I‘m not rich but I am free
I‘m not important but I am free
I‘m not famous but I am free
I live in a tiny appartement but it‘s enough
I live a quiet life but it is full of adventures
I live slow but I am wide awake
I own less but make more experiences
I own less but feel more connected
I own less but have more purpose
I prefere learning to earning
I prefere travelling to saving money
I prefere beeing outside to the office
I don’t have a house but I am free
I don‘t have a car but I am free
I don’t have a fancy watch but I am free
What‘s important to you?
Schlagwort-Archive: Ethik
Kann ich mir wirklich frei eine Meinung bilden?
Im letzten Blogbeitrag zeigte sich, dass der Mensch nicht so frei handeln kann, wie dies in der Theorie oft dargestellt wird. Wie sieht es denn mit dem Wollen aus, können wir wenigstens frei wählen, was wir wollen?
Leider ist es auch hier schwierig: Auch die Freiheit zu Wollen unterliegt gewissen prinzipiellen Einschränkungen.
Gefängnis Sprache
Dies fängt bei der Sprache an: Wenn eine Person bewusst und rational handeln will, muss sie jeden Entscheid abwägen. Will sie dies nicht rein intuitiv tun, muss sie Argumente formulieren und prüfen. Dabei kommt sie nicht darum herum, Sprache zu benutzen.
Eine jede Sprache hat ihre Eigenheiten, kann das eine ausdrücken, während anderes darin nicht sag- oder denkbar ist. Wer mehrere Sprachen beherrscht oder von einer Sprache eine historisch ältere Version mit einer neueren vergleicht, weiss, dass nicht in jeder Sprache dasselbe denkbar ist. Jede Sprache strukturiert das Denkmögliche anders. Und alle Sprachen verändern sich dynamisch, was sich auch auf das Wahrnehmen, Bewerten und Denken auswirkt.
Beispielsweise kann auf Guaraní (Paraguay / Brasilien) nur bis vier gezählt werden – alles darüber wird einfach als „viel“ bezeichnet. Dies strukturiert die Wahrnehmung der Welt stark, legt z.B. einen anderen Fokus auf das Haben: Ob ich 7 oder 8 Schweine habe, ist dann nicht so wichtig – es sind dann einfach viele.
Gefängnis Zeitgeist und Kultur
Auch der Zeitgeist und eine jeweilige Kultur setzen dem Denkbaren Grenzen: Nicht in jeder Zeit und Kultur ist dasselbe denkbar. Auch hier sind Menschen nicht frei in ihren Bewertungen, Urteilen und schlussendlich Handlungen. Beispielsweise wird in Kulturen, wo das Individuum weniger wichtig ist als die Gruppe es als undenkbar erscheinen, einem Individuum besondere Rechte und Freiheiten zuzugestehen.
So war es im alten Griechenland auch den damals fortschrittlichsten Philosophen klar, dass ihre Überlegungen zu Rechten und Pflichten sich nur auf die männlichen Mitglieder der Oberschicht beziehen – es war für sie undenkbar, dass auch Frauen oder Sklaven in den Genuss erweiterter Rechte kommen könnten. Die göttliche Ordnung wies einem jeden Menschen seinen Platz zu und der hat entsprechend zu leben.
Gefängnis individuelle Erfahrungen
Auch unsere individuellen Erfahrungen determinieren Wahrnehmungen, Bewertungen und dadurch schliesslich das Handeln. Dies einerseits direkt dadurch, dass unser Gehirn zu einem entscheidenden Teil durch unsere Erfahrungen geprägt und geformt ist. Andererseits dadurch, dass der Ablauf der kognitiven Prozesse auch aufgrund von früheren Erfahrungen geprägt ist.
So nehmen Menschen beispielsweise immer selektiv wahr: Was zu bereits Erfahrenem passt, nehmen wir eher bewusst wahr, während wir oftmals blind sind, gegenüber Dinge und Fakten, die unseren Erwartungen nicht entsprechen (selektive Wahrnehmung). Oder da, wo wir Muster erwarten, sehen wir dann auch welche – obwohl eine genauere Prüfung nicht selten diese als Trugschluss entlarvt (Esoterik).
Dieser kleine Ausflug in die Linguistik, Ethnologie oder Psychologie zeigt auf der einen Seite auf, dass beim Aufstellen von ethischen Grundsätzen immer Vorsicht geboten ist: Es gibt kein Wissen, das nicht an Sprache, Kultur oder Zeitgeist gebunden ist. Somit ist gegenüber allen Prinzipien, die universell und für immer Geltung beanspruchen, Vorsicht und Skepsis geboten.
Auf der anderen Seite gilt es beim Aufstellen von hehren Prinzipien des guten Lebens, den eigenen Standpunkt, die eigene Brille, bewusst zu machen und diese regelmässig zu hinterfragen.
Sustine et abstine (19) – der Mensch als geselliges Wesen (5)
Utilitarismus versus Deontologie – Rechnen oder die Pflicht befolgen?
Bei der Frage, was moralisch richtiges Handeln ist, haben sich in der Geschichte der Philosophie zwei Hauptrichtungen herauskristallisiert.
Auf der einen Seite steht der Utilitarismus. Darunter versteht man die Position, die eine Nutzenethik vertritt. Konkret heisst dies, dass die Folgen einer Handlung darüber entscheiden, ob sie moralisch gut oder schlecht ist. Das Ziel, der Zweck stehen also im Vordergrund – daher wird diese Position auch als teleologisch (Griechisch Telos = Ziel) bezeichnet. Plakativ gesagt, muss man also rechnen, ob es gut rauskommt und dann das machen, das am meisten bringt.
Die utilitaristische Position wurde im 19. Jahrhundert erstmals systematisch von Bentham und Mill herausgearbeitet. Später entwickelten sich verschiedene Unterarten und Verfeinerungen des Ansatzes. Insbesondere wurde diskutiert, was genau in die Rechnung genommen werden soll, um eine Handlung als moralisch gut oder schlecht zu bewerten (z.B. kam der Negative Utilitarismus („Leid vermeiden“) auf, verschiedene Gewichtungen verschiedener Arten von Nutzen werden diskutiert, Differenzierung nach Bedürfnissen vorgenommen oder verschiedene Positionen zum Guten Leben und was Glück bedeutet erarbeitet).
In der Deontologie geht es hingegen um die Pflicht. Relevant sind die moralisch richtigen Gründe und Absichten, warum und wie wir handeln. Ergebnisse sind nicht das Entscheidende. Daher spricht man auch von Gesinnungsethik.
Der Hauptvertreter dieser Richtung ist Kant mit seinem Kategorischen Imperativ. Neuere Diskussionen um unverhandelbare Menschenrechte und die universelle Menschenwürde orientieren sich an dieser Position der Prinzipien, die einmal begründet und dann stur eingehalten werden sollen.
Beide Strömungen haben Kritik geerntet und für beide Ansätze gibt es in den philosophischen Diskussionen schöne Beispiele, wie es in einzelnen Situationen absurd wird, sich stur an eine Position zu halten.
Das klassische Kritik-Beispiel gegenüber der Pflichtethik ist die Lüge. Deontologisch gesehen muss man immer die Wahrheit sprechen, man hat eben die Pflicht dazu, ausnahmslos. Dies auch, wenn nun ein Nazischerge an die Türe klopft und man eine jüdische Familie verstecke und danach gefragt wird.
Beim Utilitarismus geht die Kritik hingegen unter anderem in die Richtung, dass es absurd ist, immer alle Folgen einer Handlung kennen zu wollen (man denke z.B. an die Kernkraft) oder die Bewertung der Folgen sehr subjektiv (was ist eigentlich Glück?) sein kann, so dass Minderheitenpositionen es schwer haben.
Dann gibt es in der Philosophiegeschichte AutorInnen, die die beiden Positionen verbinden wollen. Am bekanntesten ist da John Rawls mit seiner umfassenden Theorie der Gerechtigkeit. In seinem Mammutwerk zur Gerechtigkeit präsentiert er Grundprinzipien aus beiden Ansätzen und kombiniert sie, was einige Probleme löst, aber wieder andere schafft.
Neutral gesehen haben in der Tat beide Positionen Schwächen und Stärken und eine situative und intuitive Anwendung mal der einen, mal der anderen Position dürfte Sinn machen.
Im weiteren Verlauf der Entwicklung von eigenen, konkreten Ansätzen für eine gute Lebensführungen werden somit teils deontologische Ansätze zum Zuge kommen, während es in anderen Bereichen wohl ein Abwägen der Folgen geben wird. Teils wird es wohl auch eine Mischung brauchen – es ist in der Realität mal wieder viel komplexer und komplizierter als in der Theorie!
Sustine et abstine (17) – der Mensch als geselliges Wesen (3)
Mensch als soziales Wesen – ein bisschen Theorie
Seit langer Zeit denken Menschen darüber nach, wie wir das Zusammenleben untereinander am besten organisieren können. Zuerst waren es Mythen, religiöse Überzeugungen, und überlieferte Traditionen, die diesbezüglich den Ton angaben. Später, vor allem durch die ersten griechischen Philosophen, löste sich das Denken von diesen überlieferten Dogmen und Geboten und es wurde auch abstrakter, systematischer sowie theoretischer darüber nachgedacht, wie gutes Zusammenleben unter den Menschen organisiert werden könnte.
Die grundsätzlichen Ideen und Lehren aus der Antike wurden verfeinert und einige Konzepte kamen (und kommen immer wieder) hinzu, während vieles, was sich seit Jahrtausenden bewährt hat, in die weitere Diskussion integriert wird.
So wurde etwa die Idee der Gerechtigkeit bereits bei den Griechen stark diskutiert, während in den letzten Jahrzehnten das Konzept zum Beispiel um die Begriffe Fairness oder Chancengleichheit erweitert wurde.
Erweitert wurde auch der Kreis, den man bei solchen Überlegungen mit einbezieht: So war auch noch bei den Griechen hauptsächlich eine männliche Elite Ziel – und Urheber – der ethischen Diskurse, während heutzutage auch Tiere bis hin zu ganzen Ökosystemen und schliesslich der ganze Planet eine Rolle bei solchen Überlegungen spielen.
Schon nur diese kurze Einleitung zeigt, dass es schnell kompliziert wird: Befasst man sich heute mit den philosophischen Diskursen zum Thema, wird es umgehend unübersichtlich. Daher sollen hier ganz stark vereinfacht lediglich die wichtigsten Konzepte aus der Diskussion – ohne abschliessend sein zu wollen – zusammengestellt werden. Denn es es soll schnell wieder konkret werden!
Um die später folgenden Ansichten und konkreten Ideen für ein sinnvolles Zusammenleben als Menschen als soziale Wesen, eingebetet in ein weiteres Umfeld, eine nachvollziehbare Basis geben zu können, müssen in den nächsten Texten der Serie trotz der Komplexität und „Trockenheit“ der Themen, folgende grundlegende Fragen kurz näher betrachtet werden:*
Die beiden Hauptrichtungen der Ethik: Rechnen oder die Pflicht befolgen?
Kann ich wirklich tun, was ich will?
Kann ich mir wirklich frei eine Meinung bilden?
Wie gelangen wir zum bestmöglichen Wissen?
Welche Gefahren hat das wissenschaftliche Wissen?
Was bleibt? Plädoyer für freies Denken und eine holistische Weltsicht
—
*Dies ergänzend und vertiefend zu den bei den Grundlagen (siehe dazu Teil 1, Teil 2 und Teil 3) bereits gemachten Verortungen.
Sustine et abstine (16) – der Mensch als geselliges Wesen (2)
Vom Ego zur Gesellschaft – oder vom Ich zum Wir
Nachdem es in der Serie zum Menschsein in einer von Ambivalenzen geprägten Zeit in den ersten 14 Teilen vor allem um das Individuum und seine eigene Lebensführung ging, soll der Blick nun geweitet werden: Ist mensch nicht gerade ein weltabgewandter Einsiedler, so heisst Leben immer Verwobensein mit anderen Menschen.
Des Weiteren ist ein jeder Mensch in vielfältige Zusammenhänge natürlicher, sozialer, politischer oder wirtschaftlicher Art eingebettet.
Menschsein bedeutet somit, wie bereits Aristoteles festhielt, ein Zoon politikon zu sein. Damit ist gemeint, dass das Wesen des Menschen grundsätzlich sozialer und damit politischer Art ist. Das hat zur Folge, dass eine Individualethik, die beim Ich startet, nicht beim Ich aufhören darf, will sie nicht bei einer egoistischen sowie narzistischen oder rein hedonistisch ausgerichteten Lebensführung enden.
Dieser Erweiterung vom Ich zum Wir sind die nächsten Teile der Serie gewidmet.
Sustine et abstine (15) – der Mensch als geselliges Wesen (1)
Mensch ist, was er isst
Der menschliche Köper gewinnt Energie durch den chemischen Umbau von Molekülen aus der Nahrung. Aber nicht nur das: Unser Köper wird im wahrsten Sinne des Wortes auch zu dem, was in der Nahrung steckt, denn einerseits speichern wir das, was nicht durch „Veratmung“ – irreführend oft auch als “ Verbrennung“ bezeichnet – in Energie umgewandelt wird, im Körper selber ab (Leber, Fettpölsterchen). Andererseits wechseln wir im Laufe des Lebens mehrmals jede einzelne Zelle in unserem Körper aus und ersetzen diese neu durch Bausteine, die der Körper aus der Nahrung gewinnen muss.
Ausserdem haben einige Stoffe, die durch die Verdauung in den Blutkreislauf gelangen, direkte und indirekte Auswirkungen auf den Hormonhaushalt und dadurch auch auf die Gehirnchemie (siehe dazu Kleine Freuden des Alltags).
Dass wir bewusst überlegen sollten, was wir in unseren Körper einbringen und was nur wenig oder besser gar nicht, ist vor diesem Hintergrund offensichtlich.
Und auch hier gilt es, wie wir schon bei der Bewegung sahen, Gewohnheiten zu schaffen. Denn erst diese machen es leicht, bei den Grundsätzen einer gesunden Ernährung zu bleiben. Dass dies sonst schwierig ist, kennt jede und jeder: Unser Gehirn arbeitet nicht selten gegen unser Wissen und die hehren Vorsätze. Dies, da es in einer Zeit entstanden ist (mehr dazu hier), als wir selten auf energiereiche Nahrung stiessen (z.B. reife Früchte). Geschah dies zufällig mal, feuerte das Hirn ein Feuerwerk von Belohnungshormonen (vor allem Dopamin) ab und signalisierte uns, dass wir nun über Gebühr zuschlagen sollen – wer weiss, wann es wieder eine solche Gelegenheit geben wird.
Heute gibt es jedoch an jedem Kiosk zig solche Gelegenheiten. Unser evolutionär gesehen altes Gehirn regt uns daher quasi dauernd an, die Gelegenheit zu nutzen und über den Hunger hinaus zuzuschlagen. Die Resultate davon sind bekannt (z.B. Übergewicht oder Diabetes).
Zu einer bewussten Lebensführung gehört die Kenntnis solcher Vorgänge im Körper und insbesondere dem Hirn und darauf aufbauend ein bewusstes Einüben des Umganges damit. Für den einen heisst dies, sich asketisch ganz von Nahrungs- und Genussmitteln fern zu halten, die der Gesundheit abträglich sind, während andere die Menge oder Häufigkeit des Konsums bewusst dosieren. Dass weniger dann gar zu mehr Genuss führen kann, wurde unter Antwort auf die Frage der Woche „Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht?“ näher erörtert.*
Bewusst steht im oberen Abschnitt das Wort Einüben, denn es gehört auch zum Menschsein dazu, ab und zu nachsichtig mit sich selber zu sein und es mit der Strenge nicht zu übertreiben und dann zu schmunzeln, wenn uns unser altes Hirn mal wieder überlistet hat und wir uns der Völlerei hingegeben haben. Wird dies nicht gerade zu einem Habitus und wir finden wieder zurück zum Üben (oder zur bereits etablierten Gewohnheit der wohlüberlegten Dosierung), ist das doch nur allzumenschlich und nicht weiter schlimm – nichts im Übermass gilt auch für die Strenge mit sich selber!
Dass ein bewusster Umgang und eine wohlüberlegte Wahl der Lebens- und Genussmittel nicht nur aufgrund der Sorge um sich selbst wichtig ist, sondern auch aus einer breiteren, das Individuum übersteigenden Perspektive, die später in dieser Serie erörtert wird, relevant ist, kann hier, wo es vorerst um das Individuum geht, nur angedeutet werden. Vorweggenommen werden kann hier schon mal, dass es sich zeigen wird, dass sich ein Entscheid für eine gesunde Ernährungsweise – z.B. biologische Lebensmittel aus der Region oder der Verzicht (oder zumindest das starke Einschränken) des Konsums von Fleisch und weiteren tierischen Nahrungsmitteln – sich dann gut decken wird, mit gesamtgesellschaftlichen und ökologischen Prinzipien einer guten Lebensführung.
Vorerst bleiben wir jedoch noch beim Menschen als Individuum und schauen uns als nächstes an, was es in Hinblick auf ein an einen Körper gebundenes Dasein weiter zu beachten gilt.
*Für mich ganz persönlich hat sich z.B. im Umgang mit Süssem (Nahrungsmittel mit viel raffiniertem Zuckern (hoher glykämischer Index)) ein Jokersystem bewährt: Jeden Monat gebe ich mir selber vier Jokertage. Diese setze ich dann zu besonderen Gelegenheiten (z.B. Feste), als Belohnung für besondere Leistungen oder als Trost in schwierigen Momenten ein. An diesen Tagen gibt es dann Süsses nach Lust und Laune, an den übrigen Tagen jedoch gar nichts. Dieses System lässt Genuss – gar ab und zu mal regelrechte Völlerei – zu, es beschränkt jedoch die Gefahr des sich Gewöhnens oder gar süchtig zu werden. Ausserdem steigert es den Genuss, da etwas Seltenes bewusster wahrgenommen wird und wertvoller erscheint, als hätte man es täglich. Und nicht zuletzt lernt man sich selber besser kennen, wenn man bewusster in sich hinein hört, um zu entscheiden, ob es sich nun lohnt, einen der Joker einzusetzen (echtes Bedürfnis?) oder es nur ein vorübergehendes Gelüste nach Süssem ist, das bald vorbeigehen wird und man eigentlich wenig davon hätte, nun nachzugeben.
Sustine et abstine (8) – der Mensch (3)
Mensch als Einheit – Körper und Geist
Die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Philosophie des Geistes legen nahe, dass der Leib-Seele Dualismus ad acta gelegt werden sollte: Je mehr wir über die Funktionsweise des Gehirns wissen, je deutlicher wird, dass die Basis von allem, was den Menschen ausmacht, im Körper selbst seinen Ursprung hat. Der Geist scheint nichts anderes als eine emergente* Eigenschaft des neuronalen Netzwerkes namens Gehirn zu sein. Keine zusätzliche Substanz von ausserhalb scheint nötig zu sein, um das Selbstbewusstsein in Gange zu setzen. Das Gehirn spielt uns dahingehend ein Theater vor – wir sind höchstwahrscheinlich tatsächlich nichts als unsere (Gehirn-)Chemie.
Diese Haltung klingt gegenüber den Denk- und Glaubenstraditionen, die von ewiger Seele, Geist als eigenständiger Substanz oder Ähnlichem reden, auf den ersten Blick abwertend. Dies ist es aber ganz und gar nicht. So kommt es nahezu einem Wunder gleich, was alles zusammenspielen musste, damit ein Wesen entstehen konnte, das Selbstwahrnehmung hat und über sich und den Kosmos nachdenken kann. Des Weiteren ist schon nur die schiere Komplexität des neuronalen Netzwerkes ein jedes menschlichen Gehirns unglaublich.
Auch wenn der Dualismus von Leib und Seele also als überholt angesehen werden kann, ist es für den Entwurf von ethischen Lebensleitlinien und für das Erfassen, was es heisst, ein Mensch zu sein, dennoch sinnvoll, von Geist und Körper getrennt zu reden. Einerseits aus methodischer Sicht, denn eine getrennte Betrachtung der beiden Themenbereiche vereinfacht die Herangehensweise. Andererseits ist in der Alltagssprache und in überlieferten Denk-, Wahrnehmungs- und Glaubenstraditionen diese Unterscheidung nach wie vor dominierend, so dass sonst an vielem davon nicht angeknüpft werden könnte.
Der Substanzmonismus** betont, dass der Körper, als alleiniger Träger und Hervorbringer des Geistes, letztlich die Basis des Bewusstseins ist. Somit ist gerade ihm in einer Individualethik genügend Raum zu widmen. Anders ist ein ganzheitliches Menschenbild nicht vertretbar. Dies muss betont sein, denn sowohl in der christlichen wie der philosophischen Denktradition wurde dies all zu oft missachtet. So wurde der physische Körper gegenüber dem Geist über viele Jahrhunderte stiefmütterlich – oder gar aus einer Perspektive der Verachtung heraus – behandelt. Heute scheint eine solche Flucht in eine rein „geistige Welt“ nicht mehr sinnvoll zu sein.
Geist und Körper bilden also – auch wenn der Dualismus hier nur eine Hilfskonstruktion zur einfacheren Handhabung darstellt und ontologisch gesehen obsolet erscheint – zwei zu betrachtende Basiselemente des menschlichen Daseins. Beide sollen in den nächsten Teilen der Serie genauer angeschaut werden und darauf aufbauend Aspekte des sorgfältigen und sorgsamen Umgangs damit beschrieben werden.
Als erstes wird dazu der Mensch als körperliches Wesen näher betrachtet.
*emergent bedeutet, dass ein Phänomen auf einer oberen Ebene eines Systems durch das Zusammenspiel der Elemente auf einer unteren Ebene des Systems sich herausbildet. Beim Gehirn kann dies grob so zusammengefasst werden, dass das Bewusstsein aus der Quantität von Neuronen und der Qualität ihrer Vernetzung entsteht. Es ist jedoch nicht auf der Ebene einzelner Neuronen (untere Ebene) selbst zu finden, sondern entsteht erst durch die immense Anzahl und das spezifische Zusammenspiel (Art der Verknüpfung).
**Als Substanzmonismus wird in der Philosophie die Position bezeichnet, dass der Mensch keine vom Körper unabhängige Seele hat, sondern ein rein materielles Wesen ist.
Sustine et abstine (6) – der Mensch (1)
Grundlagen und Verortungen (Teil 2)
Nachdem der vorausgehende Teil der Serie geisteswissenchaftliche Grundlagen präsentierte, sollen in diesem Beitrag ergänzend ausgewählte naturwissenschaftliche Grundlagen zusammengetragen werden. Dies wiederum in nicht abschliessender und eklizistischer Form, es gelten dieselben einleitenden Worte wie im ersten Teil.
Aus den Naturwissenschaften fliessen vor allem folgende Erkenntnisse und Konzepte in die weiteren Ausführungen ein:
- Astrophysik, Kosmologie, Kosmogonie u.ä.
Von den Beobachtungen und Erkenntnissen aus der Astrophysik, Kosmologie, Kosmogonie und verwandten Wissenschaften wird mitgenommen, wie unglaublich gross das Universum ist (z.B. nur schon zum Mond sind es 384 400 km, zur Sonne 150 Mio. km (das Licht braucht dafür 8,33 Minuten bei 300 000 km/s), die Distanzen zu anderen Sternen und Galaxien sind unfassbar gross, so braucht das Licht schon nur bis zur nächsten Galaxie rund 200 000 Jahre). Wir Menschen bewegen uns da auf einer ganz anderen Skala, sind in kosmischen Dimensionen völlig unbedeutend und winzig klein. Dies betrifft ebenfalls die Zeit (das Universum ist nach den neusten Erkenntnissen 14 Milliarden Jahr alt). Wenn man sich über Jahre mit dem in den letzten Jahren stark angewachsenen Wissen zur Ausgestaltung und dem Entstehen des Universums befasst, gewöhnt man sich an diese riesigen Zahlen, doch fassbarer werden sie nie wirklich.
Was wir heute auch wissen, ist, dass sehr viel zusammengespielt haben muss, damit das Leben auf der Erde in der Form, wie wir sie heute vorfinden, entstehen konnte. Die Erde ist ein ganz besonderer Ort im Universum und wir haben nur ihn: Eine bemannte Raumfahrt zu anderen Sternen erscheint aufgrund der immensen Distanzen als unrealistisch. Aber auch die Erde ist nur ein vorläufiges und unsicheres Zuhause. Auf die lange Dauer – zum Glück geht das aber für unsere Massstäbe noch unendlich lange – wird auch sie nicht mehr bewohnbar sein (spätestens dann, wenn die Sonne in ca. 5 Mrd. Jahren zu einem roten Riesen wird und ihre Grösse sich bis zur Marsbahn ausdehnt). Die beiden Erkenntnisse zusammen ergeben, dass wir erstens in einem gegenüber uns Menschen abweisenden, metaphorisch gesprochen „kalten“, mechanisch-seelenlosen Universum leben und nur die Erde als Zuhause haben. Niemand und nichts ist da, das uns behütet, beschützt, Sinn von aussen gibt oder erlösen kann – das müssen wir schon alles selber tun! Zweitens können und sollten wir (dankbar) staunen, dass wir als bewusste Lebewesen entstanden sind und an all dem Teilhaben können (siehe dazu auch Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem). Drittens folgen aus dem Erkennen der Einzigartigkeit unseres Platzes im lebensfeindlichen Universum, dass wir Sorge zu unserem Raumschiff Erde tragen sollten, wir haben nur dieses. - Evolutionstheorie, insbes. Evolution des Gehirns, Systemtheoretisches Hirnmodell, Neurowissenschaften
Aus der Evolutionstheorie nehmen wir erstens mit, dass wir nicht die Krönung der Schöpfung sind, sondern lediglich ein „besonderes Tier“ in einer ganz grossen Familie von Lebewesen. Wir entstanden wie alle aktuellen Versionen der Lebewesen durch Mutation und Selektion. Wie bei allen Lebewesen geht davon eine doppelte Tragik aus, nämlich die, dass wir einerseits einem nicht zielgerichteten Evolutionsgeschehen unterworfen sind und andererseits dem Individuum eine undankbare Rolle zukommt: Es ist der Erbinformationsträger und es muss von daher beschränkte Zeit leben und dann vergehen, damit die Evolutionsmechanismen arbeiten können. Darauf stützt sich der Prozess der Evolution ab. Dass wir dies bewusst wahrnehmen können, gehört zur conditio humana und wird in der Serie zu reflektieren sein.Unsere „Zugehörigkeit zum Tierreich“ hat zweitens ethische Konsequenzen: Wir werden sehen, dass wir bei ethischen Überlegungen auch die Natur einbeziehen müssen: Wir sind nicht nur Teil ebendieser, sondern geradezu mit ihr verwoben, gar von ihr abhängig. So werden wir uns auch mit ökologischen Überlegungen befassen müssen und uns gut überlegen, wie wir unsere Mitwelt behandeln wollen.Drittens geht aus unserem entwicklungsgeschichtlichen Stammbaum hervor, dass wir viele Elemente mit früheren Lebensformen teilen – die Evolution behält bei, was sich bewährt. So sind wir auch gewissen Rythmen unterworfen, was es bei den konkreten Fragen nach einem guten Leben zu beachten gilt: Spannung und Entspannung sowie Ruhe und Anstrengung werden in einem sinnvollen Mass zu gestalten sein, um nicht gegen unsere „Natur“ zu leben.Ein weiterer Zeuge unserer evolutionären Wurzeln ist unser Gehirn, das in vier Schichten aufgebaut ist. Diese Schichten widerspiegelen die evolutionären Stufen (im Volksmund wird der älteste Teil, das Stammhirn auch als „Reptilienhirn“ oder einer der mittleren als „Säugetiergehirn“ bezeichnet, was wissenschaftliche Basis hat). Dass uns vor allem das Stammhirn, ein evolutionär sehr altes Ding, bei unseren hehren Vorsätzen uns regelmässig einen Strich durch die Rechnung macht, wird ebenfalls ein Thema sein müssen, denn es ist nicht selten dieser uralte Teil des Hirns, in dem das Belohnungszentrum sitzt, der einem emotional übersteuert, Süchte auslöst (Stichwort Dopamin) oder uns ständig zu Vergleichen anregt sowie uns blindlings wütend werden lässt – das moderne Grosshirn, dort wo Sprache und Denken sitzen, einfach übersteuert. Die Verbindungen von alten zu neuen Teilen sind viel schneller und leistungsfähiger als umgekehrt, das hat jeder Mensch schon erlebt, der in einer Bedrohungslage quasi ferngesteuert entweder kämpft, sich tot stellt oder flieht. Die genau Kenntnis, der sorgfältige und bewusste Umgang mit diesen Mechanismen in unserem Kopf, werden in der Serie noch vertiefter behandelt werden. An anderer Stelle im Blog wurde spielerisch bereits darauf hingewiesen (siehe Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht? und Kleine Freuden des Alltags).Aus den Erkenntnissen der Neurowissenschaften nehmen wir des Weiteren mit, dass das Bewusstsein sehr wahrscheinlich eine emergente Eigenschaft der qualitativen und quantitativen neuronalen Verknüpfungen (schichtartiges Netzwerk) ist (ganz sicher ist man sich da noch nicht, doch als Arbeitshypothese nehmen wir die im Moment solideste Hypothese mit in unserer Diskussion). Auch hier sind die Konsequenzen, mit denen wir uns befassen werden, eher tragischer Natur: Weder eine unsterbliche Seele noch eine Weiterführung irgendeiner dubiosen „Lebensenergie“ scheinen plausibel zu sein. Was das für unsere Lebensführung und der Wahrnehmung und Konzentration auf das Hier und Jetzt für Konsequenzen haben wird, wird zu erörtern sein.
Auch wie wir lernen und was dabei die Übung und das Sich-Beschränken für eine Rolle spielen werden, hängt sehr stark vom Aufbau und der Funktionsweise des Gehirns ab und wird in der Serie näher zu betrachten sein. - Standardmodell der Teilchenphysik, Quantenphysik, Multiversentheorie, Stringtheorie u.ä.
Obwohl diese Themen zu den Lieblingtshemen des Autors gehören, würde es den Rahmen dieses einleitenden Textes sprengen, hier inhaltlich in die Tiefe zu gehen. Dennoch sollen sie hier der Vollständigkeit halber Erwähnung finden. Dies, da wir in Fragen der Ontologie (Seinslehre) zwingend auf diese Modelle zurückgreifen werden, denn es ist schlicht das Beste, was uns zur Zeit zur Verfügung steht: So ist das Standardmodell der Teilchenphysik empirisch sehr gut getestet (Grob gesagt: Fermionen (Quarks+Leptonen in drei Generationen) bauen die Materie auf; Bosonen übertragen die Kräfte (inkl. dem sagenumworbenen Higgs-Teilchen)).
Die Effekte der Quantenphysik sind nicht nur mehrfach empirisch geprüft, sondern z.B. in der Computerwelt oder für Verschlüsselungen auch bereits in praktischer Anwendung. Bei weiteren Theorien, wie der Stringtheorie oder der Multiversenvorstellung ist hingegen interessierte Vorsicht geboten: Sie entziehen sich prinzipiell der empirischen Überprüfung (die Stringtheorie bezieht sich auf eine so kleine Ebene, die wir prinzipiell nie „beobachten“ werden können; die Multiversentheorie wird wohl auch nie empirisch überprüfbar werden, da sie Aussagen zum ausserhalb des uns zugänglichen Raum-Zeit-Gebildes macht, wir sind aber prinzipiell an dieses gebunden). Dennoch sind diese und ähnliche Überlegungen und Modelle beizuziehen, wenn wir uns fragen, was die eigentliche Essenz der Welt und damit unseres Daseins ist, denn dafür geben sie inspirierende Hinweise.
Was wir im Übrigen speziell durch die Quantenphysik kennenlernen, sind die Grenzen unserer Vorstellungskraft: So können etwa Tunneleffekte, Quantenverschränkungen zur Kenntnis genommen, jedoch nicht wirklich begriffen werden, da sie ausserhalb der uns intuitiv stimmig scheinenden Realität zu sein scheinen. So wird auch von „Spukeffekten“ gesprochen. Ausserdem ist es für uns ungewohnt, dass die Grundlage allen Seins probabilistischer und nicht klar deterministischer Art zu sein scheinen.
Das Standardmodell der Teilchenphysik zeigt uns auch auf, dass uns klare Grenzen des Wissens gesetzt sind, denn es ist noch nicht vollständig (z.B. Rätsel dunkle Materie) und erlaubt nach wie vor keine Integration aller vier Fundamentalkräfte im Universum (Elektromagnetismus, Schwache Kraft, Starke Kraft und Gravitation).
Schlussfolgerungen
Wie bereits an andere Stelle erörtert (siehe dazu Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem), sind es gerade die neuen und neusten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die nicht zu einem kohärenten, lückenlosen Weltbild führen. Erstens sind die Erkenntnisse aus der Makroebene noch nicht wirklich mit denen auf der Meso- und Mikroebene verbunden. Zweitens sind viele der Erkenntnisse aus der Mikroebene, man denke an die Quantenphysik, für uns kaum nachvollziehbar und geben neue Rätsel vor. Drittens machen auch die modernsten naturwissenschaftlichen Untersuchungen nur Aussagen über einen kleinen Teil der Welt. Ein Grossteil – denken wir z.B. an die ominöse, postulierte dunkle Materie (wechselwirkt nicht mit der Gravitation), die vermutet 72% der Materie im Universum ausmacht – ist nach wie vor mit den uns zur Verfügung stehenden Instrumenten unortbar.
Neben der prinzipiellen Vorläufigkeit jeden Wissens, ist es auch diese Begrenztheit, mit der wir als Mensch umgehen können müssen. Denn gerade das Akzeptieren dieser Tatsachen muss nicht zur Aufgabe der Suche nach einem sinnstiftenden und sinnhaften Leben – und damit zum Fatalismus – werden, denn, wie der Text zum Drei -Ebenen-Problem aufzeigt, sind nicht alle Erkenntnisse für die Alltags- oder Lebenswelt sowie das ethisch und moralische Handeln gleich relevant (siehe dazu letzter Abschnitt von Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem).
Gerade in unserer konkreten Lebens- und Alltagswelt spielt neben dem wissenschaftlichen Wissen das Erfahrungswissen (kollektiver und individueller Art) eine ganz wichtige Rolle. Hiervon handelt der letzte Teil der Grundlagen und Verortungen.
Sustine et abstine (3)
Auftakt einer Serie
Vom Menschsein als gestaltenden Prozess in einer von Ambivalenzen geprägten Zeit
Diese Serie trägt wichtige Elemente und Grundpfeiler eines Weltverständnisses zusammen. Dies als Grundlage für Überlegungen, wie eine gelingende Lebensführung aussehen könnte.
Vorschau – was alles eine Rolle spielen wird:
Astrophysik
Ethik
Evolutionstheorie
Geschichte
Grenzen der Erkenntnis
Hirnmodell
Kosmogonie
Kosmologie
Literatur
Multiversentheorie
etwas Mystik
etwas Mythologie
viel Neugierde
Nichtwissen
Ontologie
Philosophie
Quantenphysik
Religionsgeschichte
Staunen
Stringtheorie
Standardmodell (Teilchenzoo)
Wissenschaftstheorie, – soziologie und -kritik
Zweifel und kritisches Denken
Genug Zeit für Musse und Muse
Hier weiter zu Teil zwei.
Sustine et abstine (1)
Das Freiheitsdilemma
Letzte Woche ging es um den schwierigen Umgang mit der Freiheit:
Warum spricht man in der Philosophie vom Dilemma der Freiheit?
Das Freiheitsdilemma wird in der Philosophie seit der Antike thematisiert. Seit damals fragen wir Menschen uns, wie wir Freiheit behalten und dennoch erfüllt leben können. Freiheit ohne sie zu nutzen, sich also auf etwas festzulegen, ist leer – wird sie genutzt, verschwindet sie hingegen.
Am Beispiel von sozialen Bindungen wird dies gut sichtbar: Ein Leben ohne soziale Bindungen ist wenig wert. Geht man jedoch solche Bindungen ein, verliert man an Freiheiten, wird gar abhängig. Mit dem Realisieren von Bindungen schränken wir unsere Freiheit umgehend ein.
Eine weitere Variante des Dilemmas sind alle Entscheide für oder gegen eine Option. Wir alle haben eine endliche Menge an Energie und Zeit, so dass jeder Entscheid für etwas gleichzeitig ein Entscheid gegen hundert andere Dinge ist. Oft ist dann halt die realisierte Option nicht so befriedigend, wie es im Vorfeld aussah, so dass Freiheit oft schnell in Enttäuschung und Frust umschlägt.
Menschsein heisst, mit diesen Widrigkeiten umzugehen. Daran führt kein Weg vorbei. Das Dilemma ist nicht auflösbar und gilt es somit auszuhalten. Dies kann man bewusst machen oder sich einfach treiben lassen.
Will man ersteres, also trotz Widrigkeiten selber entscheiden und nicht einfach gelebt werden, so gibt es ein paar Werkzeuge, die einem dabei helfen können. Dazu gehört ein vernünftiges Erwartungsmanagement, das Treffen von bewussten, wohlinformierten Entscheiden oder das periodisches Überprüfen und Neuausrichten.
Letzteres besteht konkret darin, sich einerseits der Bindungen an Menschen, Werte, Dinge, die Auswahl von Aktivitäten und allgemein der eingegangenen und vorhandenen Abhängigkeiten bewusst zu werden und dann diese auch mal wieder zu lösen, um neue – oder die alten – willentlich wieder einzugehen.
Und nicht zuletzt darf Befreiung – wie es in der heutigen Zeit der „Multioptionsgesellschaft“ arg propagiert wird – nicht als reine Verheissung angesehen werden. Denn ganz frei wird es schnell mal fade und einsam. Aber auch das Gegenteil, das heute bei einigen Gesellschaftsgruppen zu beobachtende unreflektierte Verharren in alten Gewohnheiten oder Denkmustern ist keine gute Wahl im Umgang mit einer sich rasend verändernden Welt.
Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte. Und es gilt intuitiv, klug und situativ zu wählen sowie zu akzeptieren, dass das Leben im Fluss ist und nichts ein für alle Male feststeht.
Tja, und wie erreichen wir dies alles konkret? Selbstreflexion, Zeit und Raum für Muse und Musse, Disziplin und Mässigung sind mal wieder einige der zu nennenden Stichworte. Und nicht schaden tut halt auch die viel beschworene Gelassenheit. Diese ist halt schon wichtig, damit man auch mal eine Option nicht nutzt und nicht umgehend das Gefühl hat, was zu verpassen. Dies hier mal so angedeutet, mehr dazu wird an anderer Stelle noch folgen.