Alle Beiträge von Amordasini

Eigentlich bin ich Ethnologe mit vertieften Kenntnissen der Philosophie und Ökologie. Den akademischen Betrieb habe ich nach vielen Jahren verlassen und verdiene meine Brötchen nun indem ich Züge durch nahezu die ganze Schweiz führe. Dennoch bin ich dem Wissen und der Neugierde treu geblieben. So interessiere ich mich weiterhin intensiv für die Fortschitte und das Wissen aus allen möglichen Gebieten der Wissenschaften, der Philosophie aber auch für Fragen der guten Lebensführung.

Utilitarismus versus Deontologie – Rechnen oder die Pflicht befolgen?

Bei der Frage, was moralisch richtiges Handeln ist, haben sich in der Geschichte der Philosophie zwei Hauptrichtungen herauskristallisiert.

Auf der einen Seite steht der Utilitarismus. Darunter versteht man die Position, die eine Nutzenethik vertritt. Konkret heisst dies, dass die Folgen einer Handlung darüber entscheiden, ob sie moralisch gut oder schlecht ist. Das Ziel, der Zweck stehen also im Vordergrund – daher wird diese Position auch als teleologisch (Griechisch Telos = Ziel) bezeichnet. Plakativ gesagt, muss man also rechnen, ob es gut rauskommt und dann das machen, das am meisten bringt.

Die utilitaristische Position wurde im 19. Jahrhundert erstmals systematisch von Bentham und Mill herausgearbeitet. Später entwickelten sich verschiedene Unterarten und Verfeinerungen des Ansatzes. Insbesondere wurde diskutiert, was genau in die Rechnung genommen werden soll, um eine Handlung als moralisch gut oder schlecht zu bewerten (z.B. kam der Negative Utilitarismus („Leid vermeiden“) auf, verschiedene Gewichtungen verschiedener Arten von Nutzen werden diskutiert, Differenzierung nach Bedürfnissen vorgenommen oder verschiedene Positionen zum Guten Leben und was Glück bedeutet erarbeitet).

In der Deontologie geht es hingegen um die Pflicht. Relevant sind die moralisch richtigen Gründe und Absichten, warum und wie wir handeln. Ergebnisse sind nicht das Entscheidende. Daher spricht man auch von Gesinnungsethik.
Der Hauptvertreter dieser Richtung ist Kant mit seinem Kategorischen Imperativ. Neuere Diskussionen um unverhandelbare Menschenrechte und die universelle Menschenwürde orientieren sich an dieser Position der Prinzipien, die einmal begründet und dann stur eingehalten werden sollen.

Beide Strömungen haben Kritik geerntet und für beide Ansätze gibt es in den philosophischen Diskussionen schöne Beispiele, wie es in einzelnen Situationen absurd wird, sich stur an eine Position zu halten.
Das klassische Kritik-Beispiel gegenüber der Pflichtethik ist die Lüge. Deontologisch gesehen muss man immer die Wahrheit sprechen, man hat eben die Pflicht dazu, ausnahmslos. Dies auch, wenn nun ein Nazischerge an die Türe klopft und man eine jüdische Familie verstecke und danach gefragt wird.
Beim Utilitarismus geht die Kritik hingegen unter anderem in die Richtung, dass es absurd ist, immer alle Folgen einer Handlung kennen zu wollen (man denke z.B. an die Kernkraft) oder die Bewertung der Folgen sehr subjektiv (was ist eigentlich Glück?) sein kann, so dass Minderheitenpositionen es schwer haben.

Dann gibt es in der Philosophiegeschichte AutorInnen, die die beiden Positionen verbinden wollen. Am bekanntesten ist da John Rawls mit seiner umfassenden Theorie der Gerechtigkeit. In seinem Mammutwerk zur Gerechtigkeit präsentiert er Grundprinzipien aus beiden Ansätzen und kombiniert sie, was einige Probleme löst, aber wieder andere schafft.

Neutral gesehen haben in der Tat beide Positionen Schwächen und Stärken und eine situative und intuitive Anwendung mal der einen, mal der anderen Position dürfte Sinn machen.

Im weiteren Verlauf der Entwicklung von eigenen, konkreten Ansätzen für eine gute Lebensführungen werden somit teils deontologische Ansätze zum Zuge kommen, während es in anderen Bereichen wohl ein Abwägen der Folgen geben wird. Teils wird es wohl auch eine Mischung brauchen – es ist in der Realität mal wieder viel komplexer und komplizierter als in der Theorie!

Sustine et abstine (17) – der Mensch als geselliges Wesen (3)

Mensch als soziales Wesen – ein bisschen Theorie

Seit langer Zeit denken Menschen darüber nach, wie wir das Zusammenleben untereinander am besten organisieren können. Zuerst waren es Mythen, religiöse Überzeugungen, und überlieferte Traditionen, die diesbezüglich den Ton angaben. Später, vor allem durch die ersten griechischen Philosophen, löste sich das Denken von diesen überlieferten Dogmen und Geboten und es wurde auch abstrakter, systematischer sowie theoretischer darüber nachgedacht, wie gutes Zusammenleben unter den Menschen organisiert werden könnte.

Die grundsätzlichen Ideen und Lehren aus der Antike wurden verfeinert und einige Konzepte kamen (und kommen immer wieder) hinzu, während vieles, was sich seit Jahrtausenden bewährt hat, in die weitere Diskussion integriert wird.
So wurde etwa die Idee der Gerechtigkeit bereits bei den Griechen stark diskutiert, während in den letzten Jahrzehnten das Konzept zum Beispiel um die Begriffe Fairness oder Chancengleichheit erweitert wurde.
Erweitert wurde auch der Kreis, den man bei solchen Überlegungen mit einbezieht: So war auch noch bei den Griechen hauptsächlich eine männliche Elite Ziel – und Urheber – der ethischen Diskurse, während heutzutage auch Tiere bis hin zu ganzen Ökosystemen und schliesslich der ganze Planet eine Rolle bei solchen Überlegungen spielen.

Schon nur diese kurze Einleitung zeigt, dass es schnell kompliziert wird: Befasst man sich heute mit den philosophischen Diskursen zum Thema, wird es umgehend unübersichtlich. Daher sollen hier ganz stark vereinfacht lediglich die wichtigsten Konzepte aus der Diskussion – ohne abschliessend sein zu wollen – zusammengestellt werden. Denn es es soll schnell wieder konkret werden!

Um die später folgenden Ansichten und konkreten Ideen für ein sinnvolles Zusammenleben als Menschen als soziale Wesen, eingebetet in ein weiteres Umfeld, eine nachvollziehbare Basis geben zu können, müssen in den nächsten Texten der Serie trotz der Komplexität und „Trockenheit“ der Themen, folgende grundlegende Fragen kurz näher betrachtet werden:*

Die beiden Hauptrichtungen der Ethik: Rechnen oder die Pflicht befolgen?

Kann ich wirklich tun, was ich will?

Kann ich mir wirklich frei eine Meinung bilden?

Wie gelangen wir zum bestmöglichen Wissen?

Welche Gefahren hat das wissenschaftliche Wissen?

Was bleibt? Plädoyer für freies Denken und eine holistische Weltsicht

 

*Dies ergänzend und vertiefend zu den bei den Grundlagen (siehe dazu Teil 1, Teil 2 und Teil 3) bereits gemachten Verortungen.

Sustine et abstine (16) – der Mensch als geselliges Wesen (2)

Vom Ego zur Gesellschaft – oder vom Ich zum Wir

Nachdem es in der Serie zum Menschsein in einer von Ambivalenzen geprägten Zeit in den ersten 14 Teilen vor allem um das Individuum und seine eigene Lebensführung ging, soll der Blick nun geweitet werden: Ist mensch nicht gerade ein weltabgewandter Einsiedler, so heisst Leben immer Verwobensein mit anderen Menschen.
Des Weiteren ist ein jeder Mensch in vielfältige Zusammenhänge natürlicher, sozialer, politischer oder wirtschaftlicher Art eingebettet.

Menschsein bedeutet somit, wie bereits Aristoteles festhielt, ein Zoon politikon zu sein. Damit ist gemeint, dass das Wesen des Menschen grundsätzlich sozialer und damit politischer Art ist. Das hat zur Folge, dass eine Individualethik, die beim Ich startet, nicht beim Ich aufhören darf, will sie nicht bei einer egoistischen sowie narzistischen oder rein hedonistisch ausgerichteten Lebensführung enden.

Dieser Erweiterung vom Ich zum Wir sind die nächsten Teile der Serie gewidmet.

Sustine et abstine (15) – der Mensch als geselliges Wesen (1)

Rezension: „Wirbellos“

 

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Musio Giuliano

Wirbellos (2019)

Luftschacht Verlag, 457 Seiten

ISBN 978-3-903081-3

 

 

 

 

Schuld und Sühne reloaded

Schon beim Betrachten des Buchdeckels läuft wohl manchem bereits ein kleiner Schauer über den Rücken: So finden sich auf dem Titelblatt des im Herbst im Luftschacht Verlag erschienen zweiten Romans des Berner Schriftstellers Giuliano Musio allerlei wirbellose Tiere und Tierchen gruslig ineinander verkeilt wieder. Genau wie da Insekten, Schnecken und wirbellose Meeresbewohner miteinander in einem Haufen verwoben sind, sind es im Buch die Protagonisten. Und analog zur Bildmontage auf dem Buchdeckel – man sieht auf den ersten Blick nicht, wo das eine Tier beginnt und das andere endet – ist im Roman vieles bei der ersten Begegnung anfangs der Lektüre rätsel- oder gar schleierhaft.

Hier liegt eine der grossen Stärken des Romans von Musio: Er schafft es grosse Spannung aufzubauen, indem er erst nach und nach Details aus den Leben der Menschen seines Romanuniversums aufdeckt. Und dies macht er so meisterhaft, dass das Buch bei der Lektüre sofort einen immensen Sog ausübt – dies so stark, dass Netflix einige Tage brach liegen wird, sollte man sich auf die Lektüre des Buches einlassen!

Damit diese umgehend einsetzende Lust auf das Weiterlesen erhalten bleibt, soll hier nur ganz wenig zum Inhalt des Buches verraten werden. Gesagt soll nur werden, dass Lesende mit auf eine Reise in das Leben einiger Protagonisten und Protagonistinnen in ein ans Meer verlegtes Bern mitgenommen werden. Diese Reise verläuft alles andere als ruhig: Dies einerseits, da der Haupterzählstrang ereignisreich ist. So nimmt dieser, wie schon im ersten Roman „Scheinwerfen“ von Musio, schnell mal rasendes Tempo auf.

Abenteuerlich – und nicht selten gar ein wenig beunruhigend – ist die Lesereise andererseits, da Musio in seinem Roman Fragen nach dem richtigen Leben im Falschen, dem Lügen und des Umganges mit Schuld und Sühne resp. Verbrechen und Strafe aufwirft, mit denen wir Menschen alle ab und zu konfrontiert sind – somit gleicht das Buch mit seinen über 400 Seiten nicht nur vom Umfang her einem der grossen Romane (Schuld und Sühne, 1866) von F. Dostojewski,  sondern auch inhaltlich gibt es Parallelen zu besagtem Werk des russischen Altmeisters, da sich der Protagonist von Musio, Martin, stark mit Schuld und Wiedergutmachung befassen muss.

Analog wie Dostojewski blüht Musio auf, wenn es um die Beschreibung der inneren Monologe seiner Figuren geht. Diese Passagen im Roman sind stets glaubwürdig und zeigen auf, wie sämtliche Menschen in der eigenen Wahrnehmung und Bewertung von Geschehnissen und sozialen Situationen einer radikalen Subjektivität unterworfen sind. So erlebt der oder die Lesende während der Lektüre von „Wirbellos“ mehrmals bezogen auf ein und dieselbe Situation einen Perspektivenwechsel. Diese, um es mit dem für Bob Dylan typischen Slogan „Points of View“ zu sagen, lassen einen mehrmals verblüfft sowie selbstkritisch zurück: Denn kennen nicht wir alle nur all zu gut den Mechanismus, dass wir z.B. nach einem Gespräch panisch Vermutungen anstellen, wer nun was über einen denken könnte? Und dies in der Regel ja ohne, dass wir je verifizieren können, ob wir richtig liegen. Und meist machen wir uns ja dann grosse Sorgen, da wir doch alle meist denken, dass die anderen nur Schlechtes über uns denken. Dass dem oft gar nicht so ist und andere Innenwahrnehmungen derselben Situation ganz anders sein können, als wir es vermuten, dahingehend belehrt uns Musio mehrmals im Roman wunderbar eines Besseren, indem er uns an mehreren eben dieser Points of View teilhaben lässt.

Solche feinen Beobachtungen macht man im Buch manchmal sofort, manchmal kommt das Aha-Erlebnis erst viel später. Dies zeigt die geschickte Montagetechnik der Szenen und die Kapitelabfolge auf: Teils ist man sofort mitten im Geschehen, teils taucht man tief in die Vergangenheit, die die Gegenwart (im Leben wie auch im Roman) stark prägt, ein. Neben dem Hin und Her zwischen früher und jetzt, Action und ruhigen inneren Monologen, lässt man sich als Lesende des Romans auch auf ein Ausloten der Grenze zwischen Realität, Traum und Wahnvorstellungen ein. Nicht selten ist dies (zuerst) verwirrend – Musio schafft es jedoch immer wieder, die Fäden, Zeit- und Erlebnisebenen zusammenzuführen, was faszinierend ist.

Der Lesespass wird insbesondere auch durch die dem Tempo der Handlung sowie dem Milieu der einzelnen Figuren angepassten Sprache gefördert. Genau so geschickt wie Musio die gewählte Sprache je nach Situation und Figur anpasst, schafft er es, sprachlich verknappt viele Andeutungen zu verpacken: So schafft er mit einem „Minisätzchen“ oder gar nur einzelnen Worten, am Ende eines Kapitels die ganze Färbung des letzten Abschnittes zu verändern oder führt mittels Andeutung etwas scheinbar salopp ein, das sich später als sehr wichtig erweisen wird. Hier spürt man als Lesende die grosse Sorgfalt, die der Autor beim Schreiben walten liess. Diese Liebe zum Detail zeigt sich auch in den schönen und zum Weiterlesen animierenden Kapitelüberschriften.

Die Sorgfalt, die der Autor beim Verfassen aufwendete, zeigt sich nicht nur, wie oben erwähnt, in der äusserst komplexen Montage der Romanszenen und -kapitel sowie der Sprache, sondern auch in kleinen Beobachtungen über das Dasein als Mensch, die ohne grosses Aufsehen in den Roman eingestreut sind: So erfahren wir nebenbei zum Beispiel bei einem Auftritt von zwei Polizisten, dass dem jungen, gross gewachsenen Polizisten das Hemd an der Brust spannt, während es dem älteren, kleineren am Bauch spannt. Oder eine andere Szene dürfte alle Lesenden rühren. Genaueres soll hierzu noch nicht verraten werden, sondern nur so viel gesagt sein, dass es die Szene ist, in der eine weibliche Hauptfigur dem Marzilibähnlein entlang einen Hügel erklimmt und von Weitem vom Hauptprotagonisten Martin gesehen wird – was da dann Zartes passiert, lässt einen Hauch von Hoffnung und Schönem erscheinen – dies ausgerechnet in einer Situation, die gesamthaft düster ist. Dies passt doch so schön in die heutige Zeit, wo wir auf Schritt und Tritt schlechten Nachrichten, schrillen Äusserungen und drohenden Katastrophen begegnen. Gerade in einer solchen, lauten Zeit ist es befreiend, und das zeigt Musio mit besagter Szene so schön auf, das Sensorium für das Wahrnehmen des Feinen, Zarten oder Schönen aufrecht zu erhalten.

 

 

Die Kunst des Gebrauchs der Zeit (Teil 2)

Dieser Text ist die Fortsetzung des Beitrages Die Kunst des Gebrauchs der Zeit. Es empfiehlt sich, vorgängig Teil 1 gelesen zu haben.

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Elemente des klugen Gebrauchs der Zeit (Teil 2):

  • Umgang mit Erwartungen
    Da unsere Lebenszeit beschränkt ist und wir klug wählen müssen, für was wir wie viel Zeit aufwenden wollen, ist es wichtig, ein realistisches Erwartungsmanagement zu entwickeln. Geschieht dies nicht, verpufft schnell viel Zeit, die wir eigentlich für echte Bedürfnisbefriedung, Erholung oder unser Umfeld aufwenden könnten. Dies kann einerseits geschehen, wenn wir zu grosse, unrealistische Erwartungen aufbauen.Beispielsweise arbeiten viele Menschen über Jahre sehr hart, um sich dann ein sehr teures Auto leisten zu können. Ist das Auto dann endlich da, macht es anfangs zwar Freude, doch meist weniger, als man sich erhoffte und man gewöhnt sich sehr schnell daran, die Freude ist nur von kurzer Dauer. Ausserdem hat man nicht erwartet, dass die Besorgung von Zubehör und die Wartung eines neuen Fahrzeuges so viel Aufwand bedeutet  – im Vergleich zur Realität waren die Erwartungen überhöht, man hat sich über Jahre einer Fata Morgana verschrieben. Die verbrauchte Zeit, die nötig war, um das viele Geld anzusparen, ist jedoch für immer weg, ein Zurück gibt es nicht. Dito passiert oft bei luxeriösen Reisen, die dann meist nicht so schön sind, wie im Prospekt und oft gehetzt oder erschöpft angetreten werden, da man vorher noch so viele Entbehrungen auf sich nehmen muss, um sich das zu leisten.Leicht fänden sich auch Beispiele aus dem Bereich der sozialen Beziehungen und gar der Liebe, wo viele Menschen falsche Erwartungen gegenüber anderen Menschen haben und so später merken, dass sie viel Zeit am falschen Ort investierten. Hier ist ein offenes Ansprechen und eine Klärung oft besser als langes Abwarten.Zu einem realistischen Erwartungsmanagement gehört auch der vernünftige Umgang mit Erwartungen von aussen: Lebe ich nach meinen Bedürfnissen oder mache ich (zu) viel, weil es andere von mir erwarten? Kann ich genug gut Nein-Sagen? Was sind eigentlich meine Bedürfnisse und was nur von anderen übernommene?Selbstredend gilt es auch, die Erwartungen, die man an sich selber stellt, periodisch zu überprüfen, denn auch die Erfüllung von überhöhten oder unpassenden eigenen Erwartungen kann schnell zu Zeitverbrauch führen, den man später bereut.Zum Erwartungsmanagement gehört es ebenso, dass man lernt, dass man nicht überall dabei sein muss. Dies führt zu Entspannung und zu enormem Zeitersparnis. Mehr ist nicht immer mehr (siehe dazu auch Stimuli und Superstimuli: Ich will mehr!).
    Dies ist gerade in jungen Jahren nicht leicht und es gehört zum Reifeprozess dazu, dahingehend dazuzulernen und langsam aber sicher zu merken, dass man sich auch mal von etwas bewusst fern halten, mal etwas verpassen kann.
    Aber auch im fortgeschrittenen Alter, da ja älter werden auch Abschied nehmen bedeutet (siehe dazu Gelassen älter werden), bleibt dies ein wichtiges Thema. Abnehmende Kräfte und schwindende Lebenszeit fordern einen bewussten Umgang mit der eigenen Zeit.
  • Vorfreude und Nachhall besonderer Ereignisse bewusst wahrnehmen
    Auch wenn oben vor überhöhten Erwartungen gewarnt wurde, muss auch vor dem Gegenteil gewarnt werden: Lässt man keine Vorfreude zu oder erinnert sich nicht dankbar und bewusst an schöne, vergangene Dinge, vergibt man eine Chance, seine Lebenszeit qualitativ besser zu erleben oder sich zu motivieren.
    Gerade in schwierigen Zeiten können Erinnerungen an schöne Zeiten und Vorfreude auf Kommendes zum Durchhalten motivieren.
  • Entschleunigung und Achtsamkeit
    Diese Themenbereiche sind gerade sehr en vogue und werden später in einem eigenen Beitrag noch vertiefter behandelt. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass Achtsamkeitstechniken das bewusste Erleben der Zeit ermöglichen und durch ihre entschleunigende Wirkung das subjektive Zeitwahrnehmen positiv verändern können. Dazu gehört auch, dass durch die routinierte Anwendung solcher Techniken kleinen und kleinsten Zeitfenstern auch in hektischen Lebensphasen eine andere Qualität – und damit anderes Erleben oder Erholungspotenzial – gegeben werden können.
    Zudem helfen solche Techniken, die eigenen Bedürfnisse besser wahrzunehmen und sich dadurch besser von Zeitverbrauchern, für die eigentlich gar kein Bedarf besteht, fern zu bleiben (siehe dazu oben in diesem Text).
    Weitere Vorteile sowie ein theoretischer Hintergrund zu dieser Art der Selbsttechniken werden an anderer Stelle im Blog noch vertieft behandelt.
  • Gestaltung des Tagesablaufes und andere Gewohnheiten
    Wie im Zusammenhang mit den inneren und äusseren Rhythmen im Blog erörtert, empfiehlt es sich, nach gewissen Rhythmen zu leben. Dies lässt sich am einfachsten umsetzen, wenn man seinen Tagesablauf einer gewohnheitsmässigen Routine unterwirft. Dies nicht stur, denn ein gewisser spielerischer Umgang mit der Lebenszeit und Offenheit für Unvorhergesehenes sollen erhalten bleiben. So soll in der Regel der Tag gewohnt ablaufen, ein ausnahmeweises Abweichen bringt dann Salz in die Suppe und kann besonders genossen werden, ohne den Rhythmus und die Routinen zu verlernen, kehrt man schnell wieder zu diesen zurück.Auch ist es ratsam, wiederkehrende Verrichtungen (z.B. Haushalt) möglichst gewohnheitsmässig zu absolvieren. Dadurch verbraucht man dafür weder viel Zeit noch Energie. In einem Mehrpersonenhaushalt kann man sich durch solche Routinen unnötige Konflikte ersparen: Erledigt jedes Mitglied routinemässig seine Aufgaben, bleibt nichts liegen und niemand muss andere kritisieren oder kämpft mit dem frustrierenden Gefühl, immer mehr zu machen, als abgemacht.Dass die Übung – und die dadurch entstehende Gewohnheit – wichtige Techniken der selbstermächtigten Lebensführung sind und wie dies mit der Formbarkeit unseres Gehirns (Neuroplastizität) zusammengeht, wurde bereits mehrfach im Blog dargelegt.

Ging es in den letzten Beiträgen der Serie um den Menschen als Individuum, wird im nächsten Beitrag der Kreis erweitert und das Individuum in einem nächsten Schritt in seinen engeren, sozialen Bezugskreis gestellt, ehe der Kreis dann immer weiter gefasst wird, so dass wir von einer Individualethik über eine Gesellschaftsethik schliesslich hin zu einer ganzheitlichen Weltsicht gelangen werden.

Sustine et abstine (14) – der Mensch (9)

Die Kunst des Gebrauchs der Zeit (Teil 1)

„Oh I wish I could… and I will!
But now I just don’t have the time…“
(…)

So dizzy Mr. Busy – Too much rush to talk to Billy
All the silly frilly things have to first get done
In a minute – sometime soon – maybe next time – make it June
Until later… doesn’t always come
The Cure

IMG_5602.jpegEs ist eine Binsenwahrheit, dass das Leben immer hektischer wird. Darüber beklagten sich jedoch schon viele Generationen vor der unseren. Auch wenn dies eine menschliche Konstante zu sein scheint, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass sich viele Menschen heutzutage gehetzt, ja gar gestresst, fühlen. Sei dies nun aufgrund einer real schneller gewordenen Welt oder nur aufgrund der eigenen Wahrnehmung, Fakt ist, dass die heutige Zeit oft ein Gefühl der Gehetztheit vermittelt und es Not tut, sich darüber Gedanken zu machen, ob wir sinnvoll mit unserer Lebenszeit umgehen oder ob ein anderes Lebenstempo nicht zufriedener machen würde.

Denn, will Mensch ein gutes Leben führen, sollte er oder sie nicht ständig in einer Rushhour durch das Leben hetzen sowie jeweils im Hier bereits gedanklich schon im Dort resp. im Jetzt schon im Danach sich befinden.

Bewusst mit der Zeit umzugehen, gehört zum Kern der autonomen Lebensführung: Nur wer darüber reflektiert, wie sie oder er seine Zeit verwendet, kann dort generös mit seiner oder ihrer Zeit sein, wo es ihr oder ihm wichtig ist, während er oder sie unnötige, einer guten Lebensführung gar entgegenstehende, Zeitfresser eliminiert – oder dort, wo dies nicht möglich ist, diese auf ein Minimum reduziert.

So gilt es beispielsweise zwingende Alltagshandlungen gewohnheitsmässig und routiniert zu vollziehen. Hier bringt es nichts, Dinge aufzuschieben (Prokrastination) und innere Widerstände aufzubauen, die schlussendlich viel Energie – und damit Zeit – kosten.

Hingegen ist es in anderen Lebensbereichen geradezu eine Kunst, die Zeit nicht optimal zu nutzen, wie es heutzutage überall gepredigt wird, sondern auch mal dem Müssiggang zu frönen, sich treiben zu lassen und damit zur Ruhe und zu sich selbst zurückzufinden.

Dies ist teils gar nicht so einfach, denn wir heute lebenden Menschen sind von klein an darauf getrimmt, keine Zeit zu „vergeuden“, immer effizient zu sein und Langeweile als etwas Negatives zu sehen.

Jedoch muss Zeit ohne Zweck und Ziel zu verbringen, gelernt und geübt sein. Wer kennt es nicht, dass sich diese ausdehnt, wenn sie mal „leer“ ist und wir nichts vor haben? Auch wenn dies unangenehm werden kann, ist es wichtig, dies regelmässig zu tun, denn nur ohne Ziel und Zweck kommt eine gewisse Langeweile auf, die zu einer ganz anderen Optik auf sich und die Mitwelt führt. Gerade weiterführende Gedanken, Kreativität und eine Optik von aussen auf das eigene Leben entfalten sich oft erst, wenn man den gewohnten Modus des Tuns und Abarbeitens verlässt – im Hamsterrad fehlt schlicht und einfach der distanzierte Blick auf unser Tun und Lassen.

Zum gelungenen Leben gehört ein bewusstes Spielen mit diesen verschiedenen, teils widersprüchlichen Gebrauchsarten der Zeit. 

Was könnten Handlungsfelder sein, in denen es bewusst immer wieder eine kluge Wahl in Hinblick auf den Einsatz von Zeit zu treffen gilt?

  • Mobilität
    Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Pendelwege, aber auch Wege in der Freizeit, werden immer länger. Mensch verbringt immer mehr Zeit in überfüllten Verkehrsmitteln oder auf verstopften Strassen und es gilt zum guten Ton, möglichst weit in die Ferien zu fliegen. Hier macht es Sinn, periodisch zu überprüfen, ob die persönliche Lebenslage noch stimmig ist, ob die eigenen Bedürfnisse nicht mit einem anderen Modell, manchmal zwar mit einer kurzfristig grösseren Anstrengung (z.B. Umzug) verbunden, nicht langfristig befriedigender wären. Oder es gilt zu prüfen, ob man nur, weil man es kann und die anderen es tun, in die Ferien fliegen muss, anstatt gemütlicher und für die Umwelt weniger schädlich, in der Nähe die Ferien verbringen könnte? Wie befreiend ein Leben der kurzen Wege und Ferien in der Nähe – ganz ohne Reisestress – sind, wissen viele Menschen gar nicht mehr. Dass man dadurch nicht nur Zeit gewinnt, sondern auch achtsamer und sorgfältiger mit der nahen Umgebung und den Menschen darin umgeht, zeigen Studien deutlich auf.
  • Verhältnis von Spannung und Entspannung
    Das eine bedingt das andere –Entspannung ohne Spannung schmeckt fade. Das stimmige Verhältnis zwischen Ruhe und Anstrengung zu finden, ist nicht immer einfach. Hier klug und bewusst zu steuern, ist für ein gelungenes Leben wichtig.
  • Zeitinseln und Zeit für sich selber schaffen
    Es gibt Lebensphasen, in denen es trotz bewusstem Umgang mit der Zeit hektisch wird. Wenn dies punktuell geschieht und die Dauer einer solchen Phase absehbar ist, kann dies zu Dynamik und Lust an der Leistung führen. Eine solche Phase sollte jedoch nicht zum Dauerzustand werden und es ist ganz wichtig, auch in der stressigen Phase selber, immer wieder Zeitinseln zu schaffen, um Energie zu tanken und in sich hineinzuhören. Ohne dies kann sich schleichend eine Sinnleere und Entfremdung entwickeln oder das vegetative Nervensystem macht plötzlich nicht mehr mit, da der Körper zu wenig Erholung hat (Burnout). Da dies schleichend kommen kann, ist es wichtig, in ruhigen Lebensphasen ein Sensorium zur Erkennung von Frühwarnzeichen zu entwickeln, das dann in der hektischen Lebensphase hilft, frühzeitig zu erkennen, dass es kritisch wird und so Gegensteuer gegeben werden kann und man nicht in eine langfristige Krise gerät. Techniken, die in einen solchen Werkzeugkasten des in sich hinein Horchens gehören, werden an anderer Stelle der Serie näher erörtert. Stichworte dazu sind Achtsamkeit, Atmungstechniken oder Meditation aber auch Selbstvertrauen und Nein-Sagen-Können.
  • Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung (zeitliche Autonomie)
    Wie im einleitenden Text erwähnt, gehört es, wie bei so vielen Themen dieser Serie, zu einem befriedigenden Leben dazu, auch den Umgang mit der Zeit selbstreflexiv und so gut als möglich (teil)autonom zu vollziehen. Letztgenanntes ist natürlich nur bedingt möglich. Jeder und jede muss Zeit dafür aufwenden, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und viele Alltagshandlungen immer wieder abzuarbeiten. Kommt Familie dazu, werden diese Zwänge in der Regel grösser. Es bleiben jedoch immer Möglichkeiten, zu steuern. Einerseits kann man den materiellen Bedarf so beschränken, dass möglichst wenig Zeit für dessen Sicherung verbraucht werden muss. Andererseits kann man die Rahmenbedingungen so einrichten (z.B. Leben der kurzen Wege), dass die Zeit, die man zwingend aufwenden muss, möglichst gering ist.
    Und in jedem Lebensarrangement bleiben Zeitinseln, die man autonom nutzen kann. Dies sollte man dann auch tun. Dies nicht im Sinne von Effizienzsteigerung oder Zwang, möglichst viel reinzustopfen, sondern ganz im Sinne einer Balance von Spannung und Entspannung, aktiver Steuerung von Ruhe und Aktivität. Denn gerade ungenutzte Zeit (z.B. beim Anstehen), ist nur scheinbar leer, da solche Mikropausen, wo die Gedanken mal frei rumstreifen können, dienen dem Gehirn als Erholung und fördern das assoziative Denken. Ausserdem können viele Alltagsverrichtungen, wie z.B. das Abwaschen oder der Hausputz, achtsam gemacht werden, was ihnen eine ganz andere Qualität verleiht.
  • Umgang mit neuen (sozialen) Medien
    Über sie wurde in letzter Zeit viel geschrieben. Die Extrem-Meinungen gehen dabei weit auseinander: Auf der einen Seite werden sie als Heilbringer angesehen. Für Vertreterinnen und Vertreter dieser Meinung sind sie die Erneuerer der Demokratie, die Einbinder der ganzen Welt und bieten sie ungeahnte Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Während auf der anderen Seite eine düstere Verteufelung stattfindet. Neue Medien werden hier als Drogen, designt, um uns süchtig, dumm und manipuliebar zu machen, angesehen.
    Die Wahrheit liegt wohl dazwischen: Es gibt Chancen und Gefahren.
    Ein bewusster Umgang tut somit Not, alles andere wäre naiv. Ausserdem sind wir verschieden, so dass jeder Mensch selber überlegen muss, ob –und falls ja, wie viel davon – er oder sie in seinem Leben haben möchte.
    Die Thematik der neuen Medien, insbesondere auch der sozialen, wird an anderer Stelle im Blog noch vertieft behandelt. Hier soll im Zusammenhang mit dem Gebruach der Zeit nur darauf hingewiesen werden, dass die neuen Medien schnell zu „Zeitfressern“ werden und eine bewusste Wahl, ob  – und falls ja, wie viel  – Zeit man damit verbringen will, zwingend bewusst getroffen werden muss: Der Sog der neuen Medien ist unumstritten zu gross (sie sind tatsächlich bewusst so konstruiert, dass sie unser Belohnungszentrum ansprechen und daher schnell abhängig machen), als dass man sich einfach so unreflektiert darin tummeln sollte. Ausserdem behindert der Mechanismus des ständigen Vergleiches mit anderen (resp. deren überhöhter Selbstdarstellung) die Förderung der Zufriedenheit – dazu aber an anderer Stelle dann mehr.

Weiter zu Teil 2 der Liste

Sustine et abstine (13) – der Mensch (8)

 

Heimat als Raum-Aneignung

Augen auf, irgendwo und
sofort weiss ich wo
Orientierung allenthalben
Raum ganz und gar durchdrungen

Mentale Karte – bewege mich frei
leicht geht es mir dabei
Leistung der Zeit
Quartier, Gegend – du bist mein

Neuer Ort – oh weh!
Ein, zwei Fixpunkte – nicht mehr
erste Tunnels zwischen Bekanntem
von Punkt A zu B, später noch C

Und dann wird es mehr
Querverbindungen zwar noch rar
doch plötzlich ist es da
ein Netz wird sichtbar

angeeignet heisst durchdrungen
Vogelperspektive errungen
volle Orientierung gewonnen
wie frei beweg ich mich seither

 

 

 

 

 

 

Die Zeiten ändern sich

Der Flughafendestinationszettel

Früher war es ein Privileg mit einem Flughafendestinationszettel am Gepäck rumzulaufen. Die Menschen liessen ihn möglichst lange am Gepäck. Je exotischer die darauf stehende Destination, desto besser. Ein echtes Statussymbol – seht her: Ich bin kosmopolitisch, weltgewandt. Bin weitgereist, individuell, vermögend – aussergewöhnlich!

Heute ist das anders. Die Zettel müssen sofort weg. Sie bedeuten: Ich bin ein Egoist. Ich verursache unnötig CO2 und Lärm. Mir ist die Umwelt, das Klima, die Tiere, die zukünftigen Generationen und Menschen im Süden egal. Ich konsumiere die Welt. Ich bin ein Viehmensch, der sich mit 300 anderen eng einsperren lässt. Ich lasse mich von peinlichen Sicherheitskontrollen demütigen. Meine Zeit ist nichts wert, ich vergeude sie in Schlangen. Ich bin Teil einer Touristenmasse – nichts ausser gewöhnlich!

 

 

 

Stimuli und Superstimuli: Ich will mehr!

Ich habe nur probiert, um mal zu sehen.
Es war nur sehr wenig, doch es war schön.
Ich wollte mehr davon,
nur ein bisschen mehr.

Gib mir mehr.
Gib mir mehr.
Die Toten Hosen

 

Wie schon an anderer Stelle erörtert, ist unser Gehirn in vier Schichten aufgebaut. Diese entsprechen evolutionären Stufen. Am ältesten ist das Stammhirn („Echsenhirn“, „Reptilienhirn“). In eben diesem ist das Belohnungszentrum angelegt. Dieses funktioniert vor allem mittels Botenstoff Dopamin. Dieser Neurotransmitter wird auch „Belohnungshormon“ genannt, denn er lässt uns bei entsprechenden Stimuli ein Hoch erleben. Dies war evolutionär sehr wichtig, da es uns motiviert, Dinge zu tun, die dem biologischen Zweck unseres Daseins (Überleben und Fortpflanzung) dienen. Dopamin fliesst ebenfalls in Strömen, wenn wir Neues erleben oder wir positive Erwartungen haben. Ausserdem wird Dopamin freigesetzt, wenn wir Risiken eingehen oder Verbotenes tun („Reiz des Verbotenen“).

Das Belohnungszentrum ist im Vergleich mit den neueren Hirnarealen wenig formbar und besonders wirkmächtig: Das modernere Grosshirn, der Sitz von Bewusstsein, Sprache oder Denken, wird von diesem alten Mechanismus sehr leicht übersteuert: Die Verbindungen von alten zu neuen Teilen sind viel schneller und leistungsfähiger als umgekehrt. Das erleben wir immer wieder, wenn wir in einer Bedrohungslage oder bei einem Wutanfall quasi ferngesteuert reagieren und blitzschnell uns tot stellen, wild um uns schlagen oder fliehen. Fliesst also das Dopamin in grossem Stile, können wir kaum noch rational reagieren – die Emotionen und Reaktionen dazu passieren uns scheinbar einfach.

Den so mächtigen Mechanismus des Belohnungssystems zu kennen und vor diesem Hintergrund sorgfältig mit dieser sehr starken körpereigenen Steuerungszentrale der Motivation umzugehen, ist für ein selbstbestimmtes Dasein von grösster Wichtigkeit. Denn dieser Mechanismus ist so stark, dass er den bewussten Willen und die rationale Steuerung unseres Verhaltens ausser Kraft setzen kann. Dies kann soweit gehen, dass wir offensichtlich schädliches Verhalten scheinbar zwanghaft immer wieder repetieren.* 

Es muss nicht immer so dramatisch sein, derselbe Mechanismus kann uns auch ganz sanft weg von der Selbstkontrolle und – beherrschung führen. Meist fängt dies ja bei feinem Abstumpfen gegenüber schwächeren Stimuli oder mit der Flucht in das dopamin-ausschüttende Verhalten bei unangenehmen Gefühlen (Langeweile, Einsamkeit etc.) an. Dies führt jedoch leicht weiter bis zu den bekannten Süchten und dem damit einhergehenden Kontrollverlust über die eigene Lebensführung.

Es ist kein Zufall, dass viele der gerne konsumierten Drogen die Dopaminproduktion emporschnellen lassen. So wirken die am meisten süchtig machenden Drogen fast alle auf das Belonhungszentrum und überschwemmen dieses mit Dopamin, was ein gutes Gefühl verschafft. Doch das bleibt nicht lange so – schnell braucht man mehr.

Dass sich der Körper gegen ein zu viel eines Stoffes wehrt, kennt man aus der Suchtforschung gut. Das Gehirn entwickelt bei regelmässiger Exposition von zu viel Dopamin mehr Rezeptoren dafür, so dass es immer einer grösseren Menge an Dopamin braucht, um dasselbe gute Gefühl zu erhalten.

Dieser Mechanismus wird Desensibilisierung genannt: Man braucht immer mehr, um sich wieder gut zu fühlen. Dass dann der Normalzustand oder kleine Dopmanischübe durch kleine Belohnungen kaum mehr Wirkung zeigen, ist eine logische Konsequenz. Der Normalzustand wird dann gar als unangenehm und quälend wahrgenommen – man ist auf Entzug und braucht nun schon den Stoff oder das dopaminausschüttende Verhalten, nur um nicht mehr passiv oder gar depressiv zu sein.

Dass es vor diesem Hintergrund ratsam ist, sorgfältig mit entsprechenden Stimuli umzugehen, leuchtet ein. Beschränkung und Verzicht führt damit, wie an anderer Stelle ausführlicher gezeigt, dann gar insgesamt zu einem Mehr an guten Gefühlen als weniger.

Sich ab und zu gezielt und bewusst zu belohnen ist grundsätzlich positiv und gehört zu einem gelungenen Leben dazu – die sprichwörtliche Praline, die ab und zu alles einfach viel besser macht, soll doch genossen sein!

Die heutige Welt bietet unserem uralten Belohnungszentrum jedoch all zu viele solcher Gelegenheiten. Gerade die, die ohne Anstrengung schnell und leicht ermöglicht werden, sind besonders verführerisch und schnell ist man mitten drin und die sprichwörtliche Praline gehört zum Alltag dazu, so dass wir sie weder schätzen, noch geniessen, sondern einfach haben müssen.

Die heutige Zeit bietet uns neben besagter Praline als Beispiel für einen moderaten Stimulus, aber leider auch sehr starke Reize, für die unser Gehirn schlicht und einfach nicht gemacht ist. Nennen wir sie Superstimuli. Hier führt eine Exposition geradezu zu einer Dopaminexplosion in unserem Gehirn. Da kann nichts „Natürliches“ mithalten, alles andere erscheint fade daneben.

Und gegen eine solche Dopaminüberschwemmung durch einen Superstimulus wehrt sich das Gehirn sehr schnell mal mittels oben beschrieben Desensibilisierung. Dies geht dann einerseits mit einem kaum zu bändigen Wiederholungsdrang einher und hat andererseits den Effekt, dass alltägliche kleine Freuden nicht mehr wahrgenommen werden können, da danach der Anstieg an Dopamin lächerlich wirkt gegenüber dem, was das Gehirn durch den Superstimulus erlebt hatte – es will dann das und tut alles, damit man ihm genau das oder besser, noch mehr davon, wieder gibt (Sucht).

Diese Superstimuli sollte man folglich sehr behutsam dosieren, von einigen bleibt man besser ganz fern, denn nur die wenigstens können bewusst mit dem Sog einer solchen Dopaminüberflutung umgehen. Bei Menschen mit durchschnittlichem Willen wird aus Lust sonst schnell ein reines Verlangen nach der nächsten Dosis, das Lustvolle, des Rauschhafte wird dann zum völlig lustfreien Zwang.

Vorsicht ist auch geboten, da eine solche Abhängigkeit meist schleichend beginnt und dies wieder rückgängig zu machen ist sehr schwierig (durch die Neuroplastizität aber nicht unmöglich).

Bekannt ist, dass viele der harten Drogen sich extrem auf das Belohnungszentrum auswirken (z.B. Kokain, Speed oder Amphetamine durch direkten „Dopamin-Kick“, Opiate indirekt durch Hemmung des Dopamindämpfers Noradrenalin).

Neben diesen bekannten Superstimuli gibt es viele alltägliche Dinge und Verhaltensweisen, die starke oder sehr regelmässige Dopaminausschüttungen (auch das verändert das Gehirn und macht schnell süchtig) auslösen:

  • stark zuckerhaltige Nahrungsmittel (dazu siehe auch hier)
  • soziale Medien+
  • Nikotin
  • Alkohol
  • Gewöhnung an schnelle News (insbes. Push-Meldungen)+
  • Games
  • Glücksspiel
  • Drang immer was Besseres, Neueres haben zu müssen (Konsumsucht)+
  • Jagd nach Geld, Ruhm und Macht+
  • Internetpornographie+
  • Sexsucht+
  • Jagd nach Statussymbolen oder übermässiger externer Anerkennung (Geltungssucht)+
  • Bingewatching von Serien
  • Fresssucht
  • Sportsucht

+ weiterführende Gedanken und konkrete Vorschläge für sinnvollen Umgang damit werden später in einem eigenen Blogeintrag der Serie behandelt

Und was hilft dagegen, dass wir mit einem steinzeitlichen Belohnungszentrum in einer überall mit leicht verfügbaren Belohnungen lockenden Welt leben müssen? Wie so oft ist dies eine Mischung aus Selbstwahrnehmung (wo und wann bin ich besonders empfindlich für diese leichten Belohnungen? Bei was und in welchem Zusammenhang ist es OK, mal nachzugeben? Bei was bleibe ich besser ganz fern? Und, wann ist mein Gelüste auf einen starken Stimulus des Belohnungszentrums eigentlich nur eine Ersatzhandlung (z.B. um schlechten Gefühlen oder Langeweile auszuweichen) und gar keine echte Belohnung für was Geleistetes oder einfach um einen schönen Moment zu zelebrieren?). Auf diesen Selbsterkenntnissen basierend kann dann wohlüberlegt entschieden werden, was Sinn macht und von was man besser die Finger lässt – jeder und jede ist anders und kennt sich am Besten.

Auch hilft es, die kleinen Freuden bewusst wahrzunehmen und zu schätzen (siehe auch Kleine Freuden des Alltags) und insgesamt ein ausgewogenes, eher ruhiges Leben mit Fokus auf das Jetzt zu führen, in dem man dankbar ist, über das was ist und man hat und so weniger anfällig auf das ewig Neue und zu Erwartende wird (gerade bei Erwartungen fliesst ja auch schon das Dopamin).

Und, es hilft auch, zu wissen, dass es völlig normal ist, dass uns unser Belohnungszentrum ab und zu überlistet und wir über die Stränge schlagen. Wir sollten dahingehend nachsichtig sein, denn es bleibt ein Widerspruch, den niemand auflösen kann, dass wir mit einem auf sehr viel weniger Reize ausgerichtetes Gehirn in einer Welt voller Stimuli und gar Superstimuli – für die es erst recht nicht geschaffen ist – leben.

Wie das alles konkreter aussehen könnte, wird in der Serie anhand einzelner Themen noch intensiv behandelt werden.

Insgesamt hilft in der von übervielen Reizen geprägten Welt auch eine bewusste Entschleunigung und Vereinfachung des Lebens – man muss nicht überall dabei sein, alles gemacht haben und immer Angst haben, etwas zu verpassen. Weniger wird zu mehr und Langsamkeit ermöglicht intensiveres Wahrnehmen. Diesem Thema des Lebenstempos wird der nächste Beitrag der Serie gewidmet sein.

 

*In Experimenten, die die Dopaminproduktion bei Tieren anregen, repetieren diese Verhalten, das zu grosser Dopaminausschüttungen führt, gar bis sie tot sind (z.B. Kopulation bis zur Erschöpfung, sich regelrecht zu Tode fressen) oder vernachlässigen den Nachwuchs vollständig.

Sustine et abstine (12) – der Mensch (7)

 

 

Gelassen älter werden

Wie im letzten Beitrag aufgezeigt, gehört das Älterwerden zu den unabänderbaren Bedingungen des Daseins als Mensch. Von daher gilt es im Rahmen einer bewussten Lebensführung, sich damit aktiv auseinanderzusetzen und dadurch einen möglichst entspannten und gelassenen Umgang zu finden.

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In diesem Blogbeitrag werden Elemente präsentiert, die einen solchen sorgsamen und bewussten Umgang mit dem Älterwerden fördern können.

Die Leistungs- und Gedächtnisfähigkeit des Gehirns nehmen bereits ab Mitte 20 ab. Doch das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter formbar (Neuroplastizität). Dies geschieht jedoch nur, wenn es auch gefordert wird. Ganz im Sinne von „use it or loose it“ sollte das Gehirn, gleich wie ein Muskel, trainiert werden. Somit gilt es, bis ins hohe Alter hinein, Neues zu Lernen (lebenslanges Lernen).

Sich auf Neues einzulassen hilft des Weiteren, die Neugierde zu kultivieren. Das wiederum führt dazu, dass man bis ins hohe Alter offen bleibt und von Dingen erfährt, die einem in Staunen versetzen, was einer Verbitterung oder einem Rückzug in ein Leben in der Vergangenheit (Leben in den Erinnerungen) entgegenwirkt.

Wichtig ist selbstredend die Beziehungspflege. Wird mit zunehmendem Alter der räumliche Aktionsradius immer kleiner, bleiben durch Beziehungen Türen zur Welt offen. Konkret hilft es, eine Wärme des Herzens auszustrahlen, gut und aktiv zuzuhören, nachsichtig – und im materiellen Sinne, falls man sich das leisten kann, grosszügig – mit jüngeren Generationen zu sein, um die Beziehungen bis ins sehr hohe Alter am Leben zu erhalten.

Nicht nur mit anderen und dem Weltlauf empfiehlt sich mit zunehmendem Alter Nachsicht, sondern auch gegenüber sich selber. Ohne dies ist die Gefahr der Verbitterung durch die immer weniger werdenden Optionen und Möglichkeiten zu gross. Älter werden bedeutet ja auch, Abschied zu nehmen. Dies sollte man bewusst und kontinuierlich machen, um nicht in grössere, alles in Frage stellende Krisen zu geraten.

Dasselbe gilt für den Umgang mit dem Tod und dem Prozess des Sterbens. Dass dies unheimliche, gar angsteinflössende Themen sind, ist klar. Dennoch ist es wenig hilfreich – was wir als Gesellschaft jedoch immer mehr tun – diese Themen von unserem Leben fern zu halten. Sinnvoller ist wahrzunehmen, dass diese Dinge zum Leben dazugehören und man sich darauf vorbereiten kann. Dies durch das Üben, lieb gewonnene Aktivitäten und Gewohnheiten loszulassen, mehr im Geiste als im verfallenden Körper zu leben, oder Krankheiten als Vorstufen des Sterbens zu akzeptieren. Dadurch „übt“ man ausserdem das Sterben, so dass es am Ende einfacher und weniger angstbeladen ist, wenn man definitiv von diesem Leben lassen muss.
Die Angst vor dem Sterben wird des Weiteren kleiner, wenn man den Tod bereits aktiv im Leben eingebaut hatte. So hilft es, wenn man bei Angehörigen oder Haustieren den Prozess des Sterbens bereits miterlebt hat und der Tod so einen Platz im Leben hatte und nicht ein all zu grosses Mysterium bleibt.

Wie bereits im Text zum Freiheitsdilemma erörtert, gilt es im Leben immer wieder Standortbestimmungen zu machen. Dies trifft besonders für das letzte Lebensdrittel zu. Einerseits zeigt einem das fortschreitende Alter dann auf, dass man nun den grossen Teil der zur Verfügung stehenden Lebenszeit hinter sich hat. Die Optionen, die man noch realisieren kann, werden ab der Lebensmitte klar weniger, so dass Zeit wertvoller erscheint und bewusster erlebt werden sollte. Andererseits erhält man durch die Möglichkeit des Daseins als Rentner und Rentnerin aber auch ungeahnt viel Zeit und Raum. Dass dies nicht einfach ist und man neu mit der Zeit umzugehen lernen muss, beweisen viele Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Übergang ins Rentnerdasein haben. Dass es vor diesem Hintergrund sinnvoll ist, Bilanz zu ziehen und ab und zu eine Standortbestimmung zu machen, was man noch will, welche Beziehungen und Tätigkeiten weitergeführt werden sollen und welche nicht mehr, drängt sich förmlich auf.

Im Rahmen solcher Standortbestimmungen lohnt es sich, sich frühzeitig Gedanken über konkrete Lebensarrangements zu machen. Wie will ich im Alter wohnen? Was wünsche ich mir, wenn ich zum Pflegefall werden sollte? Was mute ich mir in Sachen lebenserhaltende Massnahmen zu? Sollte ich einer Sterbehilfeorganisation beitreten, um mir am Ende Autonomie und einen gewissen Handlungsspielraum offen zu erhalten? Habe ich alles geregelt, damit mit meinen Hinterlassenschaften materieller und immaterieller Art das geschieht, was ich mir wünsche?* Sind solche und ähnliche Fragen früh und klar geregelt, wird man gelassener im Umgang mit seiner eigenen Sterblichkeit und man gerät nicht in Zugzwang und Abhängigkeiten, sollte etwas Unvorhergesehenes einem den Handlungsspielraum nehmen. Und am Ende ist es einfacher, los zu lassen, wenn man weiss, dass alles geregelt ist.

Allgemein empfiehlt es sich, dankbar zu sein für das was man noch kann und hat. Dies sollte man sich bewusst vor Augen führen und regelmässig machen. Dazu eignen sich kleine Rituale des Innehaltens, z.B. jeden Abend vor dem Einschlafen. Dazu gehört auch das bewusste Wahrnehmen, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr muss, sondern kann. Dies fängt jedoch nicht erst im Alter an, sondern ist ein laufender Prozess. So ist es nach der Pubertät schon mal sehr befreiend, zu erleben, dass man sich nicht immer nur beweisen muss, dass man dauernd imponieren muss, da man doch gar nicht so wichtig ist und nicht ständig alle auf einem schauen. Oder später, in mittleren Jahren, wenn man merkt, dass man nicht mehr überall dabei sein muss, sondern eigentlich nicht viel verpasst, wenn man mal von was fern bleibt oder man eher mehr Respekt erntet, wenn man deutlich nein sagt, anstatt alles zu tun (wer bewusst mit seiner Zeit umzugehen weiss und dies kommunizieren kann, erhält paradoxerweise auf Dauer mehr Respekt als die zwar im Augenblick beliebten Ja-Sager). Und eben, dann im Alter, dann muss man immer weniger, doch geniessen kann man immer noch vieles!

Dass der Körper im Laufe des Lebens schwächer wird, sollte man akzeptieren. Dennoch kann er bis ins hohe Alter noch erstaunliche Leistungen erbringen. Dies zu spüren und sich altersgemäss körperlich fit zu halten durch die Gewohnheit der körperlichen Übungen kann die Lebensqualität stark erhöhen und den Zerfall aufhalten. Selbstredend gilt es hier, wie bei so Vielem im Leben, Balance zu halten: Weder Verbissenheit noch Faulheit sind zielführend.

Schlussendlich bleibt der Prozess des Älterwerdens aber schwierig. Es ist klar, dass der bewusste Umgang damit auch in Krisen führt. Für diese sollte man sich vor dem Eintreten wappnen. Es empfiehlt sich, vorher einen Werkzeugkasten zusammenzustellen, den  man dann in der Krise nutzen kann. Durch die darin befindlichen Techniken erträgt man die Krise besser und erduldet sie, da man weiss, dass sie auch Chancen bieten kann. Auch hilft es, zu wissen, dass man Krisen eher passiv durchschreiten sollte, um danach wichtige Entscheide zu treffen, um eine nächste Krise zu vermeiden. Dies hindert einem daran, in der Krise unüberlegte und übereilte Weichenstellungen vorzunehmen. Was ein solcher Werkzeugkasten beinhalten könnte, wird später Thema das Blogs sein.

Nach der Auseinandersetzung mit dem Älterwerden, widmet sich die Serie nun einem besonders vitalen Thema, dem Umgang mit allerlei Verlockungen – es wird besonders spannend!

 

* Konkret ist es sinnvoll eine Patientenverfügung, ein Testament und einen Vorsorgeauftrag verfasst zu haben. Modelle für das Verfassen sind mittels Suchmaschinen im Netz verfügbar.

Sustine et abstine (11) – der Mensch (6)