In jungen Jahren
Die Aufs und Abs des Lebens dramatisieren
In mittleren Jahren
Die Aufs und Abs des Lebens akzeptieren
In späten Jahren
Die (Aufs und) Abs des Lebens lamentieren
In jungen Jahren
Die Aufs und Abs des Lebens dramatisieren
In mittleren Jahren
Die Aufs und Abs des Lebens akzeptieren
In späten Jahren
Die (Aufs und) Abs des Lebens lamentieren
I‘m not rich but I am free
I‘m not important but I am free
I‘m not famous but I am free
I live in a tiny appartement but it‘s enough
I live a quiet life but it is full of adventures
I live slow but I am wide awake
I own less but make more experiences
I own less but feel more connected
I own less but have more purpose
I prefere learning to earning
I prefere travelling to saving money
I prefere beeing outside to the office
I don’t have a house but I am free
I don‘t have a car but I am free
I don’t have a fancy watch but I am free
What‘s important to you?
Wie im letzten Beitrag aufgezeigt, gehört das Älterwerden zu den unabänderbaren Bedingungen des Daseins als Mensch. Von daher gilt es im Rahmen einer bewussten Lebensführung, sich damit aktiv auseinanderzusetzen und dadurch einen möglichst entspannten und gelassenen Umgang zu finden.

In diesem Blogbeitrag werden Elemente präsentiert, die einen solchen sorgsamen und bewussten Umgang mit dem Älterwerden fördern können.
Die Leistungs- und Gedächtnisfähigkeit des Gehirns nehmen bereits ab Mitte 20 ab. Doch das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter formbar (Neuroplastizität). Dies geschieht jedoch nur, wenn es auch gefordert wird. Ganz im Sinne von „use it or loose it“ sollte das Gehirn, gleich wie ein Muskel, trainiert werden. Somit gilt es, bis ins hohe Alter hinein, Neues zu Lernen (lebenslanges Lernen).
Sich auf Neues einzulassen hilft des Weiteren, die Neugierde zu kultivieren. Das wiederum führt dazu, dass man bis ins hohe Alter offen bleibt und von Dingen erfährt, die einem in Staunen versetzen, was einer Verbitterung oder einem Rückzug in ein Leben in der Vergangenheit (Leben in den Erinnerungen) entgegenwirkt.
Wichtig ist selbstredend die Beziehungspflege. Wird mit zunehmendem Alter der räumliche Aktionsradius immer kleiner, bleiben durch Beziehungen Türen zur Welt offen. Konkret hilft es, eine Wärme des Herzens auszustrahlen, gut und aktiv zuzuhören, nachsichtig – und im materiellen Sinne, falls man sich das leisten kann, grosszügig – mit jüngeren Generationen zu sein, um die Beziehungen bis ins sehr hohe Alter am Leben zu erhalten.
Nicht nur mit anderen und dem Weltlauf empfiehlt sich mit zunehmendem Alter Nachsicht, sondern auch gegenüber sich selber. Ohne dies ist die Gefahr der Verbitterung durch die immer weniger werdenden Optionen und Möglichkeiten zu gross. Älter werden bedeutet ja auch, Abschied zu nehmen. Dies sollte man bewusst und kontinuierlich machen, um nicht in grössere, alles in Frage stellende Krisen zu geraten.
Dasselbe gilt für den Umgang mit dem Tod und dem Prozess des Sterbens. Dass dies unheimliche, gar angsteinflössende Themen sind, ist klar. Dennoch ist es wenig hilfreich – was wir als Gesellschaft jedoch immer mehr tun – diese Themen von unserem Leben fern zu halten. Sinnvoller ist wahrzunehmen, dass diese Dinge zum Leben dazugehören und man sich darauf vorbereiten kann. Dies durch das Üben, lieb gewonnene Aktivitäten und Gewohnheiten loszulassen, mehr im Geiste als im verfallenden Körper zu leben, oder Krankheiten als Vorstufen des Sterbens zu akzeptieren. Dadurch „übt“ man ausserdem das Sterben, so dass es am Ende einfacher und weniger angstbeladen ist, wenn man definitiv von diesem Leben lassen muss.
Die Angst vor dem Sterben wird des Weiteren kleiner, wenn man den Tod bereits aktiv im Leben eingebaut hatte. So hilft es, wenn man bei Angehörigen oder Haustieren den Prozess des Sterbens bereits miterlebt hat und der Tod so einen Platz im Leben hatte und nicht ein all zu grosses Mysterium bleibt.
Wie bereits im Text zum Freiheitsdilemma erörtert, gilt es im Leben immer wieder Standortbestimmungen zu machen. Dies trifft besonders für das letzte Lebensdrittel zu. Einerseits zeigt einem das fortschreitende Alter dann auf, dass man nun den grossen Teil der zur Verfügung stehenden Lebenszeit hinter sich hat. Die Optionen, die man noch realisieren kann, werden ab der Lebensmitte klar weniger, so dass Zeit wertvoller erscheint und bewusster erlebt werden sollte. Andererseits erhält man durch die Möglichkeit des Daseins als Rentner und Rentnerin aber auch ungeahnt viel Zeit und Raum. Dass dies nicht einfach ist und man neu mit der Zeit umzugehen lernen muss, beweisen viele Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Übergang ins Rentnerdasein haben. Dass es vor diesem Hintergrund sinnvoll ist, Bilanz zu ziehen und ab und zu eine Standortbestimmung zu machen, was man noch will, welche Beziehungen und Tätigkeiten weitergeführt werden sollen und welche nicht mehr, drängt sich förmlich auf.
Im Rahmen solcher Standortbestimmungen lohnt es sich, sich frühzeitig Gedanken über konkrete Lebensarrangements zu machen. Wie will ich im Alter wohnen? Was wünsche ich mir, wenn ich zum Pflegefall werden sollte? Was mute ich mir in Sachen lebenserhaltende Massnahmen zu? Sollte ich einer Sterbehilfeorganisation beitreten, um mir am Ende Autonomie und einen gewissen Handlungsspielraum offen zu erhalten? Habe ich alles geregelt, damit mit meinen Hinterlassenschaften materieller und immaterieller Art das geschieht, was ich mir wünsche?* Sind solche und ähnliche Fragen früh und klar geregelt, wird man gelassener im Umgang mit seiner eigenen Sterblichkeit und man gerät nicht in Zugzwang und Abhängigkeiten, sollte etwas Unvorhergesehenes einem den Handlungsspielraum nehmen. Und am Ende ist es einfacher, los zu lassen, wenn man weiss, dass alles geregelt ist.
Allgemein empfiehlt es sich, dankbar zu sein für das was man noch kann und hat. Dies sollte man sich bewusst vor Augen führen und regelmässig machen. Dazu eignen sich kleine Rituale des Innehaltens, z.B. jeden Abend vor dem Einschlafen. Dazu gehört auch das bewusste Wahrnehmen, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr muss, sondern kann. Dies fängt jedoch nicht erst im Alter an, sondern ist ein laufender Prozess. So ist es nach der Pubertät schon mal sehr befreiend, zu erleben, dass man sich nicht immer nur beweisen muss, dass man dauernd imponieren muss, da man doch gar nicht so wichtig ist und nicht ständig alle auf einem schauen. Oder später, in mittleren Jahren, wenn man merkt, dass man nicht mehr überall dabei sein muss, sondern eigentlich nicht viel verpasst, wenn man mal von was fern bleibt oder man eher mehr Respekt erntet, wenn man deutlich nein sagt, anstatt alles zu tun (wer bewusst mit seiner Zeit umzugehen weiss und dies kommunizieren kann, erhält paradoxerweise auf Dauer mehr Respekt als die zwar im Augenblick beliebten Ja-Sager). Und eben, dann im Alter, dann muss man immer weniger, doch geniessen kann man immer noch vieles!
Dass der Körper im Laufe des Lebens schwächer wird, sollte man akzeptieren. Dennoch kann er bis ins hohe Alter noch erstaunliche Leistungen erbringen. Dies zu spüren und sich altersgemäss körperlich fit zu halten durch die Gewohnheit der körperlichen Übungen kann die Lebensqualität stark erhöhen und den Zerfall aufhalten. Selbstredend gilt es hier, wie bei so Vielem im Leben, Balance zu halten: Weder Verbissenheit noch Faulheit sind zielführend.
Schlussendlich bleibt der Prozess des Älterwerdens aber schwierig. Es ist klar, dass der bewusste Umgang damit auch in Krisen führt. Für diese sollte man sich vor dem Eintreten wappnen. Es empfiehlt sich, vorher einen Werkzeugkasten zusammenzustellen, den man dann in der Krise nutzen kann. Durch die darin befindlichen Techniken erträgt man die Krise besser und erduldet sie, da man weiss, dass sie auch Chancen bieten kann. Auch hilft es, zu wissen, dass man Krisen eher passiv durchschreiten sollte, um danach wichtige Entscheide zu treffen, um eine nächste Krise zu vermeiden. Dies hindert einem daran, in der Krise unüberlegte und übereilte Weichenstellungen vorzunehmen. Was ein solcher Werkzeugkasten beinhalten könnte, wird später Thema das Blogs sein.
Nach der Auseinandersetzung mit dem Älterwerden, widmet sich die Serie nun einem besonders vitalen Thema, dem Umgang mit allerlei Verlockungen – es wird besonders spannend!
* Konkret ist es sinnvoll eine Patientenverfügung, ein Testament und einen Vorsorgeauftrag verfasst zu haben. Modelle für das Verfassen sind mittels Suchmaschinen im Netz verfügbar.
Sustine et abstine (11) – der Mensch (6)
Die Zeit schwindet dahin,
und wir altern durch unmerkliche Jahre,
und die Tage fliehen,
da keine Zügel ihnen Einhalt gebieten.
Ovid
Eine weitere Komponente des an einen Körper gebundenen Daseins als Mensch ist, dass der Körper uns fortwährend die Endlichkeit der eigenen Existenz vor Augen führt. Sei es, dass es mit zunehmendem Alter nach körperlichen Anstrengungen immer länger geht, bis mensch sich erholt hat, oder sei es, dass um Dreissig die ersten grauen Haare auftreten. Bereits ab Mitte 20 beginnt dieser unvermeidbare Prozess.
Da sich dies nicht ändern lässt, nützt es nichts, sich dagegen zu stemmen oder den falschen Hoffnungen der Kosmetikindustrie aufzusitzen, die es geschickt weiss, die Ängste vor dem Altern zu bewirtschaften: Altern gilt es so gut als möglich gelassen zu akzeptieren. Dass dies aufgrund des verbreiteten Jugendwahns immer wieder eine Herausforderung ist, versteht sich von selber.
Aber auch die gegenteilige Extrem-Reaktion, das sich in jeder Hinsicht Gehen-Lassen, da es vor der Vergänglichkeit eh nur einer Sisyphusarbeit gleichkommt, den Körper weiter zu fordern oder das Gedächtnis und die Neugierde zu trainieren, ist nicht ratsam.
Es gilt, wie bei so vielen in diesem Blog angesprochenen Themen, die Balance zu finden: Weder übertriebenes sich Sorgen, Schonen, Pflegen und Hegen des Körpers und Geistes, noch das Handtuch voreilig hinzuwerfen, sind kluge Ratgeber für ein zufriedenes Dasein.
Dem bewussten und gelassenen Umgang mit dem Älterwerden ist der nächste Blogbeitrag gewidmet. Bevor es konkret wird, soll hier ein Vorteil des sichtbaren und unabwendbaren Alterns betont werden: Dass wir alle kontinuierlich am Altern sind, zeigt nämlich auch auf, dass das Leben bewusst gelebt werden sollte. Die Einmaligkeit des Lebens winkt einem jeden Menschen durch den Indikator des Zerfalls des Körpers sprichwörtlich vom Spiegel zurück. Es gibt kein Zurück und der Tod wartet hinter jeder Ecke, so dass es, je älter man wird, um so wichtiger wird, seine Bedürfnisse zu kennen, und das Leben so einzurichten, dass die einem wichtig erscheinenden Bedürfnisse möglichst gut befriedigt werden können und andererseits keine Energie und Zeit für unabänderbare Dinge aufzuwenden.
Lebenszeit ist das kostbarste Gut, das wir haben. Daher ist es klug, bewusst damit umzugehen sowie wohlüberlegt zu wählen, für was wir wie viel davon einsetzen wollen. Dass dies nicht einfach ist und zu Widersprüchen führen kann, wurde bereits unter das Freiheitsdilemma erörtert und wird an anderer Stelle noch vertiefter zu behandeln sein. Vorerst wollen wir uns nun konkret mit dem Umgang des Älterwerdens auseinandersetzen.
Sustine et abstine (10) – der Mensch (5)
Glückselig also ist ein Leben,
welches mit seiner Natur im Einklang steht.
Seneca
Menschen sind nach wie vor biologische Wesen. Mögen sie sich noch so weit in geistige Höhen versteigen oder hinter Technik verbergen. Dies zeigt sich auch darin, dass Menschen gewissen Rhythmen und Zyklen unterworfen sind (z.B. Schlaf- und Verdauungsrhythmus, Hormonspiegelrhythmen, Menstruationszyklus).
Die so genannten Biorhythmen – im Volksmund innere Uhren genannt – sind Millionen Jahre alt und lassen sich nicht austricksen. Sie sind bereits in den Genen festgelegt und unser Körper verfügt über eine Vielzahl solcher innerer Taktgeber. Diese haben Auswirkungen auf unsere Wachheit, Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, Gesundheit sowie Stimmung.

Die inneren Uhren werden hauptsächlich durch das Sonnenlicht gesteuert. Sich von dieser äusseren Gegebenheit so weit zu entfremden, dass man keine Synchronisation mit dem sich jahreszeitlich sich verändernden Tagessonnengang mehr hat, führt zu vielen gesundheitlichen Problemen.
Aber auch in Bezug auf weitere Bedürfnisse des Menschen ist es nicht ideal, sich vor allem in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Zum Beispiel das Wettergeschehen nur noch als ein Ärgernis auf dem Weg von A nach B wahrzunehmen, anstatt ein aktiv zu erlebendes, faszinierendes Geschehen, das beim Draussensein vielfältige Sinneseindrücke generiert, ist nicht förderlich für ein befriedigendes menschliches Dasein: Die Welt, in die wir geworfen und in der wir evolutionär entstanden sind (und an die wir damit angepasst sind), ist nur erfahrbar durch direkte Sinneswahrnehmungen – dafür muss man sich diesen auch aussetzen. Ein Foto oder ein Bild auf einem Bildschirm kann dies niemals ersetzen.
Ausserdem braucht unser Körper diese Reizexponierung, um die eingangs erwähnten Rhythmen stabil zu halten. Die Liste der gesundheitlichen Risiken von Schichtarbeit oder ständiges Arbeiten in Räumen ohne Tageslicht ist eindrücklich. In der Fachliteratur wird gar davon gesprochen, dass solche Daseinsformen das Leben verkürzen können.
Wie im Beitrag zum Thema Bewegung aufgezeigt, ist tägliches Draussensein, sowohl für den Körper wie den Geist nötig. Dies nicht nur aus gesundheitlicher Sicht, denn den Wechsel der Jahreszeiten und seine Auswirkungen auf Flora und Fauna zu erleben, trainiert die Beobachtungsgabe, die Verbundenheit mit der Lebensumgebung sowie die Achtsamkeit für kleine Dinge. Das bewusste Miterleben des dynamischen – manchmal gar dramatischen – Wettergeschehen oder die Beobachtung des kosmischen Balletts am Nachthimmel bieten ausserdem basale existenzielle Erfahrungen und ermöglichen Momente, in denen man sich mit etwas Grösserem verbunden fühlt. Dies fördert die Zufriedenheit, Demut und Dankbarkeit oder einfach nur das Staunen (siehe dazu auch Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem). Wie viele kleine Problemchen, mit denen man sich gerade rumschlägt, wirken vor dem Hintergrund eines aufziehenden Gewitters oder dem Sternenhimmel plötzlich viel kleiner? Uff, ich bin ja gar nicht das Zentrum des Universums. Dies und Ähnliches sich regelmässig bewusst zu machen, hilft, einen gesunden Abstand von den Kämpfen um Macht, Ansehen und Anerkennung zu gewinnen und diese richtig im grösseren Kontext einzuordnen – mensch muss ab und zu raus aus dem Labyrinth aus Wänden, Mails, Bildschirmen und Status.
The movers move, the shakers shake,
the winners write their history
But from high on the high hills
it all looks like nothing
New Model Army
Und mensch kehrt ausserdem gar gestärkt zurück in diese teils unvermeidbaren Kämpfe des Alltags. Temporäres Abstandnehmen hilft jedoch, sich nicht zu versteift in den Kampf zu begeben und den Kampf als Kampf zu schätzen, und nicht nur wegen des Sieges wegen zu kämpfen, da dieser oft relativ oder vergänglich ist. Das Siegen und die Suche nach Anerkennung werden des Weiteren schnell zur Sucht, so dass nur noch immer grössere Siege, mehr Anerkennung und Status nötig sind und leider das Errungene immer weniger lange befriedigt und dadurch eine verheerende Spirale in Gang kommt – aber dies sind dann Themen für einen weiteren Blogeintrag. Kehren wir an dieser Stelle wieder zum Ausgangsthema das Beitrages zurück, zum Körper und seinen Rhythmen.
Einer der fundamentalsten dieser Rhythmen ist der wach-schlaf-Zustand. Mit diesem sollte man besonders bewusst umgehen: Um die im letzten Abschnitt beschriebenen Dinge wahrnehmen, das heisst, wirklich erleben zu können, braucht es Wachheit und Präsenz im Moment: Nur genug erholt, ist genug Achtsamkeit da, um die Sinne genügend offen zu haben und sich auf diese elementaren und existentiellen Erfahrungen einzulassen. Von daher sollte man nicht nur nach Anspannung die Ruhe in der Natur suchen (Erholung), sondern das auch bewusst mal machen, wenn man nicht müde ist. Dies heisst für Berufstätige mit Bürozeiten auch bewusst tagsüber und nicht nur abends, abgeschlagen von der Arbeit, rauszugehen. Dies hilft, wie eingangs erwähnt, auch, um die innere Uhr mit dem Tagesgang der Sonne synchron zu halten, was sich dann auch auf einen gesunden Schlaf auswirkt. Es braucht aber manchmal Überwindung, gerade bei schlechtem Wetter. Gemäss den inneren und äusseren Rhythmen zu leben, ist damit auch eine Frage von Selbstdisziplin und Aufbau von Gewohnheiten.
Neben den hier beschriebenen zyklischen Rhythmen, ist das menschliche Leben als Ganzes gesehen auch von einer linearen Zeitachse geprägt: Wir alle haben einen Weg von jung zu alt zu gehen. Schlussendlich sind wir alle endlich und unser Dasein ist zeitlich befristet. Was dies für die Lebensführung bedeutet und wie damit einigermassen gelassen umgegangen werden kann, davon handeln die nächsten Blogbeiträge.
Sustine et abstine (9) – der Mensch (4)
Die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Philosophie des Geistes legen nahe, dass der Leib-Seele Dualismus ad acta gelegt werden sollte: Je mehr wir über die Funktionsweise des Gehirns wissen, je deutlicher wird, dass die Basis von allem, was den Menschen ausmacht, im Körper selbst seinen Ursprung hat. Der Geist scheint nichts anderes als eine emergente* Eigenschaft des neuronalen Netzwerkes namens Gehirn zu sein. Keine zusätzliche Substanz von ausserhalb scheint nötig zu sein, um das Selbstbewusstsein in Gange zu setzen. Das Gehirn spielt uns dahingehend ein Theater vor – wir sind höchstwahrscheinlich tatsächlich nichts als unsere (Gehirn-)Chemie.
Diese Haltung klingt gegenüber den Denk- und Glaubenstraditionen, die von ewiger Seele, Geist als eigenständiger Substanz oder Ähnlichem reden, auf den ersten Blick abwertend. Dies ist es aber ganz und gar nicht. So kommt es nahezu einem Wunder gleich, was alles zusammenspielen musste, damit ein Wesen entstehen konnte, das Selbstwahrnehmung hat und über sich und den Kosmos nachdenken kann. Des Weiteren ist schon nur die schiere Komplexität des neuronalen Netzwerkes ein jedes menschlichen Gehirns unglaublich.
Auch wenn der Dualismus von Leib und Seele also als überholt angesehen werden kann, ist es für den Entwurf von ethischen Lebensleitlinien und für das Erfassen, was es heisst, ein Mensch zu sein, dennoch sinnvoll, von Geist und Körper getrennt zu reden. Einerseits aus methodischer Sicht, denn eine getrennte Betrachtung der beiden Themenbereiche vereinfacht die Herangehensweise. Andererseits ist in der Alltagssprache und in überlieferten Denk-, Wahrnehmungs- und Glaubenstraditionen diese Unterscheidung nach wie vor dominierend, so dass sonst an vielem davon nicht angeknüpft werden könnte.
Der Substanzmonismus** betont, dass der Körper, als alleiniger Träger und Hervorbringer des Geistes, letztlich die Basis des Bewusstseins ist. Somit ist gerade ihm in einer Individualethik genügend Raum zu widmen. Anders ist ein ganzheitliches Menschenbild nicht vertretbar. Dies muss betont sein, denn sowohl in der christlichen wie der philosophischen Denktradition wurde dies all zu oft missachtet. So wurde der physische Körper gegenüber dem Geist über viele Jahrhunderte stiefmütterlich – oder gar aus einer Perspektive der Verachtung heraus – behandelt. Heute scheint eine solche Flucht in eine rein „geistige Welt“ nicht mehr sinnvoll zu sein.
Geist und Körper bilden also – auch wenn der Dualismus hier nur eine Hilfskonstruktion zur einfacheren Handhabung darstellt und ontologisch gesehen obsolet erscheint – zwei zu betrachtende Basiselemente des menschlichen Daseins. Beide sollen in den nächsten Teilen der Serie genauer angeschaut werden und darauf aufbauend Aspekte des sorgfältigen und sorgsamen Umgangs damit beschrieben werden.
Als erstes wird dazu der Mensch als körperliches Wesen näher betrachtet.
*emergent bedeutet, dass ein Phänomen auf einer oberen Ebene eines Systems durch das Zusammenspiel der Elemente auf einer unteren Ebene des Systems sich herausbildet. Beim Gehirn kann dies grob so zusammengefasst werden, dass das Bewusstsein aus der Quantität von Neuronen und der Qualität ihrer Vernetzung entsteht. Es ist jedoch nicht auf der Ebene einzelner Neuronen (untere Ebene) selbst zu finden, sondern entsteht erst durch die immense Anzahl und das spezifische Zusammenspiel (Art der Verknüpfung).
**Als Substanzmonismus wird in der Philosophie die Position bezeichnet, dass der Mensch keine vom Körper unabhängige Seele hat, sondern ein rein materielles Wesen ist.
Sustine et abstine (6) – der Mensch (1)
Die Welt ist unübersichtlich, das Leben kompliziert geworden! Der Wandel galoppiert! Was ist wahr, was fake? Solches und Ähnliches ist gerade in aller Munde.
Es mag sein, dass vieles früher einfacher erschien. Ob es dies tatsächlich auch war, bleibe dahingestellt.
Sicher ist hingegen, dass auf jeden Menschen in noch nie da gewesenem Masse Informationen prasseln sowie der Wandel hyperschnell geworden ist. Gerade durch die voranschreitende Vernetzung der ganzen Welt im Zuge der Digitalisierung existieren Wissen und Informationen aller Art nebeneinander und zugänglich für ungeahnt viele . Eine zentrale, universellen Geltungsanspruch erhebende Ordnungs- und Deutungsmacht gibt es nicht mehr. Der Bedeutungsverlust solcher universaler Welterklärungs- und Ordnungsansätze, wie sie etwa Kirchen oder Ideologien boten, hinterlässt eine Lücke. Generell scheinen des Weiteren Kollektive und Gemeinschaften je länger je weniger zur Verortung des einzelnen in der Welt beizutragen. Damit muss (soll und darf!) jeder und jede sich selber um die grossen Fragen kümmern. Freiheit kommt jedoch zu einem Preis: Dass dies mit Unsicherheiten, Ambivalenzen und Vorläufigkeiten verbunden ist, versteht sich vor dem Hintergrund der Vielschichtig- und Uneinheitlichkeit des Wissens sowie des Tempos der Zunahme von Kenntnissen und Innovationen von selber.
Auf Schwierigkeiten trifft man dann auch beim konkreten Handeln, hier dann meist in Form des Widerspruchs resp. der Inkohärenz: Dies erstens aufgrund der Beschaffenheit der Welt, die eben oft nicht in ein einfaches Schwarz-Weiss-Schema passt. Zweitens, da wir soziale Wesen sind, die sich all zu schnell mit Macht und Herrschaft verstricken, was nicht selten quer zu den hehren Idealen und Vorgaben, denen wir in der Theorie nachleben wollen, zu stehen kommt. Drittens entstehen Widersprüche und Inkohärenzen aufgrund unseres Daseins als Wesen mit einer biologischen und kulturellen Entwicklungsgeschichte. So werden wir sehen, dass Menschen weit weg von einem rein rational handelnden Wesen sind und angeborene affektive Programme, Emotionen oder Triebe unseren Vorsätzen all zu leicht in die Quere kommen. Auch unsere kulturgeschichtlichen Wurzeln widersprechen oft Gedanken zu Offenheit und Fairness.
Damit tritt der rote Faden der Serie hervor: Beim Abschreiten eines möglichen Weltbildes und einer sinnvollen Ausgestaltung des Lebens darin, wird der sinnvolle Umgang mit Ambivalenzen, inneren und äusseren Widersprüchen, Zerrissenheit sowie Vorläufigkeiten den Weg vorgeben, anhand dessen wir uns auf dem rutschigen Terrain der conditio humana bewegen werden.
Der erste konkrete Schritt dazu ist es, den Menschen näher unter die Lupe zu nehmen.
Sustine et abstine (5)
Nachdem in den Teilen 2 und 3 der Grundlagen einige geisteswisschaftlichen und naturwissenschaftlichen Konzepte kurz umrissen wurden, soll an dieser Stelle betont werden, dass wissenschaftliches Wissen zwar viele wichtige Hinweise und Anregungen zu einem Weltbild und dem guten Leben beitragen kann. Des Weiteren zeigte der erste Teil der Grundlagen mit dem Aufführen von Literaturbeiträgen, dass auch Kunst eine wichtige Rolle spielt. Warum ist dies so? Weil gerade sie uns Erfahrungswissen in reflektierter Form zugänglich macht und zur Reflexion anregt. Erfahrungswissen – sei es individuelles, durch eigene Lebenserfahrungen erworbenes oder durch Kultur und Kollektive verwobenes und weitergegebenes Wissen – ist neben strukturiertem sowie formalisiertem Wissen aus den Wissenschaften entscheidend, um sich in der Welt zurechtzufinden und ein sinnhaftes Leben zu führen. Und eben genau dieses Erfahrungswissen zeigt uns, dass vieles im Dasein als Mensch nicht erklärt werden kann. Ausserdem zeigt das Erfahrungswissen, dass wir grundsätztlich mit Ambivalenzen und Widersprüchen leben müssen. Das Dasein als Mensch, die conditio humama, beinhaltet zwingend auch das Wissen darum – darin war der Mensch schon immer stark, denken wir an all die Mythen und religiösen Texte, die uns in einer schwierig zu verstehenden Welt halt und Erklärung boten. Auch, dass wir vieles nicht wissen können und wir vielem ohnmächtig unterworfen sind, stellt ein prinzipielles Element unseres Daseins dar. Plakativ gesprochen besteht das Leben aus Sonne und Schatten, es geht auf- und abwärts, Krisen sind zu meistern und Schönes dankbar wahrzunehmen. Dabei helfen einem Erfahrungswissen, Beziehungen und das Training der heiteren Gelassenheit oft mehr als wissenschaftliches Wissen.
Abschluss der Grundlagen und Verortungen
Dies sind also grob umrissen die Grundlagen, auf denen sich nun die konkreten Handlungsanleitungen zum Menschsein in der heutigen Zeit ableiten werden. Zusammenfassend handelt es sich um einen wissen- und faktenorientierten – aber dennoch lebensweltnahen Ansatz, der einem modernen, postdogmatischen sowie posttheistischen Weltbild verpflichtet ist. Ein solcher Zugang zur Welt ist sich seiner eigenen Grenzen bewusst und basiert nicht auf einem idealisierten, überhöhten Menschenbild. Damit stellt er einen Kontrast zu postfaktischen Tendenzen und dem allgemeinen Dekonsturktionstrend der so genannten Postmoderne dar. Letzteres dennoch im Wissen um die Beschränktheit und der Grenzen eines jeden Wissens und Zeitgeistes.
Die Grundlagen und Verortungen sind damit abgeschlossen, das Fundament ist gelegt. Nun gilt es einen ersten Schritt hin zur Umsetzung zu machen – welchen Weg wir da konkret einschlagen werden ist unter der rote Faden nachzulesen.
Sustine et abstine (4)