Alle Beiträge von Amordasini

Eigentlich bin ich Ethnologe mit vertieften Kenntnissen der Philosophie und Ökologie. Den akademischen Betrieb habe ich nach vielen Jahren verlassen und verdiene meine Brötchen nun indem ich Züge durch nahezu die ganze Schweiz führe. Dennoch bin ich dem Wissen und der Neugierde treu geblieben. So interessiere ich mich weiterhin intensiv für die Fortschitte und das Wissen aus allen möglichen Gebieten der Wissenschaften, der Philosophie aber auch für Fragen der guten Lebensführung.

Der Körper als Indikator der Vergänglichkeit

Die Zeit schwindet dahin,
und wir altern durch unmerkliche Jahre,
und die Tage fliehen,
da keine Zügel ihnen Einhalt gebieten.
Ovid

Eine weitere Komponente des an einen Körper gebundenen Daseins als Mensch ist, dass der Körper uns fortwährend die Endlichkeit der eigenen Existenz vor Augen führt. Sei es, dass es mit zunehmendem Alter nach körperlichen Anstrengungen immer länger geht, bis mensch sich erholt hat, oder sei es, dass um Dreissig die ersten grauen Haare auftreten. Bereits ab Mitte 20 beginnt dieser unvermeidbare Prozess.

Da sich dies nicht ändern lässt, nützt es nichts, sich dagegen zu stemmen oder den falschen Hoffnungen der Kosmetikindustrie aufzusitzen, die es geschickt weiss, die Ängste vor dem Altern zu bewirtschaften: Altern gilt es so gut als möglich gelassen zu akzeptieren. Dass dies aufgrund des verbreiteten Jugendwahns immer wieder eine Herausforderung ist, versteht sich von selber.

Aber auch die gegenteilige Extrem-Reaktion, das sich in jeder Hinsicht Gehen-Lassen, da es vor der Vergänglichkeit eh nur einer Sisyphusarbeit gleichkommt, den Körper weiter zu fordern oder das Gedächtnis und die Neugierde zu trainieren, ist nicht ratsam.

Es gilt, wie bei so vielen in diesem Blog angesprochenen Themen, die Balance zu finden: Weder übertriebenes sich Sorgen, Schonen, Pflegen und Hegen des Körpers und Geistes, noch das Handtuch voreilig hinzuwerfen, sind kluge Ratgeber für ein zufriedenes Dasein.

Dem bewussten und gelassenen Umgang mit dem Älterwerden ist der nächste Blogbeitrag gewidmet. Bevor es konkret wird, soll hier ein Vorteil des sichtbaren und unabwendbaren Alterns betont werden: Dass wir alle kontinuierlich am Altern sind,  zeigt nämlich auch auf, dass das Leben bewusst gelebt werden sollte. Die Einmaligkeit des Lebens winkt einem jeden Menschen durch den Indikator des Zerfalls des Körpers sprichwörtlich vom Spiegel zurück. Es gibt kein Zurück und der Tod wartet hinter jeder Ecke, so dass es, je älter man wird, um so wichtiger wird, seine Bedürfnisse zu kennen, und das Leben so einzurichten, dass die einem wichtig erscheinenden Bedürfnisse möglichst gut befriedigt werden können und andererseits keine Energie und Zeit für unabänderbare Dinge aufzuwenden.

Lebenszeit ist das kostbarste Gut, das wir haben. Daher ist es klug, bewusst damit umzugehen sowie wohlüberlegt zu wählen, für was wir wie viel davon einsetzen wollen. Dass dies nicht einfach ist und zu Widersprüchen führen kann, wurde bereits unter das Freiheitsdilemma erörtert und wird an anderer Stelle noch vertiefter zu behandeln sein. Vorerst wollen wir uns nun konkret mit dem Umgang des Älterwerdens auseinandersetzen.

Sustine et abstine (10) – der Mensch (5)

Innere und äussere Rhythmen

Glückselig also ist ein Leben,
welches mit seiner Natur im Einklang steht.
Seneca

Menschen sind nach wie vor biologische Wesen. Mögen sie sich noch so weit in geistige Höhen versteigen oder hinter Technik verbergen. Dies zeigt sich auch darin, dass Menschen gewissen Rhythmen und Zyklen unterworfen sind (z.B. Schlaf- und Verdauungsrhythmus, Hormonspiegelrhythmen, Menstruationszyklus).

Die so genannten Biorhythmen – im Volksmund innere Uhren genannt – sind Millionen Jahre alt und lassen sich nicht austricksen. Sie sind bereits in den Genen festgelegt und unser Körper verfügt über eine Vielzahl solcher innerer Taktgeber. Diese haben Auswirkungen auf unsere Wachheit, Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, Gesundheit sowie Stimmung.

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Die inneren Uhren werden hauptsächlich durch das Sonnenlicht gesteuert. Sich von dieser äusseren Gegebenheit so weit zu entfremden, dass man keine Synchronisation mit dem sich jahreszeitlich sich verändernden Tagessonnengang mehr hat, führt zu vielen gesundheitlichen Problemen.

Aber auch in Bezug auf weitere Bedürfnisse des Menschen ist es nicht ideal, sich vor allem in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Zum Beispiel das Wettergeschehen nur noch als ein Ärgernis auf dem Weg von A nach B wahrzunehmen, anstatt ein aktiv zu erlebendes, faszinierendes Geschehen, das beim Draussensein vielfältige Sinneseindrücke generiert, ist nicht förderlich für ein befriedigendes menschliches Dasein: Die Welt, in die wir geworfen und in der wir evolutionär entstanden sind (und an die wir damit angepasst sind), ist nur erfahrbar durch direkte Sinneswahrnehmungen – dafür muss man sich diesen auch aussetzen. Ein Foto oder ein Bild auf einem Bildschirm kann dies niemals ersetzen.

Ausserdem braucht unser Körper diese Reizexponierung, um die eingangs erwähnten Rhythmen stabil zu halten. Die Liste der gesundheitlichen Risiken von Schichtarbeit oder ständiges Arbeiten in Räumen ohne Tageslicht ist eindrücklich. In der Fachliteratur wird gar davon gesprochen, dass solche Daseinsformen das Leben verkürzen können.

Wie im Beitrag zum Thema Bewegung aufgezeigt, ist tägliches Draussensein, sowohl für den Körper wie den Geist nötig. Dies nicht nur aus gesundheitlicher Sicht, denn den Wechsel der Jahreszeiten und seine Auswirkungen auf Flora und Fauna zu erleben, trainiert die Beobachtungsgabe, die Verbundenheit mit der Lebensumgebung sowie die Achtsamkeit für kleine Dinge. Das bewusste Miterleben des dynamischen – manchmal gar dramatischen – Wettergeschehen oder die Beobachtung des kosmischen Balletts am Nachthimmel bieten ausserdem basale existenzielle Erfahrungen und ermöglichen Momente, in denen man sich mit etwas Grösserem verbunden fühlt. Dies fördert die Zufriedenheit, Demut und Dankbarkeit oder einfach nur das Staunen (siehe dazu auch Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem). Wie viele kleine Problemchen, mit denen man sich gerade rumschlägt, wirken vor dem Hintergrund eines aufziehenden Gewitters oder dem Sternenhimmel plötzlich viel kleiner? Uff, ich bin ja gar nicht das Zentrum des Universums. Dies und Ähnliches sich regelmässig bewusst zu machen, hilft, einen gesunden Abstand von den Kämpfen um Macht, Ansehen und Anerkennung zu gewinnen und diese richtig im grösseren Kontext einzuordnen – mensch muss ab und zu raus aus dem Labyrinth aus Wänden, Mails, Bildschirmen und Status.

The movers move, the shakers shake,
the winners write their history
But from high on the high hills
it all looks like nothing
New Model Army

Und mensch kehrt ausserdem gar gestärkt zurück in diese teils unvermeidbaren Kämpfe des Alltags. Temporäres Abstandnehmen hilft jedoch, sich nicht zu versteift in den Kampf zu begeben und den Kampf als Kampf zu schätzen, und nicht nur wegen des Sieges wegen zu kämpfen, da dieser oft relativ oder vergänglich ist. Das Siegen und die Suche nach Anerkennung werden des Weiteren schnell zur Sucht, so dass nur noch immer grössere Siege, mehr Anerkennung und Status nötig sind und leider das Errungene immer weniger lange befriedigt und dadurch eine verheerende Spirale in Gang kommt – aber dies sind dann Themen für einen weiteren Blogeintrag. Kehren wir an dieser Stelle wieder zum Ausgangsthema das Beitrages zurück, zum Körper und seinen Rhythmen.

Einer der fundamentalsten dieser Rhythmen ist der wach-schlaf-Zustand. Mit diesem sollte man besonders bewusst umgehen: Um die im letzten Abschnitt beschriebenen Dinge wahrnehmen, das heisst, wirklich erleben zu können, braucht es Wachheit und Präsenz im Moment: Nur genug erholt, ist genug Achtsamkeit da, um die Sinne genügend offen zu haben und sich auf diese elementaren und existentiellen Erfahrungen einzulassen. Von daher sollte man nicht nur nach Anspannung die Ruhe in der Natur suchen (Erholung), sondern das auch bewusst mal machen, wenn man nicht müde ist. Dies heisst für Berufstätige mit Bürozeiten auch bewusst tagsüber und nicht nur abends, abgeschlagen von der Arbeit, rauszugehen. Dies hilft, wie eingangs erwähnt, auch, um die innere Uhr mit dem Tagesgang der Sonne synchron zu halten, was sich dann auch auf einen gesunden Schlaf auswirkt. Es braucht aber manchmal Überwindung, gerade bei schlechtem Wetter. Gemäss den inneren und äusseren Rhythmen zu leben, ist damit auch eine Frage von Selbstdisziplin und Aufbau von Gewohnheiten.

Neben den hier beschriebenen zyklischen Rhythmen, ist das menschliche Leben als Ganzes gesehen auch von einer linearen Zeitachse geprägt: Wir alle haben einen Weg von jung zu alt zu gehen. Schlussendlich sind wir alle endlich und unser Dasein ist zeitlich befristet. Was dies für die Lebensführung bedeutet und wie damit einigermassen gelassen umgegangen werden kann, davon handeln die nächsten Blogbeiträge.

Sustine et abstine (9) – der Mensch (4)

Mensch ist, was er isst

Der menschliche Köper gewinnt Energie durch den chemischen Umbau von Molekülen aus der Nahrung.  Aber nicht nur das: Unser Köper wird im wahrsten Sinne des Wortes auch zu dem, was in der Nahrung steckt, denn einerseits speichern wir das, was nicht durch „Veratmung“ – irreführend oft auch als “ Verbrennung“ bezeichnet – in Energie umgewandelt wird, im Körper selber ab (Leber, Fettpölsterchen). Andererseits wechseln wir im Laufe des Lebens mehrmals jede einzelne Zelle in unserem Körper aus und ersetzen diese neu durch Bausteine, die der Körper aus der Nahrung gewinnen muss.

Ausserdem haben einige Stoffe, die durch die Verdauung in den Blutkreislauf gelangen, direkte und indirekte Auswirkungen auf den Hormonhaushalt und dadurch auch auf die Gehirnchemie (siehe dazu Kleine Freuden des Alltags).

Dass wir bewusst überlegen sollten, was wir in unseren Körper einbringen und was nur wenig oder besser gar nicht, ist vor diesem Hintergrund offensichtlich.

Und auch hier gilt es, wie wir schon bei der Bewegung sahen, Gewohnheiten zu schaffen. Denn erst diese machen es leicht, bei den Grundsätzen einer gesunden Ernährung zu bleiben. Dass dies sonst schwierig ist, kennt jede und jeder: Unser Gehirn arbeitet nicht selten gegen unser Wissen und die hehren Vorsätze. Dies, da es in einer Zeit entstanden ist (mehr dazu hier), als wir selten auf energiereiche Nahrung stiessen (z.B. reife Früchte). Geschah dies zufällig mal, feuerte das Hirn ein Feuerwerk von Belohnungshormonen (vor allem Dopamin) ab und signalisierte uns, dass wir nun über Gebühr zuschlagen sollen – wer weiss, wann es wieder eine solche Gelegenheit geben wird.
Heute gibt es jedoch an jedem Kiosk zig solche Gelegenheiten. Unser evolutionär gesehen altes Gehirn regt uns daher quasi dauernd an, die Gelegenheit zu nutzen und über den Hunger hinaus zuzuschlagen. Die Resultate davon sind bekannt (z.B. Übergewicht oder Diabetes).

Zu einer bewussten Lebensführung gehört die Kenntnis solcher Vorgänge im Körper und insbesondere dem Hirn und darauf aufbauend ein bewusstes Einüben des Umganges damit. Für den einen heisst dies, sich asketisch ganz von Nahrungs- und Genussmitteln fern zu halten, die der Gesundheit abträglich sind, während andere die Menge oder Häufigkeit des Konsums bewusst dosieren. Dass weniger dann gar zu mehr Genuss führen kann, wurde unter Antwort auf die Frage der Woche „Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht?“ näher erörtert.*

Bewusst steht im oberen Abschnitt das Wort Einüben, denn es gehört auch zum Menschsein dazu, ab und zu nachsichtig mit sich selber zu sein und es mit der Strenge nicht zu übertreiben und dann zu schmunzeln, wenn uns unser altes Hirn mal wieder überlistet hat und wir uns der Völlerei hingegeben haben. Wird dies nicht gerade zu einem Habitus und wir finden wieder zurück zum Üben (oder zur bereits etablierten Gewohnheit der wohlüberlegten Dosierung), ist das doch nur allzumenschlich und nicht weiter schlimm – nichts im Übermass gilt auch für die Strenge mit sich selber!

Dass ein bewusster Umgang und eine wohlüberlegte Wahl der Lebens- und Genussmittel nicht nur aufgrund der Sorge um sich selbst wichtig ist, sondern auch aus einer breiteren, das Individuum übersteigenden Perspektive, die später in dieser Serie erörtert wird, relevant ist, kann hier, wo es vorerst um das Individuum geht, nur angedeutet werden. Vorweggenommen werden kann hier schon mal, dass es sich zeigen wird, dass sich ein Entscheid für eine gesunde Ernährungsweise – z.B. biologische Lebensmittel aus der Region oder der Verzicht (oder zumindest das starke Einschränken) des Konsums von Fleisch und weiteren tierischen Nahrungsmitteln  – sich dann gut decken wird, mit gesamtgesellschaftlichen und ökologischen Prinzipien einer guten Lebensführung.

Vorerst bleiben wir jedoch noch beim Menschen als Individuum und schauen uns als nächstes an, was es in Hinblick auf ein an einen Körper gebundenes Dasein weiter zu beachten gilt.

 

 

 

*Für mich ganz persönlich hat sich z.B. im Umgang mit Süssem (Nahrungsmittel mit viel raffiniertem Zuckern (hoher glykämischer Index)) ein Jokersystem bewährt: Jeden Monat gebe ich mir selber vier Jokertage. Diese setze ich dann zu besonderen Gelegenheiten (z.B. Feste), als Belohnung für besondere Leistungen oder als Trost in schwierigen Momenten ein. An diesen Tagen gibt es dann Süsses nach Lust und Laune, an den übrigen Tagen jedoch gar nichts. Dieses System lässt Genuss – gar ab und zu mal regelrechte Völlerei – zu, es beschränkt jedoch die Gefahr des sich Gewöhnens oder gar süchtig zu werden. Ausserdem steigert es den Genuss, da etwas Seltenes bewusster wahrgenommen wird und wertvoller erscheint, als hätte man es täglich. Und nicht zuletzt lernt man sich selber besser kennen, wenn man bewusster in sich hinein hört, um zu entscheiden, ob es sich nun lohnt, einen der Joker einzusetzen (echtes Bedürfnis?) oder es nur ein vorübergehendes Gelüste nach Süssem ist, das bald vorbeigehen wird und man eigentlich wenig davon hätte, nun nachzugeben.

Sustine et abstine (8) – der Mensch (3)

Mensch als körperlich aktives Wesen

IMG_4130.jpgWie im letzten Beitrag gezeigt, bedeutet Menschsein an einen Körper gebunden zu sein. Dieser Körper ist mit Sinnesorganen ausgestattet. Die Mitwelt wird über diese Sinnesorgane wahrgenommen. Diese Sinnesorgane haben sich im Zuge der Evolution in Wechselwirkung mit dem unmittelbaren Lebensraum über sehr lange Zeithorizonte herausgebildet. Dies trifft auch auf weitere körperliche Merkmale des Menschen zu.

Die Lebensbedingungen haben sich in den letzten Jahrhunderten jedoch schlagartig verändert, während sie vorher lange ähnlich waren. Dem muss bei der konkreten Ausgestaltung des Lebens Rechnung getragen werden.

Dies fängt bei der trivialen Beobachtung an, dass wir Menschen anfangs das 21. Jahrhunderts viel in geschlossenen Räumen und darin meist sitzend uns aufhalten. Im Verhältnis zu unserer Entwicklungsgeschichte leben wir erst seit ganz kurzer Zeit in Büros und gut abgeschlossenen Häusern: Unser Körper hat sich hingegen in einem vor allem draussen stattfindenden Dasein entwickelt. Er  ist auf das Marschieren ausgerichtet. Unsere Sinnesorgane entwickelten sich im Laufe von vielen Jahrtausenden in einem Leben mit vielen Beobachtungen in und der Natur. So ist bspw. das Auge vor allem um in die Weite zu schauen ausgerichtet und nicht ideal dafür, die ganze Zeit Naharbeit zu leisten .* Oder unser Stoffwechsel ist auf Sonnenlicht angewiesen (z.B. Vitamin D3-Produktion ohne Sonnenlicht unmöglich).

Zivilisationskrankheiten sowie weit verbreitete Kopf- oder Rückenschmerzen zeigen auf, dass die bei vielen Menschen unserer Zeit vorwiegend das Leben prägenden sitzenden Tätigkeiten drinnen der Gesundheit abträglich sind. Ein dem Körper und seiner Gesunderhaltung gerecht werdende Lebensführung muss zwingend durch Bewegung draussen ergänzt werden.

Des Weiteren hat Bewegung an und für sich einen erheblichen Effekt auf die Gehirnchemie und damit auf unser ganzes Ich, das, wie an anderer Stelle gezeigt, ja „nichts als Chemie“ ist.

Bewegung und Sport sollen jedoch auch Selbstzweck sein und nicht nur ein Mittel zum Zwecke der Gesunderhaltung. Dies sollte jedoch nicht in ein verbissenes (Konkurrenz)Denken führen, was oft beobachtet werden kann: Leistungssteigerungen oder Wettkämpfe sollen nur zur Motivation, Quelle von Selbstvertrauen und als Ansporn, Bewegungsstunden durchs ganze Jahr bei jedem Wetter durchzuziehen, da sein. Ausserdem können spielerische Wettbewerbe zur Befriedigung des Spieltriebes dienen und gemeinschaftliche Erlebnisse ermöglichen.

Des Weiteren führt Bewegung – dafür sind gerade die Ausdauersportarten besonders geeignet – zu innerer Ruhe, ist beste Entspannung per se und auch danach hält dieser Effekt noch an, da Entspannung und Schlaf nie so gut sind, wie nach körperlicher Leistungserbringung. Bekannt ist, dass es kaum ein besseres Mittel gibt, um Stresshormone abzubauen, als Bewegung. Dies gilt auch für Verstimmungen des Gemütes (Melancholie).

Für eine sinnvolle Balance zwischen Spannung und Entspannung – der wir hier ein erstes Mal via Körper begegnen – plädierten bereits die alten Griechen. Dies vor dem Hintergrund ihres Wissens, dass dieses Prinzip die Grundlage eines jeglichen wachsenden Daseins darstellt.** Dass es dazu der regelmässigen Übung bedarf, die im Idealfall zur Gewohnheit wird, kann auf alle Lebensbereiche übertragen werden.

Wie oben bereits angedeutet, ist Bewegung, Sport und der gegen die Gefahren des Lebens so gut als möglich gestärkte Körper auch eine Quelle des Selbstvertrauens und damit der Selbstliebe. Der bewusste Umgang und die Sorge um den Körper ist bereits in der Antike ein entscheidender Bestandteil einer jeglichen ethischen Lebensführung gewesen: Sich in körperlichen Dingen gehen zu lassen, entsprach schon damals nicht dem Ideal eines ganzheitlich sich um sich und sein Selbst sich kümmerndes Dasein.

Diesem Ideal, des sich um sich selbst sorgenden und kümmernden Individuums, das das Leben als zu gestaltendes anstatt nur abzuspulendes Dasein wahrnimmt, stellen sich, hier erstmals ausgehend vom Körper, jedoch besonders in der modernen Welt viele Fallen und Stolpersteine. Sein evolutionär geprägter Körper, insbesondere Mechanismen im Gehirn, sprechen all zu leicht auf verschiedenste Verlockungen und Belohnungen an, die einem guten Leben und Selbstermächtigung auf Dauer abträglich sind. Diesen Mechanismen waren bereits zwei Blogbeiträge (siehe hier und hier) gewidmet und sie werden später in der Serie vertieft thematisiert werden. Hier bleiben wir erstmals noch beim Körper (hier klicken für nächsten Teil der Serie).

*Unser Augapfel wird zum Fokussieren von Dingen in der Nähe von einem Muskel auf brachiale Art schlicht und einfach zusammengedrückt. Dass solches Anspannen von Muskeln und Druckausüben auf den Augapfel, wie es bspw. beim langen auf einen Computerbildschirm oder Handy Schauen nötig ist, keinen Mechanismus darstellt, den wir als ununterbrochen betätigen sollten, leuchtet wohl ohne weitere Erklärungen ein.

**Dies entspricht auch der modernen Trainingslehre im Sport. Auch da ermöglicht erst die Entspannung und Erholung die so genannte Superkompensation, ohne die Training nicht zu einer Leistungssteigerung führen kann: Der trainierende Mensch setzt einen Reiz, der den Körper zuerst einmal schwächt. Dieser reagiert darauf mit einer Anpassung, um beim nächsten solchen Reiz besser gewappnet zu sein. Das kann er erst in Ruhe, bei der Erholung tun. Durch die Erholung nach der Belastung wird er also „besser“ – Trainieren ist nichts anderes als diesen Mechanismus gezielt zu betätigen.

Sustine et abstine (7) – der Mensch (2)

Die 10 Gebote der Selbstsabotage im Wettkampfsport (ein Erfahrungsbericht)

 

  1. Probiere neue Nahrung kurz vor dem Wettkampf oder im Wettkampf aus – das gibt dir dann einen Zusatzkick!
    Realitätscheck (was wirklich geschah):
    Kohlenhydratpulver 24h Stunden vor einem Bikemarathon als Spezial-Carboloading einfach mal in alles reintun, was man isst: Wird dann für irre Power sorgen! Es führte jedoch zu rasend schneller „Abfuhr “ und dies bereits ab 2 Uhr morgens – die Kraft ging dann schon in der Hälfte des langen Rennens aus.
    Mal ein ganz langes Rennen nur mit Gels fahren, das schont den Magen. Resultat war ein böser Hungerast mit einer Zwangspause liegend in der Alpwiese.
    Redbull wird im Feld in einem Radrennen rumgereicht. Nehme ich doch auch mal ein bisschen, soll ja Flügel verleihen – führte dann etwas später, als es im Schlussaufstieg zur Sache ging, zu einem klebrigen (und nach Kaugummi riechenden) Rennrad (und keinen Flügeln, sondern Gummibeinen).
  2. You’re the Boss – zeig es ihnen von Anfang an! Vollgas ab der Startlinie!
    Realitätscheck:
    Anstatt da, wo ich von meinem Können in der Rangliste her gelandet wäre, landete ich viel weiter hinten und die Rennen wurden schon nach kurzer Zeit viel härter als sie sonst gewesen wären.
    Aber man konnte es ja eine Woche später wieder damit versuchen – bekannt im Feld wurde man durch diese Taktik sehr. Auf ging sie jedoch genau nie.
  3. Trainiere nur alleine und überrasche dann die anderen mit deiner Topform im Rennen!
    Realitätscheck:
    Wieso sind die denn plötzlich so schnell? In anderen Jahren, als wir viel in der Gruppe fuhren, waren die nicht plötzlich einen Zacken schneller als ich!
  4. Erkältungen gehen schneller weg, wenn man weitertrainiert – schwitze es raus!
    Realitätscheck:
    Schnell arteten Erkältungen zu langwierigem Husten aus und dann ist schnell mal eine Pause von 3 bis 4 Wochen fällig und die Form bricht voll ein. Kann sogar mal eine Lungenentzündung geben und dann sind Monate des Formaufbaus weg.
  5. Ein bisschen Schmerz gehört dazu – nur Memmen hören beim ersten Wehwehchen auf!
    Realitätscheck:
    Fast alle längeren Verletzungspausen fingen mit feinem Stechen im Knie oder einem leichten Brennen an einer Sehne an…
  6. Was dich nicht umbringt, macht dich hart!
    Realitätscheck:
    Nicht auf die Warnzeichen des Körpers zu hören, dass nun eine Ruhetag oder eine Trainingspause nötig wäre, rächte sich dann spätestens in einem Rennen oder Leistungstest: Jetzt habe ich doch so viel mehr und härter trainiert, warum bin ich denn weniger leistungsfähig als vor 6 Monaten?
  7. Stecke alles Geld in eine top Ausrüstung!
    Realitätscheck:
    Ja, ein neues Velo oder neue Laufschuhe motivierten immer ungemein. Doch es muss nicht das High-End-Teil sein, das dich dein halbes Erspartes kostet und dich zu mehr Stunden bei der Arbeit zwingt. Mehr Training  – oder ein Kilo weniger auf den Rippen – hätten wohl immer mehr gebracht als nochmals leichteres Material – wie viele waren mit schlechterem Material besser? Einige. Und wie viele mit noch viel besserem Material massiv langsamer? Sehr viele. Aber eben, hat der Trainingskumpan leichtere Räder, brauche ich solche doch auch sofort?
  8. Am Abend vor dem Wettkampf die Schaltung am Velo nochmals einstellen: Das lässt dich besser schlafen!
    Realitätscheck:
    Mehrmals fuhr ich einen Marathon mit mehreren Pässen nur mit den halben Gängen, da sich über Nacht die neue Einstellung der Schaltung verstellte oder das umgebogene Teil sich wieder zurückbog.
    Oder die Kette fiel immer wieder raus beim Bikemarathon, da halt nur schnell auf dem Hotel-Parkplatz getestet wurde und nicht im Gelände – bei 5000hm wird das dann sehr mühsam – verdammt, vorher ging es einen Monat gut über Stock und Stein!
    Oder ein Renntag wird zur Tortur, weil ich unbedingt noch einen neuen Winkel das Sattels ausprobieren wollte und das dann zur einer schrägen Belastung des Knies führte.
  9. Neue Kleider oder Schuhe machen dich an der Startlinie zum unschlagbaren King!
    Realitätscheck:
    Blasen wegen neuen Schuhen nach 2 km in einem langen Lauf.
    Brustwarzen vom neuen super-marken T-Shirt wund nach kurzer Zeit und der Rest des Laufes wird zum Horror.
    Oder die neuen Veloschuhe, nur einmal kurz ausprobiert, werden dann unter Vollbelastung im langen Rennen zur Folter. Folge: Schmerzen in der Achillessehne für 4 Wochen!
  10. Leistungstests in einer Belastungswoche machen – dann bist du ja eh voll drin und auf Touren!
    Realitätscheck:
    Es wird noch viel härter als sonst.
    Enttäuschung pur wegen schlechten Werten.
    Last but not least: Werte völlig unbrauchbar – Geld und Zeit für nichts aufgewendet!

 

Mensch als Einheit – Körper und Geist

Die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Philosophie des Geistes legen nahe, dass der Leib-Seele Dualismus ad acta gelegt werden sollte: Je mehr wir über die Funktionsweise des Gehirns wissen, je deutlicher wird, dass die Basis von allem, was den Menschen ausmacht, im Körper selbst seinen Ursprung hat. Der Geist scheint nichts anderes als eine emergente* Eigenschaft des neuronalen Netzwerkes namens Gehirn zu sein. Keine zusätzliche Substanz von ausserhalb scheint nötig zu sein, um das Selbstbewusstsein in Gange zu setzen. Das Gehirn spielt uns dahingehend ein Theater vor – wir sind höchstwahrscheinlich tatsächlich nichts als unsere (Gehirn-)Chemie.

Diese Haltung klingt gegenüber den Denk- und Glaubenstraditionen, die von ewiger Seele, Geist als eigenständiger Substanz oder Ähnlichem reden, auf den ersten Blick abwertend. Dies ist es aber ganz und gar nicht. So kommt es nahezu einem Wunder gleich, was alles zusammenspielen musste, damit ein Wesen entstehen konnte, das Selbstwahrnehmung hat und über sich und den Kosmos nachdenken kann. Des Weiteren ist schon nur die schiere Komplexität des neuronalen Netzwerkes ein jedes menschlichen Gehirns unglaublich.

Auch wenn der Dualismus von Leib und Seele also als überholt angesehen werden kann, ist es für den Entwurf von ethischen Lebensleitlinien und für das Erfassen, was es heisst, ein Mensch zu sein, dennoch sinnvoll, von Geist und Körper getrennt zu reden. Einerseits aus methodischer Sicht, denn eine getrennte Betrachtung der beiden Themenbereiche vereinfacht die Herangehensweise. Andererseits ist in der Alltagssprache und in überlieferten Denk-, Wahrnehmungs- und Glaubenstraditionen diese Unterscheidung nach wie vor dominierend, so dass sonst an vielem davon nicht angeknüpft werden könnte.

Der Substanzmonismus** betont, dass der Körper, als alleiniger Träger und Hervorbringer des Geistes, letztlich die Basis des Bewusstseins ist. Somit ist gerade ihm in einer Individualethik genügend Raum zu widmen. Anders ist ein ganzheitliches Menschenbild nicht vertretbar. Dies muss betont sein, denn sowohl in der christlichen wie der philosophischen Denktradition wurde dies all zu oft missachtet. So wurde der physische Körper gegenüber dem Geist über viele Jahrhunderte stiefmütterlich – oder gar aus einer Perspektive der Verachtung heraus – behandelt. Heute scheint eine solche Flucht in eine rein „geistige Welt“ nicht mehr sinnvoll zu sein.

Geist und Körper bilden also – auch wenn der Dualismus hier nur eine Hilfskonstruktion zur einfacheren Handhabung darstellt und ontologisch gesehen obsolet erscheint – zwei zu betrachtende Basiselemente des menschlichen Daseins. Beide sollen in den nächsten Teilen der Serie genauer angeschaut werden und darauf aufbauend Aspekte des sorgfältigen und sorgsamen Umgangs damit beschrieben werden.

Als erstes wird dazu der Mensch als körperliches Wesen näher betrachtet.

 

*emergent bedeutet, dass ein Phänomen auf einer oberen Ebene eines Systems durch das Zusammenspiel der Elemente auf einer unteren Ebene des Systems sich herausbildet. Beim Gehirn kann dies grob so zusammengefasst werden, dass das Bewusstsein aus der Quantität von Neuronen und der Qualität ihrer Vernetzung entsteht. Es ist jedoch nicht auf der Ebene einzelner Neuronen (untere Ebene) selbst zu finden, sondern entsteht erst durch die immense Anzahl und das spezifische Zusammenspiel (Art der Verknüpfung).

**Als Substanzmonismus wird in der Philosophie die Position bezeichnet, dass der Mensch keine vom Körper unabhängige Seele hat, sondern ein rein materielles Wesen ist.

Sustine et abstine (6) – der Mensch (1)

Der rote Faden – Widersprüche, Ambivalenzen, Zerrissenheit und Vorläufigkeiten

Die Welt ist unübersichtlich, das Leben kompliziert geworden!  Der Wandel galoppiert! Was ist wahr, was fake? Solches und Ähnliches ist gerade in aller Munde.
Es mag sein, dass vieles früher einfacher erschien. Ob es dies tatsächlich auch war, bleibe dahingestellt.

Sicher ist hingegen, dass auf jeden Menschen in noch nie da gewesenem Masse Informationen prasseln sowie der Wandel hyperschnell geworden ist. Gerade durch die voranschreitende Vernetzung der ganzen Welt im Zuge der Digitalisierung existieren Wissen und Informationen aller Art nebeneinander und zugänglich für ungeahnt viele . Eine zentrale, universellen Geltungsanspruch erhebende Ordnungs- und Deutungsmacht gibt es nicht mehr. Der Bedeutungsverlust solcher universaler Welterklärungs- und Ordnungsansätze, wie sie etwa Kirchen oder Ideologien boten, hinterlässt eine Lücke. Generell scheinen des Weiteren Kollektive und Gemeinschaften je länger je weniger zur Verortung des einzelnen in der Welt beizutragen. Damit muss (soll und darf!) jeder und jede sich selber um die grossen Fragen kümmern. Freiheit kommt jedoch zu einem Preis: Dass dies mit Unsicherheiten, Ambivalenzen und Vorläufigkeiten verbunden ist, versteht sich vor dem Hintergrund der Vielschichtig- und Uneinheitlichkeit des Wissens sowie des Tempos der Zunahme von Kenntnissen und Innovationen von selber.
Auf Schwierigkeiten trifft man dann auch beim konkreten Handeln, hier dann meist in Form des Widerspruchs resp. der Inkohärenz: Dies erstens aufgrund der Beschaffenheit der Welt, die eben oft nicht in ein einfaches Schwarz-Weiss-Schema passt. Zweitens, da wir soziale Wesen sind, die sich all zu schnell mit Macht und Herrschaft verstricken, was nicht selten quer zu den hehren Idealen und Vorgaben, denen wir in der Theorie nachleben wollen, zu stehen kommt. Drittens entstehen Widersprüche und Inkohärenzen aufgrund unseres Daseins als Wesen mit einer biologischen und kulturellen Entwicklungsgeschichte. So werden wir sehen, dass Menschen weit weg von einem rein rational handelnden Wesen sind und angeborene affektive Programme, Emotionen oder Triebe unseren Vorsätzen all zu leicht in die Quere kommen. Auch unsere kulturgeschichtlichen Wurzeln widersprechen oft Gedanken zu Offenheit und Fairness.

Damit tritt der rote Faden der Serie hervor: Beim Abschreiten eines möglichen Weltbildes und einer sinnvollen Ausgestaltung des Lebens darin, wird der sinnvolle Umgang mit Ambivalenzen, inneren und äusseren Widersprüchen, Zerrissenheit sowie Vorläufigkeiten den Weg vorgeben, anhand dessen wir uns auf dem rutschigen Terrain der conditio humana bewegen werden.

Der erste konkrete Schritt dazu ist es, den Menschen näher unter die Lupe zu nehmen.

Sustine et abstine (5)

Critical Friends, Komplexitätsreduktion und Tunnelblick – ein ganz normaler Tagungstag

Wie so oft sitze ich im Publikum eines wissenschaftlichen Vortrags. Wie so oft wird gleich eine so genannte Nachwuchswissenschaftlerin ihre Arbeit vorstellen. Wie so oft wird sie mittels PowerPoint-Präsentation das zeigen, was die letzten fünf Jahre ihre ganze Schaffenskraft gebunden hat. Sie wird vom Produkt, dessen Schöpfung es ihr Wert war, durch wahrlich existenzielle Krisen zu gehen sowie auf alles Mögliche zu verzichten, berichten. Für das scheint sie mir jedoch verdächtig unemotional und distanziert dazustehen. Genau so spricht sie auch, als sie das Referat eröffnet.

Die Zuschauenden schauen ein bisschen im Raum herum, mustern die junge Frau von oben bis unten, verfallen danach aber umgehend wieder in ihre klassischen Muster: Der eine blättert in seiner Agenda, die andere schaut wieder auf ihren Laptopbildschirm und der Dritte kritzelt weiter Kreise auf das Handout. Zwei junge Männer in schlecht sitzenden Anzügen tuscheln.

Die Nachwuchswissenschaftlerin hat die obligate Einleitung abgespult und kommt nun zu ihrer Schöpfung: Einem Modell – „Mal wieder“, denke ich und „dimme“ meine Aufmerksamkeit etwas herunter.

Es geht wiederum um ein Modell zum menschlichen Handeln – das vierte nur schon heute morgen. Simpel scheint der Mechanismus zu sein, den sie da abbilden können will. Zeitgerecht natürlich alles computerbasiert, dynamisch und mathematisch hochkomplex.
Grundsätzlich interessant, klar, die junge Frau beginnt nun jedoch komplizierte Rechnungen und Detailannahmen vorzustellen, womit ich – und der Grossteil des Publikums – die Aufmerksamkeit weiter runterdimmen oder nun ganz bei den E-Mails auf dem Laptop oder der Menukarte für den Abend sind.

Das war es also: Diesen Details und dem Versuch, den Menschen in Parameter zu drücken, widmete sie ihre ganze Schaffenskraft der letzten Jahre. Der Unterfütterung des an sich simplen Modells eines auf den ersten Blick (mit ein Bisschen Menschenverstand) banal wirkenden Entscheidungsmechanismus’. Zum Glück scheint sie uns nur zwei Unterkonstruktionen hinter einem Parameter zumuten zu wollen und nicht die hundert anderen auch, die ich hinter dem Modell vermute, denn sie leitet so gleich zur obligaten Fragerunde über.

Wie auf Knopfdruck sind nun wieder alle wach. Insbesondere die mit anderen Dingen beschäftigten, grau melierten Herren in Anzügen wenden routiniert ihren Blick, der noch vor Sekunden hinter ihren Papieren oder Laptops war, zur Bühne und zerpflücken so mir nichts, dir nichts ein paar dieser Detailannahmen, denen sich die junge Frau jeweils monatelang widmete und deren formelhafte Darstellung ihr nicht nur ein paar Mal schlaflose Nächte bescherte.
Und – auch das geschieht an diesen Ritualen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit immer – eine der Eminenzen im Publikum muss gar noch (natürlich getarnt als harmlose Frage) alle Anwesenden wissen lassen, dass das Modell der Nachwuchswissenschaftlerin bereits von völlig veralteten Annahmen und Theorien ausgeht und dass sein Team bereits in Zusammenarbeit mit einem Big-Shot aus Übersee an einem viel besseren Modell arbeitet. Das provoziert wie immer den grossen Rivalen…

Lassen wir diese Critical Friends die junge Frau weiter mit für sie wichtigen Anregungen zur Verbesserung ihres Modells beschenken – sie wird sich schon wehren können gegen all diese verkappten Angriffe. Und diese ewigen Kämpfe des Markierens, dass man(n) nach wie vor auch noch zu dem Thema was zu sagen hat, sind nicht wirklich interessant, da sie an jeder beliebigen Tagung beobachtet werden können (als Modell können wir den sich auf die Brust trommelnden (männlichen) Affen beiziehen: Hier hilft Komplexitätsreduktion klar dem Verständnis). Ausserdem hat sich die Referentin freiwillig diesem Spiel gestellt, so dass sie mir nicht leid tut.

Ich selber kann eh nur noch mit einem Ohr zuhören, denn mich beschäftigt seit der fünften Minute des Vortrages eigentlich nur noch eines: Wie kann diese junge Frau zufrieden auf die letzten fünf Jahre zurückschauen, wenn sie nur gerade dieses Modell (auch wenn es komplizierte Formeln und hundert kleine durchdachte Annahmen darin verarbeitet hat) hervorgebracht hat? Stelle nur ich Irrelevanz fest? Das Modell bildet nur einen klitzekleinen, realitätsfernen, vom Kontext völlig isolierten, und zur Vereinfachung theoretisch bewusst völlig komplexitätsreduzierten, Ausschnitt ab, und meiner Intuition nach auch das eher schlecht als recht: Dies spüre ich als Zuhörer, der zwar nur am Rande eine Ahnung hat vom Spezialgebiet, doch weiss, dass das menschliche Verhalten nicht ganz so einfach funktioniert, wie es für das Modell angenommen werden musste: Das Modell wirkt wie eine Karikatur, es bleibt Retorte – auch wenn sie noch so viele theoretische Versatzstücke (in mathematische Formeln umgegossen) dahinter gelegt hat – je mehr so kompliziertes Zeugs, desto weiter schiebt sie die Realität weg, könnte ein Schelm denken. Es kommt mir etwas wie eine Kinderzeichnung vor, die versucht, drei Dimensionen ohne Perspektiventechnik aufs zweidimensionale Blatt zu bringen, denn die Versuche, alles Qualitative – was das menschliche Wahrnehmen, Bewerten und darauf aufbauende Handeln doch ausmacht? – abzubilden, bleiben schlicht und einfach holzschnittartig. Das müssen sie ein Stück weit sein, das ist mir klar, das gehört zu so Modellen, sie müssen den Grad der Komplexität reduzieren, aber eben nur zu einem gewissen Grad, wollen sie noch eine lebensweltliche Relevanz behalten (was die Frau klar in der Einleitung beanspruchte!).

Aber auch genereller gesehen ist mir unwohl bei dem Gehörten. Durch all die nötigen Komplexitätsreduktionen und Quantifizierungen von Qualitativem entfernte sich das Modell der Frau so sehr von der lebensweltlichen Realität und Qualität des Menschseins, vom  menschlichen Handeln sowie von der prinzipiellen Verstrickungen mit der Sprache, die so vieles unscharf und nicht quantifizierbar macht: Schön wäre es, noch den Homo Oeconomicus, dieses rationale Wesen, sowie einen unkritischen Umgang mit Sprache und Begriffen zu haben, wie sie das zu haben scheint. Doch das ist nun mal einfach weg. Damit stehen ihre Aussagen auf sehr losem Fundament.
Ich mag nicht mehr nachdenken, mir schwirrt der Kopf, es bleibt mir jedoch einfach ein Gefühl des Unbehagens, ob das sinnstiftend ist, was die gute Frau da in den letzten fünf Jahren machte.

Hoffentlich sieht sie das anders. Wir Menschen sind ja zum Glück alle verschieden, denn sonst tut sie mir nun plötzlich doch noch leid, auch wenn sie die Fragen und Angriffe der grau melierten Herren eigentlich schadlos pariert hat. Dennoch scheint sie mir nicht wirklich glücklich zu sein mit dem, was sie zeigen konnte – obwohl sie sich fünf Jahre damit abgemüht hatte. Ob sie doch ein komplexeres inneres Erleben hat, als das, was sie für ihr Modell für die Menschen zu Grunde gelegt hatte?