und Ferien in der Nähe – ganz ohne Reisestress – sind, wissen viele Menschen gar nicht mehr. Dass man dadurch nicht nur Zeit gewinnt, sondern auch achtsamer und sorgfältiger mit der nahen Umgebung und den Menschen darin umgeht, zeigen Studien deutlich auf.
  • Verhältnis von Spannung und Entspannung
    Das eine bedingt das andere –Entspannung ohne Spannung schmeckt fade. Das stimmige Verhältnis zwischen Ruhe und Anstrengung zu finden, ist nicht immer einfach. Hier klug und bewusst zu steuern, ist für ein gelungenes Leben wichtig.
  • Zeitinseln und Zeit für sich selber schaffen
    Es gibt Lebensphasen, in denen es trotz bewusstem Umgang mit der Zeit hektisch wird. Wenn dies punktuell geschieht und die Dauer einer solchen Phase absehbar ist, kann dies zu Dynamik und Lust an der Leistung führen. Eine solche Phase sollte jedoch nicht zum Dauerzustand werden und es ist ganz wichtig, auch in der stressigen Phase selber, immer wieder Zeitinseln zu schaffen, um Energie zu tanken und in sich hineinzuhören. Ohne dies kann sich schleichend eine Sinnleere und Entfremdung entwickeln oder das vegetative Nervensystem macht plötzlich nicht mehr mit, da der Körper zu wenig Erholung hat (Burnout). Da dies schleichend kommen kann, ist es wichtig, in ruhigen Lebensphasen ein Sensorium zur Erkennung von Frühwarnzeichen zu entwickeln, das dann in der hektischen Lebensphase hilft, frühzeitig zu erkennen, dass es kritisch wird und so Gegensteuer gegeben werden kann und man nicht in eine langfristige Krise gerät. Techniken, die in einen solchen Werkzeugkasten des in sich hinein Horchens gehören, werden an anderer Stelle der Serie näher erörtert. Stichworte dazu sind Achtsamkeit, Atmungstechniken oder Meditation aber auch Selbstvertrauen und Nein-Sagen-Können.
  • Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung (zeitliche Autonomie)
    Wie im einleitenden Text erwähnt, gehört es, wie bei so vielen Themen dieser Serie, zu einem befriedigenden Leben dazu, auch den Umgang mit der Zeit selbstreflexiv und so gut als möglich (teil)autonom zu vollziehen. Letztgenanntes ist natürlich nur bedingt möglich. Jeder und jede muss Zeit dafür aufwenden, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und viele Alltagshandlungen immer wieder abzuarbeiten. Kommt Familie dazu, werden diese Zwänge in der Regel grösser. Es bleiben jedoch immer Möglichkeiten, zu steuern. Einerseits kann man den materiellen Bedarf so beschränken, dass möglichst wenig Zeit für dessen Sicherung verbraucht werden muss. Andererseits kann man die Rahmenbedingungen so einrichten (z.B. Leben der kurzen Wege), dass die Zeit, die man zwingend aufwenden muss, möglichst gering ist.
    Und in jedem Lebensarrangement bleiben Zeitinseln, die man autonom nutzen kann. Dies sollte man dann auch tun. Dies nicht im Sinne von Effizienzsteigerung oder Zwang, möglichst viel reinzustopfen, sondern ganz im Sinne einer Balance von Spannung und Entspannung, aktiver Steuerung von Ruhe und Aktivität. Denn gerade ungenutzte Zeit (z.B. beim Anstehen), ist nur scheinbar leer, da solche Mikropausen, wo die Gedanken mal frei rumstreifen können, dienen dem Gehirn als Erholung und fördern das assoziative Denken. Ausserdem können viele Alltagsverrichtungen, wie z.B. das Abwaschen oder der Hausputz, achtsam gemacht werden, was ihnen eine ganz andere Qualität verleiht.
  • Umgang mit neuen (sozialen) Medien
    Über sie wurde in letzter Zeit viel geschrieben. Die Extrem-Meinungen gehen dabei weit auseinander: Auf der einen Seite werden sie als Heilbringer angesehen. Für Vertreterinnen und Vertreter dieser Meinung sind sie die Erneuerer der Demokratie, die Einbinder der ganzen Welt und bieten sie ungeahnte Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Während auf der anderen Seite eine düstere Verteufelung stattfindet. Neue Medien werden hier als Drogen, designt, um uns süchtig, dumm und manipuliebar zu machen, angesehen.
    Die Wahrheit liegt wohl dazwischen: Es gibt Chancen und Gefahren.
    Ein bewusster Umgang tut somit Not, alles andere wäre naiv. Ausserdem sind wir verschieden, so dass jeder Mensch selber überlegen muss, ob –und falls ja, wie viel davon – er oder sie in seinem Leben haben möchte.
    Die Thematik der neuen Medien, insbesondere auch der sozialen, wird an anderer Stelle im Blog noch vertieft behandelt. Hier soll im Zusammenhang mit dem Gebruach der Zeit nur darauf hingewiesen werden, dass die neuen Medien schnell zu „Zeitfressern“ werden und eine bewusste Wahl, ob  – und falls ja, wie viel  – Zeit man damit verbringen will, zwingend bewusst getroffen werden muss: Der Sog der neuen Medien ist unumstritten zu gross (sie sind tatsächlich bewusst so konstruiert, dass sie unser Belohnungszentrum ansprechen und daher schnell abhängig machen), als dass man sich einfach so unreflektiert darin tummeln sollte. Ausserdem behindert der Mechanismus des ständigen Vergleiches mit anderen (resp. deren überhöhter Selbstdarstellung) die Förderung der Zufriedenheit – dazu aber an anderer Stelle dann mehr.

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Sustine et abstine (13) – der Mensch (8)

 

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