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Lauf des Lebens

In jungen Jahren
wer nicht kämpft, hat schon verloren
Identität im Gegen und Trotzdem
Revolte, Widerstand, Opposition
Vitalität dauernd demonstrieren
Unruhe als Lebenselixier
schaut her: Ich bin hier!

In mittleren Jahren
sich mit dem Gegebenen arrangieren
Besonnenheit wächst mehr und mehr
ruhige Nische gefunden = Jackpot
Unsichtbarkeit tut weniger weh
Verstrickungen minimiert
Beständigkeit als Ziel

In reifen Jahren
besonnen und weich – Kampf und Härte jetzt Torheit
gelassen aus der dritten Reihe kommentiern
Bewusstheit: es ist die letzte Jahreszeit
aussen sanft – innen konsequent
schwindende Kräfte bündeln
Freiheiten riesengross







Gelassen älter werden

Wie im letzten Beitrag aufgezeigt, gehört das Älterwerden zu den unabänderbaren Bedingungen des Daseins als Mensch. Von daher gilt es im Rahmen einer bewussten Lebensführung, sich damit aktiv auseinanderzusetzen und dadurch einen möglichst entspannten und gelassenen Umgang zu finden.

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In diesem Blogbeitrag werden Elemente präsentiert, die einen solchen sorgsamen und bewussten Umgang mit dem Älterwerden fördern können.

Die Leistungs- und Gedächtnisfähigkeit des Gehirns nehmen bereits ab Mitte 20 ab. Doch das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter formbar (Neuroplastizität). Dies geschieht jedoch nur, wenn es auch gefordert wird. Ganz im Sinne von „use it or loose it“ sollte das Gehirn, gleich wie ein Muskel, trainiert werden. Somit gilt es, bis ins hohe Alter hinein, Neues zu Lernen (lebenslanges Lernen).

Sich auf Neues einzulassen hilft des Weiteren, die Neugierde zu kultivieren. Das wiederum führt dazu, dass man bis ins hohe Alter offen bleibt und von Dingen erfährt, die einem in Staunen versetzen, was einer Verbitterung oder einem Rückzug in ein Leben in der Vergangenheit (Leben in den Erinnerungen) entgegenwirkt.

Wichtig ist selbstredend die Beziehungspflege. Wird mit zunehmendem Alter der räumliche Aktionsradius immer kleiner, bleiben durch Beziehungen Türen zur Welt offen. Konkret hilft es, eine Wärme des Herzens auszustrahlen, gut und aktiv zuzuhören, nachsichtig – und im materiellen Sinne, falls man sich das leisten kann, grosszügig – mit jüngeren Generationen zu sein, um die Beziehungen bis ins sehr hohe Alter am Leben zu erhalten.

Nicht nur mit anderen und dem Weltlauf empfiehlt sich mit zunehmendem Alter Nachsicht, sondern auch gegenüber sich selber. Ohne dies ist die Gefahr der Verbitterung durch die immer weniger werdenden Optionen und Möglichkeiten zu gross. Älter werden bedeutet ja auch, Abschied zu nehmen. Dies sollte man bewusst und kontinuierlich machen, um nicht in grössere, alles in Frage stellende Krisen zu geraten.

Dasselbe gilt für den Umgang mit dem Tod und dem Prozess des Sterbens. Dass dies unheimliche, gar angsteinflössende Themen sind, ist klar. Dennoch ist es wenig hilfreich – was wir als Gesellschaft jedoch immer mehr tun – diese Themen von unserem Leben fern zu halten. Sinnvoller ist wahrzunehmen, dass diese Dinge zum Leben dazugehören und man sich darauf vorbereiten kann. Dies durch das Üben, lieb gewonnene Aktivitäten und Gewohnheiten loszulassen, mehr im Geiste als im verfallenden Körper zu leben, oder Krankheiten als Vorstufen des Sterbens zu akzeptieren. Dadurch „übt“ man ausserdem das Sterben, so dass es am Ende einfacher und weniger angstbeladen ist, wenn man definitiv von diesem Leben lassen muss.
Die Angst vor dem Sterben wird des Weiteren kleiner, wenn man den Tod bereits aktiv im Leben eingebaut hatte. So hilft es, wenn man bei Angehörigen oder Haustieren den Prozess des Sterbens bereits miterlebt hat und der Tod so einen Platz im Leben hatte und nicht ein all zu grosses Mysterium bleibt.

Wie bereits im Text zum Freiheitsdilemma erörtert, gilt es im Leben immer wieder Standortbestimmungen zu machen. Dies trifft besonders für das letzte Lebensdrittel zu. Einerseits zeigt einem das fortschreitende Alter dann auf, dass man nun den grossen Teil der zur Verfügung stehenden Lebenszeit hinter sich hat. Die Optionen, die man noch realisieren kann, werden ab der Lebensmitte klar weniger, so dass Zeit wertvoller erscheint und bewusster erlebt werden sollte. Andererseits erhält man durch die Möglichkeit des Daseins als Rentner und Rentnerin aber auch ungeahnt viel Zeit und Raum. Dass dies nicht einfach ist und man neu mit der Zeit umzugehen lernen muss, beweisen viele Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Übergang ins Rentnerdasein haben. Dass es vor diesem Hintergrund sinnvoll ist, Bilanz zu ziehen und ab und zu eine Standortbestimmung zu machen, was man noch will, welche Beziehungen und Tätigkeiten weitergeführt werden sollen und welche nicht mehr, drängt sich förmlich auf.

Im Rahmen solcher Standortbestimmungen lohnt es sich, sich frühzeitig Gedanken über konkrete Lebensarrangements zu machen. Wie will ich im Alter wohnen? Was wünsche ich mir, wenn ich zum Pflegefall werden sollte? Was mute ich mir in Sachen lebenserhaltende Massnahmen zu? Sollte ich einer Sterbehilfeorganisation beitreten, um mir am Ende Autonomie und einen gewissen Handlungsspielraum offen zu erhalten? Habe ich alles geregelt, damit mit meinen Hinterlassenschaften materieller und immaterieller Art das geschieht, was ich mir wünsche?* Sind solche und ähnliche Fragen früh und klar geregelt, wird man gelassener im Umgang mit seiner eigenen Sterblichkeit und man gerät nicht in Zugzwang und Abhängigkeiten, sollte etwas Unvorhergesehenes einem den Handlungsspielraum nehmen. Und am Ende ist es einfacher, los zu lassen, wenn man weiss, dass alles geregelt ist.

Allgemein empfiehlt es sich, dankbar zu sein für das was man noch kann und hat. Dies sollte man sich bewusst vor Augen führen und regelmässig machen. Dazu eignen sich kleine Rituale des Innehaltens, z.B. jeden Abend vor dem Einschlafen. Dazu gehört auch das bewusste Wahrnehmen, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr muss, sondern kann. Dies fängt jedoch nicht erst im Alter an, sondern ist ein laufender Prozess. So ist es nach der Pubertät schon mal sehr befreiend, zu erleben, dass man sich nicht immer nur beweisen muss, dass man dauernd imponieren muss, da man doch gar nicht so wichtig ist und nicht ständig alle auf einem schauen. Oder später, in mittleren Jahren, wenn man merkt, dass man nicht mehr überall dabei sein muss, sondern eigentlich nicht viel verpasst, wenn man mal von was fern bleibt oder man eher mehr Respekt erntet, wenn man deutlich nein sagt, anstatt alles zu tun (wer bewusst mit seiner Zeit umzugehen weiss und dies kommunizieren kann, erhält paradoxerweise auf Dauer mehr Respekt als die zwar im Augenblick beliebten Ja-Sager). Und eben, dann im Alter, dann muss man immer weniger, doch geniessen kann man immer noch vieles!

Dass der Körper im Laufe des Lebens schwächer wird, sollte man akzeptieren. Dennoch kann er bis ins hohe Alter noch erstaunliche Leistungen erbringen. Dies zu spüren und sich altersgemäss körperlich fit zu halten durch die Gewohnheit der körperlichen Übungen kann die Lebensqualität stark erhöhen und den Zerfall aufhalten. Selbstredend gilt es hier, wie bei so Vielem im Leben, Balance zu halten: Weder Verbissenheit noch Faulheit sind zielführend.

Schlussendlich bleibt der Prozess des Älterwerdens aber schwierig. Es ist klar, dass der bewusste Umgang damit auch in Krisen führt. Für diese sollte man sich vor dem Eintreten wappnen. Es empfiehlt sich, vorher einen Werkzeugkasten zusammenzustellen, den  man dann in der Krise nutzen kann. Durch die darin befindlichen Techniken erträgt man die Krise besser und erduldet sie, da man weiss, dass sie auch Chancen bieten kann. Auch hilft es, zu wissen, dass man Krisen eher passiv durchschreiten sollte, um danach wichtige Entscheide zu treffen, um eine nächste Krise zu vermeiden. Dies hindert einem daran, in der Krise unüberlegte und übereilte Weichenstellungen vorzunehmen. Was ein solcher Werkzeugkasten beinhalten könnte, wird später Thema das Blogs sein.

Nach der Auseinandersetzung mit dem Älterwerden, widmet sich die Serie nun einem besonders vitalen Thema, dem Umgang mit allerlei Verlockungen – es wird besonders spannend!

 

* Konkret ist es sinnvoll eine Patientenverfügung, ein Testament und einen Vorsorgeauftrag verfasst zu haben. Modelle für das Verfassen sind mittels Suchmaschinen im Netz verfügbar.

Sustine et abstine (11) – der Mensch (6)