I‘m not rich but I am free
I‘m not important but I am free
I‘m not famous but I am free
I live in a tiny appartement but it‘s enough
I live a quiet life but it is full of adventures
I live slow but I am wide awake
I own less but make more experiences
I own less but feel more connected
I own less but have more purpose
I prefere learning to earning
I prefere travelling to saving money
I prefere beeing outside to the office
I don’t have a house but I am free
I don‘t have a car but I am free
I don’t have a fancy watch but I am free
What‘s important to you?
Schlagwort-Archive: Sorge um sich selbst
Die Zeiten ändern sich
Früher beim „Studium“ des Playboys:
Fantasien, was wir dann in real machen werden.
Wie wird es sein, dies und das zu berühren?
Wie wird es riechen, agieren und reagieren, dieses mysteriöse Gegenüber in Fleisch und Blut?
… schlicht unglaublich wird es sein, oh yeah!
Die heute heranwachsende Generation macht es anders:
Realität dient zum Nachstellen der Szenen im Kopf.
Och, wie langweilig: Alles schon gesehen.
Und das Gegenüber macht ja gar nicht das, was ich will!
Viel zu real, wie man schwitzt, riecht und so.
Insgesamt eher mühsam, zu anstrengend.
… Tubesites dagegen yeah!
Ob das eine oder andere besser ist, das bleibe hier mal jedem selber überlassen – erste Gedankenanstösse gab es bereits an anderer Stelle im Blog und das Thema wird später in der Serie sustine et abstine vertieft analysiert.
Wer mehr Anregungen und Hintergrundwissen zum Thema möchte, dem sei der Ted Talk the great porn experiment von Gary Wilson auf youtube empfohlen.
Dass die Gefahren der Internetpornographie grösser sein dürften, als viele vermuten, darauf deuten die über 13 Millionen Views des Talks hin…
Stimuli und Superstimuli: Ich will mehr!
Ich habe nur probiert, um mal zu sehen.
Es war nur sehr wenig, doch es war schön.
Ich wollte mehr davon,
nur ein bisschen mehr.
Gib mir mehr.
Gib mir mehr.
Die Toten Hosen
Wie schon an anderer Stelle erörtert, ist unser Gehirn in vier Schichten aufgebaut. Diese entsprechen evolutionären Stufen. Am ältesten ist das Stammhirn („Echsenhirn“, „Reptilienhirn“). In eben diesem ist das Belohnungszentrum angelegt. Dieses funktioniert vor allem mittels Botenstoff Dopamin. Dieser Neurotransmitter wird auch „Belohnungshormon“ genannt, denn er lässt uns bei entsprechenden Stimuli ein Hoch erleben. Dies war evolutionär sehr wichtig, da es uns motiviert, Dinge zu tun, die dem biologischen Zweck unseres Daseins (Überleben und Fortpflanzung) dienen. Dopamin fliesst ebenfalls in Strömen, wenn wir Neues erleben oder wir positive Erwartungen haben. Ausserdem wird Dopamin freigesetzt, wenn wir Risiken eingehen oder Verbotenes tun („Reiz des Verbotenen“).
Das Belohnungszentrum ist im Vergleich mit den neueren Hirnarealen wenig formbar und besonders wirkmächtig: Das modernere Grosshirn, der Sitz von Bewusstsein, Sprache oder Denken, wird von diesem alten Mechanismus sehr leicht übersteuert: Die Verbindungen von alten zu neuen Teilen sind viel schneller und leistungsfähiger als umgekehrt. Das erleben wir immer wieder, wenn wir in einer Bedrohungslage oder bei einem Wutanfall quasi ferngesteuert reagieren und blitzschnell uns tot stellen, wild um uns schlagen oder fliehen. Fliesst also das Dopamin in grossem Stile, können wir kaum noch rational reagieren – die Emotionen und Reaktionen dazu passieren uns scheinbar einfach.
Den so mächtigen Mechanismus des Belohnungssystems zu kennen und vor diesem Hintergrund sorgfältig mit dieser sehr starken körpereigenen Steuerungszentrale der Motivation umzugehen, ist für ein selbstbestimmtes Dasein von grösster Wichtigkeit. Denn dieser Mechanismus ist so stark, dass er den bewussten Willen und die rationale Steuerung unseres Verhaltens ausser Kraft setzen kann. Dies kann soweit gehen, dass wir offensichtlich schädliches Verhalten scheinbar zwanghaft immer wieder repetieren.*
Es muss nicht immer so dramatisch sein, derselbe Mechanismus kann uns auch ganz sanft weg von der Selbstkontrolle und – beherrschung führen. Meist fängt dies ja bei feinem Abstumpfen gegenüber schwächeren Stimuli oder mit der Flucht in das dopamin-ausschüttende Verhalten bei unangenehmen Gefühlen (Langeweile, Einsamkeit etc.) an. Dies führt jedoch leicht weiter bis zu den bekannten Süchten und dem damit einhergehenden Kontrollverlust über die eigene Lebensführung.
Es ist kein Zufall, dass viele der gerne konsumierten Drogen die Dopaminproduktion emporschnellen lassen. So wirken die am meisten süchtig machenden Drogen fast alle auf das Belonhungszentrum und überschwemmen dieses mit Dopamin, was ein gutes Gefühl verschafft. Doch das bleibt nicht lange so – schnell braucht man mehr.
Dass sich der Körper gegen ein zu viel eines Stoffes wehrt, kennt man aus der Suchtforschung gut. Das Gehirn entwickelt bei regelmässiger Exposition von zu viel Dopamin mehr Rezeptoren dafür, so dass es immer einer grösseren Menge an Dopamin braucht, um dasselbe gute Gefühl zu erhalten.
Dieser Mechanismus wird Desensibilisierung genannt: Man braucht immer mehr, um sich wieder gut zu fühlen. Dass dann der Normalzustand oder kleine Dopmanischübe durch kleine Belohnungen kaum mehr Wirkung zeigen, ist eine logische Konsequenz. Der Normalzustand wird dann gar als unangenehm und quälend wahrgenommen – man ist auf Entzug und braucht nun schon den Stoff oder das dopaminausschüttende Verhalten, nur um nicht mehr passiv oder gar depressiv zu sein.
Dass es vor diesem Hintergrund ratsam ist, sorgfältig mit entsprechenden Stimuli umzugehen, leuchtet ein. Beschränkung und Verzicht führt damit, wie an anderer Stelle ausführlicher gezeigt, dann gar insgesamt zu einem Mehr an guten Gefühlen als weniger.
Sich ab und zu gezielt und bewusst zu belohnen ist grundsätzlich positiv und gehört zu einem gelungenen Leben dazu – die sprichwörtliche Praline, die ab und zu alles einfach viel besser macht, soll doch genossen sein!
Die heutige Welt bietet unserem uralten Belohnungszentrum jedoch all zu viele solcher Gelegenheiten. Gerade die, die ohne Anstrengung schnell und leicht ermöglicht werden, sind besonders verführerisch und schnell ist man mitten drin und die sprichwörtliche Praline gehört zum Alltag dazu, so dass wir sie weder schätzen, noch geniessen, sondern einfach haben müssen.
Die heutige Zeit bietet uns neben besagter Praline als Beispiel für einen moderaten Stimulus, aber leider auch sehr starke Reize, für die unser Gehirn schlicht und einfach nicht gemacht ist. Nennen wir sie Superstimuli. Hier führt eine Exposition geradezu zu einer Dopaminexplosion in unserem Gehirn. Da kann nichts „Natürliches“ mithalten, alles andere erscheint fade daneben.
Und gegen eine solche Dopaminüberschwemmung durch einen Superstimulus wehrt sich das Gehirn sehr schnell mal mittels oben beschrieben Desensibilisierung. Dies geht dann einerseits mit einem kaum zu bändigen Wiederholungsdrang einher und hat andererseits den Effekt, dass alltägliche kleine Freuden nicht mehr wahrgenommen werden können, da danach der Anstieg an Dopamin lächerlich wirkt gegenüber dem, was das Gehirn durch den Superstimulus erlebt hatte – es will dann das und tut alles, damit man ihm genau das oder besser, noch mehr davon, wieder gibt (Sucht).
Diese Superstimuli sollte man folglich sehr behutsam dosieren, von einigen bleibt man besser ganz fern, denn nur die wenigstens können bewusst mit dem Sog einer solchen Dopaminüberflutung umgehen. Bei Menschen mit durchschnittlichem Willen wird aus Lust sonst schnell ein reines Verlangen nach der nächsten Dosis, das Lustvolle, des Rauschhafte wird dann zum völlig lustfreien Zwang.
Vorsicht ist auch geboten, da eine solche Abhängigkeit meist schleichend beginnt und dies wieder rückgängig zu machen ist sehr schwierig (durch die Neuroplastizität aber nicht unmöglich).
Bekannt ist, dass viele der harten Drogen sich extrem auf das Belohnungszentrum auswirken (z.B. Kokain, Speed oder Amphetamine durch direkten „Dopamin-Kick“, Opiate indirekt durch Hemmung des Dopamindämpfers Noradrenalin).
Neben diesen bekannten Superstimuli gibt es viele alltägliche Dinge und Verhaltensweisen, die starke oder sehr regelmässige Dopaminausschüttungen (auch das verändert das Gehirn und macht schnell süchtig) auslösen:
- stark zuckerhaltige Nahrungsmittel (dazu siehe auch hier)
- soziale Medien+
- Nikotin
- Alkohol
- Gewöhnung an schnelle News (insbes. Push-Meldungen)+
- Games
- Glücksspiel
- Drang immer was Besseres, Neueres haben zu müssen (Konsumsucht)+
- Jagd nach Geld, Ruhm und Macht+
- Internetpornographie+
- Sexsucht+
- Jagd nach Statussymbolen oder übermässiger externer Anerkennung (Geltungssucht)+
- Bingewatching von Serien
- Fresssucht
- Sportsucht
+ weiterführende Gedanken und konkrete Vorschläge für sinnvollen Umgang damit werden später in einem eigenen Blogeintrag der Serie behandelt
Und was hilft dagegen, dass wir mit einem steinzeitlichen Belohnungszentrum in einer überall mit leicht verfügbaren Belohnungen lockenden Welt leben müssen? Wie so oft ist dies eine Mischung aus Selbstwahrnehmung (wo und wann bin ich besonders empfindlich für diese leichten Belohnungen? Bei was und in welchem Zusammenhang ist es OK, mal nachzugeben? Bei was bleibe ich besser ganz fern? Und, wann ist mein Gelüste auf einen starken Stimulus des Belohnungszentrums eigentlich nur eine Ersatzhandlung (z.B. um schlechten Gefühlen oder Langeweile auszuweichen) und gar keine echte Belohnung für was Geleistetes oder einfach um einen schönen Moment zu zelebrieren?). Auf diesen Selbsterkenntnissen basierend kann dann wohlüberlegt entschieden werden, was Sinn macht und von was man besser die Finger lässt – jeder und jede ist anders und kennt sich am Besten.
Auch hilft es, die kleinen Freuden bewusst wahrzunehmen und zu schätzen (siehe auch Kleine Freuden des Alltags) und insgesamt ein ausgewogenes, eher ruhiges Leben mit Fokus auf das Jetzt zu führen, in dem man dankbar ist, über das was ist und man hat und so weniger anfällig auf das ewig Neue und zu Erwartende wird (gerade bei Erwartungen fliesst ja auch schon das Dopamin).
Und, es hilft auch, zu wissen, dass es völlig normal ist, dass uns unser Belohnungszentrum ab und zu überlistet und wir über die Stränge schlagen. Wir sollten dahingehend nachsichtig sein, denn es bleibt ein Widerspruch, den niemand auflösen kann, dass wir mit einem auf sehr viel weniger Reize ausgerichtetes Gehirn in einer Welt voller Stimuli und gar Superstimuli – für die es erst recht nicht geschaffen ist – leben.
Wie das alles konkreter aussehen könnte, wird in der Serie anhand einzelner Themen noch intensiv behandelt werden.
Insgesamt hilft in der von übervielen Reizen geprägten Welt auch eine bewusste Entschleunigung und Vereinfachung des Lebens – man muss nicht überall dabei sein, alles gemacht haben und immer Angst haben, etwas zu verpassen. Weniger wird zu mehr und Langsamkeit ermöglicht intensiveres Wahrnehmen. Diesem Thema des Lebenstempos wird der nächste Beitrag der Serie gewidmet sein.
*In Experimenten, die die Dopaminproduktion bei Tieren anregen, repetieren diese Verhalten, das zu grosser Dopaminausschüttungen führt, gar bis sie tot sind (z.B. Kopulation bis zur Erschöpfung, sich regelrecht zu Tode fressen) oder vernachlässigen den Nachwuchs vollständig.
Sustine et abstine (12) – der Mensch (7)
Mensch als körperlich aktives Wesen
Wie im letzten Beitrag gezeigt, bedeutet Menschsein an einen Körper gebunden zu sein. Dieser Körper ist mit Sinnesorganen ausgestattet. Die Mitwelt wird über diese Sinnesorgane wahrgenommen. Diese Sinnesorgane haben sich im Zuge der Evolution in Wechselwirkung mit dem unmittelbaren Lebensraum über sehr lange Zeithorizonte herausgebildet. Dies trifft auch auf weitere körperliche Merkmale des Menschen zu.
Die Lebensbedingungen haben sich in den letzten Jahrhunderten jedoch schlagartig verändert, während sie vorher lange ähnlich waren. Dem muss bei der konkreten Ausgestaltung des Lebens Rechnung getragen werden.
Dies fängt bei der trivialen Beobachtung an, dass wir Menschen anfangs das 21. Jahrhunderts viel in geschlossenen Räumen und darin meist sitzend uns aufhalten. Im Verhältnis zu unserer Entwicklungsgeschichte leben wir erst seit ganz kurzer Zeit in Büros und gut abgeschlossenen Häusern: Unser Körper hat sich hingegen in einem vor allem draussen stattfindenden Dasein entwickelt. Er ist auf das Marschieren ausgerichtet. Unsere Sinnesorgane entwickelten sich im Laufe von vielen Jahrtausenden in einem Leben mit vielen Beobachtungen in und der Natur. So ist bspw. das Auge vor allem um in die Weite zu schauen ausgerichtet und nicht ideal dafür, die ganze Zeit Naharbeit zu leisten .* Oder unser Stoffwechsel ist auf Sonnenlicht angewiesen (z.B. Vitamin D3-Produktion ohne Sonnenlicht unmöglich).
Zivilisationskrankheiten sowie weit verbreitete Kopf- oder Rückenschmerzen zeigen auf, dass die bei vielen Menschen unserer Zeit vorwiegend das Leben prägenden sitzenden Tätigkeiten drinnen der Gesundheit abträglich sind. Ein dem Körper und seiner Gesunderhaltung gerecht werdende Lebensführung muss zwingend durch Bewegung draussen ergänzt werden.
Des Weiteren hat Bewegung an und für sich einen erheblichen Effekt auf die Gehirnchemie und damit auf unser ganzes Ich, das, wie an anderer Stelle gezeigt, ja „nichts als Chemie“ ist.
Bewegung und Sport sollen jedoch auch Selbstzweck sein und nicht nur ein Mittel zum Zwecke der Gesunderhaltung. Dies sollte jedoch nicht in ein verbissenes (Konkurrenz)Denken führen, was oft beobachtet werden kann: Leistungssteigerungen oder Wettkämpfe sollen nur zur Motivation, Quelle von Selbstvertrauen und als Ansporn, Bewegungsstunden durchs ganze Jahr bei jedem Wetter durchzuziehen, da sein. Ausserdem können spielerische Wettbewerbe zur Befriedigung des Spieltriebes dienen und gemeinschaftliche Erlebnisse ermöglichen.
Des Weiteren führt Bewegung – dafür sind gerade die Ausdauersportarten besonders geeignet – zu innerer Ruhe, ist beste Entspannung per se und auch danach hält dieser Effekt noch an, da Entspannung und Schlaf nie so gut sind, wie nach körperlicher Leistungserbringung. Bekannt ist, dass es kaum ein besseres Mittel gibt, um Stresshormone abzubauen, als Bewegung. Dies gilt auch für Verstimmungen des Gemütes (Melancholie).
Für eine sinnvolle Balance zwischen Spannung und Entspannung – der wir hier ein erstes Mal via Körper begegnen – plädierten bereits die alten Griechen. Dies vor dem Hintergrund ihres Wissens, dass dieses Prinzip die Grundlage eines jeglichen wachsenden Daseins darstellt.** Dass es dazu der regelmässigen Übung bedarf, die im Idealfall zur Gewohnheit wird, kann auf alle Lebensbereiche übertragen werden.
Wie oben bereits angedeutet, ist Bewegung, Sport und der gegen die Gefahren des Lebens so gut als möglich gestärkte Körper auch eine Quelle des Selbstvertrauens und damit der Selbstliebe. Der bewusste Umgang und die Sorge um den Körper ist bereits in der Antike ein entscheidender Bestandteil einer jeglichen ethischen Lebensführung gewesen: Sich in körperlichen Dingen gehen zu lassen, entsprach schon damals nicht dem Ideal eines ganzheitlich sich um sich und sein Selbst sich kümmerndes Dasein.
Diesem Ideal, des sich um sich selbst sorgenden und kümmernden Individuums, das das Leben als zu gestaltendes anstatt nur abzuspulendes Dasein wahrnimmt, stellen sich, hier erstmals ausgehend vom Körper, jedoch besonders in der modernen Welt viele Fallen und Stolpersteine. Sein evolutionär geprägter Körper, insbesondere Mechanismen im Gehirn, sprechen all zu leicht auf verschiedenste Verlockungen und Belohnungen an, die einem guten Leben und Selbstermächtigung auf Dauer abträglich sind. Diesen Mechanismen waren bereits zwei Blogbeiträge (siehe hier und hier) gewidmet und sie werden später in der Serie vertieft thematisiert werden. Hier bleiben wir erstmals noch beim Körper (hier klicken für nächsten Teil der Serie).
*Unser Augapfel wird zum Fokussieren von Dingen in der Nähe von einem Muskel auf brachiale Art schlicht und einfach zusammengedrückt. Dass solches Anspannen von Muskeln und Druckausüben auf den Augapfel, wie es bspw. beim langen auf einen Computerbildschirm oder Handy Schauen nötig ist, keinen Mechanismus darstellt, den wir als ununterbrochen betätigen sollten, leuchtet wohl ohne weitere Erklärungen ein.
**Dies entspricht auch der modernen Trainingslehre im Sport. Auch da ermöglicht erst die Entspannung und Erholung die so genannte Superkompensation, ohne die Training nicht zu einer Leistungssteigerung führen kann: Der trainierende Mensch setzt einen Reiz, der den Körper zuerst einmal schwächt. Dieser reagiert darauf mit einer Anpassung, um beim nächsten solchen Reiz besser gewappnet zu sein. Das kann er erst in Ruhe, bei der Erholung tun. Durch die Erholung nach der Belastung wird er also „besser“ – Trainieren ist nichts anderes als diesen Mechanismus gezielt zu betätigen.
Sustine et abstine (7) – der Mensch (2)
Mensch als Einheit – Körper und Geist
Die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Philosophie des Geistes legen nahe, dass der Leib-Seele Dualismus ad acta gelegt werden sollte: Je mehr wir über die Funktionsweise des Gehirns wissen, je deutlicher wird, dass die Basis von allem, was den Menschen ausmacht, im Körper selbst seinen Ursprung hat. Der Geist scheint nichts anderes als eine emergente* Eigenschaft des neuronalen Netzwerkes namens Gehirn zu sein. Keine zusätzliche Substanz von ausserhalb scheint nötig zu sein, um das Selbstbewusstsein in Gange zu setzen. Das Gehirn spielt uns dahingehend ein Theater vor – wir sind höchstwahrscheinlich tatsächlich nichts als unsere (Gehirn-)Chemie.
Diese Haltung klingt gegenüber den Denk- und Glaubenstraditionen, die von ewiger Seele, Geist als eigenständiger Substanz oder Ähnlichem reden, auf den ersten Blick abwertend. Dies ist es aber ganz und gar nicht. So kommt es nahezu einem Wunder gleich, was alles zusammenspielen musste, damit ein Wesen entstehen konnte, das Selbstwahrnehmung hat und über sich und den Kosmos nachdenken kann. Des Weiteren ist schon nur die schiere Komplexität des neuronalen Netzwerkes ein jedes menschlichen Gehirns unglaublich.
Auch wenn der Dualismus von Leib und Seele also als überholt angesehen werden kann, ist es für den Entwurf von ethischen Lebensleitlinien und für das Erfassen, was es heisst, ein Mensch zu sein, dennoch sinnvoll, von Geist und Körper getrennt zu reden. Einerseits aus methodischer Sicht, denn eine getrennte Betrachtung der beiden Themenbereiche vereinfacht die Herangehensweise. Andererseits ist in der Alltagssprache und in überlieferten Denk-, Wahrnehmungs- und Glaubenstraditionen diese Unterscheidung nach wie vor dominierend, so dass sonst an vielem davon nicht angeknüpft werden könnte.
Der Substanzmonismus** betont, dass der Körper, als alleiniger Träger und Hervorbringer des Geistes, letztlich die Basis des Bewusstseins ist. Somit ist gerade ihm in einer Individualethik genügend Raum zu widmen. Anders ist ein ganzheitliches Menschenbild nicht vertretbar. Dies muss betont sein, denn sowohl in der christlichen wie der philosophischen Denktradition wurde dies all zu oft missachtet. So wurde der physische Körper gegenüber dem Geist über viele Jahrhunderte stiefmütterlich – oder gar aus einer Perspektive der Verachtung heraus – behandelt. Heute scheint eine solche Flucht in eine rein „geistige Welt“ nicht mehr sinnvoll zu sein.
Geist und Körper bilden also – auch wenn der Dualismus hier nur eine Hilfskonstruktion zur einfacheren Handhabung darstellt und ontologisch gesehen obsolet erscheint – zwei zu betrachtende Basiselemente des menschlichen Daseins. Beide sollen in den nächsten Teilen der Serie genauer angeschaut werden und darauf aufbauend Aspekte des sorgfältigen und sorgsamen Umgangs damit beschrieben werden.
Als erstes wird dazu der Mensch als körperliches Wesen näher betrachtet.
*emergent bedeutet, dass ein Phänomen auf einer oberen Ebene eines Systems durch das Zusammenspiel der Elemente auf einer unteren Ebene des Systems sich herausbildet. Beim Gehirn kann dies grob so zusammengefasst werden, dass das Bewusstsein aus der Quantität von Neuronen und der Qualität ihrer Vernetzung entsteht. Es ist jedoch nicht auf der Ebene einzelner Neuronen (untere Ebene) selbst zu finden, sondern entsteht erst durch die immense Anzahl und das spezifische Zusammenspiel (Art der Verknüpfung).
**Als Substanzmonismus wird in der Philosophie die Position bezeichnet, dass der Mensch keine vom Körper unabhängige Seele hat, sondern ein rein materielles Wesen ist.
Sustine et abstine (6) – der Mensch (1)
Das Freiheitsdilemma
Letzte Woche ging es um den schwierigen Umgang mit der Freiheit:
Warum spricht man in der Philosophie vom Dilemma der Freiheit?
Das Freiheitsdilemma wird in der Philosophie seit der Antike thematisiert. Seit damals fragen wir Menschen uns, wie wir Freiheit behalten und dennoch erfüllt leben können. Freiheit ohne sie zu nutzen, sich also auf etwas festzulegen, ist leer – wird sie genutzt, verschwindet sie hingegen.
Am Beispiel von sozialen Bindungen wird dies gut sichtbar: Ein Leben ohne soziale Bindungen ist wenig wert. Geht man jedoch solche Bindungen ein, verliert man an Freiheiten, wird gar abhängig. Mit dem Realisieren von Bindungen schränken wir unsere Freiheit umgehend ein.
Eine weitere Variante des Dilemmas sind alle Entscheide für oder gegen eine Option. Wir alle haben eine endliche Menge an Energie und Zeit, so dass jeder Entscheid für etwas gleichzeitig ein Entscheid gegen hundert andere Dinge ist. Oft ist dann halt die realisierte Option nicht so befriedigend, wie es im Vorfeld aussah, so dass Freiheit oft schnell in Enttäuschung und Frust umschlägt.
Menschsein heisst, mit diesen Widrigkeiten umzugehen. Daran führt kein Weg vorbei. Das Dilemma ist nicht auflösbar und gilt es somit auszuhalten. Dies kann man bewusst machen oder sich einfach treiben lassen.
Will man ersteres, also trotz Widrigkeiten selber entscheiden und nicht einfach gelebt werden, so gibt es ein paar Werkzeuge, die einem dabei helfen können. Dazu gehört ein vernünftiges Erwartungsmanagement, das Treffen von bewussten, wohlinformierten Entscheiden oder das periodisches Überprüfen und Neuausrichten.
Letzteres besteht konkret darin, sich einerseits der Bindungen an Menschen, Werte, Dinge, die Auswahl von Aktivitäten und allgemein der eingegangenen und vorhandenen Abhängigkeiten bewusst zu werden und dann diese auch mal wieder zu lösen, um neue – oder die alten – willentlich wieder einzugehen.
Und nicht zuletzt darf Befreiung – wie es in der heutigen Zeit der „Multioptionsgesellschaft“ arg propagiert wird – nicht als reine Verheissung angesehen werden. Denn ganz frei wird es schnell mal fade und einsam. Aber auch das Gegenteil, das heute bei einigen Gesellschaftsgruppen zu beobachtende unreflektierte Verharren in alten Gewohnheiten oder Denkmustern ist keine gute Wahl im Umgang mit einer sich rasend verändernden Welt.
Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte. Und es gilt intuitiv, klug und situativ zu wählen sowie zu akzeptieren, dass das Leben im Fluss ist und nichts ein für alle Male feststeht.
Tja, und wie erreichen wir dies alles konkret? Selbstreflexion, Zeit und Raum für Muse und Musse, Disziplin und Mässigung sind mal wieder einige der zu nennenden Stichworte. Und nicht schaden tut halt auch die viel beschworene Gelassenheit. Diese ist halt schon wichtig, damit man auch mal eine Option nicht nutzt und nicht umgehend das Gefühl hat, was zu verpassen. Dies hier mal so angedeutet, mehr dazu wird an anderer Stelle noch folgen.
Beschränken der Lüste oder Askese ohne Verzicht?
Im Rahmen der letzten Frage der Woche galt es die Frage zu beantworten „Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht?„.
Da die Antwort etwas länger als gewohnt ausfällt, wird sie diesmal nicht direkt unter der Frage, sondern als eigener Blogeintrag beantwortet.
Hier ein paar Gedankenanstösse als Hinweise zur möglichen Beantwortung:

Bei vielen Lehren und Philosophien, die asketische Elemente propagieren, geht es nicht um Verzicht, sondern um Dosierung und bewusste Mässigung der Lusterfahrungen. Dies auf der einen Seite, um insgesamt mehr Lust zu erfahren und auf der anderen Seite, um die Lusterlebnisse bewusster eingehen zu können. Denn, gibt sich der Mensch zu sehr seinen Begierden hin, kann dies schnell zu Unlust führen, da bereits früh beobachtet wurde, dass wir ohne Mässigung uns gewöhnen und immer grössere Begierden entwickeln. Für all die kleinen Möglichkeiten des Lustgewinnes sind wird dann nicht mehr empfänglich. Somit erwächst aus unkontrolliertem den-Lüsten-Nachgeben am Ende Unlust.
Die heutigen Kenntnisse zum Funktionieren des Belohnungszentrums in unserem Gehirn bestätigen diese alten Beobachtung aufs Vortreffliche (siehe dazu Kleine Freuden des Alltags).
Asketische Übungen stärken des Weiteren unsere Willensstärke. Dies führt zu mehr Selbstkontrolle, mehr Autarkie, besserem „Sich-Selber-Führen-Können“ und mehr Selbstermächtigung. Damit sind wir unseren Emotionen und Affekten nicht mehr so hilfslos ausgeliefert. Dies erleichtert auch das Zusammenleben.
Als Bonus wird man sich durch solche Übungen der Widersprüche und der Breite der Erfahrungen – guter und schlechter Art – die das Leben so mit sich bringt, mehr bewusst. Über sich selber besser zu verfügen, sich besser zu kennen, aber auch bewusster Zusammenhänge und Strukturen sowie Abhängigkeiten auf einer überindividuellen Ebene wahrzunehmen, vermindert natürlich auch, dass ein Mensch zu einem passiven Spielball der Umstände wird – das macht doch insgesamt auch ein zufriedeneres Dasein aus, als passiv dahinzuleben und jeder Begierde ausgeliefert zu sein?
Und es ist noch kein Meister und keine Meisterin vom Himmel gefallen: Asketische Übungen sind auch Mittel zum Zweck – denn nur wer regelmässig etwas übt, wird besser, stärker und kann nur so etwas verstetigen, so dass es nach und nach zur Gewohnheit und schliesslich zum Habitus wird und kaum mehr der Anstrengung bedarf.
Auch hier zeigen die neusten empirischen Erkenntnisse der Neurowissenschaften, dass die uralten Techniken wie Meditation und Repetition goldrichtig lagen: Tun wir etwas ein paar Mal, gibt es chemische Spuren im Gehirn. Üben wir weiter, entstehen neue Neuronen und immer dickere Neuronenstränge. Schliesslich feuern ganze Netzwerke von Neuronen und Neuronenstränge zusammen, was sie am Ende gar zusammenschweisst – what fires together, wires together. Gelernt ist erst dann richtig gelernt.
Zusammenfassend können wir festhalten, dass ein kalkulierter, wohldosierter sowie bewusster Umgang mit den Lüsten und Begierden zufriedener macht und Mässigung somit schlussendlich gar keinen Verzicht nach sich zieht, sondern insgesamt ein Mehr an Lusterleben und Zufriedenheit bringt.
In einer tempomässig überdrehten Zeit wie der unseren, mit doch eher zu viel als zu wenig Möglichkeiten, hilft Mässigung ausserdem, weniger Entscheide treffen zu müssen, was am Ende auslaugt und erschöpft, so dass man gar nicht mehr fähig ist, Lustempfindungen wahrzunehmen oder zu geniessen. Dafür muss man einen gewissen Grad an Wachheit und Neugierde mitbringen. Wer immer alles sofort erleben, haben, kommunizieren oder machen muss, hat das halt einfach nicht mehr. Mehr wird auch aus dieser Perspektive eigentlich dann zu weniger.
Aber eine Warnung muss doch auch hier ausgesprochen werden: Auch für die Mässigung und asketische Übung gilt – wie schon über dem Orakel von Delphi stand – nichts im Übermass (μηδὲν ἄγαν)!
P.S.
Das hier vorgebrachte sah auch Thomas Morus in seinem genrebegründenden Werk „Utopia“ (1516) nicht anders. So lässt er aus dem Idealstaat Utopia berichten: „Nun aber ruht nach ihrer Ansicht das Glück freilich nicht in jeder Lust, wohl aber in der richtigen und ehrbaren.“
Frage der Woche
Bei vielen antiken Philosophen werden in Bezug auf ein gelungenes Leben asketische Übungen oder generell eine Lebensführung mit Beschränkung des Auslebens der Lüste empfohlen.
Dies ist heute wieder en vogue (siehe dazu Museumstipp: Sei kein gieriger Affe oder Kleine Freuden des Alltags).
Oft werden diese Konzepte jedoch falsch verstanden, nämlich als reiner Verzicht auf Freuden des Lebens („Lustfeindlichkeit“).
Dies ist jedoch falsch, was uns zur Frage der Woche führte:
Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht?