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Kann ich wirklich tun, was ich will?

Die Vorstellung des Utilitarismus und der Deontologie, der beiden Hauptstränge der philosophischen Diskussionen im Bereich der Ethik, zeigte auf, dass da sehr abstrakt argumentiert wird. So bald es um konkrete Handlungen geht, stellen sich neben diesen theoretischen Bewertungsmöglichkeiten einer Handlung jedoch auch sehr handfeste konkrete Fragen: So gilt es zu prüfen, was ein Individuum, das in eine Gesellschaft, in Strukturen und Machtkonstellationen eingebettet ist, überhaupt tun kann und wo seinem freien Handeln Grenzen gesetzt sind. Können Menschen in der realen Welt wirklich so frei bewerten, entscheiden und handeln, wie es sich die Philosophen und Philosophinnen sich vorstellen?

Auf zwei Ebenen sind da Zweifel angebracht. Auf der einen Seite gibt es spannende Diskussionen darüber, wie frei wir prinzipiell handeln können. Hierbei geht es darum, dass Teile unseres Gehirns, das neben der Genetik vor allem durch das, was wir erfahren und erlebt haben, geprägt ist, uns nur vorspielen, dass wir rational abwägend entscheiden würden, während tatsächlich „vorbewusst“ durch das neuronale Netzwerk ein Entscheid schon gefallen ist.
Empirische Experimente haben dies mehrfach gezeigt: Unser freier Wille ist nicht wirklich so frei, teils handeln wir determiniert. Dieser Problemkreis ist in der Philosophie ein grosses Thema, die Neurophysiologie fordert uns da heraus. Hier ist jedoch nicht der Platz, detailliert darauf einzugehen. Es wurde trotzdem erwähnt, da, wenn es dann um Verantwortung geht, teils Vorsicht geboten ist, denn nicht immer kann diese so stark verlangt und zugeschrieben werden, wie dies in der Theorie aussieht.

Auf der anderen Seite gibt es ganz praktische Unfreiheiten eines jeden in gesellschaftliche Zusammenhänge lebenden Individuums. Gerade wer in einer komplexen, hierarchischen und arbeitsteiligen Gesellschaft lebt, wie es heute fast alle Menschen tun, ist in Strukturen, Organisationen und Institutionen eingebettet. Ausserdem dominieren gewisse Diskurse und Informationsträger das Wissen und Nichtwissen. Nur wer alleine lebt, ist frei davon – alle anderen können sich dem nicht entziehen.

Und eine solche Verstrickung hat immer auch Macht- und Herrschaftskomponenten. Erstere sind eher diffus, um auf Michel Foucault Bezug zu nehmen, eher ein Gas als etwas Festes, konkret zu Fassendes. Hingegen ist das zweite, die Herrschaft, sehr klar an Personen und Organisationen gebunden: Der mit der Peitsche beherrscht den ohne, um es sinnbildlich zu sagen. Hingegen hat auch der Untergebene in Machtkonstellationen immer auch eine gewisse Macht. Z.B. der Klient auch über seinen Patron, da beide in einem sozialen Gefüge gewisse Abhängigkeiten haben, obwohl der oben natürlich mehr auf den Handlungsspielraum von dem unten nehmen kann – und dennoch hat auch der unten eine gewisse Macht und engt des Handlungsspielraum von dem oben ein – sie sind gegen innen und aussen eher ein eingespieltes Team als eine reine Hierarchie.

Wenn es nun konkret wird, wie ein gutes Leben auszugestalten sein wird, muss also beachtet werden, dass der Mensch eingebettet ist in Strukturen und Machtbeziehungen und nicht so autonom handeln kann, wie man sich dies gerne ausdenkt. Die verschiedenen Kontexte und (Abhängigkeits)Beziehungen, in denen eine Person lebt, engen den Handlungsspielraum ein – dies zu übersehen, käme einer Überforderung des Individuums zugleich: Eine einzelne Person kann nicht wirklich frei handeln oder die Verantwortung für alles Weltgeschehen übernehmen.

Ausserdem hat zwangsweise bei der grossen Anzahl von Menschen, die zur Zeit leben, nicht ein jeder Mensch die gleiche Möglichkeit, sich in die Gesellschaft prägende Institutionen, Diskurse und Organisationen einzubringen.

Und es sind oft historische Zufälle, die ein Individuum an eine prägende Stelle bringen – all zu gerne wird in der Geschichte und in Erzählungen ein Subjekt überhöht, es als seine eigene Leistung ausgewiesen, dass es nun da oben angekommen ist. Und da oben ist dann auch nicht frei von Verstrickungen, das wird oft völlig unterschätzt: Auch auf den ersten Blick mächtig aussehende Menschen haben vielfältige Abhängigkeiten, können selten wirklich autonom handeln und haben, gerade in der heutigen komplexen Gesellschaft, einen viel engeren Handlungsspielraum als es den Anschein macht.

Somit sind auch vermeintlich Grosse der Geschichte zugleich auch immer Objekte des geschichtlichen Geschehens – auch wenn sie die Geschichtsschreibung (die ist ja immer konstruiert, nie neutral) als vor allem aktive, autonome Subjekte darstellt: Die grossen Züge des Weltgeschehens sind kaum von einzelnen Menschen zu beeinflussen. Hingegen kann jede Person im Kleinen viel bewirken, so dass in der Serie immer wieder darauf Gewicht gelegt wird.

Und die Beschränkung der individuellen Autonomie fängt schon beim Wahrnehmen und Bewerten an, ehe mensch überhaupt handelt. Ob ich mir überhaupt frei eine Meinung bilden kann, muss somit als nächstes geprüft werden.

 

 

 

Sustine et abstine (18) – der Mensch als geselliges Wesen (4)

Subjektive Wahrnehmung oder vom Blickwinkel – Versuch einer literarischen Annäherung

Es ist eine Binsenwahrheit, dass Menschen die Welt gefiltert wahrnehmen, dass es stark von eben dieser, in der Alltagssprache oft „Brille“ gennannten, subjektiven Wahrnehmung, die wir nie ganz ausschalten können, abhängt, was wir wie sehen sowie schliesslich wie bewerten.

Der Blickwinkel, aus dem wir eine Tatsache, Dinge oder andere Menschen betrachten variiert stark. Ausser den radikalen Konstruktivisten (jede/r erschafft sich seine eigene Welt) gehen die meisten Positionen davon aus, dass die Welt gewisse Stimuli vorgibt (niemand kann durch eine Wand gehen), doch wie diese dann schlussendlich wahrgenommen und bewertet werden, hängt in vielerlei Hinsicht vom wahrnehmenden Subjekt ab.
Es ist wohl eine ganze Bibliothek erstellt worden, um zu umschreiben, von was allem die Wahrnehmung abhängt. Stichworte dazu sind: Sprache, Begriffe, Vorerfahrungen, Vorurteile, Wissenstand, persönliche Erfahrungen, Kenntniss der eigenen Unwissenheit, psychologische Faktoren, Zeitgeist, soziale Faktoren und vieles mehr.

Das hier kurz angerissene Thema versuchte ich für einmal literarisch anzugehen – falls Du wissen willst, wie ich das getan habe, dann kannst Du gerne den Text Drei Blickwinkel auf die NBS lesen.

Gelingt es mir, für einmal ohne zu theoretisieren, aufzuzeigen, wie stark die Wahrnehmung vom „Filter“, den die wahrnehmende Person hat, abhängt? Wird klar, dass der Blickwinkel stark variieren kann? Und, wird ersichtlich, dass wir mit abschliessenden Urteilen und Bewertungen vorsichtig sein sollten, dass viel mehr im Fluss ist, als wir oft meinen? Kannst Du durch das lesen der Texte nachvollziehen, wie fluid Identität ist? Wie sich auch die Sprache und Wortwahl ändert, je nach Lebensituation, sollte auch ersichtich sein.