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Kleines ABC der Eisenbahnsprache (Teil 3)

Wir Eisenbahner und Eisenbahnerinnen pflegen eine eigene Sprache. Hier Teil 3 von typischen Ausdrücken (für Teil 1 siehe hier):

  • Verhungern
    = wenn der Zug eine Stelle ohne Strom durchrollen muss und es gilt, nur mit Schwung (ohne Antrieb) es zu schaffen. Wenn in einem solchen Fall der Schwung knapp wird, ist man am Verhungern.

  •  „D’Wöschhänki“
    SS_Signale
    Keine Smileys – die Signale der Schutzstrecke

    = es gibt so genannte Schutzstrecken. Dies sind spannungslose Abschnitte. Damit werden die Einspeisebezirke der Fahrleitung getrennt. Diese sind mit besonderen Signalen gekennzeichnet. Diese Signale sind von Weitem sichtbar und folgen in kleinem Abstand, so dass es aussieht, als ob Wäsche in Fahrleitungsnähe aufgehängt wäre.
    Unter einer Wöschhänki kann man im Übrigen verhungern (siehe oben).

  • Heizen
    = Befehl, die 1000-Volt-Leitung von der Lok zu den Wagen einzuschalten. Diese offiziell Zugsammelschiene genannte Stromleitung gibt den Wagen Strom für die Batterieladung, Licht, Heizung, Kühlung, Türsteuerung, Küche etc. Wir nennen diese Leitung einfach „Heizung“, obwohl sie für viel mehr zuständig ist, als die Wagen zu heizen.
  • Tannenbaum
    = bei gröberen Störungen am Fahrzeug leuchten gleichzeitig und schlagartig viele farbige Lämpchen im Führerstand auf – der Tannenbaum geht an!

    Führerstand_ETR_610
    Tannenbaum im Cisalpino
  • „Rösslispiel“
    = in besonderen Notsituationen löst der Lokführer oder die Lokführerin auf verschiedene Weisen einen Alarm aus (Notruf über Funk, Warnen der anderen Züge mit spezieller Frontbeleuchtung u.Ä.). Der Notruf wird dabei umgehend vom Fahrdienst und allen Zügen in der Nähe empfangen. Dadurch wird ein bestimmter Ablauf ausgelöst, bei dem je nach Fall auch gleich die Blaulichtorganisationen, der Lösch- und Rettungszug etc. aufgeboten werden – eben, das Rösslispiel geht los!
  • Bombi
    Blick_aus_502er
    Blick aus dem Führerstand des „Bombi“ (RABEe 502)

    = der neue FV Doppelstöcker (RABe 502 von Bombardier), auch bekannt aus den Medien als „Wackelzug“

    –> siehe dazu auch Hauptfoto zu diesem Beitrag: Ein Bombi im Winter am Zürichsee

 

Kleines ABC der Eisenbahnsprache (Teil 2)

Wir Eisenbahner und Eisenbahnerinnen pflegen eine eigene Sprache. Hier Teil 2 von typischen Ausdrücken (Teil 1 siehe hier):

  • „Abe-loo“ (Runterlassen)
    = Befehl, den Bügel zu senken
  • Bobo
    = Re 420 oder Re 4/4 – seit Mitte 60er unterwegs
    IMG_5598.jpeg
  • Chäsli II (für I siehe Teil 1)
    = Anzahl Windungen, die bei der Schraubenkupplung sichtbar sind

    IMG_5718
    Wie viele Chäsli sieht man hier?

     

  • Coca-Cola-Büchse
    = unser Arbeitspferd Nr. 1, die Re 460

    IMG_5716.jpeg
    Eine Re460 in Brig abfahrbereit als motorisiertes Modul, hinten noch ein ganzer Doppelstöcker mit zweiter Re460.
  • Cremeschnitte

    = eine spezielle „Bobo“, siehe dazu oben, die Orange mit weissem Streifen längs über die Lokomotive bemalt ist
    –> Bild bald wieder verfügbar

  • Eventgruppe
    = Gruppe von Lokführern und Lokführerinnen, die den Cisalpino zwischen Basel und Domodossola fährt. Dies da man bei dieser Arbeit nicht immer pünktlich ist und das eine oder andere Abenteuer erlebt (siehe dazu auch Über eine Diva)
  • Faden
    = die Fahrleitung

    UNADJUSTEDNONRAW_thumb_55a0.jpg
    Wehe der Faden kommt runter!
  • „Hobbel abe-loo“
    = die Magnetschienenbremsen auf die Schienen runterlassen

  • Jumbo
    = der grösste Intercity mit zwei Re 460, ingesamt 400m langer Zug (mehr dazu hier) – unterwegs zwischen Romanshorn und Brig oder auf der Ost-West-Achse

  • Kaffeemühle
    = Lok der BLS (Re 425 (Re 4-4), oft auf der Lötschbergbergstrecke unterwegs
    –> Bild bald wieder verfügbar

  • Kundig
    = man kennt eine Strecke (Lokführer und Lokführerinnen dürfen nur Strecken und Bahnhöfe befahren, die sie kennen)
  • Perronsuche
    = wenn es Nebel hat und man die kurzen Perrons beim Fahren eines Regionalzuges schlecht sieht und sehr vorsichtig fahren muss
  • „Plampitram“
    = einer der vielen Übernamen des Astoros – besser bekannt als Cisalpino – Weiteres zu diesem speziellen Zug findet sich hier
    UNADJUSTEDNONRAW_thumb_5707.jpg
  • Sanden
    = Quarzsand auf die Räder sprühen, damit bei schlechten Adhäsionsverhältnissen die Räder weniger schnell ins Gleiten geraten (beim Anfahren, Beschleunigen und Abbremsen angewendet)
  • Schiebelok
    = zweite oder dritte Lok, die am Berg hinten stossen hilft
  • Starke Gefälle
    = Strecken mit grosser Neigung, für die besondere Bremsvorschriften gelten (z.B. Gotthard, Simplon oder Taubenlochschlucht)

  • Tram
    = der kleinste und leichteste Zug der SBB, auch GTW genannt (RABe 526, mehr Details dazu hier)

    UNADJUSTEDNONRAW_thumb_5481.jpg
    Ein GTW im Gleisfeld in La Chaux-de-Fonds.
  • Über den Berg oder durchs Loch?
    = Frage, wenn man Bern-Brig fährt: Geht es über die Bergstrecke oder durch den Lötschbergbasistunnel?

 

Wie gelangen wir zum bestmöglichen Wissen?

Der letzte Blogbeitrag zeigte, dass es kein Wissen gibt, das nicht durch Sprache, Sozialisation und Erfahrungen geprägt ist. Dadurch erhält ein jedes Wissen eine subjektive Komponente und ist relativ.

Denkende Menschen versuchen seit langer Zeit diesem Relativismus zu begegnen, indem sie seit der Antike die Methoden der Wissensgenerierung analysieren, hinterfragen und weiterentwickeln.

Auch das Wissen selber wurde und wird unter die Lupe genommen und immer wieder kritisch hinterfragt.

Angefangen hat diese Analyse  der Erkenntnismethoden und -instrumente und des Status des Wissens an sich bei Aristoteles und führte über mehrere Etappen hin zur modernen Wissenschaftstheorie und -soziologie.

Resultate dieses langen Prozesses der Denkgeschichte sind, dass es heute ein spezifisches wissenschaftliches Wissen gibt, das sich von anderen Wissensarten (z.B. Satzungen der Religionen, Traditionen oder Erfahrungswissen) unterscheidet.

Was ist wissenschaftliches Wissen?

Stichworte zum wissenschaftlichen Wissen sind etwa klare Begriffsdefinitionen, bestimmte Methoden und Prozesse der Wissensgenerierung oder ein strukturierter, systematischer Aufbau von Theoriegebäuden.

Das wissenschaftliche Wissen muss somit gewissen Kriterien Genüge leisten. Dazu gehören z.B. eine klare, schnörkellose Sprache (Wissenschaftssprache) oder logisches Argumentieren. Ausserdem müssen Begriffe, Argumente und Methoden offengelegt werden, so dass sie intersubjektiv überprüfbar sind.

Durch den bewusst nach Kriterien gestalteten Prozess der Wissensgewinnung ist das Wissen dynamisch und wird immer wieder revidiert. Dies teils nur in Details, ab und zu aber erdbebenartig durch die grossen Brüche der Paradigmenwechsel.

Durch diesen offenen Prozess (Wissenschaftsfreiheit), der auch viele soziale Komponenten beinhaltet, wie z.B. Thomas Kuhn schön in seinem Klassiker „Die Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen“ (engl. Original 1962) aufzeigte, ist wissenschaftliches Wissen immer nur vorläufig und revisionsanfällig: Im Gegensatz zu Satzungen der Religionen, Traditionswissen oder Ideologien anerkennen Aktive der Wissenschaft, dass das, was heute gilt, morgen vielleicht obsolet sein wird.

Die Grenzen des Wissens sind somit bewusst, man kann höchstens von einer Annäherung an die Wahrheit(en) sprechen und niemals vom Besitz einer endgültigen Wahrheit ausgehen (siehe dazu auch hier).

Festzuhalten bleibt somit, dass auch das beste wissenschaftliche Wissen klare Grenzen hat. Diese zu kennen und zu akzeptieren – sich also auch über das Nichtwissen (sowie prinzipielle Nichtwissenkönnen) Gedanken zu machen – gehört auch zur Generierung von wissenschaftlichem Wissen (Grenzen des Wissens).*

Neben diesen prinzipiellen Grenzen des Wissens gibt es auch beim wissenschaftlichen Wissen Gefahren, denen man sich bewusst sein muss. Diese werden im nächsten Blogbeitrag näher beleuchtet.

*Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass es neben der Vorläufigkeit des Wissens auch prinzipielle Grenzen der Erkenntnis gerade im ganz Grossen und ganz Kleinen gibt (Stichworte Entstehung der Raum-Zeit erst durch den Urknall oder Plankwelt). Diese hier zu erläutern würde den Rahmen dieses Textes jedoch sprengen. Erste Hinweise dazu sind in einem älteren Blogbeitrag zu finden und werden später vertieft behandelt.

Sustine et abstine (20) – der Mensch als geselliges Wesen (6)

Kann ich mir wirklich frei eine Meinung bilden?

Im letzten Blogbeitrag zeigte sich, dass der Mensch nicht so frei handeln kann, wie dies in der Theorie oft dargestellt wird. Wie sieht es denn mit dem Wollen aus, können wir wenigstens frei wählen, was wir wollen?

Leider ist es auch hier schwierig: Auch die Freiheit zu Wollen unterliegt gewissen prinzipiellen Einschränkungen.

Gefängnis Sprache

Dies fängt bei der Sprache an: Wenn eine Person bewusst und rational handeln will, muss sie jeden Entscheid abwägen. Will sie dies nicht rein intuitiv tun, muss sie Argumente formulieren und prüfen. Dabei kommt sie nicht darum herum, Sprache zu benutzen.

Eine jede Sprache hat ihre Eigenheiten, kann das eine ausdrücken, während anderes darin nicht sag- oder denkbar ist. Wer mehrere Sprachen beherrscht oder von einer Sprache eine historisch ältere Version mit einer neueren vergleicht, weiss, dass nicht in jeder Sprache dasselbe denkbar ist. Jede Sprache strukturiert das Denkmögliche anders. Und alle Sprachen verändern sich dynamisch, was sich auch auf das Wahrnehmen, Bewerten und Denken auswirkt.

Beispielsweise kann auf Guaraní (Paraguay / Brasilien) nur bis vier gezählt werden – alles darüber wird einfach als „viel“ bezeichnet. Dies strukturiert die Wahrnehmung der Welt stark, legt z.B. einen anderen Fokus auf das Haben: Ob ich 7 oder 8 Schweine habe, ist dann nicht so wichtig – es sind dann einfach viele.

Gefängnis Zeitgeist und Kultur

Auch der Zeitgeist und eine jeweilige Kultur setzen dem Denkbaren Grenzen: Nicht in jeder Zeit und Kultur ist dasselbe denkbar. Auch hier sind Menschen nicht frei in ihren Bewertungen, Urteilen und schlussendlich Handlungen. Beispielsweise wird in Kulturen, wo das Individuum weniger wichtig ist als die Gruppe es als undenkbar erscheinen, einem Individuum besondere Rechte und Freiheiten zuzugestehen.

So war es im alten Griechenland auch den damals fortschrittlichsten Philosophen klar, dass ihre Überlegungen zu Rechten und Pflichten sich nur auf die männlichen Mitglieder der Oberschicht beziehen – es war für sie undenkbar, dass auch Frauen oder Sklaven in den Genuss erweiterter Rechte kommen könnten. Die göttliche Ordnung wies einem jeden Menschen seinen Platz zu und der hat entsprechend zu leben.

Gefängnis individuelle Erfahrungen

Auch unsere individuellen Erfahrungen determinieren Wahrnehmungen, Bewertungen und dadurch schliesslich das Handeln. Dies einerseits direkt dadurch, dass unser Gehirn zu einem entscheidenden Teil durch unsere Erfahrungen geprägt und geformt ist. Andererseits dadurch, dass der Ablauf der kognitiven Prozesse auch aufgrund von früheren Erfahrungen geprägt ist.

So nehmen Menschen beispielsweise immer selektiv wahr: Was zu bereits Erfahrenem passt, nehmen wir eher bewusst wahr, während wir oftmals blind sind, gegenüber Dinge und Fakten, die unseren Erwartungen nicht entsprechen (selektive Wahrnehmung). Oder da, wo wir Muster erwarten, sehen wir dann auch welche – obwohl eine genauere Prüfung nicht selten diese als Trugschluss entlarvt (Esoterik).

Dieser kleine Ausflug in die Linguistik, Ethnologie oder Psychologie zeigt auf der einen Seite auf, dass beim Aufstellen von ethischen Grundsätzen immer Vorsicht geboten ist: Es gibt kein Wissen, das nicht an Sprache, Kultur oder Zeitgeist gebunden ist. Somit ist gegenüber allen Prinzipien, die universell und für immer Geltung beanspruchen, Vorsicht und Skepsis geboten.

Auf der anderen Seite gilt es beim Aufstellen von hehren Prinzipien des guten Lebens, den eigenen Standpunkt, die eigene Brille, bewusst zu machen und diese regelmässig zu hinterfragen.

 

 

Sustine et abstine (19) – der Mensch als geselliges Wesen (5)

Critical Friends, Komplexitätsreduktion und Tunnelblick – ein ganz normaler Tagungstag

Wie so oft sitze ich im Publikum eines wissenschaftlichen Vortrags. Wie so oft wird gleich eine so genannte Nachwuchswissenschaftlerin ihre Arbeit vorstellen. Wie so oft wird sie mittels PowerPoint-Präsentation das zeigen, was die letzten fünf Jahre ihre ganze Schaffenskraft gebunden hat. Sie wird vom Produkt, dessen Schöpfung es ihr Wert war, durch wahrlich existenzielle Krisen zu gehen sowie auf alles Mögliche zu verzichten, berichten. Für das scheint sie mir jedoch verdächtig unemotional und distanziert dazustehen. Genau so spricht sie auch, als sie das Referat eröffnet.

Die Zuschauenden schauen ein bisschen im Raum herum, mustern die junge Frau von oben bis unten, verfallen danach aber umgehend wieder in ihre klassischen Muster: Der eine blättert in seiner Agenda, die andere schaut wieder auf ihren Laptopbildschirm und der Dritte kritzelt weiter Kreise auf das Handout. Zwei junge Männer in schlecht sitzenden Anzügen tuscheln.

Die Nachwuchswissenschaftlerin hat die obligate Einleitung abgespult und kommt nun zu ihrer Schöpfung: Einem Modell – „Mal wieder“, denke ich und „dimme“ meine Aufmerksamkeit etwas herunter.

Es geht wiederum um ein Modell zum menschlichen Handeln – das vierte nur schon heute morgen. Simpel scheint der Mechanismus zu sein, den sie da abbilden können will. Zeitgerecht natürlich alles computerbasiert, dynamisch und mathematisch hochkomplex.
Grundsätzlich interessant, klar, die junge Frau beginnt nun jedoch komplizierte Rechnungen und Detailannahmen vorzustellen, womit ich – und der Grossteil des Publikums – die Aufmerksamkeit weiter runterdimmen oder nun ganz bei den E-Mails auf dem Laptop oder der Menukarte für den Abend sind.

Das war es also: Diesen Details und dem Versuch, den Menschen in Parameter zu drücken, widmete sie ihre ganze Schaffenskraft der letzten Jahre. Der Unterfütterung des an sich simplen Modells eines auf den ersten Blick (mit ein Bisschen Menschenverstand) banal wirkenden Entscheidungsmechanismus’. Zum Glück scheint sie uns nur zwei Unterkonstruktionen hinter einem Parameter zumuten zu wollen und nicht die hundert anderen auch, die ich hinter dem Modell vermute, denn sie leitet so gleich zur obligaten Fragerunde über.

Wie auf Knopfdruck sind nun wieder alle wach. Insbesondere die mit anderen Dingen beschäftigten, grau melierten Herren in Anzügen wenden routiniert ihren Blick, der noch vor Sekunden hinter ihren Papieren oder Laptops war, zur Bühne und zerpflücken so mir nichts, dir nichts ein paar dieser Detailannahmen, denen sich die junge Frau jeweils monatelang widmete und deren formelhafte Darstellung ihr nicht nur ein paar Mal schlaflose Nächte bescherte.
Und – auch das geschieht an diesen Ritualen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit immer – eine der Eminenzen im Publikum muss gar noch (natürlich getarnt als harmlose Frage) alle Anwesenden wissen lassen, dass das Modell der Nachwuchswissenschaftlerin bereits von völlig veralteten Annahmen und Theorien ausgeht und dass sein Team bereits in Zusammenarbeit mit einem Big-Shot aus Übersee an einem viel besseren Modell arbeitet. Das provoziert wie immer den grossen Rivalen…

Lassen wir diese Critical Friends die junge Frau weiter mit für sie wichtigen Anregungen zur Verbesserung ihres Modells beschenken – sie wird sich schon wehren können gegen all diese verkappten Angriffe. Und diese ewigen Kämpfe des Markierens, dass man(n) nach wie vor auch noch zu dem Thema was zu sagen hat, sind nicht wirklich interessant, da sie an jeder beliebigen Tagung beobachtet werden können (als Modell können wir den sich auf die Brust trommelnden (männlichen) Affen beiziehen: Hier hilft Komplexitätsreduktion klar dem Verständnis). Ausserdem hat sich die Referentin freiwillig diesem Spiel gestellt, so dass sie mir nicht leid tut.

Ich selber kann eh nur noch mit einem Ohr zuhören, denn mich beschäftigt seit der fünften Minute des Vortrages eigentlich nur noch eines: Wie kann diese junge Frau zufrieden auf die letzten fünf Jahre zurückschauen, wenn sie nur gerade dieses Modell (auch wenn es komplizierte Formeln und hundert kleine durchdachte Annahmen darin verarbeitet hat) hervorgebracht hat? Stelle nur ich Irrelevanz fest? Das Modell bildet nur einen klitzekleinen, realitätsfernen, vom Kontext völlig isolierten, und zur Vereinfachung theoretisch bewusst völlig komplexitätsreduzierten, Ausschnitt ab, und meiner Intuition nach auch das eher schlecht als recht: Dies spüre ich als Zuhörer, der zwar nur am Rande eine Ahnung hat vom Spezialgebiet, doch weiss, dass das menschliche Verhalten nicht ganz so einfach funktioniert, wie es für das Modell angenommen werden musste: Das Modell wirkt wie eine Karikatur, es bleibt Retorte – auch wenn sie noch so viele theoretische Versatzstücke (in mathematische Formeln umgegossen) dahinter gelegt hat – je mehr so kompliziertes Zeugs, desto weiter schiebt sie die Realität weg, könnte ein Schelm denken. Es kommt mir etwas wie eine Kinderzeichnung vor, die versucht, drei Dimensionen ohne Perspektiventechnik aufs zweidimensionale Blatt zu bringen, denn die Versuche, alles Qualitative – was das menschliche Wahrnehmen, Bewerten und darauf aufbauende Handeln doch ausmacht? – abzubilden, bleiben schlicht und einfach holzschnittartig. Das müssen sie ein Stück weit sein, das ist mir klar, das gehört zu so Modellen, sie müssen den Grad der Komplexität reduzieren, aber eben nur zu einem gewissen Grad, wollen sie noch eine lebensweltliche Relevanz behalten (was die Frau klar in der Einleitung beanspruchte!).

Aber auch genereller gesehen ist mir unwohl bei dem Gehörten. Durch all die nötigen Komplexitätsreduktionen und Quantifizierungen von Qualitativem entfernte sich das Modell der Frau so sehr von der lebensweltlichen Realität und Qualität des Menschseins, vom  menschlichen Handeln sowie von der prinzipiellen Verstrickungen mit der Sprache, die so vieles unscharf und nicht quantifizierbar macht: Schön wäre es, noch den Homo Oeconomicus, dieses rationale Wesen, sowie einen unkritischen Umgang mit Sprache und Begriffen zu haben, wie sie das zu haben scheint. Doch das ist nun mal einfach weg. Damit stehen ihre Aussagen auf sehr losem Fundament.
Ich mag nicht mehr nachdenken, mir schwirrt der Kopf, es bleibt mir jedoch einfach ein Gefühl des Unbehagens, ob das sinnstiftend ist, was die gute Frau da in den letzten fünf Jahren machte.

Hoffentlich sieht sie das anders. Wir Menschen sind ja zum Glück alle verschieden, denn sonst tut sie mir nun plötzlich doch noch leid, auch wenn sie die Fragen und Angriffe der grau melierten Herren eigentlich schadlos pariert hat. Dennoch scheint sie mir nicht wirklich glücklich zu sein mit dem, was sie zeigen konnte – obwohl sie sich fünf Jahre damit abgemüht hatte. Ob sie doch ein komplexeres inneres Erleben hat, als das, was sie für ihr Modell für die Menschen zu Grunde gelegt hatte?

Kleines ABC der Eisenbahnsprache (Teil 1)

Wir Eisenbahner und Eisenbahnerinnen pflegen eine eigene Sprache. Folgende Wörter sind dabei zentral (Teil 1, Teil 2 findet sich hier):

  • Abschuss
    = wenn ein Sicherheitssystem den Zug mittels Schnellbremsung angehalten hat (kann wegen Fehler LokführerIn oder technischer Störung passieren)
  • Abspitzen / die Spitzkehre machen
    = wenden
  • Abstossen
    = einen Zugteil, der nicht gekuppelt ist, durch Bremsen des Triebfahrzeuges alleine weiterrollen lassen
  • An der Front
    = Mitarbeitende, die im Betrieb und nicht im Büro arbeiten (für die im Büro gibt es auch interessante Ausdrücke, doch die sind nicht grad nett, so dass ich die lieber weglasse)
  • Anfahren
    = z.B. mit der Lok zum Kuppeln an Wagen heranfahren bis sich die Puffer berühren
  • Aufschneiden
    = nein, nicht Bluffen, sondern, wenn eine Weiche in der falschen Stellung (= Lage) befahren wird
  • Besetzte Einfahrt
    = wenn wir auf ein Gleis fahren, auf dem schon andere Fahrzeuge stehen
  • „Chäsli“
    = Kurzpause von 20 Minuten (war früher mit einem runden Kreis in der Einteilung ersichtlich, eben, ein runder Käse)
  • Das Kissen anhören
    = in Frühschicht wichtig: Etwas im Ruhezimmer schlafen gehen
  • Fachausdruck für das Totmannpedal
    = Schnellgang
  • Fiesling
    = Bremseinsatzpunkt auf Strecken mit Führerstandsignalisation (ETCS Level 2), siehe dazu –> Mit 200 km/h auf der NBS unterwegs
  • Fluchtfahrt
    = mit einem Zug ins Gleisfeld und zurück fahren, damit ein Perron für einen anderen Zug frei wird
  • Für BernerInnen: An den Prellbock gehen
    = nach Zürich fahren (leider, seit man auch noch weiter kann (Durchmesserlinie), nicht mehr so gebräuchlich)
  • Heizer
    = Lokführer in Ausbildung (je nach Ausbildungsstand auch Fühergehilfe resp. Lokführeraspirant genannt)
  • Küche
    = Kantine
  • Lea
    = eigentlich LEA: Lokpersonal Electronic Assistant – des Lokführers wichtigstes Werkzeug, ein iPad auf dem wir alle für eine Fahrt relevanten Infos entnehmen (für mehr Details siehe: https://stories.sbb.ch)
  • Tour
    =  der Tagesplan eines Arbeitstages
  • Überfuhr
    = wenn ein Zugteil geschlossen mitgenommen wird
  • Übergang
    = die Ruhezeit zwischen zwei Schichten
  • Überwerfung
    = eine Brücke zum Überqueren von anderen Gleisen (z.B. Durchmesserlinie Zürich)
  • Unterschied zwischen Kreuzung und Zugbegegnung
    = Kreuzung findet auf eingleisiger Strecke statt (ein Zug muss ausweichen); Zugbegegnung ist, wenn sich Züge auf einer mehrspurigen Strecke treffen
  • Vorziehen
    = wenn der Lokführer oder die Lokführerin mit dem Zug in einem Gleis ein Bisschen nach vorne fahren darf, z.B. bis ein Signal sichtbar wird
  • Zwergsignal
    = diese kleinen dreieckigen Signälchen am Boden; sind beim Rangieren zentral

    IMG_5717.jpeg
    Ein Zwergsignal im Bahnhof Brig

 

No-Gos:

  • Gas geben
    –> ein Lokführer oder eine Lokführerin erhöht die Zugkraft
  • Zug fahren
    –> das machen die Passagiere – vom Führerstand aus wird ein Zug geführt

Die war Teil 1 des Wörterbuches – weiter geht es hier.