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Wie gelangen wir zum bestmöglichen Wissen?

Der letzte Blogbeitrag zeigte, dass es kein Wissen gibt, das nicht durch Sprache, Sozialisation und Erfahrungen geprägt ist. Dadurch erhält ein jedes Wissen eine subjektive Komponente und ist relativ.

Denkende Menschen versuchen seit langer Zeit diesem Relativismus zu begegnen, indem sie seit der Antike die Methoden der Wissensgenerierung analysieren, hinterfragen und weiterentwickeln.

Auch das Wissen selber wurde und wird unter die Lupe genommen und immer wieder kritisch hinterfragt.

Angefangen hat diese Analyse  der Erkenntnismethoden und -instrumente und des Status des Wissens an sich bei Aristoteles und führte über mehrere Etappen hin zur modernen Wissenschaftstheorie und -soziologie.

Resultate dieses langen Prozesses der Denkgeschichte sind, dass es heute ein spezifisches wissenschaftliches Wissen gibt, das sich von anderen Wissensarten (z.B. Satzungen der Religionen, Traditionen oder Erfahrungswissen) unterscheidet.

Was ist wissenschaftliches Wissen?

Stichworte zum wissenschaftlichen Wissen sind etwa klare Begriffsdefinitionen, bestimmte Methoden und Prozesse der Wissensgenerierung oder ein strukturierter, systematischer Aufbau von Theoriegebäuden.

Das wissenschaftliche Wissen muss somit gewissen Kriterien Genüge leisten. Dazu gehören z.B. eine klare, schnörkellose Sprache (Wissenschaftssprache) oder logisches Argumentieren. Ausserdem müssen Begriffe, Argumente und Methoden offengelegt werden, so dass sie intersubjektiv überprüfbar sind.

Durch den bewusst nach Kriterien gestalteten Prozess der Wissensgewinnung ist das Wissen dynamisch und wird immer wieder revidiert. Dies teils nur in Details, ab und zu aber erdbebenartig durch die grossen Brüche der Paradigmenwechsel.

Durch diesen offenen Prozess (Wissenschaftsfreiheit), der auch viele soziale Komponenten beinhaltet, wie z.B. Thomas Kuhn schön in seinem Klassiker „Die Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen“ (engl. Original 1962) aufzeigte, ist wissenschaftliches Wissen immer nur vorläufig und revisionsanfällig: Im Gegensatz zu Satzungen der Religionen, Traditionswissen oder Ideologien anerkennen Aktive der Wissenschaft, dass das, was heute gilt, morgen vielleicht obsolet sein wird.

Die Grenzen des Wissens sind somit bewusst, man kann höchstens von einer Annäherung an die Wahrheit(en) sprechen und niemals vom Besitz einer endgültigen Wahrheit ausgehen (siehe dazu auch hier).

Festzuhalten bleibt somit, dass auch das beste wissenschaftliche Wissen klare Grenzen hat. Diese zu kennen und zu akzeptieren – sich also auch über das Nichtwissen (sowie prinzipielle Nichtwissenkönnen) Gedanken zu machen – gehört auch zur Generierung von wissenschaftlichem Wissen (Grenzen des Wissens).*

Neben diesen prinzipiellen Grenzen des Wissens gibt es auch beim wissenschaftlichen Wissen Gefahren, denen man sich bewusst sein muss. Diese werden im nächsten Blogbeitrag näher beleuchtet.

*Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass es neben der Vorläufigkeit des Wissens auch prinzipielle Grenzen der Erkenntnis gerade im ganz Grossen und ganz Kleinen gibt (Stichworte Entstehung der Raum-Zeit erst durch den Urknall oder Plankwelt). Diese hier zu erläutern würde den Rahmen dieses Textes jedoch sprengen. Erste Hinweise dazu sind in einem älteren Blogbeitrag zu finden und werden später vertieft behandelt.

Sustine et abstine (20) – der Mensch als geselliges Wesen (6)

Kann ich mir wirklich frei eine Meinung bilden?

Im letzten Blogbeitrag zeigte sich, dass der Mensch nicht so frei handeln kann, wie dies in der Theorie oft dargestellt wird. Wie sieht es denn mit dem Wollen aus, können wir wenigstens frei wählen, was wir wollen?

Leider ist es auch hier schwierig: Auch die Freiheit zu Wollen unterliegt gewissen prinzipiellen Einschränkungen.

Gefängnis Sprache

Dies fängt bei der Sprache an: Wenn eine Person bewusst und rational handeln will, muss sie jeden Entscheid abwägen. Will sie dies nicht rein intuitiv tun, muss sie Argumente formulieren und prüfen. Dabei kommt sie nicht darum herum, Sprache zu benutzen.

Eine jede Sprache hat ihre Eigenheiten, kann das eine ausdrücken, während anderes darin nicht sag- oder denkbar ist. Wer mehrere Sprachen beherrscht oder von einer Sprache eine historisch ältere Version mit einer neueren vergleicht, weiss, dass nicht in jeder Sprache dasselbe denkbar ist. Jede Sprache strukturiert das Denkmögliche anders. Und alle Sprachen verändern sich dynamisch, was sich auch auf das Wahrnehmen, Bewerten und Denken auswirkt.

Beispielsweise kann auf Guaraní (Paraguay / Brasilien) nur bis vier gezählt werden – alles darüber wird einfach als „viel“ bezeichnet. Dies strukturiert die Wahrnehmung der Welt stark, legt z.B. einen anderen Fokus auf das Haben: Ob ich 7 oder 8 Schweine habe, ist dann nicht so wichtig – es sind dann einfach viele.

Gefängnis Zeitgeist und Kultur

Auch der Zeitgeist und eine jeweilige Kultur setzen dem Denkbaren Grenzen: Nicht in jeder Zeit und Kultur ist dasselbe denkbar. Auch hier sind Menschen nicht frei in ihren Bewertungen, Urteilen und schlussendlich Handlungen. Beispielsweise wird in Kulturen, wo das Individuum weniger wichtig ist als die Gruppe es als undenkbar erscheinen, einem Individuum besondere Rechte und Freiheiten zuzugestehen.

So war es im alten Griechenland auch den damals fortschrittlichsten Philosophen klar, dass ihre Überlegungen zu Rechten und Pflichten sich nur auf die männlichen Mitglieder der Oberschicht beziehen – es war für sie undenkbar, dass auch Frauen oder Sklaven in den Genuss erweiterter Rechte kommen könnten. Die göttliche Ordnung wies einem jeden Menschen seinen Platz zu und der hat entsprechend zu leben.

Gefängnis individuelle Erfahrungen

Auch unsere individuellen Erfahrungen determinieren Wahrnehmungen, Bewertungen und dadurch schliesslich das Handeln. Dies einerseits direkt dadurch, dass unser Gehirn zu einem entscheidenden Teil durch unsere Erfahrungen geprägt und geformt ist. Andererseits dadurch, dass der Ablauf der kognitiven Prozesse auch aufgrund von früheren Erfahrungen geprägt ist.

So nehmen Menschen beispielsweise immer selektiv wahr: Was zu bereits Erfahrenem passt, nehmen wir eher bewusst wahr, während wir oftmals blind sind, gegenüber Dinge und Fakten, die unseren Erwartungen nicht entsprechen (selektive Wahrnehmung). Oder da, wo wir Muster erwarten, sehen wir dann auch welche – obwohl eine genauere Prüfung nicht selten diese als Trugschluss entlarvt (Esoterik).

Dieser kleine Ausflug in die Linguistik, Ethnologie oder Psychologie zeigt auf der einen Seite auf, dass beim Aufstellen von ethischen Grundsätzen immer Vorsicht geboten ist: Es gibt kein Wissen, das nicht an Sprache, Kultur oder Zeitgeist gebunden ist. Somit ist gegenüber allen Prinzipien, die universell und für immer Geltung beanspruchen, Vorsicht und Skepsis geboten.

Auf der anderen Seite gilt es beim Aufstellen von hehren Prinzipien des guten Lebens, den eigenen Standpunkt, die eigene Brille, bewusst zu machen und diese regelmässig zu hinterfragen.

 

 

Sustine et abstine (19) – der Mensch als geselliges Wesen (5)