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Tipps für Ausdauersport-Treibende mit Ambitionen (Teil 1)

Im Internet finden sich viele Trainingspläne oder Videotipps für Ausdauersportler und Ausdauersportlerinnen. Auch gibt es zur Trainingslehre und verwandten Gebieten wie z.B. Ernährung viele gute Bücher. Dieser Blogbeitrag soll nicht dasselbe bieten, sondern dieses vorhandene Wissen um praktische Tipps ergänzen. Er ist nicht aus rein sportwissenschaftlicher Sicht geschrieben, sondern basiert auf den persönlichen 20 Jahren Erfahrung mit wettkampforientiertem Ausdauersport. In diesem Lebensabschnitt war ich sehr viel mit anderen Sportlern und Sportlerinnen unterwegs (s. Der Überlebende – die Geschichte einer Passion) und es gab dabei einen regen Austausch. Auch wurde ich von verschiedenen Trainern, Physiotherapeutinnen oder Masseuren sowie Sportwissenschaftlern begleitet. Somit fliessen Erfahrungen von ganz vielen verschiedenen Akteuren des Sports in den Text ein.

Ging es im Text Tipps für Sporttreibende ohne Ambitionen eher um das Überlisten des inneren Schweinehundes, geht es in diesem Beitrag hingegen darum, wie man es schafft, eine hohe Leistung punktgenau abrufen zu können sowie dabei gesund zu bleiben.

Tipps für Ausdauersport-Treibende mit Ambitionen (Teil 1):

  • Die Vier-Einheiten-Regel
    Es geht leider nicht anders – will man in einem grösseren Rennen im ersten Drittel landen oder eine ansprechende Zeit über ein Langdistanzrennen schaffen, muss man das ganze Jahr mindestens vier Trainingseinheiten in der Woche absolvieren (ideal sind fünf, ausgenommen von der Regel sind natürlich Erholungswochen, dazu unten dann mehr). Für Läufer und Läuferinnen kommen noch zwei Mal Stabilisierungsübungen mittels Eigengewicht dazu. Im Ausdauersport gilt generell nur die Devise „ohne Fleiss kein Preis“ – ich traf ein paar gar sehr talentierte Menschen, doch auch sie kamen nicht darum herum, ihre vielen hundert Stunden zu trainieren – das Talent kam ganz am Schluss zum Zuge, macht wohl nur ein paar Prozente aus. Der Rest ist Geduld, Biss und harte Arbeit!
  • Zeit im Puls
    Während es für Gesundheitsporttreibende wichtig ist, dass sie sich überhaupt bewegen, zählt für die Ambitionierten Genauigkeit: Mache einen Belastungstest (z.B. Conconi oder Laktatstufen) und danach gilt es, die nötige Zeit in den richtigen Pulsbereichen zu verbringen und nicht einfach wie ein wildes Rösslein draufloszutraben oder immer nur im Komfortbereich herumzugurken. Wenn dir die dahintersteckende Trainingslehre und -philosophie noch nicht bekannt ist, lass dich beraten, lese Bücher oder informiere dich im Internet: Je nach Distanz sind die Trainingsreize anders zu setzen – sie aber nun gezielt zu setzen, das wird dein tägliches Geschäft.
  • Lange Einheiten als Schlüssel
    Tja, die langen Einheiten im sehr tiefen Pulsberiech („Fettverbrennung“, Grundlagenausdauer) sind der Schlüssel. Ich weiss, es macht nicht immer Freude, langsam und lange zu rennen, ewig flach um Seen Rad zu fahren oder in den harten Langlaufschuhen Stunden zu absolvieren, wenn die anderen schon beim Apéro sind. Aber daran führt kein Weg vorbei: Als Läuferin musst du einfach einmal in der Woche zwei Stunden plus machen, als Velofahrer 3.5h plus oder im Winter auf den Langlaufskis 2.5h plus abspulen – was spielt primär keine Rolle (Velofahren können im Winter auch viel rennen, Langlauf ist eh für alle gut, siehe unten), es geht hier primär um die Optimierung des Metabolismus (Stoffwechsel), Du kannst beliebig kombinieren – Zeit im Puls, wie oben beschrieben, ist das Wichtigste. Das sind dann die Grundlagen, durch lange Einheiten erarbeitet – die Läuferinnen und Radfahrer werden somit im Winter gemacht, die Querfahrer und Langläuferinnen (Winter in Topform) im Sommer.
  • Der brutale Steigerungslauf
    Der Steigerungslauf mittlerer Länge: Tja, auch er ist nicht schön. Sei es rennend oder an einem Berg mit dem Velo, denn er tut am Ende richtig weh. Doch erst dann lernt dein Körper mit den Abbauprodukten des Stoffwechsels umzugehen. Konkret solltest du jede Woche eine mittellange Einheit machen, bei der du sehr langsam anfängst und immer schneller wirst, ehe du dich dann am Ende ca. 10-15 Minuten am absoluten Limit bewegst.
  • Der Geheimtipp
    LLLanglauf ist der Alternativsportgeheimtipp für Läufer und Radfahrerinnen – sanft, ohne Schläge sind auch für Laufende lange und sehr lange Einheiten möglich, während du als Radsportlerin eine Variante hast, bei der dir im Winter nicht nach kurzer Zeit trotz Schuhüberzügen und teuren Winterschuhen die Zehen und Finger abfrieren. Ausserdem hilft es die Oberschenkel zu stärken, was dir dann in der Velosaison zu Gute kommt. Und du tust auch was für Ausdauer und Koordination. Ausserdem ist es mental eine schöne Abwechslung, lautlos durch eine Winterlandschaft zu gleiten. Ideal ist, gegen Ende Winter eine ganze Woche einen Grundlagenblock auf den Langlaufskis zu machen.
  • Das verhasste Intervalltraining
    Willst du wirklich schneller werden? Dann mache Intervalltraining! Ich weiss, sie sind mühsam, doch es geht nicht anders. Welche Formen es gibt und wie lange sie dauern sollen, hängt von deinen Zielen ab, dazu findest du einfach Tipps im Internet – absolvieren musst du sie aber dann konsequent. Auf dem Velo bewährte sich das Fahrtspiel in der Gruppe: Fährt zusammen in coupiertem Gelände und dann gibt es an jedem Hügel ein kleines Privatrennen. Funktioniert auch mit Ortstafeln oder beim Joggen mit kleinen Hügelchen und wer oben als erstes ankommt kriegt einen Punkt. Musst du immer alleine trainieren, so kaufe dir als Läufer eine GPS-Uhr und quäle dich damit in den Intervallen. Auf dem Velo bewährte sich bei mir ein Wattzähler.
  • Das Körpergewicht
    Mh, auch hier ist es einfach: Du musst auf dein Körpergewicht schauen. Denn, noch viel mehr als mehr zu trainieren, hilft es, leicht zu sein. So muss ein Marathonläufer bei jedem Schritt sein Gewicht heben und man geht davon aus, dass ein Kilogramm weniger sage und schreibe 2 Minuten bringt (bei Halbmarathon 1 Minuten). Für Velofahrerinnen, die Rennen mit vielen Höhenmetern beschreiten, ist es ähnlich, hier gilt nur Watt/Kilo und da 2-3 kg weniger zu haben, bringt mehr als viel mehr zu trainieren (wohl um die 2 Minuten auf 1000 hm/kg). Also, kauf dir eine Waage und ernähre dich vernünftig – gut, essen kannst du sehr viel, wenn du 4-5 Mal in der Woche trainierst, liegt auch noch oft Kuchen und Co. drin, doch eben, behalte das Gewicht trotzdem im Auge, es  ist ein entscheidender Faktor.
  • Das Material (1)

    Ausrüstungjoggen
    Nicht schön, sondern zweckmässig, langlebig und auf dich angepasst muss es sein, du verbringst damit nun viel Zeit!
    Nicht schön, sondern zweckmässig, langlebig und auf dich angepasst muss es sein, dein Material: Du verbringst damit nun viel Zeit! Ist es für die Breitensportlerinnen motivierend, schöne, neue Kleider und weiteres Material zu haben, muss es bei dir, als ambitionierter Sportler hingegen vor allem bewährt, d.h.  gut sitzend, und zweckmässig sein. Langlebig ist auch ein Kriterium: Trainierst du 4-5 Mal in der Woche und machst 3 bis 5 Trainingslager / Sportferien im Jahr, so dürfen Kleider keine Probleme machen und das viele Waschen müssen sie wegstecken. Nichts ist mühsamer, als wenn du am zweiten Tag eines zweiwöchigen Trainingslagers irgendwo Scheuerungen hast oder kaum mehr auf dem Velosattel sitzen kannst, weil die neue Velohose genau am falschen Ort eine Naht hat oder du wegen Blasen an den Füssen als Läufer pausieren musst. Genau so ärgerlich ist es, wenn das Schaltkabel im Trainingslager irgendwo in der Pampa reisst oder du mehr Platten als Schläuche und Flickmaterial hast (beides: gell Fredy!), weil du dein Velo nicht gut gewartet hast. Blutende Zehen, weil der Schuh zum halben Preis halt grad eine halbe Nummer zu klein ist, aber du unbedingt das Geld sparen wolltest, bringt dich auf Dauer auch nicht weiter – das mag für 12 km Trainings in tiefem Tempo gehen, für dich nun aber nicht mehr, nun muss das Material passend sein.

Hier geht es weiter zum Teil 2 der Tipps für Ausdauersport-Treibende mit Ambitionen.

 

Die 10 Gebote der Selbstsabotage im Wettkampfsport (ein Erfahrungsbericht)

 

  1. Probiere neue Nahrung kurz vor dem Wettkampf oder im Wettkampf aus – das gibt dir dann einen Zusatzkick!
    Realitätscheck (was wirklich geschah):
    Kohlenhydratpulver 24h Stunden vor einem Bikemarathon als Spezial-Carboloading einfach mal in alles reintun, was man isst: Wird dann für irre Power sorgen! Es führte jedoch zu rasend schneller „Abfuhr “ und dies bereits ab 2 Uhr morgens – die Kraft ging dann schon in der Hälfte des langen Rennens aus.
    Mal ein ganz langes Rennen nur mit Gels fahren, das schont den Magen. Resultat war ein böser Hungerast mit einer Zwangspause liegend in der Alpwiese.
    Redbull wird im Feld in einem Radrennen rumgereicht. Nehme ich doch auch mal ein bisschen, soll ja Flügel verleihen – führte dann etwas später, als es im Schlussaufstieg zur Sache ging, zu einem klebrigen (und nach Kaugummi riechenden) Rennrad (und keinen Flügeln, sondern Gummibeinen).
  2. You’re the Boss – zeig es ihnen von Anfang an! Vollgas ab der Startlinie!
    Realitätscheck:
    Anstatt da, wo ich von meinem Können in der Rangliste her gelandet wäre, landete ich viel weiter hinten und die Rennen wurden schon nach kurzer Zeit viel härter als sie sonst gewesen wären.
    Aber man konnte es ja eine Woche später wieder damit versuchen – bekannt im Feld wurde man durch diese Taktik sehr. Auf ging sie jedoch genau nie.
  3. Trainiere nur alleine und überrasche dann die anderen mit deiner Topform im Rennen!
    Realitätscheck:
    Wieso sind die denn plötzlich so schnell? In anderen Jahren, als wir viel in der Gruppe fuhren, waren die nicht plötzlich einen Zacken schneller als ich!
  4. Erkältungen gehen schneller weg, wenn man weitertrainiert – schwitze es raus!
    Realitätscheck:
    Schnell arteten Erkältungen zu langwierigem Husten aus und dann ist schnell mal eine Pause von 3 bis 4 Wochen fällig und die Form bricht voll ein. Kann sogar mal eine Lungenentzündung geben und dann sind Monate des Formaufbaus weg.
  5. Ein bisschen Schmerz gehört dazu – nur Memmen hören beim ersten Wehwehchen auf!
    Realitätscheck:
    Fast alle längeren Verletzungspausen fingen mit feinem Stechen im Knie oder einem leichten Brennen an einer Sehne an…
  6. Was dich nicht umbringt, macht dich hart!
    Realitätscheck:
    Nicht auf die Warnzeichen des Körpers zu hören, dass nun eine Ruhetag oder eine Trainingspause nötig wäre, rächte sich dann spätestens in einem Rennen oder Leistungstest: Jetzt habe ich doch so viel mehr und härter trainiert, warum bin ich denn weniger leistungsfähig als vor 6 Monaten?
  7. Stecke alles Geld in eine top Ausrüstung!
    Realitätscheck:
    Ja, ein neues Velo oder neue Laufschuhe motivierten immer ungemein. Doch es muss nicht das High-End-Teil sein, das dich dein halbes Erspartes kostet und dich zu mehr Stunden bei der Arbeit zwingt. Mehr Training  – oder ein Kilo weniger auf den Rippen – hätten wohl immer mehr gebracht als nochmals leichteres Material – wie viele waren mit schlechterem Material besser? Einige. Und wie viele mit noch viel besserem Material massiv langsamer? Sehr viele. Aber eben, hat der Trainingskumpan leichtere Räder, brauche ich solche doch auch sofort?
  8. Am Abend vor dem Wettkampf die Schaltung am Velo nochmals einstellen: Das lässt dich besser schlafen!
    Realitätscheck:
    Mehrmals fuhr ich einen Marathon mit mehreren Pässen nur mit den halben Gängen, da sich über Nacht die neue Einstellung der Schaltung verstellte oder das umgebogene Teil sich wieder zurückbog.
    Oder die Kette fiel immer wieder raus beim Bikemarathon, da halt nur schnell auf dem Hotel-Parkplatz getestet wurde und nicht im Gelände – bei 5000hm wird das dann sehr mühsam – verdammt, vorher ging es einen Monat gut über Stock und Stein!
    Oder ein Renntag wird zur Tortur, weil ich unbedingt noch einen neuen Winkel das Sattels ausprobieren wollte und das dann zur einer schrägen Belastung des Knies führte.
  9. Neue Kleider oder Schuhe machen dich an der Startlinie zum unschlagbaren King!
    Realitätscheck:
    Blasen wegen neuen Schuhen nach 2 km in einem langen Lauf.
    Brustwarzen vom neuen super-marken T-Shirt wund nach kurzer Zeit und der Rest des Laufes wird zum Horror.
    Oder die neuen Veloschuhe, nur einmal kurz ausprobiert, werden dann unter Vollbelastung im langen Rennen zur Folter. Folge: Schmerzen in der Achillessehne für 4 Wochen!
  10. Leistungstests in einer Belastungswoche machen – dann bist du ja eh voll drin und auf Touren!
    Realitätscheck:
    Es wird noch viel härter als sonst.
    Enttäuschung pur wegen schlechten Werten.
    Last but not least: Werte völlig unbrauchbar – Geld und Zeit für nichts aufgewendet!