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Stimuli und Superstimuli: Ich will mehr!

Ich habe nur probiert, um mal zu sehen.
Es war nur sehr wenig, doch es war schön.
Ich wollte mehr davon,
nur ein bisschen mehr.

Gib mir mehr.
Gib mir mehr.
Die Toten Hosen

 

Wie schon an anderer Stelle erörtert, ist unser Gehirn in vier Schichten aufgebaut. Diese entsprechen evolutionären Stufen. Am ältesten ist das Stammhirn („Echsenhirn“, „Reptilienhirn“). In eben diesem ist das Belohnungszentrum angelegt. Dieses funktioniert vor allem mittels Botenstoff Dopamin. Dieser Neurotransmitter wird auch „Belohnungshormon“ genannt, denn er lässt uns bei entsprechenden Stimuli ein Hoch erleben. Dies war evolutionär sehr wichtig, da es uns motiviert, Dinge zu tun, die dem biologischen Zweck unseres Daseins (Überleben und Fortpflanzung) dienen. Dopamin fliesst ebenfalls in Strömen, wenn wir Neues erleben oder wir positive Erwartungen haben. Ausserdem wird Dopamin freigesetzt, wenn wir Risiken eingehen oder Verbotenes tun („Reiz des Verbotenen“).

Das Belohnungszentrum ist im Vergleich mit den neueren Hirnarealen wenig formbar und besonders wirkmächtig: Das modernere Grosshirn, der Sitz von Bewusstsein, Sprache oder Denken, wird von diesem alten Mechanismus sehr leicht übersteuert: Die Verbindungen von alten zu neuen Teilen sind viel schneller und leistungsfähiger als umgekehrt. Das erleben wir immer wieder, wenn wir in einer Bedrohungslage oder bei einem Wutanfall quasi ferngesteuert reagieren und blitzschnell uns tot stellen, wild um uns schlagen oder fliehen. Fliesst also das Dopamin in grossem Stile, können wir kaum noch rational reagieren – die Emotionen und Reaktionen dazu passieren uns scheinbar einfach.

Den so mächtigen Mechanismus des Belohnungssystems zu kennen und vor diesem Hintergrund sorgfältig mit dieser sehr starken körpereigenen Steuerungszentrale der Motivation umzugehen, ist für ein selbstbestimmtes Dasein von grösster Wichtigkeit. Denn dieser Mechanismus ist so stark, dass er den bewussten Willen und die rationale Steuerung unseres Verhaltens ausser Kraft setzen kann. Dies kann soweit gehen, dass wir offensichtlich schädliches Verhalten scheinbar zwanghaft immer wieder repetieren.* 

Es muss nicht immer so dramatisch sein, derselbe Mechanismus kann uns auch ganz sanft weg von der Selbstkontrolle und – beherrschung führen. Meist fängt dies ja bei feinem Abstumpfen gegenüber schwächeren Stimuli oder mit der Flucht in das dopamin-ausschüttende Verhalten bei unangenehmen Gefühlen (Langeweile, Einsamkeit etc.) an. Dies führt jedoch leicht weiter bis zu den bekannten Süchten und dem damit einhergehenden Kontrollverlust über die eigene Lebensführung.

Es ist kein Zufall, dass viele der gerne konsumierten Drogen die Dopaminproduktion emporschnellen lassen. So wirken die am meisten süchtig machenden Drogen fast alle auf das Belonhungszentrum und überschwemmen dieses mit Dopamin, was ein gutes Gefühl verschafft. Doch das bleibt nicht lange so – schnell braucht man mehr.

Dass sich der Körper gegen ein zu viel eines Stoffes wehrt, kennt man aus der Suchtforschung gut. Das Gehirn entwickelt bei regelmässiger Exposition von zu viel Dopamin mehr Rezeptoren dafür, so dass es immer einer grösseren Menge an Dopamin braucht, um dasselbe gute Gefühl zu erhalten.

Dieser Mechanismus wird Desensibilisierung genannt: Man braucht immer mehr, um sich wieder gut zu fühlen. Dass dann der Normalzustand oder kleine Dopmanischübe durch kleine Belohnungen kaum mehr Wirkung zeigen, ist eine logische Konsequenz. Der Normalzustand wird dann gar als unangenehm und quälend wahrgenommen – man ist auf Entzug und braucht nun schon den Stoff oder das dopaminausschüttende Verhalten, nur um nicht mehr passiv oder gar depressiv zu sein.

Dass es vor diesem Hintergrund ratsam ist, sorgfältig mit entsprechenden Stimuli umzugehen, leuchtet ein. Beschränkung und Verzicht führt damit, wie an anderer Stelle ausführlicher gezeigt, dann gar insgesamt zu einem Mehr an guten Gefühlen als weniger.

Sich ab und zu gezielt und bewusst zu belohnen ist grundsätzlich positiv und gehört zu einem gelungenen Leben dazu – die sprichwörtliche Praline, die ab und zu alles einfach viel besser macht, soll doch genossen sein!

Die heutige Welt bietet unserem uralten Belohnungszentrum jedoch all zu viele solcher Gelegenheiten. Gerade die, die ohne Anstrengung schnell und leicht ermöglicht werden, sind besonders verführerisch und schnell ist man mitten drin und die sprichwörtliche Praline gehört zum Alltag dazu, so dass wir sie weder schätzen, noch geniessen, sondern einfach haben müssen.

Die heutige Zeit bietet uns neben besagter Praline als Beispiel für einen moderaten Stimulus, aber leider auch sehr starke Reize, für die unser Gehirn schlicht und einfach nicht gemacht ist. Nennen wir sie Superstimuli. Hier führt eine Exposition geradezu zu einer Dopaminexplosion in unserem Gehirn. Da kann nichts „Natürliches“ mithalten, alles andere erscheint fade daneben.

Und gegen eine solche Dopaminüberschwemmung durch einen Superstimulus wehrt sich das Gehirn sehr schnell mal mittels oben beschrieben Desensibilisierung. Dies geht dann einerseits mit einem kaum zu bändigen Wiederholungsdrang einher und hat andererseits den Effekt, dass alltägliche kleine Freuden nicht mehr wahrgenommen werden können, da danach der Anstieg an Dopamin lächerlich wirkt gegenüber dem, was das Gehirn durch den Superstimulus erlebt hatte – es will dann das und tut alles, damit man ihm genau das oder besser, noch mehr davon, wieder gibt (Sucht).

Diese Superstimuli sollte man folglich sehr behutsam dosieren, von einigen bleibt man besser ganz fern, denn nur die wenigstens können bewusst mit dem Sog einer solchen Dopaminüberflutung umgehen. Bei Menschen mit durchschnittlichem Willen wird aus Lust sonst schnell ein reines Verlangen nach der nächsten Dosis, das Lustvolle, des Rauschhafte wird dann zum völlig lustfreien Zwang.

Vorsicht ist auch geboten, da eine solche Abhängigkeit meist schleichend beginnt und dies wieder rückgängig zu machen ist sehr schwierig (durch die Neuroplastizität aber nicht unmöglich).

Bekannt ist, dass viele der harten Drogen sich extrem auf das Belohnungszentrum auswirken (z.B. Kokain, Speed oder Amphetamine durch direkten „Dopamin-Kick“, Opiate indirekt durch Hemmung des Dopamindämpfers Noradrenalin).

Neben diesen bekannten Superstimuli gibt es viele alltägliche Dinge und Verhaltensweisen, die starke oder sehr regelmässige Dopaminausschüttungen (auch das verändert das Gehirn und macht schnell süchtig) auslösen:

  • stark zuckerhaltige Nahrungsmittel (dazu siehe auch hier)
  • soziale Medien+
  • Nikotin
  • Alkohol
  • Gewöhnung an schnelle News (insbes. Push-Meldungen)+
  • Games
  • Glücksspiel
  • Drang immer was Besseres, Neueres haben zu müssen (Konsumsucht)+
  • Jagd nach Geld, Ruhm und Macht+
  • Internetpornographie+
  • Sexsucht+
  • Jagd nach Statussymbolen oder übermässiger externer Anerkennung (Geltungssucht)+
  • Bingewatching von Serien
  • Fresssucht
  • Sportsucht

+ weiterführende Gedanken und konkrete Vorschläge für sinnvollen Umgang damit werden später in einem eigenen Blogeintrag der Serie behandelt

Und was hilft dagegen, dass wir mit einem steinzeitlichen Belohnungszentrum in einer überall mit leicht verfügbaren Belohnungen lockenden Welt leben müssen? Wie so oft ist dies eine Mischung aus Selbstwahrnehmung (wo und wann bin ich besonders empfindlich für diese leichten Belohnungen? Bei was und in welchem Zusammenhang ist es OK, mal nachzugeben? Bei was bleibe ich besser ganz fern? Und, wann ist mein Gelüste auf einen starken Stimulus des Belohnungszentrums eigentlich nur eine Ersatzhandlung (z.B. um schlechten Gefühlen oder Langeweile auszuweichen) und gar keine echte Belohnung für was Geleistetes oder einfach um einen schönen Moment zu zelebrieren?). Auf diesen Selbsterkenntnissen basierend kann dann wohlüberlegt entschieden werden, was Sinn macht und von was man besser die Finger lässt – jeder und jede ist anders und kennt sich am Besten.

Auch hilft es, die kleinen Freuden bewusst wahrzunehmen und zu schätzen (siehe auch Kleine Freuden des Alltags) und insgesamt ein ausgewogenes, eher ruhiges Leben mit Fokus auf das Jetzt zu führen, in dem man dankbar ist, über das was ist und man hat und so weniger anfällig auf das ewig Neue und zu Erwartende wird (gerade bei Erwartungen fliesst ja auch schon das Dopamin).

Und, es hilft auch, zu wissen, dass es völlig normal ist, dass uns unser Belohnungszentrum ab und zu überlistet und wir über die Stränge schlagen. Wir sollten dahingehend nachsichtig sein, denn es bleibt ein Widerspruch, den niemand auflösen kann, dass wir mit einem auf sehr viel weniger Reize ausgerichtetes Gehirn in einer Welt voller Stimuli und gar Superstimuli – für die es erst recht nicht geschaffen ist – leben.

Wie das alles konkreter aussehen könnte, wird in der Serie anhand einzelner Themen noch intensiv behandelt werden.

Insgesamt hilft in der von übervielen Reizen geprägten Welt auch eine bewusste Entschleunigung und Vereinfachung des Lebens – man muss nicht überall dabei sein, alles gemacht haben und immer Angst haben, etwas zu verpassen. Weniger wird zu mehr und Langsamkeit ermöglicht intensiveres Wahrnehmen. Diesem Thema des Lebenstempos wird der nächste Beitrag der Serie gewidmet sein.

 

*In Experimenten, die die Dopaminproduktion bei Tieren anregen, repetieren diese Verhalten, das zu grosser Dopaminausschüttungen führt, gar bis sie tot sind (z.B. Kopulation bis zur Erschöpfung, sich regelrecht zu Tode fressen) oder vernachlässigen den Nachwuchs vollständig.

Sustine et abstine (12) – der Mensch (7)

 

 

Mensch ist, was er isst

Der menschliche Köper gewinnt Energie durch den chemischen Umbau von Molekülen aus der Nahrung.  Aber nicht nur das: Unser Köper wird im wahrsten Sinne des Wortes auch zu dem, was in der Nahrung steckt, denn einerseits speichern wir das, was nicht durch „Veratmung“ – irreführend oft auch als “ Verbrennung“ bezeichnet – in Energie umgewandelt wird, im Körper selber ab (Leber, Fettpölsterchen). Andererseits wechseln wir im Laufe des Lebens mehrmals jede einzelne Zelle in unserem Körper aus und ersetzen diese neu durch Bausteine, die der Körper aus der Nahrung gewinnen muss.

Ausserdem haben einige Stoffe, die durch die Verdauung in den Blutkreislauf gelangen, direkte und indirekte Auswirkungen auf den Hormonhaushalt und dadurch auch auf die Gehirnchemie (siehe dazu Kleine Freuden des Alltags).

Dass wir bewusst überlegen sollten, was wir in unseren Körper einbringen und was nur wenig oder besser gar nicht, ist vor diesem Hintergrund offensichtlich.

Und auch hier gilt es, wie wir schon bei der Bewegung sahen, Gewohnheiten zu schaffen. Denn erst diese machen es leicht, bei den Grundsätzen einer gesunden Ernährung zu bleiben. Dass dies sonst schwierig ist, kennt jede und jeder: Unser Gehirn arbeitet nicht selten gegen unser Wissen und die hehren Vorsätze. Dies, da es in einer Zeit entstanden ist (mehr dazu hier), als wir selten auf energiereiche Nahrung stiessen (z.B. reife Früchte). Geschah dies zufällig mal, feuerte das Hirn ein Feuerwerk von Belohnungshormonen (vor allem Dopamin) ab und signalisierte uns, dass wir nun über Gebühr zuschlagen sollen – wer weiss, wann es wieder eine solche Gelegenheit geben wird.
Heute gibt es jedoch an jedem Kiosk zig solche Gelegenheiten. Unser evolutionär gesehen altes Gehirn regt uns daher quasi dauernd an, die Gelegenheit zu nutzen und über den Hunger hinaus zuzuschlagen. Die Resultate davon sind bekannt (z.B. Übergewicht oder Diabetes).

Zu einer bewussten Lebensführung gehört die Kenntnis solcher Vorgänge im Körper und insbesondere dem Hirn und darauf aufbauend ein bewusstes Einüben des Umganges damit. Für den einen heisst dies, sich asketisch ganz von Nahrungs- und Genussmitteln fern zu halten, die der Gesundheit abträglich sind, während andere die Menge oder Häufigkeit des Konsums bewusst dosieren. Dass weniger dann gar zu mehr Genuss führen kann, wurde unter Antwort auf die Frage der Woche „Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht?“ näher erörtert.*

Bewusst steht im oberen Abschnitt das Wort Einüben, denn es gehört auch zum Menschsein dazu, ab und zu nachsichtig mit sich selber zu sein und es mit der Strenge nicht zu übertreiben und dann zu schmunzeln, wenn uns unser altes Hirn mal wieder überlistet hat und wir uns der Völlerei hingegeben haben. Wird dies nicht gerade zu einem Habitus und wir finden wieder zurück zum Üben (oder zur bereits etablierten Gewohnheit der wohlüberlegten Dosierung), ist das doch nur allzumenschlich und nicht weiter schlimm – nichts im Übermass gilt auch für die Strenge mit sich selber!

Dass ein bewusster Umgang und eine wohlüberlegte Wahl der Lebens- und Genussmittel nicht nur aufgrund der Sorge um sich selbst wichtig ist, sondern auch aus einer breiteren, das Individuum übersteigenden Perspektive, die später in dieser Serie erörtert wird, relevant ist, kann hier, wo es vorerst um das Individuum geht, nur angedeutet werden. Vorweggenommen werden kann hier schon mal, dass es sich zeigen wird, dass sich ein Entscheid für eine gesunde Ernährungsweise – z.B. biologische Lebensmittel aus der Region oder der Verzicht (oder zumindest das starke Einschränken) des Konsums von Fleisch und weiteren tierischen Nahrungsmitteln  – sich dann gut decken wird, mit gesamtgesellschaftlichen und ökologischen Prinzipien einer guten Lebensführung.

Vorerst bleiben wir jedoch noch beim Menschen als Individuum und schauen uns als nächstes an, was es in Hinblick auf ein an einen Körper gebundenes Dasein weiter zu beachten gilt.

 

 

 

*Für mich ganz persönlich hat sich z.B. im Umgang mit Süssem (Nahrungsmittel mit viel raffiniertem Zuckern (hoher glykämischer Index)) ein Jokersystem bewährt: Jeden Monat gebe ich mir selber vier Jokertage. Diese setze ich dann zu besonderen Gelegenheiten (z.B. Feste), als Belohnung für besondere Leistungen oder als Trost in schwierigen Momenten ein. An diesen Tagen gibt es dann Süsses nach Lust und Laune, an den übrigen Tagen jedoch gar nichts. Dieses System lässt Genuss – gar ab und zu mal regelrechte Völlerei – zu, es beschränkt jedoch die Gefahr des sich Gewöhnens oder gar süchtig zu werden. Ausserdem steigert es den Genuss, da etwas Seltenes bewusster wahrgenommen wird und wertvoller erscheint, als hätte man es täglich. Und nicht zuletzt lernt man sich selber besser kennen, wenn man bewusster in sich hinein hört, um zu entscheiden, ob es sich nun lohnt, einen der Joker einzusetzen (echtes Bedürfnis?) oder es nur ein vorübergehendes Gelüste nach Süssem ist, das bald vorbeigehen wird und man eigentlich wenig davon hätte, nun nachzugeben.

Sustine et abstine (8) – der Mensch (3)