Archiv der Kategorie: Z: BloGian=Blödian

Auch Spass muss sein – hier versammeln sich Textfetzen, die nicht all zu ernst genommen werden sollten…

Beschränken der Lüste oder Askese ohne Verzicht?

Im Rahmen der letzten Frage der Woche galt es die Frage zu beantworten „Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht?„.

Da die Antwort etwas länger als gewohnt ausfällt, wird sie diesmal nicht direkt unter der Frage, sondern als eigener Blogeintrag beantwortet.

Hier ein paar Gedankenanstösse als Hinweise zur möglichen Beantwortung:

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Gerade die hedonistische Lehre von Epikur (geb. 341 v. Chr.) wird oft verkürzt als Leben nach dem hemmunglosen Lustprinzip fehlinterpretiert. Denn ihm ging es gerade auch um den bewussten Umgang mit Begierde und Lust.

Bei vielen Lehren und Philosophien, die asketische Elemente propagieren, geht es nicht um Verzicht, sondern um Dosierung und bewusste Mässigung der Lusterfahrungen. Dies auf der einen Seite, um insgesamt mehr Lust zu erfahren und auf der anderen Seite, um die Lusterlebnisse bewusster eingehen zu können. Denn, gibt sich der Mensch zu sehr seinen Begierden hin, kann dies schnell zu Unlust führen, da bereits früh beobachtet wurde, dass wir ohne Mässigung uns gewöhnen und immer grössere Begierden entwickeln. Für all die kleinen Möglichkeiten des Lustgewinnes sind wird dann nicht mehr empfänglich. Somit erwächst aus unkontrolliertem den-Lüsten-Nachgeben am Ende Unlust.

Die heutigen Kenntnisse zum Funktionieren des Belohnungszentrums in unserem Gehirn bestätigen diese alten Beobachtung aufs Vortreffliche (siehe dazu Kleine Freuden des Alltags).

Asketische Übungen stärken des Weiteren unsere Willensstärke. Dies führt zu mehr Selbstkontrolle, mehr Autarkie, besserem „Sich-Selber-Führen-Können“ und mehr Selbstermächtigung. Damit sind wir unseren Emotionen und Affekten nicht mehr so hilfslos ausgeliefert. Dies erleichtert auch das Zusammenleben.

Als Bonus wird man sich durch solche Übungen der Widersprüche und der Breite der Erfahrungen – guter und schlechter Art – die das Leben so mit sich bringt, mehr bewusst. Über sich selber besser zu verfügen, sich besser zu kennen, aber auch bewusster Zusammenhänge und Strukturen sowie Abhängigkeiten auf einer überindividuellen Ebene wahrzunehmen, vermindert natürlich auch, dass ein Mensch zu einem passiven Spielball der Umstände wird – das macht doch insgesamt auch ein zufriedeneres Dasein aus, als passiv dahinzuleben und jeder Begierde ausgeliefert zu sein?

Und es ist noch kein Meister und keine Meisterin vom Himmel gefallen: Asketische Übungen sind auch Mittel zum Zweck – denn nur wer regelmässig etwas übt, wird besser, stärker und kann nur so etwas verstetigen, so dass es nach und nach zur Gewohnheit und schliesslich zum Habitus wird und kaum mehr der Anstrengung bedarf.
Auch hier zeigen die neusten empirischen Erkenntnisse der Neurowissenschaften, dass die uralten Techniken wie Meditation und Repetition goldrichtig lagen: Tun wir etwas ein paar Mal, gibt es chemische Spuren im Gehirn. Üben wir weiter, entstehen neue Neuronen und immer dickere Neuronenstränge. Schliesslich feuern ganze Netzwerke von Neuronen und Neuronenstränge zusammen, was sie am Ende gar zusammenschweisst – what fires together, wires together. Gelernt ist erst dann richtig gelernt.

Zusammenfassend können wir festhalten, dass ein kalkulierter, wohldosierter sowie bewusster Umgang mit den Lüsten und Begierden zufriedener macht und Mässigung somit schlussendlich gar keinen Verzicht nach sich zieht, sondern insgesamt ein Mehr an Lusterleben und Zufriedenheit bringt.

In einer tempomässig überdrehten Zeit wie der unseren, mit doch eher zu viel als zu wenig Möglichkeiten, hilft Mässigung ausserdem, weniger Entscheide treffen zu müssen, was am Ende auslaugt und erschöpft, so dass man gar nicht mehr fähig ist, Lustempfindungen wahrzunehmen oder zu geniessen. Dafür muss man einen gewissen Grad an Wachheit und Neugierde mitbringen. Wer immer alles sofort erleben, haben, kommunizieren oder machen muss, hat das halt einfach nicht mehr. Mehr wird auch aus dieser Perspektive eigentlich dann zu weniger.

Aber eine Warnung muss doch auch hier ausgesprochen werden: Auch für die Mässigung und asketische Übung gilt – wie schon über dem Orakel von Delphi stand – nichts im Übermass (μηδὲν ἄγαν)!

P.S.
Das hier vorgebrachte sah auch Thomas Morus in seinem genrebegründenden Werk „Utopia“ (1516) nicht anders. So lässt er aus dem Idealstaat Utopia berichten: „Nun aber ruht nach ihrer Ansicht das Glück freilich nicht in jeder Lust, wohl aber in der richtigen und ehrbaren.“

Die Zeiten ändern sich: Die verschwundene Magie der Fernbedienung

Früher war beim Kaufentscheid einer Stereoanlage oder eines Fernsehers eines der absolut entscheidenden Kriterien die Fernbedienbarkeit.  Wehe, in den Katalogen war die Fernbedienung zu wenig gross abgebildet. Dann musste man zwingend ins Fachgeschäft gehen.

Was lässt sich alles fernbedienen – auch der Kassettenrekorder und nicht nur Radio und CD? Auch Spezialfunktionen wie zufällige Wiedergabe? Nur die Sender beim TV oder auch noch alle Einstellungen? Das waren über Jahrzehnte wichtige Fragen beim Gerätekauf.

Mehr ist besser – das war die Devise. Wie oft lachte ich meinen Bruder aus, der zum Verändern der Lautstärke aufstehen musste oder die Sender beim TV nicht einfach rauf- und runterschalten konnte, sondern die Nummern einzeln eingeben musste.

Heute ist das ganz anders.

Einerseits hält man die meisten Geräte – etwa Smartphones oder iPads – eh direkt in der Hand, so dass sich die Frage nach der Fernbedienbarkeit oft gar nicht mehr stellt.

Und läuft man andererseits mal zufällig an einen stationären Fernseher heran, liegen da gleich mehrere Fernbedienungen bereit. Eine für das Gerät selber, eine für das komische viereckige Teil darunter, das die Kenner und Kennerinnen Box nennen, und vielleicht noch eine dritte für was weiss ich noch was?! Und wie riesig und kompliziert diese heutigen Fernbedienungen sind.

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„…zu viel des Guten?“

Ich selber bin damit völlig überfordert: Zu viele Knöpfe, zu viele Farben – weniger wäre nun definitiv mehr! Ohne Hilfe bringe ich kaum mehr einen Fernseher zum laufen… läuft nun schon die Box oder habe ich den Fernseher angemacht? Wie finden sich die Geräte… och, nun wieder alles schwarz. Ich geb’s auf.

 

Die Zeiten ändern sich

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Verdoppelte Identität? Mensch – quo vadis?

Für uns, die Übergangsgeneration, ist das Internet da, um das reale Leben zu organisieren und allenfalls etwas zu dokumentieren.

Für die nächste Generation, die ersten Digital Natives, ist das anders. Sie unterscheiden nicht mehr zwischen realem Leben und virtueller Präsenz: Realweltliche und virtuelle Identitäten werden vermengt und bilden eine singuläre Daseinseinheit – ein Generation- und Zeitenbruch.

 

 

Vertrauen und Autorität: Ich habe es im Collins nachgeschlagen!

Den Collins verabschieden

Er ist eine physische Macht
Er markiert eine Epoche
Auch eine Epoche meines Lebens
Nichts steht ihm in seiner Aura nah

Gerne streiche ich das Deckblatt
Gerne schlage ich zufällig nach
Nochmal, nochmal, nochmal
Ein Universum von Wissen

Diese Erinnerungen
An die Studententage
An die Prüfungsvorbereitung
An die Seminararbeiten
An die Tage mit noch so vielen Erwartungen
so viel Hoffnung und
vorweggenommenem Glanz

Es sind über 2000 Seiten
Es sind mehrere Kilogramme
Und noch mehr Symbolik

Mensch, habe ich gelitten
Schlafdrang, Unsicherheiten, Unauffindbarkeiten
Mensch, habe ich geschwitzt
darin zu finden, genau die Bedeutung die es ist

Heute ist alles anders
Klick – Doubleclick – Copy-Paste
Community – Pears – Userforum
Alles ist immer da
und sofort verwertbar
Vorgekaut, vorweggenommen, vorgegaukelt
Das Tempo steigt – doch was bleibt?

Ach, ich streiche nochmals drüber
Eine physische Urgewalt
Dennoch zügle ich Dich nicht mehr,
ersetze ich Deine Kilogramme durch
Maus, Screen, IP, www
Schöne neue Welt

Schwer wird dabei mir die Seele –
Mensch stellvertretend für Menschheit
am Umbruch – Goodbye mein Collins
Goodbye Zeit des Nachschlagens und
physischen Suchens – hello Klickerei

 

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Vom Collins (rechts) zu leo.org und Co. (links) – ob dies ein guter Tausch ist?

In Erinnungen an meinen, für damals sehr viel Geld gekauften, riesigen Deutsch-Englisch Dictionary Collins mit dem verheissenden Untertitel „Für Experten und Universität“.

 

 

 

Meine persönliche feline Ahnengalerie

Alte Katzen haben es besonders schwierig, wenn sie in ein Tierheim müssen. Einerseits sind sie besonders schwer vermittelbar. Andererseits leiden gerade sie besonders, da sie vorher meist das einzige Tier im Haushalt waren und es sich in der Regel um einen ruhigen Haushalt handelte. Im Tierheim geht es hingegen sehr lebhaft zu und her. Ausserdem leben die Katzen da in der Regel wegen engen Platzverhältnissen in einer grossen Zahl zusammen.

Dabei ist gerade eine Adoption einer älteren Katze grundsätzlich interessant. Dies da auf der einen Seite solche Katzen sehr dankbar sind und dies auch zeigen, so bald sie sich etwas eingewöhnt haben. Auf der anderen Seite muss man bei alten Katzen nicht damit rechnen, dass die Vorhänge runtergerissen sind oder alle Topfpflanzen am Boden liegen, wenn man nach Hause kommt – sie sind ruhige und sanfte Gefährten. Und man verpflichtet sich nicht für 15 bis 20 Jahre, wie wenn man eine junge Katze aufnimmt, so dass man je nach Lebensphase auch wieder einmal eine „katzenfreie“ Phase machen kann.

Vor dem Hintergrund dieser Gedanken hatte ich bis vor Kurzem immer wieder älteren und teils gar sehr alten Katzen ein Obdach bei mir (oder je nach Lebensphase bei uns) geboten. Der eine – Tigi – verstarb bereits nach wenigen Wochen, da er als kranke Notplatzierung kam, während andere noch einen langen Lebensabend von mehreren Jahren bei mir (oder uns) verbrachten.

Sie alle sind mir, meinen ehemaligen Wohngspännlis, Partnerinnen, Freunden und Familie in lebendiger Erinnerung geblieben. So hatten alle ihren ganz eigenen Charakter.

Um diese Erinnerung bei den Menschen, die diesen acht Katzen begegnet sind, lebendig zu halten, findet sich unten eine kleine „Ahnengalerie“.

Wer erinnert sich noch an Thömmi, mit dem im 2001 alles begann und der auch auf einer sehr heissen Heizung, die ein Mensch kaum berühren konnte, stundenlang liegen konnte? Und wer hat nicht alles einen der legendären Wutanfälle von Cleo miterlebt? Oder Floomie, wohl die einzige Katze weit und breit, die gerne Zug fuhr, wer erinnert sich an diesen immer hungrigen Riesenkater mit dem für seine Körperfülle viel zu dünnen Schwanz?

Abgesang auf die Endstation

 

Bis zum Ende dünnte es immer so schön aus.

Bis ganz ans Ende fahren nur wenige.

Wir waren die Verworrenen, bleiben sitzen.

Abends sind es Menschen aus dem Quartier.

Früh am Morgen ebenso.

Immer Einstieg mit Sitzplatz-Garantie.

Kein Frieren im Winter – der Bus wartet immer schon.

Die Auserwählten fahren bis zum Schluss…

oder sind stadteinwärts immer bereits drin.

 

Nun steige ich zu und aus – im nirgendwo.

Wie die und der: Ohne besonderen Bezug.

Einer mitten drin, grauer Masse Teil.

Der Name des Kurses ist nicht mehr mein Ziel.

Oh meine Endstation, wie ich dich vermiss!