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Die Kunst des Gebrauchs der Zeit (Teil 1)

„Oh I wish I could… and I will!
But now I just don’t have the time…“
(…)

So dizzy Mr. Busy – Too much rush to talk to Billy
All the silly frilly things have to first get done
In a minute – sometime soon – maybe next time – make it June
Until later… doesn’t always come
The Cure

IMG_5602.jpegEs ist eine Binsenwahrheit, dass das Leben immer hektischer wird. Darüber beklagten sich jedoch schon viele Generationen vor der unseren. Auch wenn dies eine menschliche Konstante zu sein scheint, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass sich viele Menschen heutzutage gehetzt, ja gar gestresst, fühlen. Sei dies nun aufgrund einer real schneller gewordenen Welt oder nur aufgrund der eigenen Wahrnehmung, Fakt ist, dass die heutige Zeit oft ein Gefühl der Gehetztheit vermittelt und es Not tut, sich darüber Gedanken zu machen, ob wir sinnvoll mit unserer Lebenszeit umgehen oder ob ein anderes Lebenstempo nicht zufriedener machen würde.

Denn, will Mensch ein gutes Leben führen, sollte er oder sie nicht ständig in einer Rushhour durch das Leben hetzen sowie jeweils im Hier bereits gedanklich schon im Dort resp. im Jetzt schon im Danach sich befinden.

Bewusst mit der Zeit umzugehen, gehört zum Kern der autonomen Lebensführung: Nur wer darüber reflektiert, wie sie oder er seine Zeit verwendet, kann dort generös mit seiner oder ihrer Zeit sein, wo es ihr oder ihm wichtig ist, während er oder sie unnötige, einer guten Lebensführung gar entgegenstehende, Zeitfresser eliminiert – oder dort, wo dies nicht möglich ist, diese auf ein Minimum reduziert.

So gilt es beispielsweise zwingende Alltagshandlungen gewohnheitsmässig und routiniert zu vollziehen. Hier bringt es nichts, Dinge aufzuschieben (Prokrastination) und innere Widerstände aufzubauen, die schlussendlich viel Energie – und damit Zeit – kosten.

Hingegen ist es in anderen Lebensbereichen geradezu eine Kunst, die Zeit nicht optimal zu nutzen, wie es heutzutage überall gepredigt wird, sondern auch mal dem Müssiggang zu frönen, sich treiben zu lassen und damit zur Ruhe und zu sich selbst zurückzufinden.

Dies ist teils gar nicht so einfach, denn wir heute lebenden Menschen sind von klein an darauf getrimmt, keine Zeit zu „vergeuden“, immer effizient zu sein und Langeweile als etwas Negatives zu sehen.

Jedoch muss Zeit ohne Zweck und Ziel zu verbringen, gelernt und geübt sein. Wer kennt es nicht, dass sich diese ausdehnt, wenn sie mal „leer“ ist und wir nichts vor haben? Auch wenn dies unangenehm werden kann, ist es wichtig, dies regelmässig zu tun, denn nur ohne Ziel und Zweck kommt eine gewisse Langeweile auf, die zu einer ganz anderen Optik auf sich und die Mitwelt führt. Gerade weiterführende Gedanken, Kreativität und eine Optik von aussen auf das eigene Leben entfalten sich oft erst, wenn man den gewohnten Modus des Tuns und Abarbeitens verlässt – im Hamsterrad fehlt schlicht und einfach der distanzierte Blick auf unser Tun und Lassen.

Zum gelungenen Leben gehört ein bewusstes Spielen mit diesen verschiedenen, teils widersprüchlichen Gebrauchsarten der Zeit. 

Was könnten Handlungsfelder sein, in denen es bewusst immer wieder eine kluge Wahl in Hinblick auf den Einsatz von Zeit zu treffen gilt?

  • Mobilität
    Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Pendelwege, aber auch Wege in der Freizeit, werden immer länger. Mensch verbringt immer mehr Zeit in überfüllten Verkehrsmitteln oder auf verstopften Strassen und es gilt zum guten Ton, möglichst weit in die Ferien zu fliegen. Hier macht es Sinn, periodisch zu überprüfen, ob die persönliche Lebenslage noch stimmig ist, ob die eigenen Bedürfnisse nicht mit einem anderen Modell, manchmal zwar mit einer kurzfristig grösseren Anstrengung (z.B. Umzug) verbunden, nicht langfristig befriedigender wären. Oder es gilt zu prüfen, ob man nur, weil man es kann und die anderen es tun, in die Ferien fliegen muss, anstatt gemütlicher und für die Umwelt weniger schädlich, in der Nähe die Ferien verbringen könnte? Wie befreiend ein Leben der kurzen Wege und Ferien in der Nähe – ganz ohne Reisestress – sind, wissen viele Menschen gar nicht mehr. Dass man dadurch nicht nur Zeit gewinnt, sondern auch achtsamer und sorgfältiger mit der nahen Umgebung und den Menschen darin umgeht, zeigen Studien deutlich auf.
  • Verhältnis von Spannung und Entspannung
    Das eine bedingt das andere –Entspannung ohne Spannung schmeckt fade. Das stimmige Verhältnis zwischen Ruhe und Anstrengung zu finden, ist nicht immer einfach. Hier klug und bewusst zu steuern, ist für ein gelungenes Leben wichtig.
  • Zeitinseln und Zeit für sich selber schaffen
    Es gibt Lebensphasen, in denen es trotz bewusstem Umgang mit der Zeit hektisch wird. Wenn dies punktuell geschieht und die Dauer einer solchen Phase absehbar ist, kann dies zu Dynamik und Lust an der Leistung führen. Eine solche Phase sollte jedoch nicht zum Dauerzustand werden und es ist ganz wichtig, auch in der stressigen Phase selber, immer wieder Zeitinseln zu schaffen, um Energie zu tanken und in sich hineinzuhören. Ohne dies kann sich schleichend eine Sinnleere und Entfremdung entwickeln oder das vegetative Nervensystem macht plötzlich nicht mehr mit, da der Körper zu wenig Erholung hat (Burnout). Da dies schleichend kommen kann, ist es wichtig, in ruhigen Lebensphasen ein Sensorium zur Erkennung von Frühwarnzeichen zu entwickeln, das dann in der hektischen Lebensphase hilft, frühzeitig zu erkennen, dass es kritisch wird und so Gegensteuer gegeben werden kann und man nicht in eine langfristige Krise gerät. Techniken, die in einen solchen Werkzeugkasten des in sich hinein Horchens gehören, werden an anderer Stelle der Serie näher erörtert. Stichworte dazu sind Achtsamkeit, Atmungstechniken oder Meditation aber auch Selbstvertrauen und Nein-Sagen-Können.
  • Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung (zeitliche Autonomie)
    Wie im einleitenden Text erwähnt, gehört es, wie bei so vielen Themen dieser Serie, zu einem befriedigenden Leben dazu, auch den Umgang mit der Zeit selbstreflexiv und so gut als möglich (teil)autonom zu vollziehen. Letztgenanntes ist natürlich nur bedingt möglich. Jeder und jede muss Zeit dafür aufwenden, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und viele Alltagshandlungen immer wieder abzuarbeiten. Kommt Familie dazu, werden diese Zwänge in der Regel grösser. Es bleiben jedoch immer Möglichkeiten, zu steuern. Einerseits kann man den materiellen Bedarf so beschränken, dass möglichst wenig Zeit für dessen Sicherung verbraucht werden muss. Andererseits kann man die Rahmenbedingungen so einrichten (z.B. Leben der kurzen Wege), dass die Zeit, die man zwingend aufwenden muss, möglichst gering ist.
    Und in jedem Lebensarrangement bleiben Zeitinseln, die man autonom nutzen kann. Dies sollte man dann auch tun. Dies nicht im Sinne von Effizienzsteigerung oder Zwang, möglichst viel reinzustopfen, sondern ganz im Sinne einer Balance von Spannung und Entspannung, aktiver Steuerung von Ruhe und Aktivität. Denn gerade ungenutzte Zeit (z.B. beim Anstehen), ist nur scheinbar leer, da solche Mikropausen, wo die Gedanken mal frei rumstreifen können, dienen dem Gehirn als Erholung und fördern das assoziative Denken. Ausserdem können viele Alltagsverrichtungen, wie z.B. das Abwaschen oder der Hausputz, achtsam gemacht werden, was ihnen eine ganz andere Qualität verleiht.
  • Umgang mit neuen (sozialen) Medien
    Über sie wurde in letzter Zeit viel geschrieben. Die Extrem-Meinungen gehen dabei weit auseinander: Auf der einen Seite werden sie als Heilbringer angesehen. Für Vertreterinnen und Vertreter dieser Meinung sind sie die Erneuerer der Demokratie, die Einbinder der ganzen Welt und bieten sie ungeahnte Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Während auf der anderen Seite eine düstere Verteufelung stattfindet. Neue Medien werden hier als Drogen, designt, um uns süchtig, dumm und manipuliebar zu machen, angesehen.
    Die Wahrheit liegt wohl dazwischen: Es gibt Chancen und Gefahren.
    Ein bewusster Umgang tut somit Not, alles andere wäre naiv. Ausserdem sind wir verschieden, so dass jeder Mensch selber überlegen muss, ob –und falls ja, wie viel davon – er oder sie in seinem Leben haben möchte.
    Die Thematik der neuen Medien, insbesondere auch der sozialen, wird an anderer Stelle im Blog noch vertieft behandelt. Hier soll im Zusammenhang mit dem Gebruach der Zeit nur darauf hingewiesen werden, dass die neuen Medien schnell zu „Zeitfressern“ werden und eine bewusste Wahl, ob  – und falls ja, wie viel  – Zeit man damit verbringen will, zwingend bewusst getroffen werden muss: Der Sog der neuen Medien ist unumstritten zu gross (sie sind tatsächlich bewusst so konstruiert, dass sie unser Belohnungszentrum ansprechen und daher schnell abhängig machen), als dass man sich einfach so unreflektiert darin tummeln sollte. Ausserdem behindert der Mechanismus des ständigen Vergleiches mit anderen (resp. deren überhöhter Selbstdarstellung) die Förderung der Zufriedenheit – dazu aber an anderer Stelle dann mehr.

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Sustine et abstine (13) – der Mensch (8)

 

Stimuli und Superstimuli: Ich will mehr!

Ich habe nur probiert, um mal zu sehen.
Es war nur sehr wenig, doch es war schön.
Ich wollte mehr davon,
nur ein bisschen mehr.

Gib mir mehr.
Gib mir mehr.
Die Toten Hosen

 

Wie schon an anderer Stelle erörtert, ist unser Gehirn in vier Schichten aufgebaut. Diese entsprechen evolutionären Stufen. Am ältesten ist das Stammhirn („Echsenhirn“, „Reptilienhirn“). In eben diesem ist das Belohnungszentrum angelegt. Dieses funktioniert vor allem mittels Botenstoff Dopamin. Dieser Neurotransmitter wird auch „Belohnungshormon“ genannt, denn er lässt uns bei entsprechenden Stimuli ein Hoch erleben. Dies war evolutionär sehr wichtig, da es uns motiviert, Dinge zu tun, die dem biologischen Zweck unseres Daseins (Überleben und Fortpflanzung) dienen. Dopamin fliesst ebenfalls in Strömen, wenn wir Neues erleben oder wir positive Erwartungen haben. Ausserdem wird Dopamin freigesetzt, wenn wir Risiken eingehen oder Verbotenes tun („Reiz des Verbotenen“).

Das Belohnungszentrum ist im Vergleich mit den neueren Hirnarealen wenig formbar und besonders wirkmächtig: Das modernere Grosshirn, der Sitz von Bewusstsein, Sprache oder Denken, wird von diesem alten Mechanismus sehr leicht übersteuert: Die Verbindungen von alten zu neuen Teilen sind viel schneller und leistungsfähiger als umgekehrt. Das erleben wir immer wieder, wenn wir in einer Bedrohungslage oder bei einem Wutanfall quasi ferngesteuert reagieren und blitzschnell uns tot stellen, wild um uns schlagen oder fliehen. Fliesst also das Dopamin in grossem Stile, können wir kaum noch rational reagieren – die Emotionen und Reaktionen dazu passieren uns scheinbar einfach.

Den so mächtigen Mechanismus des Belohnungssystems zu kennen und vor diesem Hintergrund sorgfältig mit dieser sehr starken körpereigenen Steuerungszentrale der Motivation umzugehen, ist für ein selbstbestimmtes Dasein von grösster Wichtigkeit. Denn dieser Mechanismus ist so stark, dass er den bewussten Willen und die rationale Steuerung unseres Verhaltens ausser Kraft setzen kann. Dies kann soweit gehen, dass wir offensichtlich schädliches Verhalten scheinbar zwanghaft immer wieder repetieren.* 

Es muss nicht immer so dramatisch sein, derselbe Mechanismus kann uns auch ganz sanft weg von der Selbstkontrolle und – beherrschung führen. Meist fängt dies ja bei feinem Abstumpfen gegenüber schwächeren Stimuli oder mit der Flucht in das dopamin-ausschüttende Verhalten bei unangenehmen Gefühlen (Langeweile, Einsamkeit etc.) an. Dies führt jedoch leicht weiter bis zu den bekannten Süchten und dem damit einhergehenden Kontrollverlust über die eigene Lebensführung.

Es ist kein Zufall, dass viele der gerne konsumierten Drogen die Dopaminproduktion emporschnellen lassen. So wirken die am meisten süchtig machenden Drogen fast alle auf das Belonhungszentrum und überschwemmen dieses mit Dopamin, was ein gutes Gefühl verschafft. Doch das bleibt nicht lange so – schnell braucht man mehr.

Dass sich der Körper gegen ein zu viel eines Stoffes wehrt, kennt man aus der Suchtforschung gut. Das Gehirn entwickelt bei regelmässiger Exposition von zu viel Dopamin mehr Rezeptoren dafür, so dass es immer einer grösseren Menge an Dopamin braucht, um dasselbe gute Gefühl zu erhalten.

Dieser Mechanismus wird Desensibilisierung genannt: Man braucht immer mehr, um sich wieder gut zu fühlen. Dass dann der Normalzustand oder kleine Dopmanischübe durch kleine Belohnungen kaum mehr Wirkung zeigen, ist eine logische Konsequenz. Der Normalzustand wird dann gar als unangenehm und quälend wahrgenommen – man ist auf Entzug und braucht nun schon den Stoff oder das dopaminausschüttende Verhalten, nur um nicht mehr passiv oder gar depressiv zu sein.

Dass es vor diesem Hintergrund ratsam ist, sorgfältig mit entsprechenden Stimuli umzugehen, leuchtet ein. Beschränkung und Verzicht führt damit, wie an anderer Stelle ausführlicher gezeigt, dann gar insgesamt zu einem Mehr an guten Gefühlen als weniger.

Sich ab und zu gezielt und bewusst zu belohnen ist grundsätzlich positiv und gehört zu einem gelungenen Leben dazu – die sprichwörtliche Praline, die ab und zu alles einfach viel besser macht, soll doch genossen sein!

Die heutige Welt bietet unserem uralten Belohnungszentrum jedoch all zu viele solcher Gelegenheiten. Gerade die, die ohne Anstrengung schnell und leicht ermöglicht werden, sind besonders verführerisch und schnell ist man mitten drin und die sprichwörtliche Praline gehört zum Alltag dazu, so dass wir sie weder schätzen, noch geniessen, sondern einfach haben müssen.

Die heutige Zeit bietet uns neben besagter Praline als Beispiel für einen moderaten Stimulus, aber leider auch sehr starke Reize, für die unser Gehirn schlicht und einfach nicht gemacht ist. Nennen wir sie Superstimuli. Hier führt eine Exposition geradezu zu einer Dopaminexplosion in unserem Gehirn. Da kann nichts „Natürliches“ mithalten, alles andere erscheint fade daneben.

Und gegen eine solche Dopaminüberschwemmung durch einen Superstimulus wehrt sich das Gehirn sehr schnell mal mittels oben beschrieben Desensibilisierung. Dies geht dann einerseits mit einem kaum zu bändigen Wiederholungsdrang einher und hat andererseits den Effekt, dass alltägliche kleine Freuden nicht mehr wahrgenommen werden können, da danach der Anstieg an Dopamin lächerlich wirkt gegenüber dem, was das Gehirn durch den Superstimulus erlebt hatte – es will dann das und tut alles, damit man ihm genau das oder besser, noch mehr davon, wieder gibt (Sucht).

Diese Superstimuli sollte man folglich sehr behutsam dosieren, von einigen bleibt man besser ganz fern, denn nur die wenigstens können bewusst mit dem Sog einer solchen Dopaminüberflutung umgehen. Bei Menschen mit durchschnittlichem Willen wird aus Lust sonst schnell ein reines Verlangen nach der nächsten Dosis, das Lustvolle, des Rauschhafte wird dann zum völlig lustfreien Zwang.

Vorsicht ist auch geboten, da eine solche Abhängigkeit meist schleichend beginnt und dies wieder rückgängig zu machen ist sehr schwierig (durch die Neuroplastizität aber nicht unmöglich).

Bekannt ist, dass viele der harten Drogen sich extrem auf das Belohnungszentrum auswirken (z.B. Kokain, Speed oder Amphetamine durch direkten „Dopamin-Kick“, Opiate indirekt durch Hemmung des Dopamindämpfers Noradrenalin).

Neben diesen bekannten Superstimuli gibt es viele alltägliche Dinge und Verhaltensweisen, die starke oder sehr regelmässige Dopaminausschüttungen (auch das verändert das Gehirn und macht schnell süchtig) auslösen:

  • stark zuckerhaltige Nahrungsmittel (dazu siehe auch hier)
  • soziale Medien+
  • Nikotin
  • Alkohol
  • Gewöhnung an schnelle News (insbes. Push-Meldungen)+
  • Games
  • Glücksspiel
  • Drang immer was Besseres, Neueres haben zu müssen (Konsumsucht)+
  • Jagd nach Geld, Ruhm und Macht+
  • Internetpornographie+
  • Sexsucht+
  • Jagd nach Statussymbolen oder übermässiger externer Anerkennung (Geltungssucht)+
  • Bingewatching von Serien
  • Fresssucht
  • Sportsucht

+ weiterführende Gedanken und konkrete Vorschläge für sinnvollen Umgang damit werden später in einem eigenen Blogeintrag der Serie behandelt

Und was hilft dagegen, dass wir mit einem steinzeitlichen Belohnungszentrum in einer überall mit leicht verfügbaren Belohnungen lockenden Welt leben müssen? Wie so oft ist dies eine Mischung aus Selbstwahrnehmung (wo und wann bin ich besonders empfindlich für diese leichten Belohnungen? Bei was und in welchem Zusammenhang ist es OK, mal nachzugeben? Bei was bleibe ich besser ganz fern? Und, wann ist mein Gelüste auf einen starken Stimulus des Belohnungszentrums eigentlich nur eine Ersatzhandlung (z.B. um schlechten Gefühlen oder Langeweile auszuweichen) und gar keine echte Belohnung für was Geleistetes oder einfach um einen schönen Moment zu zelebrieren?). Auf diesen Selbsterkenntnissen basierend kann dann wohlüberlegt entschieden werden, was Sinn macht und von was man besser die Finger lässt – jeder und jede ist anders und kennt sich am Besten.

Auch hilft es, die kleinen Freuden bewusst wahrzunehmen und zu schätzen (siehe auch Kleine Freuden des Alltags) und insgesamt ein ausgewogenes, eher ruhiges Leben mit Fokus auf das Jetzt zu führen, in dem man dankbar ist, über das was ist und man hat und so weniger anfällig auf das ewig Neue und zu Erwartende wird (gerade bei Erwartungen fliesst ja auch schon das Dopamin).

Und, es hilft auch, zu wissen, dass es völlig normal ist, dass uns unser Belohnungszentrum ab und zu überlistet und wir über die Stränge schlagen. Wir sollten dahingehend nachsichtig sein, denn es bleibt ein Widerspruch, den niemand auflösen kann, dass wir mit einem auf sehr viel weniger Reize ausgerichtetes Gehirn in einer Welt voller Stimuli und gar Superstimuli – für die es erst recht nicht geschaffen ist – leben.

Wie das alles konkreter aussehen könnte, wird in der Serie anhand einzelner Themen noch intensiv behandelt werden.

Insgesamt hilft in der von übervielen Reizen geprägten Welt auch eine bewusste Entschleunigung und Vereinfachung des Lebens – man muss nicht überall dabei sein, alles gemacht haben und immer Angst haben, etwas zu verpassen. Weniger wird zu mehr und Langsamkeit ermöglicht intensiveres Wahrnehmen. Diesem Thema des Lebenstempos wird der nächste Beitrag der Serie gewidmet sein.

 

*In Experimenten, die die Dopaminproduktion bei Tieren anregen, repetieren diese Verhalten, das zu grosser Dopaminausschüttungen führt, gar bis sie tot sind (z.B. Kopulation bis zur Erschöpfung, sich regelrecht zu Tode fressen) oder vernachlässigen den Nachwuchs vollständig.

Sustine et abstine (12) – der Mensch (7)

 

 

Grundlagen und Verortungen (Teil 1)

Wissen, Gedanken und Publikationen zu Weltbildern, zum Menschsein und zur guten Lebensführung sind in den letzten Jahrzehnten explosionsartig angestiegen. Vor diesem Hintergrund gilt es als ersten Schritt nach der Sichtung dieses Wissenskorpus‘, ihn zu ordnen und einige Elemente als Grundpfeiler bewusst auszuwählen: Alles kann nicht berücksichtigt werden, es gilt eine kluge und mutige Wahl zu treffen.

In diesem Blogeintrag werden die Elemente präsentiert, die eine sinnvolle Auswahl als Startpunkt für weitere Schritte hin zu einem kohärenten Weltbild und konkreten Handlungsanleitungen zum Menschsein in der heutigen, komplexen Welt, darstellen.

Bei der Auswahl werden als erstes die Geisteswissenschaften (geisteswissenschaftliche Grundlagen) beleuchtet. In einem separaten Text werden dann als nächstes die naturwissenschaftlichen Grundlagen präsentiert, während ein dritter Teil sich mit weiteren Formen* des Wissens, dem Erfahrungswissen, beschäftigen wird.

Zuerst wird damit geklärt, was für wissen da ist (und was fehlt), was prinzipiell überhaupt analysiert sein kann (und was nicht). Weiter wird beleuchtet, was es heisst, Mensch zu sein und wie ein Leben sinnstiftend geführt werden könnte sowie was kluges Handeln sein könnte.

Aus der geisteswissenschaftlichen Tradition werden schwerpunktartig folgende Elemente beigezogen – im Wissen, dass dies nicht vollständig sein kann und eklizistisch ausgewählt wird (sowie ganz viel anderes implizit einfliessen wird):

  • Antike Philosophie:
    Darunter werden schwerpunktmässig Gedanken aus dem Stoizismus, Konzepte der Sorge um sich selber (bereits von Sokrates begründet), Überlegungen zur Lebensführung (Mässigung, Balance-Halten) oder zum Umgang mit den Lüsten (z.B. Epikur) sowie Gedanken zur wohlüberlegten, klugen Wahl (oder Nichtwahl) zentral sein.
  • Existenzialismus:
    Besonders hervorzuheben gilt es dabei Albert Camus: Seine Gedanken zur Geworfenheit eines jeden menschlichen Daseins und seine Beschreibungen des Absurden der conditio humana an sich werden immer wieder auftauchen. Wichtig werden auch Gedanken sein, die aufzeigen dass diesem (elenden) Zustand nur durch eigene aktive Sinngebung, z.B. durch (soziales) Engagement („l’homme révolté“), eine gewisse Erträglichkeit und ein Sinn eingehaucht werden kann.
    Des Weiteren einfliessen werden Camus‘ Aussagen, dass Glück nur kurze Momente darstellen kann und kein Dauerzustand ist, denn die schönen Momente sind flüchtig und müssen immer wieder erkämpft werden. Und da ist noch das Bild von Sisyphus in Camus‘ Dissertation: Gar er hat seine glücklichen Momente und wir sind alle eigentlich mit ihm verwandt und müssen ein Leben im Dennoch oder im Trotzdem gestaltend abspulen.
  • Friedrich Nietzsche:
    Was er in die Diskussion um unser Dasein als Menschen (z.B. „Gott ist tot“ oder Gedanken zu Macht- und Herrschaftstrieb) einbrachte, ist wohl allgemein bekannt, so dass dies hier nicht weiter ausgeführt werden muss. Begegnen werden wir in unserer Serie immer wieder Elementen aus seinem Denken.
  • Michel Foucault:
    Zwei Hauptgedanken fliessen in die weiteren Überlegungen ein: Einerseits werden wir sehen, dass Macht und Strukturen alles durchdringen und wir uns immer wieder mit ihr verstricken, ob wir wollen oder nicht. Es wird sich zeigen, dass wir keine echten Positionen der Opposition finden können, keine Positionen ausserhalb der Macht – ob wir aber Sand ins Getriebe streuen können und wollen oder uns eine Nische zu schaffen anstreben, müssen wir klug abwägen.
    Neben Gedanken zur Macht bringen wir durch Foucault natürlich auch Gedanken zur Entwicklung von Wissensystemen, zum Übertragen der antiken Konzepte der Sorge um sich selbst (Lebenskunst) in die (Post)Moderne oder Hinweise zur Geschichte und Ausgestaltung der Sexualität mit in unsere Serie hinein.
  • Wirtschaftswissenschaften, insbes. Wirtschaftsethik:
    Wir alle sind tätig und in ein grösseres Wirtschaftsystem eingebetet, ob wir wollen oder nicht. Von der schwierigen Diskussion um das Privateigentum (man denke z.B. an Marx extreme Position dazu) bis hin zu Überlegungen zum Umbruch der Wirtschaft in Zeiten der aufkommenden Digitalisierung werden uns hier einige Themen beschäftigen müssen.
  • Literatur:
    Dabei handelt es sich um ein riesiges Feld, das die ganze Kultur, Sprache und Weltwahrnehmung prägt. Exemplarisch werden wir Gedanken von Thomas Mann (eigenes Leben unter einer Beschreibung führen, als Kunstwerk gestalten und Triebe und Abgründe durch Disziplin im Schach halten) sowie Dostojewski (innere Kämpfe, Ambivalenzen und Widersprüche als Dauerzustand) beiziehen. Viele weitere von Dante bis Sybille Berg werden einfliessen – alle hier zu nennen würde den Rahmen dieser Einleitung sprengen.
  • Weitere VertreterInnen der moderneren Philosophie, insbes. der Wissenschaftstheorie:
    Auch hier ist das Feld, das es abzuschreiten gilt, sehr gross, so dass an dieser Stelle nur exemplarisch auf einige wichtige Elemente verwiesen werden kann, die in der Serie wichtige Grundpfeiler sein werden. So werden etwa Überlegungen zur prinzipiellen Beschränktheit ein jeglichen Wissens, der Sprache und das Gefangen- resp. Geworfen-Sein eines jeden Denken und denkenden Daseins im jeweiligen Moment der Geschichte wichtige Reflexionspunkte darstellen (z.B. Wittgenstein (Sprache als Gefängnis), Heidegger (Welt als (zer)fliessender Zeitstrom)). Erwähnt werden muss namentlich noch Thomas Kuhn: Der beschränkte Status von wissenschaftlichem Wissen (als Abfolge von Paradigmen beschrieben), die Brüche in der Entwicklung des Wissens (kein linearer Prozess, sondern auch ein sozialer), wird uns immer wieder zum Misstrauen gegenüber zu viel Einbildung auf unser eigenes Wissen ermahnen und die von ihm angeregte Stimuli-Ontologie wird in Fragen wie die Welt an sich beschaffen ist und was für eine Rolle unser evolutionär entstandener Wahrnehmungsapparat bei einer solchen Konzeptionalisierung spielt, anregen.
    Generell bringen AutorInnen der Postmoderne, der Sozialanthropologie sowie des Dekonstruktivismus Gedanken zum Hinterfragen unserer eigenen Wahrnehumgs- , Deutungs- und Handlungsmuster auf, die es in der Serie immer wieder zu beachten und reflektieren gilt.
  • Arthur Schopenhauer und fernöstliches Denken:
    Er soll doch noch namentlich erwähnt werden, denn er wird uns Distanz gewinnen lassen bei den dann doch teils eher schwarz eingefärbten, schweren Themen: So betont er auf spielerische Art, dass all diese Machtspielchen und dieses „wer sein“, doch eigentlich in allen Zeiten nur ein Affentheater – jeweils mit anderen Mitteln – sind. Somit soll der Serie ein optimistischer Pessimismus zu Grunde gelegt werden – auch wenn Schopenhauer das wohl nicht passen würde, er würde wohl lieber einem pessimistischen Pessimismus Vorschub leisten.
    Über Schopenhauer gelangt man zum fernöstlichen Denken. Das führt hin zu Achtsamkeits-, Meditations- und Selbsttechniken, die auch eine wichtige Rolle in der Serie spielen werden.
  • Psychologie:
    Aus der Psychologie wird so einiges einfliessen. Alles kann hier nicht erwähnt werden. Dem Systemtheoretischen Hirnmodell wird an anderer Stelle dann eh ein eigener Text gewidmet sein. Denn das aktuelle Wissen zum Aufbau des Gehirns, dessen Funktionsweise und wie Lernen sich darin manifestiert, sind ganz zentral für das Verständnis, was es heisst, Mensch zu sein.

Dies zu den geisteswissenschaftlichen Grundlagen und Verortungen. Als nächstes sollen die naturwissenschaftlichen Grundlagen zur Sprache kommen.

 

*Wissenschaftliches Wissen wird durch ein strukturiertes Vorgehen und klar umrissene Methoden erarbeitet. Ausserdem wird es immer wieder überprüft und revidiert. Treten dabei Widersprüche auf, wird angepasst. Weitere Wissenschaftlichkeitskriterien sind etwa die intersubjektive Überprüfbarkeit, eine Fachsprache mit Begriffsklärungen oder aufbauendes, logisches Argumentieren. Dieses Wissen erhält in der Serie eine Schlüsselposition. Nichtsdestotrotz werden andere Wissensarten (Erfahrungswissen, Intuition u.ä.) auch zur Sprache kommen. Hingegen wird dogmatisches Behaupten (d.h. durch unhinterfragbare Autorität gesetzte, unumstössliche Wahrheiten) sowie einfach so Postuliertes aussen vor gelassen.

Sustine et abstine (2)

Das Freiheitsdilemma

Letzte Woche ging es um den schwierigen Umgang mit der Freiheit:

Warum spricht man in der Philosophie vom Dilemma der Freiheit?

Das Freiheitsdilemma wird in der Philosophie seit der Antike thematisiert. Seit damals fragen wir Menschen uns, wie wir Freiheit behalten und dennoch erfüllt leben können. Freiheit ohne sie zu nutzen, sich also auf etwas festzulegen, ist leer – wird sie genutzt, verschwindet sie hingegen.

Am Beispiel von sozialen Bindungen wird dies gut sichtbar: Ein Leben ohne soziale Bindungen ist wenig wert. Geht man jedoch solche Bindungen ein, verliert man an Freiheiten, wird gar abhängig. Mit dem Realisieren von Bindungen schränken wir unsere Freiheit umgehend ein.

Eine weitere Variante des Dilemmas sind alle Entscheide für oder gegen eine Option. Wir alle haben eine endliche Menge an Energie und Zeit, so dass jeder Entscheid für etwas gleichzeitig ein Entscheid gegen hundert andere Dinge ist. Oft ist dann halt die realisierte Option nicht so befriedigend, wie es im Vorfeld aussah, so dass Freiheit oft schnell in Enttäuschung und Frust umschlägt.

Menschsein heisst, mit diesen Widrigkeiten umzugehen. Daran führt kein Weg vorbei. Das Dilemma ist nicht auflösbar und gilt es somit auszuhalten. Dies kann man bewusst machen oder sich einfach treiben lassen.

Will man ersteres, also trotz Widrigkeiten selber entscheiden und nicht einfach gelebt werden, so gibt es ein paar Werkzeuge, die einem dabei helfen können. Dazu gehört ein vernünftiges Erwartungsmanagement, das Treffen von bewussten, wohlinformierten Entscheiden oder das periodisches Überprüfen und Neuausrichten.
Letzteres besteht konkret darin, sich einerseits der Bindungen an Menschen, Werte, Dinge, die Auswahl von Aktivitäten und allgemein der eingegangenen und vorhandenen Abhängigkeiten bewusst zu werden und dann diese auch mal wieder zu lösen, um neue – oder die alten – willentlich wieder einzugehen.

Und nicht zuletzt darf Befreiung – wie es in der heutigen Zeit der „Multioptionsgesellschaft“ arg propagiert wird – nicht als reine Verheissung angesehen werden. Denn ganz frei wird es schnell mal fade und einsam. Aber auch das Gegenteil, das heute bei einigen Gesellschaftsgruppen zu beobachtende unreflektierte Verharren in alten Gewohnheiten oder Denkmustern ist keine gute Wahl im Umgang mit einer sich rasend verändernden Welt.

Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte. Und es gilt intuitiv, klug und situativ zu wählen sowie zu akzeptieren, dass das Leben im Fluss ist und nichts ein für alle Male feststeht.

Tja, und wie erreichen wir dies alles konkret? Selbstreflexion, Zeit und Raum für Muse und Musse, Disziplin und Mässigung sind mal wieder einige der zu nennenden Stichworte. Und nicht schaden tut halt auch die viel beschworene Gelassenheit. Diese ist halt schon wichtig, damit man auch mal eine Option nicht nutzt und nicht umgehend das Gefühl hat, was zu verpassen. Dies hier mal so angedeutet, mehr dazu wird an anderer Stelle noch folgen.

Beschränken der Lüste oder Askese ohne Verzicht?

Im Rahmen der letzten Frage der Woche galt es die Frage zu beantworten „Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht?„.

Da die Antwort etwas länger als gewohnt ausfällt, wird sie diesmal nicht direkt unter der Frage, sondern als eigener Blogeintrag beantwortet.

Hier ein paar Gedankenanstösse als Hinweise zur möglichen Beantwortung:

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Gerade die hedonistische Lehre von Epikur (geb. 341 v. Chr.) wird oft verkürzt als Leben nach dem hemmunglosen Lustprinzip fehlinterpretiert. Denn ihm ging es gerade auch um den bewussten Umgang mit Begierde und Lust.

Bei vielen Lehren und Philosophien, die asketische Elemente propagieren, geht es nicht um Verzicht, sondern um Dosierung und bewusste Mässigung der Lusterfahrungen. Dies auf der einen Seite, um insgesamt mehr Lust zu erfahren und auf der anderen Seite, um die Lusterlebnisse bewusster eingehen zu können. Denn, gibt sich der Mensch zu sehr seinen Begierden hin, kann dies schnell zu Unlust führen, da bereits früh beobachtet wurde, dass wir ohne Mässigung uns gewöhnen und immer grössere Begierden entwickeln. Für all die kleinen Möglichkeiten des Lustgewinnes sind wird dann nicht mehr empfänglich. Somit erwächst aus unkontrolliertem den-Lüsten-Nachgeben am Ende Unlust.

Die heutigen Kenntnisse zum Funktionieren des Belohnungszentrums in unserem Gehirn bestätigen diese alten Beobachtung aufs Vortreffliche (siehe dazu Kleine Freuden des Alltags).

Asketische Übungen stärken des Weiteren unsere Willensstärke. Dies führt zu mehr Selbstkontrolle, mehr Autarkie, besserem „Sich-Selber-Führen-Können“ und mehr Selbstermächtigung. Damit sind wir unseren Emotionen und Affekten nicht mehr so hilfslos ausgeliefert. Dies erleichtert auch das Zusammenleben.

Als Bonus wird man sich durch solche Übungen der Widersprüche und der Breite der Erfahrungen – guter und schlechter Art – die das Leben so mit sich bringt, mehr bewusst. Über sich selber besser zu verfügen, sich besser zu kennen, aber auch bewusster Zusammenhänge und Strukturen sowie Abhängigkeiten auf einer überindividuellen Ebene wahrzunehmen, vermindert natürlich auch, dass ein Mensch zu einem passiven Spielball der Umstände wird – das macht doch insgesamt auch ein zufriedeneres Dasein aus, als passiv dahinzuleben und jeder Begierde ausgeliefert zu sein?

Und es ist noch kein Meister und keine Meisterin vom Himmel gefallen: Asketische Übungen sind auch Mittel zum Zweck – denn nur wer regelmässig etwas übt, wird besser, stärker und kann nur so etwas verstetigen, so dass es nach und nach zur Gewohnheit und schliesslich zum Habitus wird und kaum mehr der Anstrengung bedarf.
Auch hier zeigen die neusten empirischen Erkenntnisse der Neurowissenschaften, dass die uralten Techniken wie Meditation und Repetition goldrichtig lagen: Tun wir etwas ein paar Mal, gibt es chemische Spuren im Gehirn. Üben wir weiter, entstehen neue Neuronen und immer dickere Neuronenstränge. Schliesslich feuern ganze Netzwerke von Neuronen und Neuronenstränge zusammen, was sie am Ende gar zusammenschweisst – what fires together, wires together. Gelernt ist erst dann richtig gelernt.

Zusammenfassend können wir festhalten, dass ein kalkulierter, wohldosierter sowie bewusster Umgang mit den Lüsten und Begierden zufriedener macht und Mässigung somit schlussendlich gar keinen Verzicht nach sich zieht, sondern insgesamt ein Mehr an Lusterleben und Zufriedenheit bringt.

In einer tempomässig überdrehten Zeit wie der unseren, mit doch eher zu viel als zu wenig Möglichkeiten, hilft Mässigung ausserdem, weniger Entscheide treffen zu müssen, was am Ende auslaugt und erschöpft, so dass man gar nicht mehr fähig ist, Lustempfindungen wahrzunehmen oder zu geniessen. Dafür muss man einen gewissen Grad an Wachheit und Neugierde mitbringen. Wer immer alles sofort erleben, haben, kommunizieren oder machen muss, hat das halt einfach nicht mehr. Mehr wird auch aus dieser Perspektive eigentlich dann zu weniger.

Aber eine Warnung muss doch auch hier ausgesprochen werden: Auch für die Mässigung und asketische Übung gilt – wie schon über dem Orakel von Delphi stand – nichts im Übermass (μηδὲν ἄγαν)!

P.S.
Das hier vorgebrachte sah auch Thomas Morus in seinem genrebegründenden Werk „Utopia“ (1516) nicht anders. So lässt er aus dem Idealstaat Utopia berichten: „Nun aber ruht nach ihrer Ansicht das Glück freilich nicht in jeder Lust, wohl aber in der richtigen und ehrbaren.“

Frage der Woche

 

Bei vielen antiken Philosophen werden in Bezug auf ein gelungenes Leben asketische Übungen oder generell eine Lebensführung mit Beschränkung des Auslebens der Lüste empfohlen.

Dies ist heute wieder en vogue (siehe dazu Museumstipp: Sei kein gieriger Affe oder Kleine Freuden des Alltags).

Oft werden diese Konzepte jedoch falsch verstanden, nämlich als reiner Verzicht auf Freuden des Lebens („Lustfeindlichkeit“).
Dies ist jedoch falsch, was uns zur Frage der Woche führte:

Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht?

 

 

Kleine Freuden des Alltags

In einer von „Superstimuli“ geprägten Welt, wird unser evolutionär altes Belohnungszentrum regelmässig heftig stimuliert. Mit viel raffiniertem Zucker Angereichertes, Junk Food oder visuelle sexuelle Reize in Werbung, Fernsehen oder Internet sowie Benachrichtigungen oder Likes lassen das zuständige Dopamin in Strömen fliessen. Leider gewöhnen wir uns daran und werden unempfindlicher für schwächere Reize.

Da ist es schön, Inne zu halten und sich der kleinen Freuden des Alltags bewusst zu werden – solche können sein:

  • ein frisch bezogenes Bett
  • der Duft nach einem Sommerregen
  • wenn das bestellte Kleidungsstück wie nach Mass hergestellt sitzt
  • Vögel vor dem Fenster beobachten
  • an die Bushaltestelle kommen, wenn gerade der Bus ankommt
  • mit einem Hund über die Felder gehen und ihn rufen und dann beobachten, wie er freudebebend angerannt kommt
  • wenn die fremde Katze, welche regelmässig vor dem Haus rumlungert, einem schon von Weitem zu erkennen beginnt und sich sichtlich auf die Streicheleinheit freut
  • zu sehen, wie das im Frühling gesetzte Gemüse gedeiht
  • wenn irgendwo überraschend ein Lieblingslied erklingt
  • zufällige Begegnungen mit alten Bekannten
  • die Farben des Herbstwaldes
  • der erste Schnee
  • die ersten spriessenden Pflanzen und ersten Blüten im Frühling
  • Vorfreude aller Art
  • sich ein Rubbellos von der Landeslotterie kaufen
  • eine bewusste kleine Belohnung
  • ein warmes Bad
  • Wenn man selber keinen Hund hat oder von Freunden „ausleihen“ kann: Mit einem vom Tierheim spazieren gehen

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    Auch er hatte sehr Freude an unserem Spaziergang – Hund vom Tierheim Oberbottigen.
  • wenn die Tage wieder länger werden
  • jemandem etwas schenken, das man selber gerne hätte
  • in einem Fluss oder See schwimmen
  • freundlich zu einem unfreundlichen Menschen sein und sehen, dass seine Schroffheit weniger wird
  • die Patina der Dinge, die einem schon Jahre begleiten

 

 

 

Im falschen Leben – eine Parabel

Bei den anderen sieht es so locker aus. Während sie vom Brückengeländer abspringen, breiten sie einfach die Flügel aus, flattern ein, zwei Mal und schon werden sie von der Luft getragen. Es sieht aus, als wäre es das Einfachste der Welt, als ob sie nichts dabei überlegen müssten.

Bei mir ist es anders. Ich habe jedes Mal das Gefühl, als spränge ich ins Leere, in einen Abgrund. Im Moment, wo meine Füsse den Kontakt zum steinernen Brückengeländer verlieren, kriege ich Panik. Es ist, als spränge ich ins Nichts. Die ersten zwei Flügelschläge führe ich jeweils hektisch aus. Danach geht es besser, die Luft trägt auch mich leicht. Doch zuerst ist immer diese Angst, dass sie mich nicht halten kann und ich zur Erde falle.

Ich wünschte mir sehr, dass unsere Kolonie an einen anderen Ort ziehen würde, dass ich nicht immer von so weit oben starten müsste, wenn wir ausfliegen. Die Brücke ist hoch, ich versuche jeweils beim Starten nicht nach unten zu schauen. Die anderen schauen mich schon komisch an. So bin ich doch eine erfahrene Fliegerin und weit oben in den Lüften eigentlich eine der Agileren. Wären da nur nicht die Starts und die Flüge nahe am Boden oder knapp über dem Meer.

Meine Kolonie ist umgezogen. Wir leben nun am Boden, haben einen schönen Teich, werden regelmässig gefüttert. Es ist zwar kühler hier, doch mir macht dies nichts aus. Auch nicht, dass uns ab und zu die längsten Schwungfedern gerupft werden. Viele sind unzufrieden und äussern sich ungehalten über unser neues Habitat. Viele beklagen sich auch, dass wir nicht mehr fliegen. Mir gefällt es, ich bin glücklich hier.

Und wir werden auch nicht mehr von Fischern verjagt. Ganz im Gegenteil, wir sind nun gar etwas prominent. Gerade gestern las ein Kind das Schild am Zaun laut vor: „Flamingos (Phoenicopteriformes), Vorkommen Süd-, Mittel- und Nordamerika sowie Europa, Afrika und Südwestasien. Bevorzugte Nahrung: Plankton, Fische, Krebse, Muscheln und anderes Kleintier des Meeres, Samen, Wasserpflanzen.“