Archiv der Kategorie: sustine et abstine (Serie)

Die hier entstehende Serie trägt Wissen verschiedenster Art zusammen, um in einem ganzheitlichen Ansatz ein Weltbild zu zeichnen sowie darin die mögliche Ausgestaltung eines gelingenden Lebens als Mensch in einer von Ambivalenzen geprägten Zeit zu skizzieren. Die Texte bauen zwar grundsätzlich aufeinander auf, können aber auch einzeln gelesen werden.

Gelassen älter werden

Wie im letzten Beitrag aufgezeigt, gehört das Älterwerden zu den unabänderbaren Bedingungen des Daseins als Mensch. Von daher gilt es im Rahmen einer bewussten Lebensführung, sich damit aktiv auseinanderzusetzen und dadurch einen möglichst entspannten und gelassenen Umgang zu finden.

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In diesem Blogbeitrag werden Elemente präsentiert, die einen solchen sorgsamen und bewussten Umgang mit dem Älterwerden fördern können.

Die Leistungs- und Gedächtnisfähigkeit des Gehirns nehmen bereits ab Mitte 20 ab. Doch das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter formbar (Neuroplastizität). Dies geschieht jedoch nur, wenn es auch gefordert wird. Ganz im Sinne von „use it or loose it“ sollte das Gehirn, gleich wie ein Muskel, trainiert werden. Somit gilt es, bis ins hohe Alter hinein, Neues zu Lernen (lebenslanges Lernen).

Sich auf Neues einzulassen hilft des Weiteren, die Neugierde zu kultivieren. Das wiederum führt dazu, dass man bis ins hohe Alter offen bleibt und von Dingen erfährt, die einem in Staunen versetzen, was einer Verbitterung oder einem Rückzug in ein Leben in der Vergangenheit (Leben in den Erinnerungen) entgegenwirkt.

Wichtig ist selbstredend die Beziehungspflege. Wird mit zunehmendem Alter der räumliche Aktionsradius immer kleiner, bleiben durch Beziehungen Türen zur Welt offen. Konkret hilft es, eine Wärme des Herzens auszustrahlen, gut und aktiv zuzuhören, nachsichtig – und im materiellen Sinne, falls man sich das leisten kann, grosszügig – mit jüngeren Generationen zu sein, um die Beziehungen bis ins sehr hohe Alter am Leben zu erhalten.

Nicht nur mit anderen und dem Weltlauf empfiehlt sich mit zunehmendem Alter Nachsicht, sondern auch gegenüber sich selber. Ohne dies ist die Gefahr der Verbitterung durch die immer weniger werdenden Optionen und Möglichkeiten zu gross. Älter werden bedeutet ja auch, Abschied zu nehmen. Dies sollte man bewusst und kontinuierlich machen, um nicht in grössere, alles in Frage stellende Krisen zu geraten.

Dasselbe gilt für den Umgang mit dem Tod und dem Prozess des Sterbens. Dass dies unheimliche, gar angsteinflössende Themen sind, ist klar. Dennoch ist es wenig hilfreich – was wir als Gesellschaft jedoch immer mehr tun – diese Themen von unserem Leben fern zu halten. Sinnvoller ist wahrzunehmen, dass diese Dinge zum Leben dazugehören und man sich darauf vorbereiten kann. Dies durch das Üben, lieb gewonnene Aktivitäten und Gewohnheiten loszulassen, mehr im Geiste als im verfallenden Körper zu leben, oder Krankheiten als Vorstufen des Sterbens zu akzeptieren. Dadurch „übt“ man ausserdem das Sterben, so dass es am Ende einfacher und weniger angstbeladen ist, wenn man definitiv von diesem Leben lassen muss.
Die Angst vor dem Sterben wird des Weiteren kleiner, wenn man den Tod bereits aktiv im Leben eingebaut hatte. So hilft es, wenn man bei Angehörigen oder Haustieren den Prozess des Sterbens bereits miterlebt hat und der Tod so einen Platz im Leben hatte und nicht ein all zu grosses Mysterium bleibt.

Wie bereits im Text zum Freiheitsdilemma erörtert, gilt es im Leben immer wieder Standortbestimmungen zu machen. Dies trifft besonders für das letzte Lebensdrittel zu. Einerseits zeigt einem das fortschreitende Alter dann auf, dass man nun den grossen Teil der zur Verfügung stehenden Lebenszeit hinter sich hat. Die Optionen, die man noch realisieren kann, werden ab der Lebensmitte klar weniger, so dass Zeit wertvoller erscheint und bewusster erlebt werden sollte. Andererseits erhält man durch die Möglichkeit des Daseins als Rentner und Rentnerin aber auch ungeahnt viel Zeit und Raum. Dass dies nicht einfach ist und man neu mit der Zeit umzugehen lernen muss, beweisen viele Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Übergang ins Rentnerdasein haben. Dass es vor diesem Hintergrund sinnvoll ist, Bilanz zu ziehen und ab und zu eine Standortbestimmung zu machen, was man noch will, welche Beziehungen und Tätigkeiten weitergeführt werden sollen und welche nicht mehr, drängt sich förmlich auf.

Im Rahmen solcher Standortbestimmungen lohnt es sich, sich frühzeitig Gedanken über konkrete Lebensarrangements zu machen. Wie will ich im Alter wohnen? Was wünsche ich mir, wenn ich zum Pflegefall werden sollte? Was mute ich mir in Sachen lebenserhaltende Massnahmen zu? Sollte ich einer Sterbehilfeorganisation beitreten, um mir am Ende Autonomie und einen gewissen Handlungsspielraum offen zu erhalten? Habe ich alles geregelt, damit mit meinen Hinterlassenschaften materieller und immaterieller Art das geschieht, was ich mir wünsche?* Sind solche und ähnliche Fragen früh und klar geregelt, wird man gelassener im Umgang mit seiner eigenen Sterblichkeit und man gerät nicht in Zugzwang und Abhängigkeiten, sollte etwas Unvorhergesehenes einem den Handlungsspielraum nehmen. Und am Ende ist es einfacher, los zu lassen, wenn man weiss, dass alles geregelt ist.

Allgemein empfiehlt es sich, dankbar zu sein für das was man noch kann und hat. Dies sollte man sich bewusst vor Augen führen und regelmässig machen. Dazu eignen sich kleine Rituale des Innehaltens, z.B. jeden Abend vor dem Einschlafen. Dazu gehört auch das bewusste Wahrnehmen, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr muss, sondern kann. Dies fängt jedoch nicht erst im Alter an, sondern ist ein laufender Prozess. So ist es nach der Pubertät schon mal sehr befreiend, zu erleben, dass man sich nicht immer nur beweisen muss, dass man dauernd imponieren muss, da man doch gar nicht so wichtig ist und nicht ständig alle auf einem schauen. Oder später, in mittleren Jahren, wenn man merkt, dass man nicht mehr überall dabei sein muss, sondern eigentlich nicht viel verpasst, wenn man mal von was fern bleibt oder man eher mehr Respekt erntet, wenn man deutlich nein sagt, anstatt alles zu tun (wer bewusst mit seiner Zeit umzugehen weiss und dies kommunizieren kann, erhält paradoxerweise auf Dauer mehr Respekt als die zwar im Augenblick beliebten Ja-Sager). Und eben, dann im Alter, dann muss man immer weniger, doch geniessen kann man immer noch vieles!

Dass der Körper im Laufe des Lebens schwächer wird, sollte man akzeptieren. Dennoch kann er bis ins hohe Alter noch erstaunliche Leistungen erbringen. Dies zu spüren und sich altersgemäss körperlich fit zu halten durch die Gewohnheit der körperlichen Übungen kann die Lebensqualität stark erhöhen und den Zerfall aufhalten. Selbstredend gilt es hier, wie bei so Vielem im Leben, Balance zu halten: Weder Verbissenheit noch Faulheit sind zielführend.

Schlussendlich bleibt der Prozess des Älterwerdens aber schwierig. Es ist klar, dass der bewusste Umgang damit auch in Krisen führt. Für diese sollte man sich vor dem Eintreten wappnen. Es empfiehlt sich, vorher einen Werkzeugkasten zusammenzustellen, den  man dann in der Krise nutzen kann. Durch die darin befindlichen Techniken erträgt man die Krise besser und erduldet sie, da man weiss, dass sie auch Chancen bieten kann. Auch hilft es, zu wissen, dass man Krisen eher passiv durchschreiten sollte, um danach wichtige Entscheide zu treffen, um eine nächste Krise zu vermeiden. Dies hindert einem daran, in der Krise unüberlegte und übereilte Weichenstellungen vorzunehmen. Was ein solcher Werkzeugkasten beinhalten könnte, wird später Thema das Blogs sein.

Nach der Auseinandersetzung mit dem Älterwerden, widmet sich die Serie nun einem besonders vitalen Thema, dem Umgang mit allerlei Verlockungen – es wird besonders spannend!

 

* Konkret ist es sinnvoll eine Patientenverfügung, ein Testament und einen Vorsorgeauftrag verfasst zu haben. Modelle für das Verfassen sind mittels Suchmaschinen im Netz verfügbar.

Sustine et abstine (11) – der Mensch (6)

 

Der Körper als Indikator der Vergänglichkeit

Die Zeit schwindet dahin,
und wir altern durch unmerkliche Jahre,
und die Tage fliehen,
da keine Zügel ihnen Einhalt gebieten.
Ovid

Eine weitere Komponente des an einen Körper gebundenen Daseins als Mensch ist, dass der Körper uns fortwährend die Endlichkeit der eigenen Existenz vor Augen führt. Sei es, dass es mit zunehmendem Alter nach körperlichen Anstrengungen immer länger geht, bis mensch sich erholt hat, oder sei es, dass um Dreissig die ersten grauen Haare auftreten. Bereits ab Mitte 20 beginnt dieser unvermeidbare Prozess.

Da sich dies nicht ändern lässt, nützt es nichts, sich dagegen zu stemmen oder den falschen Hoffnungen der Kosmetikindustrie aufzusitzen, die es geschickt weiss, die Ängste vor dem Altern zu bewirtschaften: Altern gilt es so gut als möglich gelassen zu akzeptieren. Dass dies aufgrund des verbreiteten Jugendwahns immer wieder eine Herausforderung ist, versteht sich von selber.

Aber auch die gegenteilige Extrem-Reaktion, das sich in jeder Hinsicht Gehen-Lassen, da es vor der Vergänglichkeit eh nur einer Sisyphusarbeit gleichkommt, den Körper weiter zu fordern oder das Gedächtnis und die Neugierde zu trainieren, ist nicht ratsam.

Es gilt, wie bei so vielen in diesem Blog angesprochenen Themen, die Balance zu finden: Weder übertriebenes sich Sorgen, Schonen, Pflegen und Hegen des Körpers und Geistes, noch das Handtuch voreilig hinzuwerfen, sind kluge Ratgeber für ein zufriedenes Dasein.

Dem bewussten und gelassenen Umgang mit dem Älterwerden ist der nächste Blogbeitrag gewidmet. Bevor es konkret wird, soll hier ein Vorteil des sichtbaren und unabwendbaren Alterns betont werden: Dass wir alle kontinuierlich am Altern sind,  zeigt nämlich auch auf, dass das Leben bewusst gelebt werden sollte. Die Einmaligkeit des Lebens winkt einem jeden Menschen durch den Indikator des Zerfalls des Körpers sprichwörtlich vom Spiegel zurück. Es gibt kein Zurück und der Tod wartet hinter jeder Ecke, so dass es, je älter man wird, um so wichtiger wird, seine Bedürfnisse zu kennen, und das Leben so einzurichten, dass die einem wichtig erscheinenden Bedürfnisse möglichst gut befriedigt werden können und andererseits keine Energie und Zeit für unabänderbare Dinge aufzuwenden.

Lebenszeit ist das kostbarste Gut, das wir haben. Daher ist es klug, bewusst damit umzugehen sowie wohlüberlegt zu wählen, für was wir wie viel davon einsetzen wollen. Dass dies nicht einfach ist und zu Widersprüchen führen kann, wurde bereits unter das Freiheitsdilemma erörtert und wird an anderer Stelle noch vertiefter zu behandeln sein. Vorerst wollen wir uns nun konkret mit dem Umgang des Älterwerdens auseinandersetzen.

Sustine et abstine (10) – der Mensch (5)

Innere und äussere Rhythmen

Glückselig also ist ein Leben,
welches mit seiner Natur im Einklang steht.
Seneca

Menschen sind nach wie vor biologische Wesen. Mögen sie sich noch so weit in geistige Höhen versteigen oder hinter Technik verbergen. Dies zeigt sich auch darin, dass Menschen gewissen Rhythmen und Zyklen unterworfen sind (z.B. Schlaf- und Verdauungsrhythmus, Hormonspiegelrhythmen, Menstruationszyklus).

Die so genannten Biorhythmen – im Volksmund innere Uhren genannt – sind Millionen Jahre alt und lassen sich nicht austricksen. Sie sind bereits in den Genen festgelegt und unser Körper verfügt über eine Vielzahl solcher innerer Taktgeber. Diese haben Auswirkungen auf unsere Wachheit, Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, Gesundheit sowie Stimmung.

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Die inneren Uhren werden hauptsächlich durch das Sonnenlicht gesteuert. Sich von dieser äusseren Gegebenheit so weit zu entfremden, dass man keine Synchronisation mit dem sich jahreszeitlich sich verändernden Tagessonnengang mehr hat, führt zu vielen gesundheitlichen Problemen.

Aber auch in Bezug auf weitere Bedürfnisse des Menschen ist es nicht ideal, sich vor allem in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Zum Beispiel das Wettergeschehen nur noch als ein Ärgernis auf dem Weg von A nach B wahrzunehmen, anstatt ein aktiv zu erlebendes, faszinierendes Geschehen, das beim Draussensein vielfältige Sinneseindrücke generiert, ist nicht förderlich für ein befriedigendes menschliches Dasein: Die Welt, in die wir geworfen und in der wir evolutionär entstanden sind (und an die wir damit angepasst sind), ist nur erfahrbar durch direkte Sinneswahrnehmungen – dafür muss man sich diesen auch aussetzen. Ein Foto oder ein Bild auf einem Bildschirm kann dies niemals ersetzen.

Ausserdem braucht unser Körper diese Reizexponierung, um die eingangs erwähnten Rhythmen stabil zu halten. Die Liste der gesundheitlichen Risiken von Schichtarbeit oder ständiges Arbeiten in Räumen ohne Tageslicht ist eindrücklich. In der Fachliteratur wird gar davon gesprochen, dass solche Daseinsformen das Leben verkürzen können.

Wie im Beitrag zum Thema Bewegung aufgezeigt, ist tägliches Draussensein, sowohl für den Körper wie den Geist nötig. Dies nicht nur aus gesundheitlicher Sicht, denn den Wechsel der Jahreszeiten und seine Auswirkungen auf Flora und Fauna zu erleben, trainiert die Beobachtungsgabe, die Verbundenheit mit der Lebensumgebung sowie die Achtsamkeit für kleine Dinge. Das bewusste Miterleben des dynamischen – manchmal gar dramatischen – Wettergeschehen oder die Beobachtung des kosmischen Balletts am Nachthimmel bieten ausserdem basale existenzielle Erfahrungen und ermöglichen Momente, in denen man sich mit etwas Grösserem verbunden fühlt. Dies fördert die Zufriedenheit, Demut und Dankbarkeit oder einfach nur das Staunen (siehe dazu auch Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem). Wie viele kleine Problemchen, mit denen man sich gerade rumschlägt, wirken vor dem Hintergrund eines aufziehenden Gewitters oder dem Sternenhimmel plötzlich viel kleiner? Uff, ich bin ja gar nicht das Zentrum des Universums. Dies und Ähnliches sich regelmässig bewusst zu machen, hilft, einen gesunden Abstand von den Kämpfen um Macht, Ansehen und Anerkennung zu gewinnen und diese richtig im grösseren Kontext einzuordnen – mensch muss ab und zu raus aus dem Labyrinth aus Wänden, Mails, Bildschirmen und Status.

The movers move, the shakers shake,
the winners write their history
But from high on the high hills
it all looks like nothing
New Model Army

Und mensch kehrt ausserdem gar gestärkt zurück in diese teils unvermeidbaren Kämpfe des Alltags. Temporäres Abstandnehmen hilft jedoch, sich nicht zu versteift in den Kampf zu begeben und den Kampf als Kampf zu schätzen, und nicht nur wegen des Sieges wegen zu kämpfen, da dieser oft relativ oder vergänglich ist. Das Siegen und die Suche nach Anerkennung werden des Weiteren schnell zur Sucht, so dass nur noch immer grössere Siege, mehr Anerkennung und Status nötig sind und leider das Errungene immer weniger lange befriedigt und dadurch eine verheerende Spirale in Gang kommt – aber dies sind dann Themen für einen weiteren Blogeintrag. Kehren wir an dieser Stelle wieder zum Ausgangsthema das Beitrages zurück, zum Körper und seinen Rhythmen.

Einer der fundamentalsten dieser Rhythmen ist der wach-schlaf-Zustand. Mit diesem sollte man besonders bewusst umgehen: Um die im letzten Abschnitt beschriebenen Dinge wahrnehmen, das heisst, wirklich erleben zu können, braucht es Wachheit und Präsenz im Moment: Nur genug erholt, ist genug Achtsamkeit da, um die Sinne genügend offen zu haben und sich auf diese elementaren und existentiellen Erfahrungen einzulassen. Von daher sollte man nicht nur nach Anspannung die Ruhe in der Natur suchen (Erholung), sondern das auch bewusst mal machen, wenn man nicht müde ist. Dies heisst für Berufstätige mit Bürozeiten auch bewusst tagsüber und nicht nur abends, abgeschlagen von der Arbeit, rauszugehen. Dies hilft, wie eingangs erwähnt, auch, um die innere Uhr mit dem Tagesgang der Sonne synchron zu halten, was sich dann auch auf einen gesunden Schlaf auswirkt. Es braucht aber manchmal Überwindung, gerade bei schlechtem Wetter. Gemäss den inneren und äusseren Rhythmen zu leben, ist damit auch eine Frage von Selbstdisziplin und Aufbau von Gewohnheiten.

Neben den hier beschriebenen zyklischen Rhythmen, ist das menschliche Leben als Ganzes gesehen auch von einer linearen Zeitachse geprägt: Wir alle haben einen Weg von jung zu alt zu gehen. Schlussendlich sind wir alle endlich und unser Dasein ist zeitlich befristet. Was dies für die Lebensführung bedeutet und wie damit einigermassen gelassen umgegangen werden kann, davon handeln die nächsten Blogbeiträge.

Sustine et abstine (9) – der Mensch (4)

Mensch ist, was er isst

Der menschliche Köper gewinnt Energie durch den chemischen Umbau von Molekülen aus der Nahrung.  Aber nicht nur das: Unser Köper wird im wahrsten Sinne des Wortes auch zu dem, was in der Nahrung steckt, denn einerseits speichern wir das, was nicht durch „Veratmung“ – irreführend oft auch als “ Verbrennung“ bezeichnet – in Energie umgewandelt wird, im Körper selber ab (Leber, Fettpölsterchen). Andererseits wechseln wir im Laufe des Lebens mehrmals jede einzelne Zelle in unserem Körper aus und ersetzen diese neu durch Bausteine, die der Körper aus der Nahrung gewinnen muss.

Ausserdem haben einige Stoffe, die durch die Verdauung in den Blutkreislauf gelangen, direkte und indirekte Auswirkungen auf den Hormonhaushalt und dadurch auch auf die Gehirnchemie (siehe dazu Kleine Freuden des Alltags).

Dass wir bewusst überlegen sollten, was wir in unseren Körper einbringen und was nur wenig oder besser gar nicht, ist vor diesem Hintergrund offensichtlich.

Und auch hier gilt es, wie wir schon bei der Bewegung sahen, Gewohnheiten zu schaffen. Denn erst diese machen es leicht, bei den Grundsätzen einer gesunden Ernährung zu bleiben. Dass dies sonst schwierig ist, kennt jede und jeder: Unser Gehirn arbeitet nicht selten gegen unser Wissen und die hehren Vorsätze. Dies, da es in einer Zeit entstanden ist (mehr dazu hier), als wir selten auf energiereiche Nahrung stiessen (z.B. reife Früchte). Geschah dies zufällig mal, feuerte das Hirn ein Feuerwerk von Belohnungshormonen (vor allem Dopamin) ab und signalisierte uns, dass wir nun über Gebühr zuschlagen sollen – wer weiss, wann es wieder eine solche Gelegenheit geben wird.
Heute gibt es jedoch an jedem Kiosk zig solche Gelegenheiten. Unser evolutionär gesehen altes Gehirn regt uns daher quasi dauernd an, die Gelegenheit zu nutzen und über den Hunger hinaus zuzuschlagen. Die Resultate davon sind bekannt (z.B. Übergewicht oder Diabetes).

Zu einer bewussten Lebensführung gehört die Kenntnis solcher Vorgänge im Körper und insbesondere dem Hirn und darauf aufbauend ein bewusstes Einüben des Umganges damit. Für den einen heisst dies, sich asketisch ganz von Nahrungs- und Genussmitteln fern zu halten, die der Gesundheit abträglich sind, während andere die Menge oder Häufigkeit des Konsums bewusst dosieren. Dass weniger dann gar zu mehr Genuss führen kann, wurde unter Antwort auf die Frage der Woche „Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht?“ näher erörtert.*

Bewusst steht im oberen Abschnitt das Wort Einüben, denn es gehört auch zum Menschsein dazu, ab und zu nachsichtig mit sich selber zu sein und es mit der Strenge nicht zu übertreiben und dann zu schmunzeln, wenn uns unser altes Hirn mal wieder überlistet hat und wir uns der Völlerei hingegeben haben. Wird dies nicht gerade zu einem Habitus und wir finden wieder zurück zum Üben (oder zur bereits etablierten Gewohnheit der wohlüberlegten Dosierung), ist das doch nur allzumenschlich und nicht weiter schlimm – nichts im Übermass gilt auch für die Strenge mit sich selber!

Dass ein bewusster Umgang und eine wohlüberlegte Wahl der Lebens- und Genussmittel nicht nur aufgrund der Sorge um sich selbst wichtig ist, sondern auch aus einer breiteren, das Individuum übersteigenden Perspektive, die später in dieser Serie erörtert wird, relevant ist, kann hier, wo es vorerst um das Individuum geht, nur angedeutet werden. Vorweggenommen werden kann hier schon mal, dass es sich zeigen wird, dass sich ein Entscheid für eine gesunde Ernährungsweise – z.B. biologische Lebensmittel aus der Region oder der Verzicht (oder zumindest das starke Einschränken) des Konsums von Fleisch und weiteren tierischen Nahrungsmitteln  – sich dann gut decken wird, mit gesamtgesellschaftlichen und ökologischen Prinzipien einer guten Lebensführung.

Vorerst bleiben wir jedoch noch beim Menschen als Individuum und schauen uns als nächstes an, was es in Hinblick auf ein an einen Körper gebundenes Dasein weiter zu beachten gilt.

 

 

 

*Für mich ganz persönlich hat sich z.B. im Umgang mit Süssem (Nahrungsmittel mit viel raffiniertem Zuckern (hoher glykämischer Index)) ein Jokersystem bewährt: Jeden Monat gebe ich mir selber vier Jokertage. Diese setze ich dann zu besonderen Gelegenheiten (z.B. Feste), als Belohnung für besondere Leistungen oder als Trost in schwierigen Momenten ein. An diesen Tagen gibt es dann Süsses nach Lust und Laune, an den übrigen Tagen jedoch gar nichts. Dieses System lässt Genuss – gar ab und zu mal regelrechte Völlerei – zu, es beschränkt jedoch die Gefahr des sich Gewöhnens oder gar süchtig zu werden. Ausserdem steigert es den Genuss, da etwas Seltenes bewusster wahrgenommen wird und wertvoller erscheint, als hätte man es täglich. Und nicht zuletzt lernt man sich selber besser kennen, wenn man bewusster in sich hinein hört, um zu entscheiden, ob es sich nun lohnt, einen der Joker einzusetzen (echtes Bedürfnis?) oder es nur ein vorübergehendes Gelüste nach Süssem ist, das bald vorbeigehen wird und man eigentlich wenig davon hätte, nun nachzugeben.

Sustine et abstine (8) – der Mensch (3)

Mensch als körperlich aktives Wesen

IMG_4130.jpgWie im letzten Beitrag gezeigt, bedeutet Menschsein an einen Körper gebunden zu sein. Dieser Körper ist mit Sinnesorganen ausgestattet. Die Mitwelt wird über diese Sinnesorgane wahrgenommen. Diese Sinnesorgane haben sich im Zuge der Evolution in Wechselwirkung mit dem unmittelbaren Lebensraum über sehr lange Zeithorizonte herausgebildet. Dies trifft auch auf weitere körperliche Merkmale des Menschen zu.

Die Lebensbedingungen haben sich in den letzten Jahrhunderten jedoch schlagartig verändert, während sie vorher lange ähnlich waren. Dem muss bei der konkreten Ausgestaltung des Lebens Rechnung getragen werden.

Dies fängt bei der trivialen Beobachtung an, dass wir Menschen anfangs das 21. Jahrhunderts viel in geschlossenen Räumen und darin meist sitzend uns aufhalten. Im Verhältnis zu unserer Entwicklungsgeschichte leben wir erst seit ganz kurzer Zeit in Büros und gut abgeschlossenen Häusern: Unser Körper hat sich hingegen in einem vor allem draussen stattfindenden Dasein entwickelt. Er  ist auf das Marschieren ausgerichtet. Unsere Sinnesorgane entwickelten sich im Laufe von vielen Jahrtausenden in einem Leben mit vielen Beobachtungen in und der Natur. So ist bspw. das Auge vor allem um in die Weite zu schauen ausgerichtet und nicht ideal dafür, die ganze Zeit Naharbeit zu leisten .* Oder unser Stoffwechsel ist auf Sonnenlicht angewiesen (z.B. Vitamin D3-Produktion ohne Sonnenlicht unmöglich).

Zivilisationskrankheiten sowie weit verbreitete Kopf- oder Rückenschmerzen zeigen auf, dass die bei vielen Menschen unserer Zeit vorwiegend das Leben prägenden sitzenden Tätigkeiten drinnen der Gesundheit abträglich sind. Ein dem Körper und seiner Gesunderhaltung gerecht werdende Lebensführung muss zwingend durch Bewegung draussen ergänzt werden.

Des Weiteren hat Bewegung an und für sich einen erheblichen Effekt auf die Gehirnchemie und damit auf unser ganzes Ich, das, wie an anderer Stelle gezeigt, ja „nichts als Chemie“ ist.

Bewegung und Sport sollen jedoch auch Selbstzweck sein und nicht nur ein Mittel zum Zwecke der Gesunderhaltung. Dies sollte jedoch nicht in ein verbissenes (Konkurrenz)Denken führen, was oft beobachtet werden kann: Leistungssteigerungen oder Wettkämpfe sollen nur zur Motivation, Quelle von Selbstvertrauen und als Ansporn, Bewegungsstunden durchs ganze Jahr bei jedem Wetter durchzuziehen, da sein. Ausserdem können spielerische Wettbewerbe zur Befriedigung des Spieltriebes dienen und gemeinschaftliche Erlebnisse ermöglichen.

Des Weiteren führt Bewegung – dafür sind gerade die Ausdauersportarten besonders geeignet – zu innerer Ruhe, ist beste Entspannung per se und auch danach hält dieser Effekt noch an, da Entspannung und Schlaf nie so gut sind, wie nach körperlicher Leistungserbringung. Bekannt ist, dass es kaum ein besseres Mittel gibt, um Stresshormone abzubauen, als Bewegung. Dies gilt auch für Verstimmungen des Gemütes (Melancholie).

Für eine sinnvolle Balance zwischen Spannung und Entspannung – der wir hier ein erstes Mal via Körper begegnen – plädierten bereits die alten Griechen. Dies vor dem Hintergrund ihres Wissens, dass dieses Prinzip die Grundlage eines jeglichen wachsenden Daseins darstellt.** Dass es dazu der regelmässigen Übung bedarf, die im Idealfall zur Gewohnheit wird, kann auf alle Lebensbereiche übertragen werden.

Wie oben bereits angedeutet, ist Bewegung, Sport und der gegen die Gefahren des Lebens so gut als möglich gestärkte Körper auch eine Quelle des Selbstvertrauens und damit der Selbstliebe. Der bewusste Umgang und die Sorge um den Körper ist bereits in der Antike ein entscheidender Bestandteil einer jeglichen ethischen Lebensführung gewesen: Sich in körperlichen Dingen gehen zu lassen, entsprach schon damals nicht dem Ideal eines ganzheitlich sich um sich und sein Selbst sich kümmerndes Dasein.

Diesem Ideal, des sich um sich selbst sorgenden und kümmernden Individuums, das das Leben als zu gestaltendes anstatt nur abzuspulendes Dasein wahrnimmt, stellen sich, hier erstmals ausgehend vom Körper, jedoch besonders in der modernen Welt viele Fallen und Stolpersteine. Sein evolutionär geprägter Körper, insbesondere Mechanismen im Gehirn, sprechen all zu leicht auf verschiedenste Verlockungen und Belohnungen an, die einem guten Leben und Selbstermächtigung auf Dauer abträglich sind. Diesen Mechanismen waren bereits zwei Blogbeiträge (siehe hier und hier) gewidmet und sie werden später in der Serie vertieft thematisiert werden. Hier bleiben wir erstmals noch beim Körper (hier klicken für nächsten Teil der Serie).

*Unser Augapfel wird zum Fokussieren von Dingen in der Nähe von einem Muskel auf brachiale Art schlicht und einfach zusammengedrückt. Dass solches Anspannen von Muskeln und Druckausüben auf den Augapfel, wie es bspw. beim langen auf einen Computerbildschirm oder Handy Schauen nötig ist, keinen Mechanismus darstellt, den wir als ununterbrochen betätigen sollten, leuchtet wohl ohne weitere Erklärungen ein.

**Dies entspricht auch der modernen Trainingslehre im Sport. Auch da ermöglicht erst die Entspannung und Erholung die so genannte Superkompensation, ohne die Training nicht zu einer Leistungssteigerung führen kann: Der trainierende Mensch setzt einen Reiz, der den Körper zuerst einmal schwächt. Dieser reagiert darauf mit einer Anpassung, um beim nächsten solchen Reiz besser gewappnet zu sein. Das kann er erst in Ruhe, bei der Erholung tun. Durch die Erholung nach der Belastung wird er also „besser“ – Trainieren ist nichts anderes als diesen Mechanismus gezielt zu betätigen.

Sustine et abstine (7) – der Mensch (2)

Mensch als Einheit – Körper und Geist

Die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Philosophie des Geistes legen nahe, dass der Leib-Seele Dualismus ad acta gelegt werden sollte: Je mehr wir über die Funktionsweise des Gehirns wissen, je deutlicher wird, dass die Basis von allem, was den Menschen ausmacht, im Körper selbst seinen Ursprung hat. Der Geist scheint nichts anderes als eine emergente* Eigenschaft des neuronalen Netzwerkes namens Gehirn zu sein. Keine zusätzliche Substanz von ausserhalb scheint nötig zu sein, um das Selbstbewusstsein in Gange zu setzen. Das Gehirn spielt uns dahingehend ein Theater vor – wir sind höchstwahrscheinlich tatsächlich nichts als unsere (Gehirn-)Chemie.

Diese Haltung klingt gegenüber den Denk- und Glaubenstraditionen, die von ewiger Seele, Geist als eigenständiger Substanz oder Ähnlichem reden, auf den ersten Blick abwertend. Dies ist es aber ganz und gar nicht. So kommt es nahezu einem Wunder gleich, was alles zusammenspielen musste, damit ein Wesen entstehen konnte, das Selbstwahrnehmung hat und über sich und den Kosmos nachdenken kann. Des Weiteren ist schon nur die schiere Komplexität des neuronalen Netzwerkes ein jedes menschlichen Gehirns unglaublich.

Auch wenn der Dualismus von Leib und Seele also als überholt angesehen werden kann, ist es für den Entwurf von ethischen Lebensleitlinien und für das Erfassen, was es heisst, ein Mensch zu sein, dennoch sinnvoll, von Geist und Körper getrennt zu reden. Einerseits aus methodischer Sicht, denn eine getrennte Betrachtung der beiden Themenbereiche vereinfacht die Herangehensweise. Andererseits ist in der Alltagssprache und in überlieferten Denk-, Wahrnehmungs- und Glaubenstraditionen diese Unterscheidung nach wie vor dominierend, so dass sonst an vielem davon nicht angeknüpft werden könnte.

Der Substanzmonismus** betont, dass der Körper, als alleiniger Träger und Hervorbringer des Geistes, letztlich die Basis des Bewusstseins ist. Somit ist gerade ihm in einer Individualethik genügend Raum zu widmen. Anders ist ein ganzheitliches Menschenbild nicht vertretbar. Dies muss betont sein, denn sowohl in der christlichen wie der philosophischen Denktradition wurde dies all zu oft missachtet. So wurde der physische Körper gegenüber dem Geist über viele Jahrhunderte stiefmütterlich – oder gar aus einer Perspektive der Verachtung heraus – behandelt. Heute scheint eine solche Flucht in eine rein „geistige Welt“ nicht mehr sinnvoll zu sein.

Geist und Körper bilden also – auch wenn der Dualismus hier nur eine Hilfskonstruktion zur einfacheren Handhabung darstellt und ontologisch gesehen obsolet erscheint – zwei zu betrachtende Basiselemente des menschlichen Daseins. Beide sollen in den nächsten Teilen der Serie genauer angeschaut werden und darauf aufbauend Aspekte des sorgfältigen und sorgsamen Umgangs damit beschrieben werden.

Als erstes wird dazu der Mensch als körperliches Wesen näher betrachtet.

 

*emergent bedeutet, dass ein Phänomen auf einer oberen Ebene eines Systems durch das Zusammenspiel der Elemente auf einer unteren Ebene des Systems sich herausbildet. Beim Gehirn kann dies grob so zusammengefasst werden, dass das Bewusstsein aus der Quantität von Neuronen und der Qualität ihrer Vernetzung entsteht. Es ist jedoch nicht auf der Ebene einzelner Neuronen (untere Ebene) selbst zu finden, sondern entsteht erst durch die immense Anzahl und das spezifische Zusammenspiel (Art der Verknüpfung).

**Als Substanzmonismus wird in der Philosophie die Position bezeichnet, dass der Mensch keine vom Körper unabhängige Seele hat, sondern ein rein materielles Wesen ist.

Sustine et abstine (6) – der Mensch (1)

Der rote Faden – Widersprüche, Ambivalenzen, Zerrissenheit und Vorläufigkeiten

Die Welt ist unübersichtlich, das Leben kompliziert geworden!  Der Wandel galoppiert! Was ist wahr, was fake? Solches und Ähnliches ist gerade in aller Munde.
Es mag sein, dass vieles früher einfacher erschien. Ob es dies tatsächlich auch war, bleibe dahingestellt.

Sicher ist hingegen, dass auf jeden Menschen in noch nie da gewesenem Masse Informationen prasseln sowie der Wandel hyperschnell geworden ist. Gerade durch die voranschreitende Vernetzung der ganzen Welt im Zuge der Digitalisierung existieren Wissen und Informationen aller Art nebeneinander und zugänglich für ungeahnt viele . Eine zentrale, universellen Geltungsanspruch erhebende Ordnungs- und Deutungsmacht gibt es nicht mehr. Der Bedeutungsverlust solcher universaler Welterklärungs- und Ordnungsansätze, wie sie etwa Kirchen oder Ideologien boten, hinterlässt eine Lücke. Generell scheinen des Weiteren Kollektive und Gemeinschaften je länger je weniger zur Verortung des einzelnen in der Welt beizutragen. Damit muss (soll und darf!) jeder und jede sich selber um die grossen Fragen kümmern. Freiheit kommt jedoch zu einem Preis: Dass dies mit Unsicherheiten, Ambivalenzen und Vorläufigkeiten verbunden ist, versteht sich vor dem Hintergrund der Vielschichtig- und Uneinheitlichkeit des Wissens sowie des Tempos der Zunahme von Kenntnissen und Innovationen von selber.
Auf Schwierigkeiten trifft man dann auch beim konkreten Handeln, hier dann meist in Form des Widerspruchs resp. der Inkohärenz: Dies erstens aufgrund der Beschaffenheit der Welt, die eben oft nicht in ein einfaches Schwarz-Weiss-Schema passt. Zweitens, da wir soziale Wesen sind, die sich all zu schnell mit Macht und Herrschaft verstricken, was nicht selten quer zu den hehren Idealen und Vorgaben, denen wir in der Theorie nachleben wollen, zu stehen kommt. Drittens entstehen Widersprüche und Inkohärenzen aufgrund unseres Daseins als Wesen mit einer biologischen und kulturellen Entwicklungsgeschichte. So werden wir sehen, dass Menschen weit weg von einem rein rational handelnden Wesen sind und angeborene affektive Programme, Emotionen oder Triebe unseren Vorsätzen all zu leicht in die Quere kommen. Auch unsere kulturgeschichtlichen Wurzeln widersprechen oft Gedanken zu Offenheit und Fairness.

Damit tritt der rote Faden der Serie hervor: Beim Abschreiten eines möglichen Weltbildes und einer sinnvollen Ausgestaltung des Lebens darin, wird der sinnvolle Umgang mit Ambivalenzen, inneren und äusseren Widersprüchen, Zerrissenheit sowie Vorläufigkeiten den Weg vorgeben, anhand dessen wir uns auf dem rutschigen Terrain der conditio humana bewegen werden.

Der erste konkrete Schritt dazu ist es, den Menschen näher unter die Lupe zu nehmen.

Sustine et abstine (5)

Grundlagen und Verortungen (Teil 3)

Nachdem in den Teilen 2 und 3 der Grundlagen einige geisteswisschaftlichen und naturwissenschaftlichen Konzepte kurz umrissen wurden, soll an dieser Stelle betont werden, dass wissenschaftliches Wissen zwar viele wichtige Hinweise und Anregungen zu einem Weltbild und dem guten Leben beitragen kann. Des Weiteren zeigte der erste Teil der Grundlagen mit dem Aufführen von Literaturbeiträgen, dass auch Kunst eine wichtige Rolle spielt. Warum ist dies so? Weil gerade sie uns Erfahrungswissen in reflektierter Form zugänglich macht und zur Reflexion anregt. Erfahrungswissen – sei es individuelles, durch eigene Lebenserfahrungen erworbenes oder durch Kultur und Kollektive verwobenes und weitergegebenes Wissen – ist neben strukturiertem sowie formalisiertem Wissen aus den Wissenschaften entscheidend, um sich in der Welt zurechtzufinden und ein sinnhaftes Leben zu führen. Und eben genau dieses Erfahrungswissen zeigt uns, dass vieles im Dasein als Mensch nicht erklärt werden kann. Ausserdem zeigt das Erfahrungswissen, dass wir grundsätztlich mit Ambivalenzen und Widersprüchen leben müssen. Das Dasein als Mensch, die conditio humama, beinhaltet zwingend auch das Wissen darum – darin war der Mensch schon immer stark, denken wir an all die Mythen und religiösen Texte, die uns in einer schwierig zu verstehenden Welt halt und Erklärung boten. Auch, dass wir vieles nicht wissen können und wir vielem ohnmächtig unterworfen sind, stellt ein prinzipielles Element unseres Daseins dar. Plakativ gesprochen besteht das Leben aus Sonne und Schatten, es geht auf- und abwärts, Krisen sind zu meistern und Schönes dankbar wahrzunehmen. Dabei helfen einem Erfahrungswissen, Beziehungen und das Training der heiteren Gelassenheit oft mehr als wissenschaftliches Wissen.

Abschluss der Grundlagen und Verortungen
Dies sind also grob umrissen die Grundlagen, auf denen sich nun die konkreten Handlungsanleitungen zum Menschsein in der heutigen Zeit ableiten werden. Zusammenfassend handelt es sich um einen wissen- und faktenorientierten – aber dennoch lebensweltnahen Ansatz, der einem modernen, postdogmatischen sowie posttheistischen Weltbild verpflichtet ist. Ein solcher Zugang zur Welt ist sich seiner eigenen Grenzen bewusst und basiert nicht auf einem idealisierten, überhöhten Menschenbild. Damit stellt er einen Kontrast zu postfaktischen Tendenzen und dem allgemeinen Dekonsturktionstrend der so genannten Postmoderne dar. Letzteres dennoch im Wissen um die Beschränktheit und der Grenzen eines jeden Wissens und Zeitgeistes.

Die Grundlagen und Verortungen sind damit abgeschlossen, das Fundament ist gelegt. Nun gilt es einen ersten Schritt hin zur Umsetzung zu machen – welchen Weg wir da konkret einschlagen werden ist unter der rote Faden nachzulesen.

Sustine et abstine (4)

 

Grundlagen und Verortungen (Teil 2)

Nachdem der vorausgehende Teil der Serie geisteswissenchaftliche Grundlagen präsentierte, sollen in diesem Beitrag ergänzend ausgewählte naturwissenschaftliche Grundlagen zusammengetragen werden. Dies wiederum in nicht abschliessender und eklizistischer Form, es gelten dieselben einleitenden Worte wie im ersten Teil.

Aus den Naturwissenschaften fliessen vor allem folgende Erkenntnisse und Konzepte in die weiteren Ausführungen ein:

  • Astrophysik, Kosmologie, Kosmogonie u.ä.
    Von den Beobachtungen und Erkenntnissen aus der Astrophysik, Kosmologie, Kosmogonie und verwandten Wissenschaften wird mitgenommen, wie unglaublich gross das Universum ist (z.B. nur schon zum Mond sind es 384 400 km, zur Sonne 150 Mio. km (das Licht braucht dafür 8,33 Minuten bei 300 000 km/s), die Distanzen zu anderen Sternen und Galaxien sind unfassbar gross, so braucht das Licht schon nur bis zur nächsten Galaxie rund 200 000 Jahre). Wir Menschen bewegen uns da auf einer ganz anderen Skala, sind in kosmischen Dimensionen völlig unbedeutend und winzig klein. Dies betrifft ebenfalls die Zeit (das Universum ist nach den neusten Erkenntnissen 14 Milliarden Jahr alt). Wenn man sich über Jahre mit dem in den letzten Jahren stark angewachsenen Wissen zur Ausgestaltung und dem Entstehen des Universums befasst, gewöhnt man sich an diese riesigen Zahlen, doch fassbarer werden sie nie wirklich.
    Was wir heute auch wissen, ist, dass sehr viel zusammengespielt haben muss, damit das Leben auf der Erde in der Form, wie wir sie heute vorfinden, entstehen konnte. Die Erde ist ein ganz besonderer Ort im Universum und wir haben nur ihn: Eine bemannte Raumfahrt zu anderen Sternen erscheint aufgrund der immensen Distanzen als unrealistisch. Aber auch die Erde ist nur ein vorläufiges und unsicheres Zuhause. Auf die lange Dauer – zum Glück geht das aber für unsere Massstäbe noch unendlich lange – wird auch sie nicht mehr bewohnbar sein (spätestens dann, wenn die Sonne in ca. 5 Mrd. Jahren zu einem roten Riesen wird und ihre Grösse sich bis zur Marsbahn ausdehnt). Die beiden Erkenntnisse zusammen ergeben, dass wir erstens in einem gegenüber uns Menschen abweisenden, metaphorisch gesprochen „kalten“, mechanisch-seelenlosen Universum leben und nur die Erde als Zuhause haben. Niemand und nichts ist da, das uns behütet, beschützt, Sinn von aussen gibt oder erlösen kann – das müssen wir schon alles selber tun! Zweitens können und sollten wir (dankbar) staunen, dass wir als bewusste Lebewesen entstanden sind und an all dem Teilhaben können (siehe dazu auch Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem). Drittens folgen aus dem Erkennen der Einzigartigkeit unseres Platzes im lebensfeindlichen Universum, dass wir Sorge zu unserem Raumschiff Erde tragen sollten, wir haben nur dieses.
  • Evolutionstheorie, insbes. Evolution des Gehirns, Systemtheoretisches Hirnmodell, Neurowissenschaften
    Aus der Evolutionstheorie nehmen wir erstens mit, dass wir nicht die Krönung der Schöpfung sind, sondern lediglich ein „besonderes Tier“ in einer ganz grossen Familie von Lebewesen. Wir entstanden wie alle aktuellen Versionen der Lebewesen durch Mutation und Selektion. Wie bei allen Lebewesen geht davon eine doppelte Tragik aus, nämlich die, dass wir einerseits einem nicht zielgerichteten Evolutionsgeschehen unterworfen sind und andererseits dem Individuum eine undankbare Rolle zukommt: Es ist der Erbinformationsträger und es muss von daher beschränkte Zeit leben und dann vergehen, damit die Evolutionsmechanismen arbeiten können. Darauf stützt sich der Prozess der Evolution ab. Dass wir dies bewusst wahrnehmen können, gehört zur conditio humana und wird in der Serie zu reflektieren sein.Unsere „Zugehörigkeit zum Tierreich“ hat zweitens ethische Konsequenzen: Wir werden sehen, dass wir bei ethischen Überlegungen auch die Natur einbeziehen müssen: Wir sind nicht nur Teil ebendieser, sondern geradezu mit ihr verwoben, gar von ihr abhängig. So werden wir uns auch mit ökologischen Überlegungen befassen müssen und uns gut überlegen, wie wir unsere Mitwelt behandeln wollen.Drittens geht aus unserem entwicklungsgeschichtlichen Stammbaum hervor, dass wir viele Elemente mit früheren Lebensformen teilen – die Evolution behält bei, was sich bewährt. So sind wir auch gewissen Rythmen unterworfen, was es bei den konkreten Fragen nach einem guten Leben zu beachten gilt: Spannung und Entspannung sowie Ruhe und Anstrengung werden in einem sinnvollen Mass zu gestalten sein, um nicht gegen unsere „Natur“ zu leben.Ein weiterer Zeuge unserer evolutionären Wurzeln ist unser Gehirn, das in vier Schichten aufgebaut ist. Diese Schichten widerspiegelen die evolutionären Stufen (im Volksmund wird der älteste Teil, das Stammhirn auch als „Reptilienhirn“ oder einer der mittleren als „Säugetiergehirn“ bezeichnet, was wissenschaftliche Basis hat). Dass uns vor allem das Stammhirn, ein evolutionär sehr altes Ding, bei unseren hehren Vorsätzen uns regelmässig einen Strich durch die Rechnung macht, wird ebenfalls ein Thema sein müssen, denn es ist nicht selten dieser uralte Teil des Hirns, in dem das Belohnungszentrum sitzt, der einem emotional übersteuert, Süchte auslöst (Stichwort Dopamin) oder uns ständig zu Vergleichen anregt sowie uns blindlings wütend werden lässt – das moderne Grosshirn, dort wo Sprache und Denken sitzen, einfach übersteuert. Die Verbindungen von alten zu neuen Teilen sind viel schneller und leistungsfähiger als umgekehrt, das hat jeder Mensch schon erlebt, der in einer Bedrohungslage quasi ferngesteuert entweder kämpft, sich tot stellt oder flieht. Die genau Kenntnis, der sorgfältige und bewusste Umgang mit diesen Mechanismen in unserem Kopf, werden in der Serie noch vertiefter behandelt werden. An anderer Stelle im Blog wurde spielerisch bereits darauf hingewiesen (siehe Warum ist Beschränken des Auslebens der Lüste oder Askese eigentlich gar kein Verzicht? und Kleine Freuden des Alltags).

    Aus den Erkenntnissen der Neurowissenschaften nehmen wir des Weiteren mit, dass das Bewusstsein sehr wahrscheinlich eine emergente Eigenschaft der qualitativen und quantitativen neuronalen Verknüpfungen (schichtartiges Netzwerk) ist (ganz sicher ist man sich da noch nicht, doch als Arbeitshypothese nehmen wir die im Moment solideste Hypothese mit in unserer Diskussion). Auch hier sind die Konsequenzen, mit denen wir uns befassen werden, eher tragischer Natur: Weder eine unsterbliche Seele noch eine Weiterführung irgendeiner dubiosen „Lebensenergie“ scheinen plausibel zu sein. Was das für unsere Lebensführung und der Wahrnehmung und Konzentration auf das Hier und Jetzt für Konsequenzen haben wird, wird zu erörtern sein.
    Auch wie wir lernen und was dabei die Übung und das Sich-Beschränken für eine Rolle spielen werden, hängt sehr stark vom Aufbau und der Funktionsweise des Gehirns ab und wird in der Serie näher zu betrachten sein.

  • Standardmodell der Teilchenphysik, Quantenphysik, Multiversentheorie, Stringtheorie u.ä.
    Obwohl diese Themen zu den Lieblingtshemen des Autors gehören, würde es den Rahmen dieses einleitenden Textes sprengen, hier inhaltlich in die Tiefe zu gehen. Dennoch sollen sie hier der Vollständigkeit halber Erwähnung finden. Dies, da wir  in Fragen der Ontologie (Seinslehre) zwingend auf diese Modelle zurückgreifen werden, denn es ist schlicht das Beste, was uns zur Zeit zur Verfügung steht: So ist das Standardmodell der Teilchenphysik empirisch sehr gut getestet (Grob gesagt: Fermionen (Quarks+Leptonen in drei Generationen) bauen die Materie auf; Bosonen übertragen die Kräfte (inkl. dem sagenumworbenen Higgs-Teilchen)).
    Die Effekte der Quantenphysik sind nicht nur mehrfach empirisch geprüft, sondern z.B. in der Computerwelt oder für Verschlüsselungen auch bereits in praktischer Anwendung. Bei weiteren Theorien, wie der Stringtheorie oder der Multiversenvorstellung ist hingegen interessierte Vorsicht geboten: Sie entziehen sich prinzipiell der empirischen Überprüfung (die Stringtheorie bezieht sich auf eine so kleine Ebene, die wir prinzipiell nie „beobachten“ werden können; die Multiversentheorie wird wohl auch nie empirisch überprüfbar werden, da sie Aussagen zum ausserhalb des uns zugänglichen Raum-Zeit-Gebildes macht, wir sind aber prinzipiell an dieses gebunden). Dennoch sind diese und ähnliche Überlegungen und Modelle beizuziehen, wenn wir uns fragen, was die eigentliche Essenz der Welt und damit unseres Daseins ist, denn dafür geben sie inspirierende Hinweise.
    Was wir im Übrigen speziell durch die Quantenphysik kennenlernen, sind die Grenzen unserer Vorstellungskraft: So können etwa Tunneleffekte, Quantenverschränkungen zur Kenntnis genommen, jedoch nicht wirklich begriffen werden, da sie ausserhalb der uns intuitiv stimmig scheinenden Realität zu sein scheinen. So wird auch von „Spukeffekten“ gesprochen. Ausserdem ist es für uns ungewohnt, dass die Grundlage allen Seins probabilistischer und nicht klar deterministischer Art zu sein scheinen.
    Das Standardmodell der Teilchenphysik zeigt uns auch auf, dass uns klare Grenzen des Wissens gesetzt sind, denn es ist noch nicht vollständig (z.B. Rätsel dunkle Materie) und erlaubt nach wie vor keine Integration aller vier Fundamentalkräfte im Universum (Elektromagnetismus, Schwache Kraft, Starke Kraft und Gravitation).

Schlussfolgerungen
Wie bereits an andere Stelle erörtert (siehe dazu Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem), sind es gerade die neuen und neusten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die nicht zu einem kohärenten, lückenlosen Weltbild führen. Erstens sind die Erkenntnisse aus der Makroebene noch nicht wirklich mit denen auf der Meso- und Mikroebene verbunden. Zweitens sind viele der Erkenntnisse aus der Mikroebene, man denke an die Quantenphysik, für uns kaum nachvollziehbar und geben neue Rätsel vor. Drittens machen auch die modernsten naturwissenschaftlichen Untersuchungen nur Aussagen über einen kleinen Teil der Welt. Ein Grossteil – denken wir z.B. an die ominöse, postulierte dunkle Materie (wechselwirkt nicht mit der Gravitation), die vermutet 72% der Materie im Universum ausmacht – ist nach wie vor mit den uns zur Verfügung stehenden Instrumenten unortbar.
Neben der prinzipiellen Vorläufigkeit jeden Wissens, ist es auch diese Begrenztheit, mit der wir als Mensch umgehen können müssen. Denn gerade das Akzeptieren dieser Tatsachen muss nicht zur Aufgabe der Suche nach einem sinnstiftenden und sinnhaften Leben – und damit zum Fatalismus – werden, denn, wie der Text zum Drei -Ebenen-Problem aufzeigt, sind nicht alle Erkenntnisse für die Alltags- oder Lebenswelt sowie das ethisch und moralische Handeln gleich relevant (siehe dazu letzter Abschnitt von Schwierigkeiten der Ontologie – das Drei-Ebenenproblem).

Gerade in unserer konkreten Lebens- und Alltagswelt spielt neben dem wissenschaftlichen Wissen das Erfahrungswissen (kollektiver und individueller Art) eine ganz wichtige Rolle. Hiervon handelt der letzte Teil der Grundlagen und Verortungen.

Sustine et abstine (3)

 

 

Grundlagen und Verortungen (Teil 1)

Wissen, Gedanken und Publikationen zu Weltbildern, zum Menschsein und zur guten Lebensführung sind in den letzten Jahrzehnten explosionsartig angestiegen. Vor diesem Hintergrund gilt es als ersten Schritt nach der Sichtung dieses Wissenskorpus‘, ihn zu ordnen und einige Elemente als Grundpfeiler bewusst auszuwählen: Alles kann nicht berücksichtigt werden, es gilt eine kluge und mutige Wahl zu treffen.

In diesem Blogeintrag werden die Elemente präsentiert, die eine sinnvolle Auswahl als Startpunkt für weitere Schritte hin zu einem kohärenten Weltbild und konkreten Handlungsanleitungen zum Menschsein in der heutigen, komplexen Welt, darstellen.

Bei der Auswahl werden als erstes die Geisteswissenschaften (geisteswissenschaftliche Grundlagen) beleuchtet. In einem separaten Text werden dann als nächstes die naturwissenschaftlichen Grundlagen präsentiert, während ein dritter Teil sich mit weiteren Formen* des Wissens, dem Erfahrungswissen, beschäftigen wird.

Zuerst wird damit geklärt, was für wissen da ist (und was fehlt), was prinzipiell überhaupt analysiert sein kann (und was nicht). Weiter wird beleuchtet, was es heisst, Mensch zu sein und wie ein Leben sinnstiftend geführt werden könnte sowie was kluges Handeln sein könnte.

Aus der geisteswissenschaftlichen Tradition werden schwerpunktartig folgende Elemente beigezogen – im Wissen, dass dies nicht vollständig sein kann und eklizistisch ausgewählt wird (sowie ganz viel anderes implizit einfliessen wird):

  • Antike Philosophie:
    Darunter werden schwerpunktmässig Gedanken aus dem Stoizismus, Konzepte der Sorge um sich selber (bereits von Sokrates begründet), Überlegungen zur Lebensführung (Mässigung, Balance-Halten) oder zum Umgang mit den Lüsten (z.B. Epikur) sowie Gedanken zur wohlüberlegten, klugen Wahl (oder Nichtwahl) zentral sein.
  • Existenzialismus:
    Besonders hervorzuheben gilt es dabei Albert Camus: Seine Gedanken zur Geworfenheit eines jeden menschlichen Daseins und seine Beschreibungen des Absurden der conditio humana an sich werden immer wieder auftauchen. Wichtig werden auch Gedanken sein, die aufzeigen dass diesem (elenden) Zustand nur durch eigene aktive Sinngebung, z.B. durch (soziales) Engagement („l’homme révolté“), eine gewisse Erträglichkeit und ein Sinn eingehaucht werden kann.
    Des Weiteren einfliessen werden Camus‘ Aussagen, dass Glück nur kurze Momente darstellen kann und kein Dauerzustand ist, denn die schönen Momente sind flüchtig und müssen immer wieder erkämpft werden. Und da ist noch das Bild von Sisyphus in Camus‘ Dissertation: Gar er hat seine glücklichen Momente und wir sind alle eigentlich mit ihm verwandt und müssen ein Leben im Dennoch oder im Trotzdem gestaltend abspulen.
  • Friedrich Nietzsche:
    Was er in die Diskussion um unser Dasein als Menschen (z.B. „Gott ist tot“ oder Gedanken zu Macht- und Herrschaftstrieb) einbrachte, ist wohl allgemein bekannt, so dass dies hier nicht weiter ausgeführt werden muss. Begegnen werden wir in unserer Serie immer wieder Elementen aus seinem Denken.
  • Michel Foucault:
    Zwei Hauptgedanken fliessen in die weiteren Überlegungen ein: Einerseits werden wir sehen, dass Macht und Strukturen alles durchdringen und wir uns immer wieder mit ihr verstricken, ob wir wollen oder nicht. Es wird sich zeigen, dass wir keine echten Positionen der Opposition finden können, keine Positionen ausserhalb der Macht – ob wir aber Sand ins Getriebe streuen können und wollen oder uns eine Nische zu schaffen anstreben, müssen wir klug abwägen.
    Neben Gedanken zur Macht bringen wir durch Foucault natürlich auch Gedanken zur Entwicklung von Wissensystemen, zum Übertragen der antiken Konzepte der Sorge um sich selbst (Lebenskunst) in die (Post)Moderne oder Hinweise zur Geschichte und Ausgestaltung der Sexualität mit in unsere Serie hinein.
  • Wirtschaftswissenschaften, insbes. Wirtschaftsethik:
    Wir alle sind tätig und in ein grösseres Wirtschaftsystem eingebetet, ob wir wollen oder nicht. Von der schwierigen Diskussion um das Privateigentum (man denke z.B. an Marx extreme Position dazu) bis hin zu Überlegungen zum Umbruch der Wirtschaft in Zeiten der aufkommenden Digitalisierung werden uns hier einige Themen beschäftigen müssen.
  • Literatur:
    Dabei handelt es sich um ein riesiges Feld, das die ganze Kultur, Sprache und Weltwahrnehmung prägt. Exemplarisch werden wir Gedanken von Thomas Mann (eigenes Leben unter einer Beschreibung führen, als Kunstwerk gestalten und Triebe und Abgründe durch Disziplin im Schach halten) sowie Dostojewski (innere Kämpfe, Ambivalenzen und Widersprüche als Dauerzustand) beiziehen. Viele weitere von Dante bis Sybille Berg werden einfliessen – alle hier zu nennen würde den Rahmen dieser Einleitung sprengen.
  • Weitere VertreterInnen der moderneren Philosophie, insbes. der Wissenschaftstheorie:
    Auch hier ist das Feld, das es abzuschreiten gilt, sehr gross, so dass an dieser Stelle nur exemplarisch auf einige wichtige Elemente verwiesen werden kann, die in der Serie wichtige Grundpfeiler sein werden. So werden etwa Überlegungen zur prinzipiellen Beschränktheit ein jeglichen Wissens, der Sprache und das Gefangen- resp. Geworfen-Sein eines jeden Denken und denkenden Daseins im jeweiligen Moment der Geschichte wichtige Reflexionspunkte darstellen (z.B. Wittgenstein (Sprache als Gefängnis), Heidegger (Welt als (zer)fliessender Zeitstrom)). Erwähnt werden muss namentlich noch Thomas Kuhn: Der beschränkte Status von wissenschaftlichem Wissen (als Abfolge von Paradigmen beschrieben), die Brüche in der Entwicklung des Wissens (kein linearer Prozess, sondern auch ein sozialer), wird uns immer wieder zum Misstrauen gegenüber zu viel Einbildung auf unser eigenes Wissen ermahnen und die von ihm angeregte Stimuli-Ontologie wird in Fragen wie die Welt an sich beschaffen ist und was für eine Rolle unser evolutionär entstandener Wahrnehmungsapparat bei einer solchen Konzeptionalisierung spielt, anregen.
    Generell bringen AutorInnen der Postmoderne, der Sozialanthropologie sowie des Dekonstruktivismus Gedanken zum Hinterfragen unserer eigenen Wahrnehumgs- , Deutungs- und Handlungsmuster auf, die es in der Serie immer wieder zu beachten und reflektieren gilt.
  • Arthur Schopenhauer und fernöstliches Denken:
    Er soll doch noch namentlich erwähnt werden, denn er wird uns Distanz gewinnen lassen bei den dann doch teils eher schwarz eingefärbten, schweren Themen: So betont er auf spielerische Art, dass all diese Machtspielchen und dieses „wer sein“, doch eigentlich in allen Zeiten nur ein Affentheater – jeweils mit anderen Mitteln – sind. Somit soll der Serie ein optimistischer Pessimismus zu Grunde gelegt werden – auch wenn Schopenhauer das wohl nicht passen würde, er würde wohl lieber einem pessimistischen Pessimismus Vorschub leisten.
    Über Schopenhauer gelangt man zum fernöstlichen Denken. Das führt hin zu Achtsamkeits-, Meditations- und Selbsttechniken, die auch eine wichtige Rolle in der Serie spielen werden.
  • Psychologie:
    Aus der Psychologie wird so einiges einfliessen. Alles kann hier nicht erwähnt werden. Dem Systemtheoretischen Hirnmodell wird an anderer Stelle dann eh ein eigener Text gewidmet sein. Denn das aktuelle Wissen zum Aufbau des Gehirns, dessen Funktionsweise und wie Lernen sich darin manifestiert, sind ganz zentral für das Verständnis, was es heisst, Mensch zu sein.

Dies zu den geisteswissenschaftlichen Grundlagen und Verortungen. Als nächstes sollen die naturwissenschaftlichen Grundlagen zur Sprache kommen.

 

*Wissenschaftliches Wissen wird durch ein strukturiertes Vorgehen und klar umrissene Methoden erarbeitet. Ausserdem wird es immer wieder überprüft und revidiert. Treten dabei Widersprüche auf, wird angepasst. Weitere Wissenschaftlichkeitskriterien sind etwa die intersubjektive Überprüfbarkeit, eine Fachsprache mit Begriffsklärungen oder aufbauendes, logisches Argumentieren. Dieses Wissen erhält in der Serie eine Schlüsselposition. Nichtsdestotrotz werden andere Wissensarten (Erfahrungswissen, Intuition u.ä.) auch zur Sprache kommen. Hingegen wird dogmatisches Behaupten (d.h. durch unhinterfragbare Autorität gesetzte, unumstössliche Wahrheiten) sowie einfach so Postuliertes aussen vor gelassen.

Sustine et abstine (2)