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Sommer 26 – ein lebensphilosophisches Praxis-Experiment

Diesen Sommer hatte ich die Gelegenheit, eine sechswöchige Auszeit zu nehmen.

Die Vorfreude war riesig.
Die Verheissungen ebenso: Es lockte die grosse Freiheit.

Die Realität war dann aber ganz anders.
Zeit für eine Bilanz.

Gemischte Bilanz

Einerseits habe ich viel erlebt, erlaufen, erlesen, nachgedacht und mich ausgeruht.

Andererseits bleiben trotz Musse meine grossen Fragen an das Leben weiterhin ungeklärt. Auch zeigte sich, dass sich gute Laune nicht automatisch mit Freiraum einstellt. Die eigenen Unzulänglichkeiten bleiben bestehen und reisen überall mit.

Und Strukturlosigkeit zeigt ebenfalls schnell ihre Tücken – oder dass manches in der Erwartung besser erscheint als später in der Realität.

Alles in allem war diese Auszeit deshalb eine spannende Erfahrung und ein kleines Lehrstück in Sachen conditio humana – mit einer unerwartet gemischten statt nur positiven Bilanz.

Bezeichnend: In der letzten Woche sagte ich sogar zwei weitere Auswärtsübernachtungen ab, weil ich von Menschen, Eindrücken und Unterwegssein schlicht satt bis müde war. Dies, obwohl ich die kleine Schweiz nie verliess, nur Bergaufenthalte machte und auch einen grossen Teil der Auszeit zu Hause verbrachte.

Was nehme ich mit?

Bild: Sarah Beyeler

Mehr freie Zeit bedeutet nicht automatisch mehr Wohlbefinden.

Offenbar braucht es nicht maximale Freiheit, sondern die richtige Dosis davon.

Sinnvoll erscheint mir deshalb:

  • Alltag mit genügend Freiraum + Mikroabenteuern.
  • Gelegentliche Unterbrechungen des Alltags zur Erholung.
  • In diesen kürzeren Auszeiten wirklich abschalten und möglichst viel rausgehen – im doppelten Sinne: gedanklich und aus der Stadt.
  • Die Rückkehr in Alltag, Routinen und Struktur bewusst schätzen.
  • Längere Auszeiten brauchen eine gewisse Struktur, sonst können sie in Leere kippen.

Persönliche Lebenssituation beachten

Die sechs Wochen waren nicht die optimale Dosis in meiner jetzigen Lebensphase.

Früher war das anders: Freie Zeit hatte bei mir immer ein Ziel und mehrere parallele Projekte – intellektuelle, sportliche, politische, schriftstellerische oder zuletzt auch Instagram. Diese Missionen erzeugten Getriebenheit. Die Freiheit war Mittel zum Zweck und konnte deshalb scheinbar nie gross genug sein.

Diese Getriebenheit fällt bei mir inzwischen weitgehend weg. Und damit fühlt sich Freiheit plötzlich anders an. Sie kann sich sogar ungewohnt, leer oder beinahe unverdient anfühlen, während rundherum die Welt weiter umtriebig ist. Rational ist dieses schlechte Gewissen vermutlich unbegründet – aber es ist trotzdem da.

Die spannenden Fragen, die nach dem Getriebensein, den Ambitionen und den Zielen bleiben, lauten deshalb: Welche Dosis Freiheit tut einem Menschen tatsächlich gut?

Und persönlich:

Brauche ich wieder Ziele, Ambitionen und die daraus entstehende Getriebenheit?

Oder gäbe es einen Zwischenweg?

  • Ziele ohne Zwang.
  • Projekte ohne Mission.
  • Ambition ohne Selbstwertbindung.
  • Struktur ohne Gefängnis.

Diesen Sommer wollte ich die Auszeit ganz frei angehen und nahm mir bewusst nichts vor. Ich dachte, ich müsste möglichst viel Freiheit haben, um sie möglichst gut geniessen zu können. 

Tatsächlich scheint mir ein gewisses Mass an Aufgabe und Anstrengung zu helfen, Freiheit überhaupt als Freiheit zu erleben.

Freiheit ist somit nicht unbedingt die Abwesenheit von Verpflichtung. Vielleicht braucht Freiheit einen Rahmen, damit sie sich gut anfühlt.

Weiterführende philosophische Schlussfolgerungen

In den älteren Texten dieses Blogs geht es immer wieder um Spannung und Entspannung im richtigen Verhältnis als Bedingung für ein gutes Leben.

Bereits erlebt hatte ich (z.B. zuletzt durch Instagram siehe dazu Der Mann mit Reichweite – Drei Jahre Instagram), dass zu viel Spannung zu folgendem führt:

→ Getriebenheit
→ Überlastung
→ Energieverlust
→ Unfreiheit

Meine Sommerauszeit hat mir nun gewissermassen die Gegenprobe geliefert.

Zu viel Entspannung kann führen zu:

→ Strukturlosigkeit
→ Leere
→ wenig Antrieb
→ weniger Erfüllung als in der Vorstellungen erwartet

Die interessante Zone liegt also dazwischen – in der Balance, im richtigen Mass.

Meine Sommerauszeit war damit vielleicht weniger eine Antwort als ein Experiment, das eine alte Einsicht wieder sichtbar gemacht hat:

Μηδὲν ἄγαν – nichts im Übermass.

Mit 16 Jahren hatte ich in meiner ersten Altgriechischstunde einen Spruch kennengelernt, der mir sofort gefiel und den ich mir damals sogar als meinen persönlichen Leitspruch ins Heft schrieb.

Später wurde daraus im Laufe der Jahre ein ziemlich grundlegendes Prinzip meines Lebens: Verschiedene Interessen und Tätigkeiten verfolgen und immer wieder nach einer Balance suchen. Die beiden Dinge gehören für mich zusammen – gerade die Vielfalt braucht genügend Freiraum, und der Freiraum wird durch unterschiedliche Tätigkeiten überhaupt erst sinnvoll gefüllt.

In einigen Texten dieses Blogs taucht derselbe Gedanke immer wieder auf: Spannung und Entspannung im richtigen Verhältnis, Ruhe und Aktivität, Anstrengung und Erholung. Entspannung ohne vorherige Spannung schmeckt fade. Gleichzeitig darf eine angespannte Phase nicht zum Dauerzustand werden.

Und genau das habe ich diesen Sommer praktisch ausprobiert.

Ich habe die Spannung weitgehend herausgenommen und begann meine Auszeit ohne sportliche Mission, ohne Schreibprojekt, ohne Instagram, ohne Ambition, irgendwohin zu kommen, ohne Ambition, gesehen zu werden und ohne grosse Reiseabsichten.

Stattdessen wollte ich nur Freiheit und Entspannung.

Und siehe da:
Freiheit und Entspannung sind schön– aber offenbar nicht im Übermass.

Frühere Auszeiten waren immer zu voll. Es ging nie ohne mehrere parallele Projekte, sportliche Ziele, intellektuelle Vorhaben, politisches Engagement, Schreiben, später Instagram. Das gab mir enorm viel Energie und Richtung, aber eben auch Unruhe und das Gefühl, nie anzukommen.

Diesen Sommer habe ich erlebt, dass auch Entspannung kippen kann.

Nicht in Stress – sondern in Leere.

Vielleicht liegt ein guter Kompromiss in Ambition ohne Getriebenheit.

Eigentlich lebe ich schon länger nach diesem Prinzip.

Ein schönes Beispiel ist ausgerechnet der Sport:

Schon in meinen früheren Texten habe ich beschrieben, dass körperliche Anspannung und anschliessende Entspannung für mich zusammengehören. Die Bewegung selbst kann Selbstzweck sein, aber die Entspannung danach bekommt gerade durch die vorherige Anstrengung ihren besonderen Wert. Eine Balance von Spannung und Entspannung ist auch beim Training entscheidend.

Ich habe das als Sportler also jahrzehntelang auf körperlicher Ebene verstanden.

Vielleicht muss ich es nun auf das ganze Leben übertragen.

Ein Tag, an dem ich morgens konzentriert lese und schreibe und nachmittags in die Berge gehe, kann möglicherweise befriedigender sein als ein ganzer Tag, an dem ich jederzeit tun kann, was ich möchte.

Nicht weil die Freiheit am Nachmittag kleiner wäre.

Sondern weil sie durch die Spannung des Vormittags Kontur bekommt.

Vielleicht ist Freiheit deshalb nicht die Abwesenheit von Verpflichtung. Vielleicht braucht sie einen Rahmen, damit sie sich gut anfühlt.

Damit schliesst sich der Kreis zu dem Satz, den ich mit 16 intuitiv ins Griechischheft geschrieben habe und dessen Bedeutung ich offenbar immer wieder neu lernen muss:

Μηδὲν ἄγαν.
Nichts im Übermass.

Das gilt somit offenbar auch für die Freiheit.

Die eigentliche Frage nach der Sommerauszeit lautet deshalb vielleicht nicht mehr nur:

Welche Dosis Freiheit tut einem Menschen tatsächlich gut?

Sondern:

Wie viel Struktur braucht Freiheit, damit sie sich gut anfühlt – und wie viel Freiheit braucht Struktur, damit sie nicht wieder zur Getriebenheit wird?

Ich laufe weiter

Ich stehe sehr früh auf.

Ich laufe.

Nicht schnell.  

Aber weit.

Früher ging es um Leistung.

Und darum, gesehen zu werden.

Heute nicht mehr.

Der Körper bewegt sich.  

Der Kopf wird stiller.

Ich erwarte nicht mehr viel vom Laufen.

Kein Fortschritt.  

Kein Ziel.

Nur Schritte.

Nur Draussensein.

Fluchten aus dem Alltag.

Nur Erlebnisse in den Bergen.

Nur Wind und Wetter spüren.

Mikroabenteuer.

Das reicht.

Meistens.

Ich werde älter.

Der Körper merkt das.

Er funktioniert noch.

Das genügt.

Der Kopf ist klarer. 

Ich laufe weiter.

Lauf des Lebens

In jungen Jahren
wer nicht kämpft, hat schon verloren
Identität im Gegen und Trotzdem
Revolte, Widerstand, Opposition
Vitalität dauernd demonstrieren
Unruhe als Lebenselixier
schaut her: Ich bin hier!

In mittleren Jahren
sich mit dem Gegebenen arrangieren
Besonnenheit wächst mehr und mehr
ruhige Nische gefunden = Jackpot
Unsichtbarkeit tut weniger weh
Verstrickungen minimiert
Beständigkeit als Ziel

In reifen Jahren
besonnen und weich – Kampf und Härte jetzt Torheit
gelassen aus der dritten Reihe kommentiern
Bewusstheit: es ist die letzte Jahreszeit
aussen sanft – innen konsequent
schwindende Kräfte bündeln
Freiheiten riesengross







Vom Lauf=Sinn des Lebens

Du wirst geboren
Alles vorbewusst

Zäck – ein ICH gerufen in die Existenz!

Schau dich um:
Meine Zeit?
Mein Ort?
Was für eine spannende…
und doch so (verw)IRR(nd)E Welt!

Wo bin ich hier gelandet?
Wer ist sonst noch da?

Ach so: Nur ein Fleischblobb?!
Ach so: So viele andere schon vor Ort?!
Ach so: So viel System implementiert?!
Ach so: Freiheit nur sehr bedingt?!
Ach so: Limitierungen allenthalben?!
Ach so: Leiden gehört zum prallen Leben dazu?!

Aber erstmal HALT:
Schau dich um –
orientier dich mal!

Was ist schon da?
Was wird gewusst?
Was wurde schon gedacht?
Was weiss niemand?
Vor was wird gewarnt?
Was darf man glauben?
Wer könnte Vorbild sein?
Wer das Gegenteil?
Was zeigte die Zeit?
Was kann ich tun?
Uff, es gibt so viel zu tun!

Nimm dir ZEIT
Hol dir Rat
Hör gut zu

Noch: Nichts eilt!
Übe die Besonnenheit!

Lerne dieses Dasein kennen
Lerne die Existenz zu spüren
Lerne die anderen kennen
Lerne dich im Spiegel der anderen zu sehen
Lerne Emotionen kennen
Lerne die Grenzen des Wissens kennen

Lerne DICH kennen:
Schwächen – klar!
Stärken – aber ja!

Pass auf: Die Gier!
Pass auf: Der Vergleich!
Pass auf: Das Echsenhirn (Dopamin)!
Pass auf: Viel Ratenfängerei!
Pass auf: Lerne zu dosiern!
Pass auf: Viele Dogmen und deren Verführer!
Pass auf: FOMA!
Pass auf: Solidarität versus mein eigenes Ego?
Pass auf: So viele reale und mentale Gifte!
Pass auf: Auch du zuinnerst nur ein Tier!
Pass auf: Auch du gebunden an den Zeitgeist!
Pass auf: Auch dein Wissen = Vorläufigkeit!

Dann erst: Entscheide!
Dann erst: Werte müssen zwingend her!
Dann erst: Das wird mein Weg!
Dann erst: Jetzt bin ich wer!

Die Richtung stimmt:
Jetzt geht es los

Falle ein!
Falle um!
Falle rein!
Falle durch!
Falle auf!
FALL IN LOVE!

Juche, es geht voran!

Halt inne: Bilanz
Halt inne: Werte noch da?
Halt inne: Innerer Orientierung gewahr?
Halt inne: Gewohnheiten im Griff?
Halt inne: Wie steht’s um Dankbarkeit?
Halt inne: Stimmen die Balancen?
Halt inne: Ich und die anderen?
Halt inne: Die richtige Truppe?
Halt inne: Besser nun Freischärler sein?
Halt inne: Der Pflicht zur Salutogenese gewahr?
Halt inne: Körper und Geist im Gleichgewicht?
Halt inne: Tempo (noch) OK?
Halt inne: Erlebnissdichte im grünen Bereich?
Halt inne: Genug des sozialen Netzes da?

Rekalibrier, korrigier, räum auf –
jetzt bleibt noch Zeit!

Und weiter geht’s
Die Zeit zerrinnt!

Die Energie nimmt ab…
die Wehwechen jedoch zu
Hey, bleib locker:
Ist voll normal!

Pass auf: FOMA 2.0
Pass auf: Vergleich 2.0
Pass auf: Die Zeit vergeht…
Pass auf: Du bist deine Gewohnheiten!
Pass auf: Was hab ich bisher verfehlt?
Pass auf: Memento mori + carpe diem
(du hast erlernt, dass beides geht)

Und weiter diese schwierigen Balancen:
Spannung und Ruh…
ich und die Herde…
Haben versus Sein…
Erleben versus Müdigkeit…
Tragen versus Getragenwerden
Ehrgeiz versus Faulheit…
Verantwortung versus ich kann nicht alles tun!
Wann ist genug wirklich genug?

Obacht: Letzte Chance der Korrektur!

Mehr Nachsicht!
Mehr Ruh!
Sei ehrlich: Auch Herbst gehört dazu!

(Nur für die Unbelehrbaren:
Nun ist spätestens auch für euch genug wirklich genug)

Pass auf: Jetzt geht es schnell
Pass auf: Bei Versäumtem eilt’s!
Pass auf: Letzte Chance und dann vorbei!
Pass auf: Am Ende kommt der Blick zurück:

Es bleibt NICHTS ausser deiner ganz persönlichen Bilanz

(Und der allerletzte Unbelehrbare nun erkennt:
Echt VANITAS war alles Streben nach Ruhm und Geld)

Das war‘s – kaum zu glauben:

* Es ist definitiv und endgültig vorbei *

Licht aus – hoffentlich:
What a ride!

Mensch ist, was er isst

Der menschliche Köper gewinnt Energie durch den chemischen Umbau von Molekülen aus der Nahrung.  Aber nicht nur das: Unser Köper wird im wahrsten Sinne des Wortes auch zu dem, was in der Nahrung steckt, denn einerseits speichern wir das, was nicht durch „Veratmung“ – irreführend oft auch als “ Verbrennung“ bezeichnet – in Energie umgewandelt wird, im Körper selber ab (Leber, Fettpölsterchen). Andererseits wechseln wir im Laufe des Lebens mehrmals jede einzelne Zelle in unserem Körper aus und ersetzen diese neu durch Bausteine, die der Körper aus der Nahrung gewinnen muss.

Ausserdem haben einige Stoffe, die durch die Verdauung in den Blutkreislauf gelangen, direkte und indirekte Auswirkungen auf den Hormonhaushalt und dadurch auch auf die Gehirnchemie (siehe dazu Kleine Freuden des Alltags).

Dass wir bewusst überlegen sollten, was wir in unseren Körper einbringen und was nur wenig oder besser gar nicht, ist vor diesem Hintergrund offensichtlich.

Und auch hier gilt es, wie wir schon bei der Bewegung sahen, Gewohnheiten zu schaffen. Denn erst diese machen es leicht, bei den Grundsätzen einer gesunden Ernährung zu bleiben. Dass dies sonst schwierig ist, kennt jede und jeder: Unser Gehirn arbeitet nicht selten gegen unser Wissen und die hehren Vorsätze. Dies, da es in einer Zeit entstanden ist (mehr dazu hier), als wir selten auf energiereiche Nahrung stiessen (z.B. reife Früchte). Geschah dies zufällig mal, feuerte das Hirn ein Feuerwerk von Belohnungshormonen (vor allem Dopamin) ab und signalisierte uns, dass wir nun über Gebühr zuschlagen sollen – wer weiss, wann es wieder eine solche Gelegenheit geben wird.
Heute gibt es jedoch an jedem Kiosk zig solche Gelegenheiten. Unser evolutionär gesehen altes Gehirn regt uns daher quasi dauernd an, die Gelegenheit zu nutzen und über den Hunger hinaus zuzuschlagen. Die Resultate davon sind bekannt (z.B. Übergewicht oder Diabetes).

Zu einer bewussten Lebensführung gehört die Kenntnis solcher Vorgänge im Körper und insbesondere dem Hirn und darauf aufbauend ein bewusstes Einüben des Umganges damit. Für den einen heisst dies, sich asketisch ganz von Nahrungs- und Genussmitteln fern zu halten, die der Gesundheit abträglich sind, während andere die Menge oder Häufigkeit des Konsums bewusst dosieren. Dass weniger dann gar zu mehr Genuss führen kann, wurde unter Antwort auf die Frage der Woche „Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht?“ näher erörtert.*

Bewusst steht im oberen Abschnitt das Wort Einüben, denn es gehört auch zum Menschsein dazu, ab und zu nachsichtig mit sich selber zu sein und es mit der Strenge nicht zu übertreiben und dann zu schmunzeln, wenn uns unser altes Hirn mal wieder überlistet hat und wir uns der Völlerei hingegeben haben. Wird dies nicht gerade zu einem Habitus und wir finden wieder zurück zum Üben (oder zur bereits etablierten Gewohnheit der wohlüberlegten Dosierung), ist das doch nur allzumenschlich und nicht weiter schlimm – nichts im Übermass gilt auch für die Strenge mit sich selber!

Dass ein bewusster Umgang und eine wohlüberlegte Wahl der Lebens- und Genussmittel nicht nur aufgrund der Sorge um sich selbst wichtig ist, sondern auch aus einer breiteren, das Individuum übersteigenden Perspektive, die später in dieser Serie erörtert wird, relevant ist, kann hier, wo es vorerst um das Individuum geht, nur angedeutet werden. Vorweggenommen werden kann hier schon mal, dass es sich zeigen wird, dass sich ein Entscheid für eine gesunde Ernährungsweise – z.B. biologische Lebensmittel aus der Region oder der Verzicht (oder zumindest das starke Einschränken) des Konsums von Fleisch und weiteren tierischen Nahrungsmitteln  – sich dann gut decken wird, mit gesamtgesellschaftlichen und ökologischen Prinzipien einer guten Lebensführung.

Vorerst bleiben wir jedoch noch beim Menschen als Individuum und schauen uns als nächstes an, was es in Hinblick auf ein an einen Körper gebundenes Dasein weiter zu beachten gilt.

 

 

 

*Für mich ganz persönlich hat sich z.B. im Umgang mit Süssem (Nahrungsmittel mit viel raffiniertem Zuckern (hoher glykämischer Index)) ein Jokersystem bewährt: Jeden Monat gebe ich mir selber vier Jokertage. Diese setze ich dann zu besonderen Gelegenheiten (z.B. Feste), als Belohnung für besondere Leistungen oder als Trost in schwierigen Momenten ein. An diesen Tagen gibt es dann Süsses nach Lust und Laune, an den übrigen Tagen jedoch gar nichts. Dieses System lässt Genuss – gar ab und zu mal regelrechte Völlerei – zu, es beschränkt jedoch die Gefahr des sich Gewöhnens oder gar süchtig zu werden. Ausserdem steigert es den Genuss, da etwas Seltenes bewusster wahrgenommen wird und wertvoller erscheint, als hätte man es täglich. Und nicht zuletzt lernt man sich selber besser kennen, wenn man bewusster in sich hinein hört, um zu entscheiden, ob es sich nun lohnt, einen der Joker einzusetzen (echtes Bedürfnis?) oder es nur ein vorübergehendes Gelüste nach Süssem ist, das bald vorbeigehen wird und man eigentlich wenig davon hätte, nun nachzugeben.

Sustine et abstine (8) – der Mensch (3)